Adobe Illustrator: kurz mal vektorisiert

Gra­fik­pro­gram­me unter­schei­den sich von Bild­be­ar­bei­tungs­pro­gram­men prin­zi­pi­ell dadurch, dass sie kei­ne vor­han­de­nen Bild­in­for­ma­tio­nen bear­bei­ten (also bei­spiels­wei­se Fotos), son­dern dass sie neue erschaf­fen. Der digi­ta­le Hor­ror vacui sozu­sa­gen… 

Ein Gra­fik­pro­gramm wie Illus­tra­tor zeigt nach dem Anle­gen einer neu­en Sei­te daher immer eine lee­re Sei­te. Natür­lich las­sen sich auch Fotos oder Pixel­bil­der mit einem Gra­fik­pro­gramm öff­nen, aller­dings nicht bear­bei­ten. Dafür ist das Pro­gramm nicht da. Es dient pri­mär der Erstel­lung neu­er Bil­der aus mathe­ma­ti­schen Kur­ven, den Vek­to­ren.

Ein bisschen Hintergrund

Sie müs­sen jetzt nicht erfolg­reich ver­dräng­te Erin­ne­run­gen an die Geo­me­trie bemü­hen: Vek­to­ren sind dar­an erkenn­bar, dass sie einen Ursprung haben, eine Rich­tung und einen End­punkt (der die Län­ge defi­niert). Mit ande­ren Wor­ten: wo das Auge  eine Linie dar­an erkennt, dass eine Men­ge Bild­punk­te in einer bestimm­ten Far­be auf eine zusam­men­hän­gen­de Art im Blick­feld ange­ord­net sind, exis­tiert für das Gra­fik­pro­gramm nur eine mathe­ma­ti­sche Kur­ve: ein Vek­tor.1

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Für Illus­tra­tor besteht ein Drei­eck nur aus drei Punk­ten und ein paar Berech­nun­gen.

Vek­to­ren haben gewis­se Vor­tei­le: sie benö­ti­gen für ein­fa­che Mus­ter weni­ger Infor­ma­tio­nen, da ja nur Angangs- und End­punkt (und ihre Lage im Raum) erfor­der­lich sind. Die Linie dazwi­schen wird berech­net – das über­nimmt der Pro­zes­sor. Damit sind die­se Lini­en aber auch leich­ter zu bear­bei­ten. Der Nach­teil ist aller­dings ihre feh­len­de Vari­anz: wäh­rend für das Auge (und die Bild­be­ar­bei­tung, die ähn­lich wie ein Käfer nur Farb­un­ter­schie­de, aber kei­ne Kur­ven sieht) nicht alle Punk­te eines Stra­ßen­schilds die glei­che Far­be haben müs­sen, um den Umriss zu erken­nen (es kann ja auch halb im Schat­ten ste­hen), besteht der Umriss eines Schilds für Illus­tra­tor aus einer ein­zi­gen Kur­ve, bei der jeder Punkt nur eine Far­be haben kann.

Die­ser Nach­teil kann aller­dings auch Vor­tei­le haben: wenn es näm­lich dar­um geht, bei einem Stra­ßen­schild die Far­ben zu ver­ein­heit­li­chen und das Bild belie­big ver­lust­frei zu ska­lie­ren, ist ein Gra­fik­pro­gramm in sei­nem Ele­ment. Man muss aller­dings dazu die Bild­punkt eines Fotos erst in mathe­ma­ti­sche Kur­ven umwan­deln.

Das ist das „Vek­to­ri­sie­ren“.

Auf geht’s

Neh­men wir das Stra­ßen­schild (es könn­te auch ein Logo sein) als Bei­spiel.

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  1. Das Bild frei­stel­len mit einem Bild­be­ar­bei­tungs­pro­gramm. Sieht noch nicht toll aus, aber für unse­ren Zweck genügt es. schild-1
  2. Illus­tra­tor öff­nen und das Bild impor­tie­ren. In der Ebe­nen­pa­let­te ist erkenn­bar, dass es sich um ein ein­zi­ges Objekt han­delt, also nicht zu bear­bei­ten ist. Noch.schild-2
  3. Das Bild mar­kie­ren und die Funk­ti­on „Bild nach­zeich­nen“ („Image Trace“) wäh­len. In den Optio­nen den Vor­schlag „3 Far­ben“ wäh­len, da wir ja eigent­lich nur schwarz, gelb und weiß benö­ti­gen. schild-3
  4. Da meist der ers­te Wurf nicht so ganz trifft, die Optio­nen des Bild­nach­zeich­ners öff­nen und „Erwei­tert“ („Advan­ced“) wäh­len. An die­ser Stel­le hängt es von der Auf­lö­sung des Aus­gangs­bilds ab, wie genau das Vek­to­ri­sie­rungs­er­geb­nis sein kann. Hier muss man spie­len: Jede Ver­än­de­rung in den Ein­stel­lun­gen wird von Illus­tra­tor sofort umge­setzt. schild-4
  5. Sobald das opti­ma­le Ergeb­nis ange­zeigt wird, „Erwei­tern“ („Expand“) wäh­len. Jetzt berech­net Illus­tra­tor aus den Pixeln und den Vor­ein­stel­lun­gen die eigent­li­chen Vek­to­ren – erkenn­bar in der Ebe­nen­pa­let­te. schild-5
  6. Da eigent­lich nur das Pik­to­gramm der Pin­gui­ne in der Mit­te nach­ge­zeich­net wer­den soll, den Umriss der Pin­gui­ne („Com­po­und Path“) aus der Grup­pe in der Ebe­nen­pa­let­te her­aus­zie­hen. Hier kann man zum letz­ten Schritt unten sprin­gen, sofern kei­ne Nach­ar­beit am Schild­rand mehr not­wen­dig ist. An die­ser Stel­le lässt sich das Pik­to­gramm mit dem Direkt­aus­wahl­werk­zeug (A) noch anpas­sen.

Die fol­gen­den Schrit­te sind nur in unse­rem Bei­spiel nötig.

  1. Mit dem Recht­eck­werk­zeug (M) ein Qua­drat aus der Pik­to­gramm-Mit­te auf­zie­hen (SHIFT-ALT dabei gedrückt las­sen).
  2. Mit gedrück­ter SHIFT-Tas­te das Qua­drat um 45° dre­hen und ska­lie­ren. Es soll­te etwa die Grö­ße der schwar­zen Rau­te haben.
  3. Die Kon­tur­stär­ke des Qua­drats anpas­sen. Die Fül­lung ist leer.
  4. In der Ebe­nen­pa­let­te das Qua­drat dupli­zie­ren und auf die Grö­ße der gel­ben Rau­te auf­zie­hen (SHIFT-ALT gedrückt las­sen).
  5. Die dupli­zier­te Rau­te mit lee­rer Kon­tur und gel­ber Fül­le­rung ver­se­hen (dazu ggf. das Pipet­ten­werk­zeug für den Gelb­ton benut­zen). Falls gewünscht, die Ecken noch abrun­den.
  6. Die drei Objek­te in der Ebe­nen­pa­let­te sor­tie­ren: Gelb unten, schwar­zer Rand dar­über und Pik­to­gramm oben.
  7. Die Grup­pe mit den nach­ge­zeich­ne­ten gel­ben Pfa­den und dem schwar­zen Rand aus­blen­den oder löschen. Fer­tig.

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Bild­quel­le: https://www.pinterest.com/explore/funny-signs/


  1. Der Hori­zont ist ja bei­spiels­wei­se kei­ne Linie, son­dern nur eine Men­ge ein­zel­ner Punk­te, bei denen jeweils ober­halb wei­te­re Punk­te einer ande­ren Far­be lie­gen – unser Auge macht dar­aus eine Linie und anhand unse­rer Erfah­rung und Erzie­hung nen­nen wir das „Hori­zont“. Für ein ande­res Tier wie bei­spiels­wei­se einen Käfer haben die­se Punk­te kei­ne Bedeu­tung, weil er die­se Ver­knüp­fung nicht zum Über­le­ben benö­tigt.