Tiefe Zeit

Die Bezeich­nung „tie­fe Zeit“ ist eigent­lich ein sprach­lich sehr unge­schick­ter Begriff, der auch dadurch nicht bes­ser wird, wenn man das eng­li­sche Ori­gi­nal „deep time“ benutzt. Den­noch erlebt die­ser phi­lo­so­phi­sche Begriff in der popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Debat­te vor allem in der anglo­ame­ri­ka­ni­schen Welt eine Renais­sance. – Und er hat etwas Tröst­li­ches.

War­um? Das Kon­zept an sich ist ja nicht neu: als es vor etwas über 200 Jah­ren in Schott­land von James Hutton als geo­lo­gi­scher Zeit­be­griff vor­ge­stellt wur­de, ließ sich damit recht anschau­lich der gigan­ti­sche Unter­schied zwi­schen erd­ge­schicht­li­chen und mensch­heits­ge­schicht­li­chen Zeit­ab­läu­fen beschrei­ben.

Wir erin­nern uns: Die Zeit vor 200 Jah­ren, also etwa acht Genera­tio­nen, war in der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on eine Zeit gro­ßer gesell­schaft­li­cher Umbrü­che, von denen die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on nur ein Ereig­nis war. Vor 200 Jah­ren begann auch das Expe­ri­ment der ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keit (eng ver­knüpft mit den phi­lo­so­phi­schen Vor­stel­lun­gen der fran­zö­si­schen und deut­schen Auf­klä­rung), der Ver­fas­sung als Grund­la­ge der Staa­ten­bil­dung – statt eines „Got­tes­gna­den­tums“ – und die Indus­tria­li­sie­rung in Groß­bri­tan­ni­en. Es war der Beginn des Kolo­nia­lis­mus und der wirt­schaft­lich-mili­tä­ri­schen Expan­si­on des „Wes­tens“. Und es war der Beginn der wis­sen­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung mit der Welt selbst. Kurz: Das Wis­sen um das Wesen der Welt war nicht mehr beschränkt auf eine klei­ne Grup­pe in Poli­tik und Reli­gi­on – die Teil­ha­be an der Ver­meh­rung des Wis­sens stand zuneh­mend mehr Men­schen im „Wes­ten“ zur Ver­fü­gung.1

Aber zurück zur „tie­fen Zeit“.

Im Gegen­satz zu den auch aus dama­li­ger Sicht umwäl­zen­den Ver­än­de­run­gen inner­halb so kur­zer Zeit sind erd­ge­schicht­li­che Zeit­läu­fe unvor­stell­bar rie­sig. Da geht es nicht um 200 Jah­re (Auf­klä­rung) oder 2.000 Jah­re (Chris­ten­tum), son­dern schnell um 2.000.000 Jah­re (Stein­zeit) oder gar 200.000.000 Jah­re (Erd­mit­tel­al­ter). Das ist zwar auf das Uni­ver­sum gerech­net immer noch ein Klacks, aber schon so groß, dass wir es uns beim bes­ten Wil­len nicht vor­stel­len kön­nen.

Con­si­der the Earth’s histo­ry as the old mea­su­re of the Eng­lish yard, the distan­ce from the King’s nose to the tip of his out­stret­ched hand. One stro­ke of a nail file on his midd­le fin­ger era­ses human histo­ry.[12] (wiki­pe­dia)

Das Unver­ständ­nis – und auch die in man­chen gesell­schaft­li­chen Grup­pen in Euro­pa – gepfleg­te Igno­ranz gegen­über sol­chen Dimen­sio­nen und der eige­nen doch recht kurz­fris­ti­gen Ent­wick­lung erstreckt sich jedoch nicht nur auf ande­re Kul­tu­ren und Gesell­schaf­ten2, sie erstreckt sich auch auf die Geschich­te unse­rer eige­nen Vor­fah­ren.

Denn es ist ja bei­lei­be nicht so, dass in Euro­pa grun­zen­de Nean­dertha­ler die Fel­sen bevöl­ker­ten wie in Afri­ka die Pavia­ne, bis sie dann von spee­reschleu­dern­den Uni­ver­sal­ge­lehr­ten namens „Homo sapi­ens“ unter­drückt, ver­sklavt oder „eth­nisch gesäu­bert“ wur­den. Und dass die­se Homo sapi­ens dann nun, wo sie schon dabei waren, als blau­äu­gi­ge blon­de Hünen neben­bei Höh­len bemal­ten, den Ver­bren­nungs­mo­tor erfan­den und dann Haken­kreu­ze an Haus­wän­de schmie­rend in ande­re Län­der ein­fie­len. Als ob Geschich­te aus einem ein­zi­gen Ereig­nis bestün­de, dass dann die wei­te­re Mensch­heits­ge­schich­te präg­te. Geschich­te ist eine Viel­zahl klei­ner und grö­ße­rer Ereig­nis­se über einen unvor­stell­bar lan­gen Zeit­raum, bei dem Ereig­nis­se auf ande­ren auf­bau­en und neue Ereig­nis­se her­vor­ru­fen.3
So hat bei­spiels­wei­se die Ent­de­ckung von Höh­len­ma­le­rei auf der ibe­ri­schen Halb­in­sel aus der Zeit vor über 60.000 Jah­ren zu einem Umden­ken unse­rer eige­nen Geschich­te geführt: Nicht der Homo sapi­ens als „wis­sen­der Mensch“, son­dern der Homo nean­dertha­len­sis war ver­mut­lich der Urhe­ber – denn unse­re Vor­fah­ren saßen zu die­ser Zeit noch um ihre Lager­feu­er am Tan­gan­ji­ka­see. Die­sen haben sie auf­grund grö­ße­rer kli­ma­ti­scher Ereig­nis­se und dem Ver­lust der Nah­rungs­grund­la­ge ver­las­sen, um in den weit­aus küh­le­ren und gefähr­li­che­ren Nor­den zu zie­hen, mit des­sen Kli­ma und Mikro­ben die dor­ti­gen Nean­dertha­ler weit­aus bes­ser zurecht­ka­men. Man hat sich arran­gie­ren müs­sen – und auch von­ein­an­der gelernt. Auch die Mensch­heits­ge­schich­te ist kei­ne Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft, bei der am Ende nur einer gewinnt.

Ist es nicht beru­hi­gend zu wis­sen, dass unse­re Vor­fah­ren vor einem unvor­stell­bar lan­gen Zeit­raum dazu in der Lage waren, sich anzu­pas­sen und sogar dar­aus zu ler­nen und sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln? Es nimmt der stän­di­gen Ver­än­de­rung und den aktu­el­len Ver­wir­be­lun­gen wie Digi­ta­li­sie­rung und Migra­ti­on sehr viel von ihrer Bedroh­lich­keit.

Und es eig­net sich auch zum Nach­den­ken, ob bestimm­te Ereig­nis­se wirk­lich mensch­heits­ge­schicht­lich so bedeu­tend sind, wie sie von ihren Prot­ago­nis­ten ger­ne pro­pa­giert wer­den. Es gibt näm­lich geschicht­li­che Abläu­fe, die so lang­sam und schlei­chend sind – und aus vie­len klei­nen Ereig­nis­sen bestehen – dass sie für uns arg begrenz­te Indi­vi­du­en jen­seits der Wahr­neh­mungs­schwel­le lie­gen. Erst bei der Betrach­tung der „tie­fen Zeit“ las­sen sich die rele­van­ten Geschich­ten von den „Peti­tes­sen und Impon­de­ra­bi­li­en“ unter­schei­den.


Bild oben: das Rift Val­ley (der afri­ka­ni­sche Gra­ben) /​ Quel­le: Views of the Earth


  1. Man über­sieht ger­ne, dass unser euro­zen­tris­ti­sches Den­ken als Macht­fak­tor noch gar nicht so alt ist. Nicht-Euro­pä­er als unge­bil­de­te Wil­de zu bezeich­nen, als „Halb­af­fen“, als „Unter­men­schen“, die es als „Men­schen­ma­te­ri­al“ zu ver­skla­ven und aus­zu­beu­ten galt, hat auch in der dama­li­gen Über­heb­lich­keit sei­ne Wur­zeln. 

  2. Ich nen­ne hier nur die bes­ten­falls dümm­li­che „Kopf­tuch­de­bat­te“ um die Ver­pflich­tung zur weib­li­chen Kopf­be­de­ckung in man­chen ara­bi­schen Staa­ten und ihr Ver­bot hier­zu­lan­de in öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen. So als ob Bäue­rin­nen in Nie­der­bay­ern und der Ober­pfalz seit Jahr­hun­der­ten nicht auch Kopf­tuch trü­gen – der Besuch einer Pina­ko­thek kann hier wirk­lich bil­den… 

  3. Der Homo sapi­ens kam übri­gens über den nahen Osten aus dem öst­li­chen Afri­ka, von wo aus der dann den indi­schen Sub­kon­ti­nent, Euro­pa, Asi­en und schließ­lich vor etwa 12.000 Jah­ren auch Ame­ri­ka (das Gan­ze, nicht nur den Nord­teil) bevöl­ker­te. Wer sich also über „Flücht­lings­h­or­den“ aus Afri­ka beklagt, hat auch im Geschichts­un­ter­richt geschla­fen…