Wenn das Dorf zur Stadt wird: Dokumentation und Globalisierung

Poli­tik ver­hält sich oft anti­zy­klisch: wenn die Wirt­schaft Geld braucht, spart der Staat. Wenn der Staat Geld benö­tigt, senkt er die Steu­ern. Und wenn die Glo­ba­li­sie­rung in vol­lem Gang ist, rich­tet er eine „Hei­mat­mi­nis­te­ri­um“ ein.Für den Bür­ger erscheint das wider­sin­nig – und das ist es oft auch, denn damit gibt der eigent­lich Han­deln­de (der Staat als Gemein­schaft aller Bür­ger) sein Heft aus der Hand: er beginnt, den Ereig­nis­sen und Ent­wick­lun­gen hin­ter­her­zu­ren­nen, statt sie zu gestal­ten und zu beein­flus­sen1. Dann wird Agie­ren zu Re-Agie­ren und blin­der Aktio­nis­mus ent­steht dort, wo eigent­lich vor­aus­schau­en­des Den­ken und Han­deln sein soll­te.

Eigen­ar­ti­ger­wei­se gilt dies aber nicht nur im Makro­kos­mos der Poli­tik, son­dern auch im Mikro­kos­mos der Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on.

Bei­spiel? Je ähn­li­cher und auch benut­zer­freund­li­cher die Güter wer­den, des­to mehr wird auf das Lay­out und die Far­ben der Doku­men­ta­ti­on geach­tet. Je schnell­le­bi­ger die Pro­duk­te wer­den2, des­to mehr und hek­ti­scher ver­su­chen die Mar­ke­ting­ver­ant­wort­li­chen, jedem Pro­dukt und manch­mal auch dem gan­zen Unter­neh­men eine eige­ne „Lebens­ge­schich­te“ und Tra­di­ti­on zu ver­pas­sen. – Und das am bes­ten auf Papier, wäh­rend die Nut­zer längst an ihren Smart­pho­nes kle­ben.

An die­ser Stel­le kommt dann auch der Tech­nik­re­dak­teur ins Spiel: Er soll ein „fri­sches“ Lay­out ent­wer­fen für ein Pro­dukt, das die Kon­kur­renz fast bau­gleich her­stellt.3

Nun ist Lay­out nicht unbe­dingt die Stär­ke des Tech­nik­re­dak­teurs. Er kann Infor­ma­tio­nen ver­ar­bei­ten und struk­tu­rie­ren, aber nicht prä­sen­tie­ren. Das ist auch nicht schlimm. (Hand aufs Herz, Kol­le­gen: Kön­nen Sie zehn unter­schied­li­che Gro­tesk­schrif­ten nen­nen? Ver­wen­den Sie Farb­bi­blio­the­ken bei Gra­fi­ken oder ist das nur unge­fähr rot/​blau/​schwarz oder grün?).

Unglück­li­cher­wei­se jedoch eröff­net dies den Betei­lig­ten in den Mar­ke­ting­ab­tei­lun­gen ein wei­tes Spiel­feld, auf dem sie dem Redak­teur, der nur zuschaut, auch mal etwas zuwer­fen, mit dem er sich beschäf­ti­gen soll. Er erhält von den Ver­kaufs­pro­fis näm­lich nur Vor­ga­ben und Vor­la­gen, die zunächst für den Ver­trieb gedacht waren, nicht für Daten­blät­ter und War­tungs­an­lei­tun­gen.

Zwei Bitten

  1. Lie­be Mar­ke­ting­ab­tei­lung: tun Sie es nicht. Ihre Stär­ken lie­gen in der Emo­tio­na­li­sie­rung der „Mes­sa­ge“. Der Genick­rei­ßer des Mes­se­stands oder die Extra­va­ganz der Ban­ner­wer­bung: die Sofort­wir­kung ist Ihr The­ma. Damit kann der Tech­nik­re­dak­teur nicht viel anfan­gen.
  2. Lie­be Tech­nik­re­dak­teu­re: Küm­mern Sie sich um Ihre Stär­ken. Ihre Infor­ma­tio­nen müs­sen zahl­rei­che Pro­dukt­ver­sio­nen und -vari­an­ten über­le­ben. Ihre Pro­zes­se müs­sen ska­lier­bar sein und für vie­le Nut­zer­grup­pen ver­ständ­lich sein.

Es käme in der Mar­ke­ting­ab­tei­lung kei­ner auf die Idee, den glei­chen Mes­se­stand auf zehn jähr­li­chen Mes­sen nach­ein­an­der zu ver­wen­den. Umge­kehrt schrei­ben Tech­nik­re­dak­teu­re nicht für einen Kun­den oder ein Pro­dukt.4

Herausforderungen

Aller­dings heißt dies für den Tech­nik­re­dak­teur oft auch, den gan­zen Pro­zess im Blick zu haben: von der Erfas­sung der Infor­ma­tio­nen über ihre Prä­sen­ta­ti­on in Form einer Doku­men­ta­ti­on (das muss kei­nes­wegs Papier sein, ein Wiki tut es auch) bis hin zur Über­set­zung und ihrer Nach­be­ar­bei­tung. Denn was in einer Spra­che noch funk­tio­niert, kann nach der Über­set­zung zu zeit­auf­wän­di­gen Nach­ar­bei­ten (und damit Feh­lern) füh­ren:

  • Die ver­wen­de­te Schrift sieht in allen west­eu­ro­päi­schen Spra­chen gut aus, es gibt sie aber nicht für kyril­li­sche Schrift. Fol­ge: für die rus­si­sche Über­set­zung muss eine ande­re Schrift her – ein­schließ­lich aller ver­wen­de­ten Absatz- und Zei­chen­for­ma­te.
  • Text­bau­stei­ne und Varia­ble sind sprach­ab­hän­gig bzw. abhän­gig vom Ver­triebs­raum. Fol­ge: die Über­set­zung ins Spa­ni­sche ist super, aber das Pro­dukt heißt in Bra­si­li­en anders…
  • Die Lauf­län­ge des Tex­tes kann sehr unter­schied­lich sein. Fol­gen: die Tabel­len­über­schrif­ten pas­sen in der eng­li­schen Fas­sung noch auf eine Zei­le, aber nicht im Fran­zö­si­schen. Die Tabel­le bricht um auf eine fol­gen­de Sei­te oder passt nicht mehr auf den Bild­schirm. Das kann im Druck bedeu­ten, dass die Tabel­le umbricht und den gan­zen Inhalt (z.B. Gra­fik) ver­schiebt. Oder dass die Tabel­le nicht auf den Bild­schirm passt und hori­zon­ta­les Scrol­len erfor­dert.
  • Die Gra­fi­ken sind nicht sprach­neu­tral. OK. Das darf nun wirk­lich nicht pas­sie­ren.
  • In der Quell­spra­che wer­den Son­der­zei­chen ver­wen­det (z.B. Halb­ge­viert, um einen Zei­chen­ab­stand zwi­schen Wort und Zif­fer zu erhal­ten), die aber in der Über­set­zung igno­riert wer­den. Fol­ge: alle Sei­ten der über­setz­ten Doku­men­ta­tio­nen müs­sen kon­trol­liert und kor­ri­giert wer­den – manu­ell.

Wich­tig ist daher für den Tech­nik­re­dak­teur, der den gan­zen Pro­zess betreut und auch ver­ant­wor­tet, dass er die­se Über­le­gun­gen schon früh­zei­tig in den gesam­ten Doku­men­ta­ti­ons­pro­zess ein­be­zieht. Also bereits vor der Ver­ar­bei­tung der Infor­ma­tio­nen die mög­li­chen Stol­per­stei­ne ganz hin­ten im Pro­zess in die Pla­nung ein­be­zieht.

Denn selbst wenn er die Doku­men­te nicht mehr sieht, nach­dem sie zur Über­set­zung gegan­gen sind: er muss den Pro­zess ver­ant­wor­ten. Und zwar über meh­re­re Zyklen hin­weg.

Fazit

Auch die Dar­stel­lung der Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on ist kei­ne Spiel­wie­se für Gruß­kar­ten­for­ma­tie­rer. Das gehört zum Auf­ga­ben­be­reich des Tech­nik­re­dak­teurs. Er muss sich dar­um küm­mern, wie sei­ne gesam­mel­ten und struk­tu­rier­ten Infor­ma­tio­nen prä­sen­tiert wer­den. In allen Spra­chen. Es hilft meist nicht, sich an die Mar­ke­ting­ab­tei­lung zu wen­den (auch wenn die oft den bes­ten Kaf­fee haben), da die Anfor­de­run­gen an eine Doku­men­ta­ti­on sehr unter­schied­lich sind.

Es hilft aber sehr, sich all­ge­mein mit den unter­schied­li­chen Prä­sen­ta­ti­ons­for­men zu beschäf­ti­gen und ihren Vor- und Nach­tei­len weit jen­seits kurz­fris­ti­ger Absatz- oder Mode­zy­klen. Und dann gibt es meist auch Kol­le­gen, die schon mal die eine oder ande­re Erfah­rung gemacht haben.

Von ande­ren zu ler­nen, ist ja kei­ne Sün­de…


Das Bild oben zeigt einen Aus­schnitt aus einem Diora­ma von Kil­ken­ny (Irland) im Mit­tel­al­ter. Im Bild oben die Stadt der rei­chen nor­man­ni­schen Bür­ger, außer­halb der Stadt­mau­ern die Sied­lung der iri­schen Bevöl­ke­rung.


  1. Wer Flug­ben­zin sub­ven­tio­niert, muss sich nicht über stei­gen­den Flug­lärm wun­dern. 

  2. Nicht im Sin­ne der Halt­bar­keit, son­dern im Sin­ne der Pro­dukt­ver­bes­se­rung: Noch wäh­rend Pro­dukt­rei­he 1.0 auf den Markt kommt, wer­den die Pro­to­ty­pen von Rei­he 2.0 getes­tet. Der Käu­fer hat kaum Zeit, sich über den Nut­zen – und auch den ROI – von 1.0 Gedan­ken zu machen, schon soll er die „grund­le­gend über­ar­bei­te­te“ Ver­si­on 2.0 erste­hen. Das wird dann „dis­rup­tiv“ genannt. 

  3. Aus betriebs­wirt­schaft­li­cher Sicht wäre es ver­mut­lich sinn­vol­ler, sich als Her­stel­ler mit Allein­stel­lungs­merk­ma­len zu behaup­ten: bes­se­rem Ser­vice bei­spiels­wei­se… 

  4. Falls Letz­te­res doch gefragt sein soll­te, sind zumin­dest die Inhal­te nicht neu, son­dern zu 99% wie­der­ver­wen­det.