Bloggen, Selbstdarstellung und die Digitalmigranten

Das Inter­net ist die wohl demo­kra­tischs­te Erfin­dung der letz­ten hun­dert Jah­re. Jeder kann dort mit wenig Auf­wand sei­ne Ansich­ten kund­tun. Die Genera­ti­on der Digi­tal­mi­gran­ten tut sich oft aber sehr schwer mit einer Öffent­lich­keits­ar­beit in eige­ner Sache.

Im Inter­net zu ver­öf­fent­li­chen ist ver­mut­lich noch ein­fa­cher und bil­li­ger als eine Geburts­tags­ein­la­dung zu schrei­ben. Man benö­tigt näm­lich nur einen Webspace (der manch­mal sogar kos­ten­los ist – dann aller­dings mit Wer­be­ein­blen­dun­gen finan­ziert wird1 ) und eine kos­ten­lo­se Soft­ware wie Word­Press, die man dar­auf instal­liert. Wer das direkt bei Auto­mat­tic macht (das sind die Leu­te hin­ter Word­Press) oder einem der zahl­rei­chen deut­schen Anbie­tern, der bekommt eine fix und fer­tig ein­ge­rich­te­te Sei­te, in die er „nur“ noch sei­nen Inhalt hin­ein­le­gen muss.

Und genau an der Stel­le stei­gen die Digi­tal­mi­gran­ten aus: „Wie? Das kann jeder lesen? Wirk­lich? Ja war­um soll­te ich denn mei­ne Ansicht in die Welt hin­aus­po­sau­nen?“ Ja war­um?

Die Fra­ge ist eigent­lich falsch her­um gestellt, denn es müss­te – zumin­dest hier­zu­lan­de – lau­ten: „War­um nicht?“ Wir haben in Euro­pa nach Jahr­hun­der­ten der Unter­drü­ckung abwei­chen­der Lebens­ent­wür­fe und Mei­nun­gen in die­sem Jahr­tau­send einen Grad an Mei­nungs­frei­heit errun­gen, der in der Geschich­te bis­her unbe­kannt war. War­um nut­zen wir ihn nicht, um mehr als nur kur­ze State­ments in Tweets hin­zu­rot­zen oder belang­lo­se Aller­welts­nach­rich­ten auf Web­sei­ten zu hin­ter­las­sen, deren ein­zi­ger Daseins­zweck dar­in besteht, uns noch mehr Zeug zu ver­kau­fen, dass wir ver­mut­lich nie brau­chen?

War­um ist es so schwie­rig für den Digi­tal­mi­gran­ten2, sich selbst und sei­ne Welt im Inter­net dar­zu­stel­len? Die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten gibt es, und sie sind nicht schwe­rer zu bedie­nen als eine Kaf­fee­ma­schi­ne.

Wo „digi­tal Nati­ves“3 beden­ken­los drauf­los chat­ten und Äuße­run­gen von sich geben, die ihnen in weni­gen Jah­ren ver­mut­lich pein­lich sein wer­den, leben Digi­tal­mi­gran­ten oft mit der Ansicht, dass ihre Stim­me unwich­tig sei oder sie sich damit scha­den. Das stimmt aber nicht: Natür­lich gibt es Gren­zen, die eine gelun­ge­ne Sozia­li­sa­ti­on setzt – und ihre Über­tre­tung kann sehr unan­ge­neh­me Fol­gen haben4, aber im Gegen­satz zu den „sozia­len Medi­en“, in denen sich vie­le Teil­neh­mer eher aso­zi­al geben, ist ein Blog­bei­trag ein aus­for­mu­lier­ter Text, der gewis­sen sprach­li­chen Min­dest­stan­dards genü­gen soll­te (sonst liest ihn nie­mand). Man muss es sich als Blog­ger immer schon vor­her über­le­gen, was man von sich gibt, denn das Inter­net ver­gisst und ver­gibt nichts. Was nun den älte­ren Mit­bür­gern in Deutsch­land die Schau­er über den Rücken jagt, weil die­ser Zustand fast auto­ma­tisch Erin­ne­run­gen an tota­li­tä­re Regie­run­gen des letz­ten Jahr­hun­derts weckt, stellt für die sor­gen­frei auf­ge­wach­se­nen „Digi­tal Nati­ves“ kein Pro­blem dar. Im Gegen­teil, sie sind so auf­ge­zo­gen wor­den, dass die per­ma­nen­te Selbst­prä­sen­ta­ti­on zu einem Teil des eige­nen Egos gewor­den ist: Wer kei­ne Sel­fies macht oder sich öffent­lich über sei­ne Gefüh­le aus­lässt, hat ein Sozia­li­sa­ti­ons­pro­blem.

Viel­leicht gilt das auch umge­kehrt für den Digi­tal­mi­gran­ten: sei­ne Sozia­li­sa­ti­on ist irgend­wann in den neun­zi­ger Jah­ren ste­cken­ge­blie­ben. Er steht – abge­se­hen von einer heim­li­chen Fas­zi­na­ti­on für tech­ni­sche Spie­le­rei­en – den Gegen­stän­den mit tech­ni­schem Nut­zen und sozia­lem Gebrauchs­wert eher skep­tisch gegen­über. Kom­mu­ni­ka­ti­on im Inter­net (zum Bei­spiel in sei­ner indi­vi­dua­li­sier­ten Form als Blog) hat für ihn weni­ger Nut­zen als ein Geschirr­spü­ler. Er hat sich in einem Leben ein­ge­rich­tet ist, in dem man eher hin­nimmt, was man meint nicht ändern zu kön­nen, als ändern zu wol­len, was man nicht hin­neh­men kann.

Selbst­dar­stel­lung ist ihm ein Gräu­el, Kon­for­mis­mus ist die Regel.

Das ist in vie­ler Hin­sicht das Gegen­teil des­sen, was die Mil­le­ni­als und Digi­tal Nati­ves aus­macht: hier ist eine gewis­se Non­kon­for­mi­tät die Norm. Was wir als Digi­tal­mi­gran­ten uns nie zu äußern trau­ten, das wird von den Digi­tal Nati­ves „gesha­red“ und mit so vie­len „Freun­den“ geteilt wie es eben geht. Digi­tal­mi­gran­ten kön­nen das nicht, die sind dar­auf aus, in jeder Lebens­la­ge zu funk­tio­nie­ren. Die wol­len kei­nen „Shit­s­torm“ erle­ben und kön­nen sich auch nicht mit mehr oder weni­ger ernst gemein­ten Belei­di­gun­gen im Inter­net aus­ein­an­der­set­zen. Die neh­men das per­sön­lich.

Und weil das Inter­net da drau­ßen für die Digi­tal­mi­gran­ten eben kein Spiel ist, bei dem sich alle Inhal­te (die ja gewis­ser­ma­ßen die ver­schie­de­nen Facet­ten der eige­nen Gefühls- und Gedan­ken­welt reprä­sen­tie­ren) mit den unter­schied­lichs­ten For­men und Dar­stel­lungs­ar­ten kom­bi­nie­ren las­sen, ohne dass man dar­an Anstoß nimmt, so kön­nen sie auch wenig damit anfan­gen, eige­ne Ide­en, Ansich­ten, Wün­sche, Mei­nun­gen und Vor­stel­lun­gen mit einer ihnen unbe­kann­ten Außen­welt zu tei­len.

Nun muss sich heut­zu­ta­ge glück­li­cher­wei­se kein aspi­rie­ren­der Blog­ger mehr wie noch vor 15 Jah­ren sein Lay­out selbst zusam­men­nageln – er kann mitt­ler­wei­le auf The­mes5 zurück­grei­fen wie in einem Kla­mot­ten­la­den im Lon­do­ner Westend. Was immer man meint, dass zum Aus­se­hen oder der aktu­el­len Gefühls­la­ge und Stim­mung passt, lässt sich dem vor­han­de­nen Grund­ge­rüst des Blogs ver­pas­sen und den Inhalt in einem ande­ren Licht erschei­nen.

Lon­do­ner Westend

Das aller­dings ist ein­fa­cher gesagt als getan, denn wie bei der Klei­der­wahl und der Anpas­sung an die eige­ne Stim­mung muss man auch als Blog­ger wis­sen, was man sinn­voll mit­ein­an­der kom­bi­nie­ren kann, ohne dass sich die mög­lichst vor­teil­haf­te Selbst­dar­stel­lung ins Gegen­teil ver­kehrt. Mit Auf­wand oder gar Pro­gram­mier­kennt­nis­se hat es aller­dings nichts mehr zu tun.

Aber wie auch in den Kla­mot­ten­lä­den ist für vie­le Blog­ger (und noch mehr für die Desi­gner der The­mes) der aktu­el­le Trend wich­ti­ger als die pass­ge­naue Kom­bi­na­ti­on aus Form und Inhalt des Blogs. Das führt dann wie bei der Klei­der­wahl zu manch­mal bewusst gewähl­ten „schrä­gen“ Kom­bi­na­tio­nen, aber meist eher nichts­sa­gen­den Sei­ten, in denen sich ange­hen­de Blog­ger aus­to­ben möch­ten, ihnen aber nach kur­zer Zeit und weni­gen Bei­trä­gen die Luft und Lust aus­geht.

Auch das schreckt Digi­tal­mi­gran­ten ab.

Und das ist scha­de.

Blog­gen ist näm­lich nicht nur ein net­ter Zeit­ver­treib, der ein biss­chen die eige­nen Fabu­lier­küns­te und Wort­drech­se­lei­en übt, son­dern auch die ver­mut­lich bil­ligs­te und weit­rei­chends­te Mög­lich­keit, sei­nen Gedan­ken und Mei­nun­gen Gehör zu ver­schaf­fen. Was den Blog­ger näm­lich aus­zeich­net, ist die Bereit­schaft, sich mehr oder weni­ger regel­mä­ßig zu äußern.

Hal­ten wir kurz fest: ein Blog, das sind eige­ne Mei­nun­gen und Ansich­ten zu einem belie­bi­gen The­ma in Wort und Bild gegos­sen und mit einem belie­bi­gen Aus­se­hen ver­ziert. Die Inhal­te ste­hen zumeist einer belie­big gro­ßen Leser­zahl zur frei­en Ver­fü­gung und erhe­ben kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit und „Wahr­heit“. Sie sind kei­ne Nach­rich­ten und reprä­sen­tie­ren völ­lig will­kür­lich einen Aus­schnitt aus der Lebens­wirk­lich­keit des jewei­li­gen Autors. In man­chen Län­dern außer­halb Euro­pas ist das bereits gefähr­lich, wenn näm­lich der Autor bewusst Ansich­ten kund­tut, die der Regie­rung oder ein­fluss­rei­chen Grup­pen und Men­schen nicht genehm sind. In die­ser Hin­sicht ist ein Blog sozu­sa­gen die digi­ta­le Ver­si­on des mit­tel­al­ter­li­chen Spott­ge­dichts oder der bewusst tri­via­li­sie­ren­den Dar­stel­lung der Hei­li­gen in einem mit­tel­al­ter­li­chen Kir­chen­por­tal (durch das auch die Ver­spot­te­ten gehen muss­ten).

Ein Blog kann manch­mal eine Waf­fe sein.

Meist aber ist es nur eine ein­fa­che Mög­lich­keit, der Welt eine eige­ne Geschich­te ent­ge­gen­zu­set­zen statt nur pas­siv hin­ter­her­zu­lau­fen.


  1. Mer­ke: Wenn das Pro­dukt nix kos­tet, bist du das Pro­dukt… 

  2. Digi­tal­mi­gran­ten sind die Genera­ti­on, die dem Inter­net bei sei­ner Geburt zuge­se­hen haben, und die noch das „TRRRRR-ZZCHHH-FFFIIIIIIIl“ eines Modems im Ohr haben, das mit 14400 Kbit/​s ver­sucht, eine Ver­bin­dung zum Ser­ver auf­zu­bau­en – oft nicht sehr erfolg­reich… Die­se Genera­ti­on hat bei ISDN den Anschluss ver­lo­ren und druckt E-Mails zur Auf­be­wah­rung aus. 

  3. Digi­tal Nati­ves sind die wah­ren Kin­der des Inter­net­zeit­al­ters, die Mil­le­ni­als, die, deren Geburt bereits lücken­los auf Face­book mit Fotos doku­men­tiert ist. 

  4. Das ist wie Läs­tern über den Chef, wäh­rend er hin­ter einem steht. 

  5. The­mes sind Vor­la­gen, mit denen sich der Inhalt eines Blogs in jede gewünsch­te Form brin­gen las­sen kann.