Voll-Tech und Halb-National

Deutsch­land sei ein inter­na­tio­na­ler Wirt­schafts- und Indus­trie­stand­ort von Rang, heißt es. Hier sie­deln sich nicht nur gro­ße mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne an, wir beglü­cken auch die Welt mit Inge­nieurs­kunst „Made in Ger­ma­ny“. Ach, wirk­lich? Beglü­cken?

Auf dem Papier zumin­dest ist das kor­rekt: die Sta­tis­tik zeigt, dass Deutsch­land nicht nur die EU, son­dern auch das außer-euro­päi­sche Aus­land mit Pro­duk­ten beglückt. Dazu zählt neben den poli­tisch ein­fluss­rei­chen Bran­chen wie dem Auto­mo­bil­bau vor allem der Mit­tel­stand und Unter­neh­men, die glo­bal agie­ren und vor allem mit der Qua­li­tät hie­si­ger Pro­duk­te wer­ben.

Wir ver­die­nen unser Geld nicht damit, mög­lichst bil­lig Mas­sen­wa­re her­zu­stel­len, unse­re Land­schaf­ten mit Agrar­pro­duk­ten zu rui­nie­ren oder Men­schen auf der Suche nach Boden­schät­zen unter die Erde zu brin­gen – hier ent­steht High­tech. (So ganz stimmt das nicht, denn auch wenn hier viel High­tech pro­du­ziert wird, rui­nie­ren wir trotz­dem unse­re Land­schaf­ten mit Agrar­in­dus­trie.)

Span­nend ist aber die Fra­ge, was sich denn eigent­lich hin­ter der Glo­ba­li­sie­rung in den Unter­neh­men ver­birgt: Wie glo­bal ist die Glo­ba­li­sie­rung hier eigent­lich – sowohl hin­sicht­lich des inter­na­tio­na­len Han­dels als auch der Unter­neh­mens­stra­te­gie? – Und das sieht es doch nicht mehr ganz so toll aus.

Picken wir uns mal zwei Aspek­te her­aus: Pro­duk­te und Men­schen.

Produkte

Ein unschuldiger Kaffee in Deutschland kann eine ganz lange Geschichte erzählen.
Ein unschul­di­ger Kaf­fee in Deutsch­land kann eine ganz lan­ge Geschich­te erzäh­len.

Es ist ja bei­lei­be nicht so, dass alles, was von Deutsch­land aus in die Welt ver­kauft (expor­tiert) wird, auch in Deutsch­land her­ge­stellt wird. Im Gegen­teil: zahl­rei­che Pro­duk­te ent­hal­ten Vor­pro­duk­te (z.B. Bau­tei­le), die impor­tiert wer­den, um sie hier zu ergän­zen. Daher berech­net die OECD den inter­na­tio­na­len Han­del nicht mehr als rei­nes Han­dels­ge­schäft (Wert der expor­tier­ten Waren minus den Wert der expor­tier­ten Waren), son­dern als Wert­schöp­fungs­ket­te:

Wie viel eige­ne, natio­na­le Wert­schöp­fung ent­hal­ten die Expor­te ver­schie­de­ner Län­der, wel­chen Nut­zen zie­hen sie also aus ihren Expor­ten?1

Im Gegen­satz zur „klas­si­schen“ Berech­nung zeigt sich bei die­ser Metho­de, dass auch so genann­te Schwel­len­län­der durch die indi­rek­te Betei­li­gung an deut­schen Export­gü­tern, die durch­schnitt­lich 25% aus­län­di­sche Wert­schöp­fung ent­hal­ten, stark von die­sem Han­del pro­fi­tie­ren.

Die Glo­ba­li­sie­rung führt also tat­säch­lich dazu, dass mehr „Märk­te“ (natio­na­le Wirt­schafts­sys­te­me) am Waren- und Dienst­leis­tungs­aus­tausch pro­fi­tie­ren kön­nen, wenn sie am glo­ba­len Han­del betei­ligt wer­den – und nicht nur die gro­ßen Indus­trie­na­tio­nen. Wir haben es mit einem zuneh­mend glo­ba­li­sier­ten Aus­tausch von Waren und Dienst­leis­tun­gen und vor allem Zwi­schen­pro­duk­ten zu tun: pol­ni­sche Spe­di­tio­nen, die tsche­chi­sche Schrau­ben nach Frank­reich trans­por­tie­ren, wo mit Hil­fe ita­lie­ni­scher Pro­gram­mie­rer und unga­ri­scher Mon­teu­re deut­sche Moto­ren zusam­men­ge­setzt wer­den, die dann per spa­ni­schem Frach­ter nach Chi­na gebracht wer­den, um dort Pro­duk­te her­zu­stel­len, die über die Nie­der­lan­de nach Deutsch­land gebracht wer­den, um sie in den deut­schen Maschi­nen zu ver­wen­den, die in Bel­gi­en von bul­ga­ri­schen Fach­kräf­ten zu Anla­gen zusam­men­zu­bau­en, mit denen die Schrau­ben dann in Tsche­chi­en aus ukrai­ni­schem Stahl gefer­tigt wer­den.

Krass? Nor­mal!

Jedes betei­lig­te Unter­neh­men, ob Spe­di­teur oder Soft­ware­schmie­de, jeder betei­lig­te Mit­ar­bei­ter, ob Mon­teur oder Inge­nieur, ver­dient an die­ser Wert­schöp­fung. Und die Fer­ti­gungs­hal­len in Deutsch­land sind voll mit sol­chen Pro­duk­ten. An Smart­pho­nes, die in Chi­na gefer­tigt wer­den und ein ame­ri­ka­ni­sches Betriebs­sys­tem besit­zen, haben wir uns alle gewöhnt. Auch an die Tat­sa­che, dass wir höchs­tens noch bei Obst auf das Her­kunfts­land schau­en. Aber dass wir an die­sem Wirt­schafts­sys­tem nur einen Bruch­teil der Län­der und Men­schen die­ser Welt teil­ha­ben las­sen, das mer­ken wir nicht mehr.

Menschen

Bei der Betrach­tung der Wert­schöp­fungs­ket­te und dem Anteil ein­zel­ner Län­der an einem Pro­dukt wird das Aus­maß der Glo­ba­li­sie­rung deut­lich, das in den indus­tria­li­sier­ten Län­dern (und denen, die zur Indus­tria­li­sie­rung bei­tra­gen) zu einem geschicht­lich unge­ahn­ten Wohl­stand geführt hat: jeder Bezie­her selbst eines gerin­gen Ein­kom­mens in Deutsch­land lebt län­ger und bes­ser als 99% sei­ner Vor­fah­ren vor noch 150 Jah­ren.

Aber eben nur in den indus­tria­li­sier­ten Län­dern.

Das sind die Län­der, die – geschicht­lich gese­hen – im dau­ern­den Kriegs­zu­stand unter­ein­an­der lebend und um Herr­schafts­an­sprü­che in Euro­pa kämp­fend ihre Kon­flikt­ment­a­li­tät und Lebens­vor­stel­lung in alle Welt „expor­tiert“ haben.

In Euro­pa hat man erst die eige­ne Bevöl­ke­rung geknech­tet und aus­ge­beu­tet2, um dann mit Hil­fe mili­tä­ri­scher Erfin­dun­gen das euro­päi­sche Wirt­schafts­mo­dell als Kolo­nia­lis­mus dem Rest der Welt auf­zu­zwin­gen. Denn es ist ja nicht so, dass Men­schen auch in ande­ren Län­dern mit ihren eige­nen Sys­te­men vie­le Jahr­tau­sen­de gelebt hät­ten.

Und jetzt expor­tie­ren wir unse­re Pro­duk­te – und erwar­ten, dass ande­re sie auch kau­fen. Denn nur so kön­nen wir leben. Para­si­tär.

Kurz: Was wir als „Glo­ba­li­sie­rung“ bezeich­nen, ist für ande­re „Wirt­schafts­im­pe­ria­lis­mus“. Die rei­chen Län­der han­deln näm­lich vor­nehm­lich unter sich, wäh­rend die armen Län­der als Absatz­markt gese­hen wer­den, indem man ihnen gera­de soviel zum Leben lässt, dass sie nicht migrie­ren son­dern ger­ne unse­re Pro­duk­te kau­fen.

Was aber ist mit den Men­schen? Es ist bei aller mora­lisch berech­tig­ten Empö­rung über das Ungleich­ge­wicht3 durch­aus rich­tig, dass auch inter­na­tio­nal die Lebens­qua­li­tät zunimmt, die Kin­der­sterb­lich­keit abnimmt und das Lebens­al­ter steigt. Ganz falsch kann es also nicht sein, wenn nicht nur Pro­duk­te aus­ge­tauscht wer­den, son­dern auch Sys­te­me. Und einer muss halt den Hut auf­ha­ben – seit 200 Jah­ren ist dies Euro­pa und ein paar sei­ner ange­schlos­se­nen ehe­ma­li­gen Kolo­ni­en.

Aber nach­hal­tig ist das nicht. Weder für die Umwelt4 noch für die Mensch­heit.

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Kaf­fee­boh­nen trock­nen in Tan­sa­nia.

Der Übel­tä­ter ist eigent­lich schnell aus­ge­macht: es sind wir Euro­pä­er und ihre Nach­fah­ren in der Welt, die mit dem Ver­hal­ten von Wan­der­heu­schre­cken gan­ze Regio­nen ver­wüs­ten – um dann wei­ter­zu­zie­hen.

Globalisierung ist keine Einbahnstraße

Wir kön­nen es uns kaum vor­stel­len, aber es gibt glo­bal auch ande­re Lebens­wei­sen, die mög­li­cher­wei­se weni­ger Kon­sum ermög­li­chen, aber auch weni­ger Belas­tung für die Men­schen und den Pla­ne­ten bedeu­ten. Lebens­wei­sen, die wir – teil­wei­se zu Recht – als Rück­schritt bezeich­nen, die aber weit­aus län­ger über­lebt haben als unse­re Vor­stel­lung von Wirt­schaft und Gesell­schaft.

Die­se Erfah­run­gen aber nut­zen wir nicht.

Wir Euro­pä­er kle­ben an einem Wirt­schafts- und Gesell­schafts­mo­dell, von dem wir behaup­ten, dass es jedem Wohl­stand und Gesund­heit bringt, obwohl wir sehen, dass dies noch nicht ein­mal für die Men­schen umge­setzt wird, die hier leben – geschwei­ge denn für die Men­schen, deren Lebens­grund­la­ge wir zer­stört haben und die nun zu uns kom­men.

Ein ers­ter Schritt wäre viel­leicht, Glo­ba­li­sie­rung nicht nur als Ein­bahn­stra­ße zu begrei­fen, son­dern als ein Geben und Neh­men. Da ste­hen wir näm­lich immer noch am Anfang.

Deut­sche Unter­neh­men, deren Mut­ter­ge­sell­schaf­ten aus Afri­ka, Süd­ame­ri­ka sowie Aus­tra­li­en und Ozea­ni­en kom­men, spiel­ten bei den auslands­kontrollierten Unter­neh­men ins­ge­samt eine eher unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Aus die­sen Kon­tinenten wur­den zusam­men ledig­lich 319 Unter­neh­men in Deutsch­land kon­trol­liert, was einem Anteil an allen aus­län­disch kon­trol­lier­ten Unter­neh­men von rund 1% ent­sprach.5


  1. Quel­le: https://www.destatis.de/DE/Publikationen/STATmagazin/VolkswirtschaftlicheGesamtrechnungen/2013_03/2013_03Handelsstroeme.html 

  2. Zwei Bei­spie­le sind die „Gre­at Fami­ne“ in Irland um 1850 und die „Clearan­ces“ der schot­ti­schen High­lands im 19. Jahr­hun­dert, bei denen jeweils Mil­lio­nen Men­schen in den Hun­ger­tod oder die Migra­ti­on getrie­ben wur­den. 

  3. Dar­über wird ja seit Jahr­zehn­ten dis­ku­tiert – sie­he Club of Rome – auch wie­der eine euro­päi­sche Ein­rich­tung… 

  4. Am 1. August 2018 ist bereits „Earth Over­s­hoot Day„, der Tag, ab dem wir Men­schen mit unse­rem Ver­hal­ten (und Wirt­schaf­ten) die­sen Pla­ne­ten rech­ne­risch mehr Scha­den zufü­gen als er Rege­ne­ra­ti­ons­fä­hig­keit besitzt. Das war im letz­ten Jahr noch der 2. August… 

  5. Quel­le: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/UnternehmenHandwerk/Auslandsunternehmenseinheiten/Aktuell_.html