Die Steigeisen des Informationsarchitekts, Teil 1

Indus­trie 4.0 klingt ganz toll und öff­net die Scha­tul­len der Mar­ke­ting­ab­tei­lun­gen, sie lässt sich gut in der Öffent­lich­keit ver­kau­fen und trös­tet vie­le Ver­ant­wort­li­che in Ver­wal­tung und Poli­tik über schlech­te Umfra­ge­er­geb­nis­se hin­weg. Aber auch hier wird nie so heiß geges­sen, wie es gekocht wird.

Auch in der Doku­men­ta­ti­on klafft oft noch eine rie­si­ge Lücke zwi­schen dem, was infor­ma­ti­ons­tech­nisch mög­lich und erfor­der­lich ist, und dem, was tra­di­tio­nell in den Schreib­stu­ben zusam­men­ge­stellt wird.

Eine der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen hat weni­ger mit der Tech­nik oder dem Inhalt zu tun, son­dern mit der Struk­tur der Infor­ma­tio­nen. Der Anspruch an die „smar­te“ Tech­nik, bei der Gerä­te sich selbst kon­fi­gu­rie­ren und mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren kön­nen, setzt auch eine Ver­net­zung der Infor­ma­tio­nen im Umgang mit dem Gerät vor­aus. Auch der Benut­zer rela­tiv simp­ler Haus­halts­ge­rä­te kommt da schnell an sei­ne Gren­zen: Wenn mei­ne Kaf­fee­ma­schi­ne selbst­stän­dig Kaf­fee nach­be­stel­len kann, muss ich auch das Netz­werk dafür vor­be­rei­ten und beim Lie­fer­ser­vice ein Kon­to ein­rich­ten, damit er weiß, an wen die Boh­nen geschickt wer­den sol­len und wer sie bezahlt. Als Kon­su­ment habe ich damit zwar mehr Ein­fluss auf den gesam­ten Pro­zess – muss aber auch über mehr Fer­tig­kei­ten ver­fü­gen als bloß aus dem nächs­ten Elek­tro­dis­coun­ter mit einem Kar­ton unter den Arm her­aus zu spa­zie­ren.

Die­se Ver­net­zung der Tech­nik ver­langt auch nach einer Ver­net­zung der Infor­ma­tio­nen für den Anwen­der, denn Haus­halts­ge­rä­te sind nur die Spit­ze des Eis­bergs des­sen, was im indus­tri­el­len All­tag statt­fin­det.

Auftritt: der Technikredakteur

Die viel­ge­schun­de­ne Spe­zi­es des Tech­nik­re­dak­teurs ist der­zeit nicht nur extrem nach­ge­fragt, son­dern auch extrem gefor­dert, da die Benut­zer­in­for­ma­tio­nen, für die er zustän­dig ist, den Gerä­te­in­for­ma­tio­nen fol­gen: sie ver­net­zen sich. Dafür muss er sie vor­be­rei­ten. Und wie dies bei Infor­ma­tio­nen unter­schied­li­cher Gerä­te zu erwar­ten ist, fol­gen sie nicht alle dem glei­chen Sche­ma: was und wie das in den Infor­ma­tio­nen erscheint, das nach außen gege­ben wird, hängt vom Gerät, dem Unter­neh­men und nicht zuletzt auch vom Pro­dukt­ver­ant­wort­li­chen ab. Glück­li­cher­wei­se sind nur noch weni­ge Ver­ant­wort­li­che der Über­zeu­gung, dass sie kei­ne Infor­ma­tio­nen her­aus­rü­cken müs­sen, damit sich der Redak­teur jedes Häpp­chen selbst beschafft.1

Vie­le Pro­dukt­ver­ant­wort­li­che sehen im Gegen­teil die Opti­on, den Tech­nik­re­dak­teur dazu zu ein­zu­set­zen, ihr Pro­dukt in einem guten Licht erschei­nen zu las­sen – die Doku muss „nach etwas aus­se­hen“. Das ist aller­dings nur der hal­be Weg, denn auch in der Doku­men­ta­ti­on gilt: „Form fol­lows func­tion“. Die Qua­li­tät der Doku­men­ta­ti­on bemisst sich nicht an ihrem Aus­se­hen, son­dern an ihrem Inhalt – und da vor allem an der Struk­tur. Ein kla­res Glie­de­rungs­kon­zept und eine kon­sis­ten­te Struk­tur erleich­tert nicht nur dem Leser das Ver­ständ­nis (die Ser­vice-Adres­se auf Sei­te 168 fin­det nie­mand) – sie macht auch den Tech­nik­re­dak­teur pro­duk­ti­ver und effi­zi­en­ter.

Denn – ohne als Nest­be­schmut­zer gel­ten zu wol­len – auf der Ebe­ne der Glie­de­rung und Struk­tur sind sich Doku­men­ta­tio­nen oft viel ähn­li­cher als es der jewei­li­ge Pro­dukt­ver­ant­wort­li­che sieht, der ja einen ver­ti­ka­len Blick auf die Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se hat. Für den Tech­nik­re­dak­teur ist eine Doku­men­ta­ti­on „gezähm­te“ Infor­ma­ti­on, struk­tu­rier­tes und auf­be­rei­te­tes Wis­sen, das ein Ziel ver­folgt: den Benut­zer in die Lage zu ver­set­zen, auch kom­ple­xe und zuneh­mend ver­netz­te Pro­duk­te Feh­ler- und unfall­frei zu bedie­nen. Ob Kaf­fee­ma­schi­ne oder Anla­ge zum Auf­schäu­men der Rah­men für Dämm­ver­gla­sung – die Maschi­nen den­ken nicht selbst­stän­dig, son­dern benö­ti­gen einen Men­schen, der das über­nimmt und dafür in die Lage ver­setzt wer­den muss. Dafür braucht er in einer kom­ple­xen Wirk­lich­keit an der Schwel­le zum digi­ta­len Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ter struk­tu­rier­te Unter­stüt­zung.2

Der Einstieg

Noch vor weni­gen Jah­ren bestand für den Tech­nik­re­dak­teur die meis­te Arbeit dar­in, durch das Unter­neh­men zu wan­dern und alle am Pro­zess Betei­lig­ten zu inter­view­en: ein Block und einen Stift unter dem Arm warf er (oder sie) einen Blick auf das Pro­dukt, stell­te abhän­gig von sei­ner Pro­dukt­kennt­nis mehr oder weni­ger intel­li­gen­te Fra­gen, die ihm in den Abtei­lun­gen mehr oder weni­ger zuver­läs­sig beant­wor­tet wur­den, er setz­te sich am Ende der Tour dann an sei­nen Schreib­tisch und ver­such­te die Mit­schrif­ten und Skiz­zen in eine ver­wert­ba­re Form zu brin­gen. Meist half ihm dabei, wenn er bereits auf vor­han­de­ne Unter­la­gen (Hand­bü­cher) zurück­grei­fen konn­te, um sich dar­an zu ori­en­tie­ren und stel­len­wei­se die bereits erar­bei­te­ten Abschnit­te zu über­neh­men. Vor Urzei­ten ging das per „Copy & Pas­te“, spä­ter mit Hil­fe von Text­bau­stei­nen, die los­ge­löst vom Doku­ment wie vor­mon­tier­te Bau­tei­le belie­big ver­wen­det wer­den kön­nen.

Struk­tu­rell schrieb man jedoch ein­fach genau­so wei­ter, wie es die vor­han­de­ne Doku­men­ta­ti­on vor­gab: line­ar, weil die Quel­le ja noch aus einer Zeit stamm­te, als „Cloud“ eher ein Wet­ter­phä­no­men war und „Inter­net“ so etwas wie eine Tele­fon­ver­mitt­lung. Der Auf­bau ori­en­tier­te sich an den „Lebens­pha­sen“ der Anla­ge: Trans­port zum Kun­den, Auf­stel­len, Ein­schal­ten, Bedie­nen, Aus­schal­ten, Repa­rie­ren und Rei­ni­gen, Weg­wer­fen Ent­sor­gen. Kaf­fee­ma­schi­ne oder Flug­zeug­trieb­werk – alles das Glei­che.

Das wird zuneh­mend schwie­ri­ger, denn die Rah­men­be­din­gun­gen haben sich geän­dert: Bau­tei­le kön­nen mit einer Viel­zahl von Maschi­nen kom­bi­niert wer­den, Maschi­nen wer­den nicht wie bei Ford in Detroit in einer lan­gen Ket­te pro­du­ziert, son­dern aus stan­dar­di­sier­ten Bau­tei­len zusam­men­ge­stellt – oft direkt erst am Ein­satz­ort. Die Maschi­nen sind häu­fig offe­ne Sys­te­me, über deren Ver­wen­dung der Kun­de ent­schei­den will und muss, um bei­spiels­wei­se in der Lage zu sein, auf ver­än­der­te Nach­fra­ge schnell reagie­ren zu kön­nen.3

Dazu wird bei den Maschi­nen eine hohe Anschluss­fä­hig­keit vor­aus­ge­setzt, die der Her­stel­ler kaum noch über­bli­cken kann. Und der Tech­nik­re­dak­teur natür­lich auch nicht. Um hier Schritt hal­ten zu kön­nen, genügt es nicht mehr wie noch im letz­ten Jahr­tau­send auf die alten Unter­la­gen auf­zu­set­zen und sich an deren Struk­tur zu ori­en­tie­ren – das Ergeb­nis wäre kon­zep­tio­nell bereits ver­al­tet, bevor es das Licht der Öffent­lich­keit erblickt.

Der Tech­nik­re­dak­teur ist gefor­dert, nicht mehr als Sprach­rohr des Pro­dukt­ver­ant­wort­li­chen und der Pro­zess­be­tei­lig­ten alles in einen Con­tai­ner (die Doku­men­ta­ti­on) zu packen und ein hüb­sches Schleif­chen drum­zu­bin­den, er muss die „User Expe­ri­ence“ (Benut­zer­er­fah­rung) als Richt­schnur nut­zen: wel­che Ansprü­che hat der Benut­zer an das Pro­dukt und die Doku­men­ta­ti­on, wel­che Hür­den gilt es zu über­win­den? Wer sich als frisch­ge­ba­cke­ner Kaf­fee­ma­schi­nen­be­sit­zer mit den Tücken der dyna­mi­schen Adress­ver­ga­be sei­nes hei­mi­schen Rou­ters und der Anbin­dung an die Cloud ein­schließ­lich der Ver­wal­tung siche­rer Pass­wör­ter mit 2-Fak­tor-Authen­ti­fi­zie­rung aus­ein­an­der­set­zen muss, obwohl er doch nur einen Lat­te trin­ken woll­te, aber der Maschi­ne vor dem Ein­schal­ten und der Pro­gramm­wahl erst eine aktu­el­le Firm­ware ver­pas­sen soll, bekommt einen Ein­blick in die Her­aus­for­de­run­gen moder­ner Haus­halts­ge­rä­te. Der Redak­teur, der die Anlei­tung für die Kaf­fee­ma­schi­ne schrei­ben soll, ist nicht zu benei­den…

Aber es gibt kei­nen Grund zu ver­za­gen, im Gegen­teil. Auch zum Gehen mit Steig­ei­sen benö­tigt man näm­lich neben einer guten Kon­di­ti­on auch die rich­ti­ge Tech­nik.

Dazu mehr im zwei­ten Teil.


Bild­quel­le: Glet­scher­tor des Nigars­bre­en in Nor­we­gen (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/54/Nigardsbreen_mit_Gletschertor_%28Sept._2002%29_-_panoramio.jpg)


  1. Die­se Ein­stel­lung hat sich als sehr kos­ten­in­ten­siv her­aus­ge­stellt, denn Tech­nik­re­dak­teu­re sind nicht nur sel­ten, son­dern auch ver­gleichs­wei­se teu­er – wenn man sie nur zum Zusam­men­ko­pie­ren und Abtip­pen benutzt, geht viel Zeit ins Land. Und Zeit ist Geld. 

  2. Im Gegen­satz zu frü­he­ren Genera­tio­nen kön­nen wir unse­re Maschi­nen und Fahr­zeu­ge oft nicht mehr selbst repa­rie­ren – selbst für den Aus­tausch einer Schein­wer­fer­leuch­te muss man mitt­ler­wei­le in die Werk­statt fah­ren. Nicht, weil der Vor­gang an sich so umständ­lich ist, son­dern weil dar­an mitt­ler­wei­le ein digi­ta­les Bord­sys­tem hängt. Dies betrifft zuneh­mend mehr Berei­che des All­tags in den so genann­ten „ent­wi­ckel­ten“ Gesell­schaf­ten. 

  3. Gera­de der deut­sche mit­tel­stän­di­sche Maschi­nen­bau rühmt sich der Kennt­nis­se und der Fle­xi­bi­li­tät, nicht nur zeit­nah auf Kun­den­wün­sche reagie­ren zu kön­nen, son­dern auch sei­ne Pro­duk­te so aus­zu­le­gen, dass sie dazu in der Lage sind.