Radeln in Zwischendeutschland: Unterwegs am „Iron Curtain Trail“

Man muss nicht weit fah­ren, um aus dem All­tag her­aus­zu­kom­men und Erstaun­li­ches zu ent­de­cken, manch­mal genügt es schon, sich dem eige­nen Land mit dem Rad und Zelt zu nähern.

Ursprüng­lich woll­ten wir ja ganz weit weg, mit Rad und Zelt durch die Pelo­pon­nes die grie­chi­sche Geschich­te „erfah­ren“ oder gar in noch fer­ne­ren Län­dern Flo­ra und Fau­na bestau­nen – doch dann kam der hei­ße Som­mer und die knap­pe Urlaubs­zeit. Statt also tage­lang die An- und Abrei­se an Flug­hä­fen zu ver­brin­gen, ergrif­fen wir die Gele­gen­heit zur Erkun­dung des eige­nen Lan­des.

Gleich vorweg

Gegen­den, die nie eines Rei­ser­ad­lers Rei­fen gese­hen hat­ten, gibt es nicht mehr sehr vie­le in Deutsch­land. Eine davon ist der „Iron Curtain Trail“1 ent­lang der geo­po­li­ti­schen Trenn­li­nie zwi­schen Ost und West, von der Deutsch­land in beson­de­rer Wei­se betrof­fen war. Hier­zu­lan­de auch als „Zonen­gren­ze“ bekannt, durch­zieht die­ser Strei­fen Land, der die DDR von der BRD (und damit auch die poli­ti­schen Macht­blö­cke des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts) trenn­te, wie ein Band die Repu­blik von Nord nach Süd. Zwar gibt es kei­ne Gren­ze mehr und auch kei­ne zwei Staa­ten, aber der Strei­fen ist eine Art Nie­mands­land geblie­ben.

Zumin­dest zivi­li­sa­to­risch.

Etwas euphe­mis­tisch wird die­ser Bereich in deut­schen Kar­ten als „grü­nes Band“ bezeich­net2, da er geschicht­lich bedingt natür­lich nie indus­tria­li­siert wur­de. Im Gegen­teil, die DDR hat­te sich mit dem über 700 km befes­tig­ten „anti-impe­ria­lis­ti­schen Schutz­wall“ ihr wirt­schaft­li­ches Grab selbst geschau­felt, indem sie hin­ter dem Grenz­zaun noch einen bis zu 5 km brei­ten „Sicher­heits­strei­fen“ ein­rich­te­te und gan­ze Dör­fer schleif­te, nur um dort alle erdenk­li­chen Todes­fal­len und Schi­ka­nen ein­zu­rich­ten, die die eige­ne Bevöl­ke­rung an der Flucht in den „Wes­ten“ hin­dern soll­te – und damit den eige­nen Staats­haus­halt rui­niert.

Da man nach dem „Mau­er­fall“ im Herbst und Win­ter 1989/​1990 mit die­sem Strei­fen Nie­mands­land zwi­schen Lan­des­gren­ze und Kolon­nen­weg nicht viel anzu­fan­gen wuss­te, hat sich dort in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten vor allem in den tra­di­tio­nell wenig bewirt­schaf­te­ten Regio­nen Thü­rin­gens und Sach­sen-Anhalts eine sehr reich­hal­ti­ge Flo­ra und Fau­na ent­wi­ckelt. Sie bil­det einen eigen­ar­ti­gen Kon­trast zu der gleich­zei­tig oft ver­nach­läs­sig­ten Bebau­ung und Bewirt­schaf­tung durch Men­schen.

Der Rad­weg „Grü­nes Band“, der im Zick­zack mal dies­seits, mal jen­seits ent­lang der Gren­ze ver­läuft, ist kein Rad­weg im enge­ren Sin­ne wie bei­spiels­wei­se der Donau­rad­weg oder der Alt­mühl­rad­weg. Er besteht viel­mehr aus Stü­cken bereits vor­han­de­ner Rad­we­ge wie dem Wer­ra­tal­rad­weg und loka­ler Aus­flugs­rou­ten, die auf teil­wei­se aben­teu­er­li­che Wei­se zusam­men­ge­stü­ckelt sind. Daher ist sowohl die Qua­li­tät der Rad­weg­ober­flä­che als auch die Aus­schil­de­rung sehr unter­schied­lich und stark abhän­gig vom Ein­fluss des ört­li­chen Frem­den­ver­kehrs und der jewei­li­gen Wirt­schafts­kraft.

Postkartendeutschland

Veste Coburg
Die Ves­te Coburg – im 20. Jahr­hun­dert Treff­punkt der Nazis, heu­te der Rent­ner

Wir began­nen unse­re Rei­se in Coburg, fuh­ren also ent­ge­gen der Anga­ben durch den Rei­se­füh­rer nach Nor­den und damit die Kar­te gewis­ser­ma­ßen „rück­wärts“. Das bedeu­te­te zwar eine kür­ze­re Anfahrt (von Mün­chen aus), aber auch gleich zu Beginn ein Kur­beln durch die Mit­tel­ge­bir­ge und wel­li­ge Land­schaf­ten.

Eigent­lich sind die Mit­tel­ge­bir­ge in Deutsch­land ein unüber­sicht­li­ches Gewirr aus Hügel­ket­ten unter­schied­li­cher Erd­zeit­al­ter, die im Lau­fe der Jahr­mil­lio­nen ero­diert sind abhän­gig von ihrer Gesteins­be­schaf­fen­heit. Die­se Unter­schie­de sind nicht nur am Bewuchs zu erken­nen, son­dern auch an der Steil­heit ihrer Hügel­flan­ken. Und das ist für Rad­fah­rer von beson­de­rer Wich­tig­keit…

Da der Zelt­platz in Coburg, den es laut Kar­ten­ma­te­ri­al geben soll­te, gar nicht exis­tier­te, wichen wir nach Seß­lach süd­west­lich von Coburg aus. Das bedeu­te­te aber auch, dass wir damit einen gro­ßen Grenz­bo­gen ent­lang der baye­risch-thü­rin­gi­schen Gren­ze aus­lie­ßen, da wir von Seß­lach aus direkt nach Nor­den fuh­ren, wo hin­ter Auten­hau­sen die ehe­ma­li­ge Zonen­gren­ze ver­lief.

Fran­ken, ein­ge­quetscht zwi­schen Bay­ern (die baye­risch-frän­ki­sche Hass­lie­be ist eine eige­ne Geschich­te), Hes­sen und Thü­rin­gen, war im Nor­den nie indus­tri­ell erschlos­sen wor­den, was sich durch die Lage im „Zonen­rand­ge­biet“ auch in den Jah­ren des „Wirt­schafts­wun­ders“ kaum geän­dert hat. Aus tou­ris­ti­scher Sicht ist durch­aus begrü­ßens­wert – rollt man doch durch eine zutiefst agra­risch gepräg­te Regi­on – hat dies auch zu einer erheb­li­chen Migra­ti­on in die Städ­te geführt, so dass die Orte einen gewis­sen unbe­rühr­ten und auch ent­völ­ker­ten Charme haben. Hier scheint die Zeit ste­hen geblie­ben.

Demarkationslinie Bayern-Thüringen
Die ehe­ma­li­ge Zonen­gren­ze, von Wes­ten gese­hen. Im Vor­der­grund der Grenz­pfos­ten, dahin­ter, auf dem ehe­ma­li­gen Gebiet der DDR der Zaun, die Sper­ren und Minen­fal­der und der Wacht­turm. Für Zeit­zeu­gen ist es ist immer noch gespens­tisch.

Dann aber geht es über die „Zonen­gren­ze“ hin­ein nach Thü­rin­gen. Für Jeman­den, der in einem der bei­den Deutsch­lands groß gewor­den ist, ist der Anblick der Gren­ze, die 45 Jah­re zwei Wel­ten trenn­te, immer noch unheim­lich. Selbst bei son­ni­gem Wet­ter und fried­li­chem Gril­len­zir­pen erwar­tet man hin­ter jeder Bie­gung einen Trupp „Gren­zer“, die ohne zu Zögern schie­ßen …

Wer in Thü­rin­gen als „Wes­si“ den grau­en DDR-Ein­heits­look sucht, wird kaum fün­dig, dazu haben über 25 Jah­re Wie­der­ver­ei­ni­gung bei­getra­gen. Im Gegen­teil, mehr als ein­mal ging es uns, dass wir auf der Kar­te nach­schau­en muss­ten, ob wir uns west­lich oder öst­lich des ehe­ma­li­gen Grenz­ver­laufs befan­den. Auf bei­den Sei­ten die typi­schen Fach­werk­häu­ser und klei­nen Wei­ler, Fel­der, Wie­sen, Wäl­der, Bäche und Flüs­se – Post­kar­ten­deutsch­land.

Über die Rhön

Wald­rei­ches Thü­rin­gen

Bei Fla­dun­gen begin­nen dann die ers­ten Berg­wer­tung: es geht über die Rhön. Aus wel­li­gen Land­schaf­ten mit sanf­ten Stei­gun­gen wer­den ernst­haf­te Erhe­bun­gen. Der Rad­weg führt zwar zunächst durch das klei­ne Fluss­tal der Streu, aber das ewi­ge Auf- und Ab geht in die Bei­ne.3

Zum Point Alpha aber hilft auch kein Fluss­tal mehr, des­sen Bäu­me noch Schat­ten spen­den, jetzt ist Wie­gen­tritt ange­sagt. Vor allem mit den schwer­be­pack­ten Rädern.

Point Alpha

Point Alpha
Der Beob­ach­tungs­turm der USA durch den Grenz­zaun der DDR gese­hen: der Klas­sen­feind in Ruf­wei­te

Der Name klingt irgend­wie nach „Mond­ba­sis Alpha“, ist aber weit­aus ernst­haf­ter: nord­west­lich von Gei­sa befand sich auf der Gren­ze zur DDR die Beob­ach­tungs­sta­ti­on der US Army, die in die­ser Gegend im kal­ten Krieg recht­zei­tig wis­sen woll­te, wann aus dem kal­ten Krieg ein hei­ßer wird. Das Gelän­de der US Army befand sich mit­ten im Grenz­strei­fen, also auf dem Hoheits­ge­biet der DDR und war von die­ser ent­spre­chend über­wacht und ein­ge­zäunt, damit kei­ner auf die Idee kom­men könn­te, einen etwai­gen Kon­flikt fried­lich zu lösen. An die­sem Punkt stan­den sich NATO und War­schau­er Pakt gewis­ser­ma­ßen auf Ruf­wei­te gegen­über und miss­trau­ten ein­an­der gründ­lich.

Aus heu­ti­ger Sicht wir­ken die im Muse­um am Point Alpha gezeig­ten „Auf­marsch­plä­ne“ des War­schau­er Pakts und der „Fle­xi­ble Respon­se“ der NATO gera­de­zu erschre­ckend ein­di­men­sio­nal: Wenn „der Rus­se“ am „Ful­da Gap“ mit sei­nen Divi­sio­nen in das Gebiet der BRD rollt, wird er zunächst von der Bun­des­wehr „auf­ge­hal­ten“ und dann von „den Amis“ mit ato­ma­ren Waf­fen beschos­sen – und zwar mit­ten in Deutsch­land.

Kein Wun­der, dass die Vor­stel­lung, Deutsch­land sei Schau­platz eines drit­ten Welt­kriegs und auch sein ers­tes Opfer (vor allem mit ato­ma­ren Kampf­mit­teln) in den acht­zi­ger Jah­ren Mil­lio­nen Men­schen in West­deutsch­land um- und auf die Stra­ße trieb (Stich­wort „Hei­ßer Herbst“). Nach­dem Deut­sche bereits zwei Welt­krie­ge begon­nen (und glück­li­cher­wei­se auch ver­lo­ren) hat­ten, woll­te kein Mensch im Wes­ten sei­ne Exis­tenz durch durch­ge­dreh­te Sand­kas­ten­krie­ger wort­wört­lich „in Rauch auf­ge­hen“ sehen…

Und in Wahr­heit hat­te der War­schau­er Pakt die glei­che Angst, was dazu führ­te, dass man die Zah­len des jewei­li­gen „Geg­ners“ weit über­schätz­te.4

Werra

Nach die­ser auch sehr per­sön­li­chen Erin­ne­rung an tur­bu­len­te Zei­ten lässt es sich auf der Rou­te Rich­tung Nor­den ent­lang der Uls­ter und der Wer­ra präch­tig ent­span­nen.

Vacha

Brücke der Einheit
Die „Brü­cke der Enheit“ in Vacha: auf der Brü­cke, die ver­bin­den soll­te, ver­lief eine Gren­ze, die Wel­ten trenn­te.

Auf die Wer­ra tra­fen wir bei Vacha, einer der zahl­rei­chen Klein­städ­te, die das Opfer der Tei­lung wur­den, weil sie mit­ten im Grenz­ge­bie­te lagen. Und das Grenz­ge­biet war groß: ab den sieb­zi­ger Jah­ren begann man, bereits 5 km vor der eigent­li­chen Gren­ze Ort­schaf­ten zu räu­men oder zu schlei­fen, die even­tu­ell „Repu­blik­flücht­lin­gen“ Deckung gebo­ten hät­ten. Eine die­ser Ort­schaf­ten war Vacha, des­sen Brü­cke gleich­zei­tig Grenz­be­fes­ti­gung war. Zwar wur­de der Ort nicht geschleift – dazu ist Vacha zu groß – aber er wur­de geräumt und an Stel­le der Bewoh­ner, die in graue Plat­ten­bau­ten im Hin­ter­land gebracht wur­den, nis­te­ten sich NVA und VoPos ein. Man­che Bewoh­ner hat­ten den Bra­ten früh­zei­tig gero­chen und bereits in den fünf­zi­ger Jah­ren „rüber­ge­macht“ in den Wes­ten. Wer immer noch dar­an glaub­te, dass alles schon nicht so schlimm wür­de oder gar dass „dr Sozia­lis­müs siescht“, der sah sich bald um sei­ne Hei­mat betro­gen…

Bergbau

Der „Iron Curtain Trail“ beglei­tet den tou­ris­tisch ele­men­tar erschlos­se­nen „Wer­ra­tal­rad­weg“ ein Stück fluss­ab­wärts und zeigt Res­te der Indus­tria­li­sie­rung der DDR: den Kali­berg­bau und sei­ne Fol­gen.

Kein Schnee – Salz­ab­raum bei Herin­gen an der Wer­ra

Der Dreck der Wer­ra ent­stamm­te und ent­stammt immer noch dem Kali­berg­bau, der bereits im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert begon­nen hat­te, um die unter Tage lie­gen­den Salz­vor­kom­men nach indus­tri­ell nutz­ba­ren Kali­sal­zen zu durch­su­chen. Kali­sal­ze tre­ten aller­dings nie in Rein­form auf, son­dern sind mit ande­ren Salz­ar­ten gemischt, da sie die Res­te aus­ge­trock­ne­ter Lagu­nen sind, die im Erd­mit­tel­al­ter ent­stan­den. Da Kali­sal­ze vor allem in der Dün­ge­mit­tel­in­dus­trie ver­wen­det wer­den, aber zu 90% Fremd­s­al­ze ent­hal­ten, wer­den die rie­si­gen Flö­ze abge­tra­gen und der Abraum zu gigan­ti­schen Hal­den getürmt, die ohne wei­te­re Maß­nah­men bei Regen in die nahe lie­gen­den Flüs­se geschwemmt wer­den – ein Dreck ohne Ende.

Die Wer­ra ist daher immer noch ein sehr dre­cki­ger Fluss mit Salz­wer­ten, die um ein Viel­fa­ches höher lie­gen als es die euro­päi­sche Richt­li­nie for­dert. Zu Zei­ten der DDR war sie eine schäu­men­de Kloa­ke, die durch eine idyl­li­sche Land­schaft floss.

Eisenach

Aber wenn es sich auch nett radeln lässt an der Wer­ra – ein Abste­cher muss unbe­dingt sein: Eisen­ach und die Wart­burg (nicht zu ver­wech­seln mit dem Wart­burg aus Eisen­ach).

Wartburg
Die Wart­burg von außen. Sie ist zu gro­ßen Tei­len eine Fik­ti­on, da sie im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert im auf­kom­men­den Natio­na­lis­mus anhand his­to­ri­scher Vor­stel­lun­gen „grund­sa­niert“ wur­de.

Die Wart­burg ist vor allem Pro­tes­tan­ten bekannt, als am Beginn des sech­zehn­ten Jahr­hun­derts ein Mönch unter dem Namen „Jörg“ hier ein­quar­tiert wur­de, der euro­pa­weit von Kai­ser und Papst als „vogel­frei“ zum Töten frei­ge­ge­ben wor­den war.5 Der Kur­fürst, der die­sen Mönch ent­führ­te und auf die Wart­burg zu sei­nem Schutz brach­te, war Fried­rich III. von Sach­sen. Und der Mönch war in Wirk­lich­keit Mar­tin Luther, der auf der Wart­burg die Bibel aus dem Latei­ni­schen, das nur Weni­ge ver­stan­den, ins Deut­sche über­setz­te und damit einer brei­ten Bevöl­ke­rungs­schicht näher brach­te. Dass er dabei auch wesent­lich zur Ver­ein­heit­li­chung der deut­schen Spra­che bei­trug und damit den Grund­stein leg­te für die Erfin­dung einer „deut­schen Nati­on“ war ihm ver­mut­lich nicht bewusst.

Der Harz

Der Rad­weg folgt der Wer­ra eine lan­ge Zeit, bis er sie bei Wer­le­shau­sen ver­lässt, denn auch die Gren­ze ver­lief mal dies­seits, mal jen­seits des Flus­ses. Ab Wer­le­shau­sen geht es dann in nord­öst­li­cher Rich­tung immer über die Hügel an Duder­stadt vor­bei Rich­tung Bad Sach­sa (im „Wes­ten“) und Ell­rich (im „Osten“).

Der Harz ist nicht nur das höchs­te Mit­tel­ge­bir­ge in Deutsch­land, er hat auch ein fast mytho­lo­gi­sches Image: auf dem Bro­cken (ca. 1100 m) tra­fen sich laut mit­tel­al­ter­li­chem Aber­glau­ben die Hexen. In den dich­ten Wäl­dern haus­ten Geis­ter und Räu­ber – und spä­ter die Abhör­spe­zia­lis­ten der DDR.

Vor allem aber ist der Harz eine extrem schwer zu bewa­chen­de Gren­ze, da er durch tie­fe Fur­chen und bewal­de­te Kup­pen nicht nur den Tie­ren sehr viel Deckung bie­tet. Hier bau­te auch die deut­sche Wehr­macht im zwei­ten Welt­krieg ihre unge­len­ken Lenk­waf­fen in Stol­len, für die tau­sen­de Zwangs­ar­bei­ter und KZ-Häft­lin­ge ihr Leben lie­ßen. Und hier ent­stand auch eines der ers­ten Natur­schutz­ge­bie­te in Deutsch­land.

Grenzstreifen im Harz
Der Grenz­strei­fen im Harz, rechts der „Kolon­nen­weg“, links am Wald­rand die Gren­ze zwi­schen Nie­der­sach­sen und Sach­sen-Anhalt

An die­ser Stel­le wich der Rad­weg­füh­rer am deut­lichs­ten von sei­nen Anga­ben zur Befahr­bar­keit des Rad­wegs ab: Wir hat­ten uns schon dar­an gewöhnt, dass in vie­len Ort­schaf­ten der öst­li­chen Bun­des­län­der immer noch das „Erich-Miel­ke-Gedächt­nis­pflas­ter“ vor­herrscht. Aber auf einem „Kolon­nen­weg“ zu fah­ren mit bepack­ten Fahr­rä­dern, ist eine beson­de­re Zumu­tung und Här­te­prü­fung für Mensch und Mate­ri­al. Der Rei­se­füh­rer nann­te es zwar befahr­bar, aber Loch­be­ton ist nicht befahr­bar – weder eben noch bei Stei­gun­gen mit 18%, wie sie im Harz häu­fig sind.

Man muss schie­ben.

Dafür aber sieht man mehr, vor allem mehr Tie­re (Reh­ru­del) und eine sehr viel­fäl­ti­ge Flo­ra. Vor allem aber soll­te man sich ab und zu die Zeit neh­men, ste­hen zu blei­ben und die Stil­le zu genie­ßen. Davon gibt es nicht mehr viel.

Glück­li­cher­wei­se geht es hin­ter Elend dann meist auf befes­tig­ten Wald­we­gen berg­ab – dafür aber so steil, dass man häu­fi­ger eine Pau­se ein­le­gen muss, um die Brem­sen abzu­küh­len.

Das platte Land

Aber nicht nur die Brem­sen kühl­ten ab, son­dern auch das Wet­ter, denn bereits im Harz hat­te es begon­nen zu nie­seln. Am fol­gen­den Tag aber ging der gele­gent­li­che Nie­sel dann in gleich­mä­ßi­ges Schau­ern über. Ein sol­ches über­fiel uns auch ange­sichts des Zustands, den die nur man­gel­haft ange­leg­ten Rad­we­ge in Sach­sen-Anhalt bei Näs­se auf­wei­sen: aus stei­ni­gen Pis­ten wur­den lehm­ver­schmier­te Matsch­rin­nen, die sich mit der schon bekann­ten Bepflas­te­rung aus ungleich­mä­ßig geform­ten Stei­nen abwech­sel­ten und das Rad­fah­ren auch im nun fla­chen Gelän­de zur Tor­tur machen.

Helmstedt

Grenz­über­gangs­stel­le (GÜSt) Helm­stedt. Heu­te rau­schen die Autos ein­fach vor­bei, wo frü­her die berüch­tig­ten Gren­zer stan­den, die jedes Fahr­zeug filz­ten und den Fah­rer mit einem säch­si­schen „Gän­se­fleisch (den Gof­fer­ro­um uff­mo­chen)?“ drang­sa­lier­ten.

Jedem West­deut­schen fal­len bei Helm­stedt am Grenz­über­gang eige­ne Geschich­ten ein: zu den Hun­den und den lan­gen Schlan­gen vor allem um Ostern und Weih­nach­ten, wenn man nach Ber­lin-West woll­te oder von dort weg und dazu über die Auto­bahn kom­men muss­te, zu den pene­tran­ten Gren­zern, die ver­mut­lich für ein Lächeln nach Baut­zen kamen, zu dem genu­schel­ten Säch­sisch der Gren­zer aus dem „Tal der Ahnungs­lo­sen“, für die der Klas­sen­feind eine stän­di­ge Pro­vo­ka­ti­on ihrer eige­nen aus­weg­lo­sen Lage war, für das Auf­at­men, wenn man Helm­stedt in west­li­cher Rich­tung ver­las­sen hat­te und Frei­heit förm­lich rie­chen und schme­cken konn­te.

Heu­te braust der Ver­kehr ein­fach dar­an vor­bei. Geschich­te.

Wendland

Das Land ist nörd­lich von Oebis­fel­de so platt, dass jeder Kanal­de­ckel in der Kar­te als Stei­gung ver­zeich­net ist. Vor allem aber sind hier die Sün­den des Kapi­ta­lis­mus zu sehen: Natur­zer­stö­rung im indus­tri­el­len Aus­maß.

Mais und Windmühlen
Wind­müh­len und Mais: Zukunft und Zer­stö­rung lie­gen hier nahe bei­ein­an­der, denn die end­lo­sen Mais-Mono­kul­tu­ren wer­den zur Gas­er­zeu­gung ange­baut („Bio­gas“) und bewir­ken eine bio­lo­gi­sche Ver­ar­mung.

In die­ser Gegend wird auf tau­sen­den Hekt­ar Mais ange­baut, der abge­mäht und ver­go­ren wird, um als „Bio­gas“ zu enden. Er wird also nicht ver­füt­tert, son­dern als schie­re Bio­mas­se ver­nich­tet und kommt so weder den Tie­ren (als Fut­ter) noch den Pflan­zen (als Dün­ger) zugu­te, son­dern bewirkt als Mono­kul­tur im Gegen­teil einen dra­ma­ti­schen Rück­gang der Arten­viel­falt.

Die Tage wur­den stil­ler, denn ohne Wie­sen und Pflan­zen­viel­falt feh­len die Insek­ten, die den Vögeln als Nah­rung die­nen. Hier hat der Mensch als Land­wirt ver­sagt und es regiert nur der Sub­ven­ti­ons-Euro.

Rundlinge

Das Wend­land ist vor allem West­deut­schen ein Begriff, da hier der Wider­stand gegen das  ato­ma­re End­la­ger in Gor­le­ben seit Jahr­zehn­ten nicht zur Ruhe kommt. Der besin­nungs­lo­se Ritt auf der Kern­kraft als Ener­gie­quel­le der Zukunft nach dem Krieg fand hier ein jähes Ende, als es dar­um ging, die radio­ak­ti­ven Abfäl­le auch irgend­wo zu lagern, biss sie in Tau­sen­den von Jah­ren ihre Gefähr­lich­keit ein­ge­büßt haben. Dass dies unbe­dingt in den aus­ge­dien­ten Salz­stö­cken im Wend­land sein muss­te, ver­bit­tert die Bevöl­ke­rung noch heu­te, denn selbst nach dem Aus­stieg aus der Kern­kraft wer­den die Brenn­stä­be gela­gert wer­den müs­sen – nur will sie ver­ständ­li­cher­wei­se nie­mand haben.

Rundlingsdorf
Pan­ora­ma-Auf­nah­me (180°) des Rund­lings­dorfs Schrey­ahn

Das Wend­land hat jedoch auch eine älte­re Geschich­te, von der die Orts­na­men und vor allem die Sied­lungs­for­men kün­den: das Wend­land war im Mit­tel­al­ter das west­lichs­te Sied­lungs­ge­biet der sla­wi­schen Wen­den, die ihre Sied­lun­gen kreis­för­mig um einen baum­be­stan­de­nen Orts­mit­tel­punkt aus­rich­te­ten. Die­se Sied­lun­gen aus etwa 12 bis 16 Hal­len­häu­sern ste­hen mit ihren Stirn­sei­ten so zuein­an­der, dass nur eine ein­zi­ge Zufahrt offen bleibt. Die Stäl­le befin­den sich unter dem glei­chen Dach jeweils auf der Außen­sei­te des Krei­ses.

Elbe

Elbe bei Wittenberge
Die Elbe kurz vor Wit­ten­ber­ge. Der hei­ße Som­mer hat auch hier sei­nen Tri­but gefor­dert.

Auch wenn wir all­mäh­lich müde waren, blieb noch das letz­te Ziel übrig: die Elb­über­que­rung. Wäh­rend west­deut­sche Flüs­se wie der Rhein oder die Donau seit Jahr­hun­der­ten für die Schiff­fahrt ver­än­dert wur­den, Alt­ar­me und Sand­bän­ke zu- und weg­ge­bag­gert wur­den, hat die Elbe noch viel von ihrem natür­lich Fluss­lauf bewah­ren kön­nen. Viel­leicht, weil sie zu flach und zu san­dig ist, viel­leicht, weil die Indus­tria­li­sie­rung des Ostens erst zu einem Zeit­punkt Fahrt auf­nahm, als die Eisen­bahn für den Güter­trans­port wich­ti­ger war – jeden­falls ist auch auf die­sem Abschnitt des Flus­ses das Radeln ein Erleb­nis und ein Genuss (sie­he auch Elbe­rad­weg und Co.: Kopf­stein, Kunst und Cap­puc­ci­no).

Conclusio

Der inner­deut­sche Rad­weg ent­lang der ehe­ma­li­gen Lan­des­gren­ze ist ein Erleb­nis beson­de­rer Art: freund­li­che Men­schen auf bei­den Sei­ten des alten „Eiser­nen Vor­hangs“ und Ort­schaf­ten, die teil­wei­se immer noch unter der Rand­la­ge lei­den, die sie über vie­le Jah­re ein­nah­men. Und eine groß­ar­ti­ge Land­schaft mit oft schlecht aus­ge­schil­der­ten Rad­we­gen…

Aber viel Spiel­raum für Erleb­nis­se, Erfah­run­gen und Erin­ne­run­gen.


Noch mehr Bil­der gibt es übri­gens in den Rei­se­bil­dern.


  1. Der Aus­druck „Eiser­ner Vor­hang“ für die Tren­nung zwi­schen „Tri­zo­ne­si­en“ (Besat­zungs­zo­nen der USA, Groß­bri­tan­ni­ens und Frank­reichs) und der „Ost­zo­ne“ (sowje­tisch besetz­ten Zone, SBZ) stammt von Win­ston Chur­chill, der ange­sichts der Ter­ror­herr­schaft in der UdSSR unter Sta­lin nach dem Sieg über den Ter­ror des Nazis in Deutsch­land eine neue Kon­flikt­li­nie erkann­te. 

  2. Die eng­li­sche Benen­nung „Iron Curtain Trail“ klingt mar­tia­li­scher, kommt den Stra­ßen­ver­hält­nis­sen aber näher. 

  3. Zuneh­mend sind älte­re Herr­schaf­ten auf den eBikes unter­wegs, aber das gilt in Rad­fah­rer­krei­sen eher als unsport­lich und weit unter Stan­des­ni­veau – auch wenn dies den Hügeln den Schre­cken nimmt. Gela­de­ner Akku vor­aus­ge­setzt … 

  4. Falls das bekannt vor­kom­men soll­te: in der aktu­el­len Migra­ti­ons­de­bat­te ver­hält es sich ähn­lich… 

  5. Wem das als „Fat­wa“ bekannt vor­kommt, muss also gar nicht erst bis in den Ori­ent pil­gern…