Zielgruppen und die Leichtigkeit des Seins

Wir Tech­nik­re­dak­teu­re haben es gut (im Gegen­satz zu den Kol­le­gen und art­ver­wand­ten Beru­fen im Jour­na­lis­mus und in der Päd­ago­gik): wir brau­chen kei­ne Mei­nung, wir haben die Fak­ten.

Egal wel­cher poli­ti­schen oder daseins­über­grei­fen­den Über­zeu­gung wir anhän­gen, ein Toas­ter ist ein Toas­ter und kein Gestalt­wand­ler. Unser Job bringt es mit sich, dass wir uns fast aus­schließ­lich mit kon­kre­ten Din­gen beschäf­ti­gen: was wir beschrei­ben, lässt sich auf die eine oder ande­re Art mani­pu­lie­ren, mit der Hand bedie­nen.

In ande­ren Spar­ten der Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung wie im Jour­na­lis­mus oder auch in Lehr­be­ru­fen ist das wesent­lich schwie­ri­ger: gesell­schaft­li­che Zusam­men­hän­ge oder sta­tis­ti­sche Model­le haben zwar einen wesent­lich grö­ße­ren Ein­fluss auf das Leben auf die­sem Pla­ne­ten und in unse­rer Gesell­schaft, aber sie sind auch wesent­lich schwe­rer zu ver­mit­teln als ein Toas­ter.

Das ist bequem für die Tech­nik­re­dak­teu­re und ent­spannt ihr Dasein nicht uner­heb­lich, da kaum jemand wegen der Doku­men­ta­ti­on eines Toas­ters eine Regie­rungs­kri­se oder einen Tweet­s­torm aus­löst, aber es führt umge­kehrt auch dazu, dass wir als Redak­teu­re dazu nei­gen, uns auf unse­re klei­ne Insel der Fak­ten­re­pro­duk­ti­on zurück­zie­hen.

Lei­der – oder glück­li­cher­wei­se – besteht die Welt aber nicht nur aus Fak­ten, son­dern auch aus Mei­nun­gen, Über­zeu­gun­gen, Glau­ben und Gefüh­len.

Das lässt sich im All­tag auch nie von­ein­an­der tren­nen, denn so wie hier im Fres­ko der Löwen­kopf und das mensch­li­che Gesicht inein­an­der flie­ßen1, so arbei­tet der mensch­li­che Ver­stand immer: was wir nicht wis­sen, fül­len wir durch Ver­mu­tun­gen auf.

Aber auch Ver­mu­tun­gen – im Bereich der Tech­nik­re­dak­ti­on ist bei­spiels­wei­se die Idee der „Ziel­grup­pe“ kei­ne Empi­rie, son­dern ein win­del­wei­cher Mar­ke­ting­be­griff – sind kei­ne Fak­ten. Im Gegen­teil, sie spei­sen sich aus per­sön­li­chen Erfah­run­gen, Hören­sa­gen, zeit­ge­schicht­li­chen oder gesell­schaft­lich ver­an­ker­ten Vor­ur­tei­len.

Wir müs­sen erken­nen, daß der Mensch kein Wesen ist, dem es auf Genau­ig­keit und Wahr­heit um jeden Preis ankommt. (M. Koch-Hil­leb­recht: Der Stoff, aus dem die Dumm­heit ist – Eine Sozi­al­psy­cho­lo­gie der Vor­ur­tei­le)

Auch als Tech­nik­re­dak­teu­re brin­gen wir die­se mensch­li­che Eigen­schaft in unse­re Arbeit ein, wir kön­nen ja gar nicht anders. Denn selbst wenn wir mei­nen, wir selbst ver­stün­den genau, wovon wir schrei­ben, haben wir nur ein unge­fäh­res Bild vom Rezi­pi­en­ten unse­rer Doku­men­ta­ti­on: Woher wol­len wir wis­sen, ob er nicht unter dem Begriff „War­tung“ oder „Schalt­flä­che“ etwas ganz ande­res ver­steht als wir?

Oder er hat eine abwei­chen­de Vor­stel­lung vom Sinn und Zweck unse­rer Doku­men­ta­ti­on als wir Ver­fas­ser? Viel­leicht ist es nur ver­schwen­de­ter Platz im Regal oder auf der Fest­plat­te?

Wenn wir unse­ren Job ernst neh­men, ver­su­chen wir natür­lich, durch stän­di­ge Beob­ach­tung des Nut­zer­ver­hal­tens unse­re Vor­stel­lung anzu­pas­sen (Auf­merk­sam­keits­span­ne? Moti­va­ti­on? Situa­ti­ver Kon­text?) – aber oft kön­nen wir gar nicht anders als ganz grob zu ver­all­ge­mei­nern und zu ver­ein­fa­chen.

Wir sind eben nicht nur Tech­nik­re­dak­teu­re, die flei­ßig alle Pro­dukt­in­for­ma­tio­nen sam­meln, sor­tie­ren und dann feh­ler­frei auf­schrei­ben. Wir leben in einer Gesell­schaft, die oft auf vie­le Her­aus­for­de­run­gen, denen wir in unse­rem Beruf täg­lich begeg­nen, noch gar kei­ne Ant­wor­ten kennt: ob Digi­ta­li­sie­rung oder Glo­ba­li­sie­rung, ob Tech­nik­skep­sis oder kul­tur­neu­tra­le Dar­stel­lung2 – es ist mehr gefragt als nur stump­fes Abar­bei­ten.

Da geht es uns nicht anders als den ein­gangs erwähn­ten Kol­le­gen der mei­nungs- und wis­sens­bil­den­den Zünf­te: Wir müs­sen unse­re eige­ne Sicht auf die Welt und ihre Zusam­men­hän­ge immer wie­der reflek­tie­ren.


  1. Ver­mut­lich hat­te der Bild­hau­er in sei­nem Leben nie einen Löwen gese­hen und daher die Idee eines Kat­zen­men­schen als „König der Tie­re“ sehr stark ver­mensch­licht und ins Phan­tas­ti­sche ver­scho­ben. – „Lion King“ oder „Beau­ty and the Beast“? 

  2. Die Dar­stel­lung eines nack­ten Kör­per­teils wie dem Ober­schen­kel oder Bauch in einer medi­zin­tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on kann in zahl­rei­chen Regio­nen die­ser Welt zu schwer­wie­gen­den Pro­ble­men füh­ren.