Der Technikredakteur: Artes oder Scientiae?

Eine der wich­tigs­ten bil­dungs­po­li­ti­schen Errun­gen­schaf­ten des neu­en Jahr­tau­sends ist der so genann­te „Bolo­gna-Pro­zess“. Es geht in ers­ter Linie um eine Anglei­chung der Hoch­schul­stan­dards in der EU. Damit soll – wie in Stan­dar­di­sie­run­gen immer ange­strebt – eine Ver­gleich­bar­keit der Abschlüs­se und indi­rekt eine grö­ße­re Mobi­li­tät der Stu­den­ten erreicht wer­den.

Und was hat das jetzt mit Tech­nik­re­dak­teu­ren zu tun? Die Idee ist so bestechend wie sim­pel: ein Stu­dent in Por­tu­gal kann sei­ne Leis­tun­gen auch in Ham­burg aner­ken­nen las­sen und dort sein Stu­di­um fort­füh­ren. Auch ein Stu­dent im Fach „Tech­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on“ darf das. Sieht er dort näm­lich kei­ne Zukunft für sei­nen spä­te­ren Beruf, wech­selt er ein­fach das Land sei­ner Wahl und nimmt den Abschluss oder sei­ne Zeug­nis­se mit und lässt sich die ECTS-Punk­te gut­schrei­ben.

Klingt geni­al.

Da Ver­gleich­bar­keit bei Abschlüs­sen ein ganz wesent­li­cher Pfei­ler der frei­en Arbeits­platz­wahl ist, soll es dem Absol­ven­ten leicht gemacht wer­den, nicht in sei­ner Hei­mat in Resi­gna­ti­on und Erwerbs­lo­sig­keit zu ver­sin­ken, wäh­rend nur weni­ge hun­dert Kilo­me­ter wei­ter die Arbeits­plät­ze unbe­setzt blei­ben.

Aber wie immer steckt der Teu­fel im Detail.

Denn Ver­gleich­bar­keit bedeu­tet auch Mess­bar­keit. Was bei einem Inge­nieurs­stu­di­um noch ein­leuch­tend klingt („Was ist der Unter­schied zwi­schen Entro­pie und Enthal­pie?“ – „Wie hoch ist Wir­kungs­grad des Antriebs?“), ist in den eher „wei­chen“ Fächern wie den Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten nur sehr schwer mög­lich. Es gibt kei­ne Mess­ein­heit für das Ver­ständ­nis und die Erken­nung gesell­schaft­li­cher Zusam­men­hän­ge und des zwi­schen­mensch­li­chen Umgangs („Wel­che Fol­gen hat die Digi­ta­li­sie­rung auf den Aus­bau und die Beschäf­ti­gungs­quo­te im öffent­li­chen Nah­ver­kehr?“ – „Wie kann ich Sie unter­stüt­zen?“).

Es gibt auch kei­ne Mess­bar­keit für das Ver­mö­gen, kom­ple­xe Infor­ma­tio­nen so auf­zu­be­rei­ten, dass auch Lai­en etwas damit anfan­gen kön­nen. Und damit sind wir beim Tech­nik­re­dak­teur.

Der Zwitter

Der Tech­nik­re­dak­teur1 steht durch sei­nen Beruf zwi­schen den Wel­ten, denn er soll sowohl mit den tech­ni­schen Gegen­stän­den zurecht­kom­men und deren Abläu­fe ver­ste­hen – er soll aber gleich­zei­tig auch in den „wei­chen“ Kom­pe­ten­zen der Ver­mitt­lung und Didak­tik bewan­dert sein. Das ist nicht ein­fach.

Auch nicht für die Hoch­schul­ver­wal­tun­gen, die den Bolo­gna-Pro­zess ja umset­zen müs­sen: Wohin mit den Tech­nik­re­dak­teu­ren? Wel­che Fächer muss er bele­gen und wel­che Kennt­nis­se muss er vor­wei­sen kön­nen, sobald er auf die Mensch­heit los­ge­las­sen wird?

Im Zuge der Stan­dar­di­sie­rung kann man sich bei den Abschlüs­sen und damit auch bei den Inhal­ten des Stu­di­ums zwi­schen den klas­si­schen zwei Rich­tun­gen ent­schei­den: ent­we­der Kunst und Kul­tur oder Natur­wis­sen­schaf­ten und Tech­nik, Artes oder Sci­en­tiae.2 Soll der Redak­teur fach­lich mit den Inge­nieu­ren mit­hal­ten kön­nen oder eher die Pro­duk­te für Außen­ste­hen­de erklä­ren kön­nen? Soll er Infor­ma­tio­nen orga­ni­sie­ren oder auf­be­rei­ten? Soll er sie kor­ri­gie­ren und gewich­ten oder soll er sie dar­stel­len?

In der Rea­li­tät pen­delt der Tech­nik­re­dak­teur irgend­wo zwi­schen Tech­nik, Didak­tik, Pro­zess­ma­nage­ment und Ren­ta­bi­li­tät – aber was davon passt in wel­cher Tie­fe in sei­ne Aus­bil­dung?

Der Notausgang

In den Hoch­schu­len, in denen man ver­sucht, ange­hen­de Tech­nik­re­dak­teu­re so gut es eben geht auf die Man­nig­fal­tig­keit der beruf­li­chen Anfor­de­run­gen vor­zu­be­rei­ten, ent­schei­det man sich meist für den „B.E.“, den „Bache­lor (of) Engi­nee­ring“.3

Mit ande­ren Wor­ten: Nach sei­nem Abschluss ist der Tech­nik­re­dak­teur mit einem „B.E.“ den Absol­ven­ten aus den Inge­nieurs­fä­chern zwar nomi­nell gleich­ge­stellt, hat aber eben nur einen extrem fla­chen Blick­win­kel auf die hohe Kunst der Inge­nieurs­wis­sen­schaf­ten. Das wis­sen die Stu­den­ten und das lässt auch den Hoch­schul­pro­fes­so­ren die Haa­re zu Ber­ge ste­hen. Ein Tech­nik­re­dak­teur kennt sich mit Redak­ti­ons­sys­te­men und über­set­zungs­ge­rech­tem Schrei­ben aus. Er weiß zwar, wo bei einem PI-Dia­gramm oben und unten ist, und dass Herz­schritt­ma­cher nicht gut auf elek­tro­ma­gne­ti­sche Strah­lung zu spre­chen sind – aber tie­fer ist er nie in die Mate­rie vor­ge­drun­gen. Das muss er für sei­ne Tätig­keit ja auch nicht.

Sein Job ist nicht die Kon­struk­ti­on oder die Berech­nung von Bie­ge­mo­men­ten, sein Job ist die Ver­wal­tung des Unter­neh­mens­wis­sens. Dafür gibt es aber nun lei­der kei­nen pas­sen­den Titel. Ob aller­dings der inge­nieurs­wis­sen­schaft­li­che Anstrich durch den „B.E.“ dem Beruf des Tech­nik­re­dak­teurs gerecht wird, ist eine berech­tig­te Fra­ge.

Denn eigent­lich besteht nur etwa ein Drit­tel der Tätig­keit des Tech­nik­re­dak­teurs aus Fach­wis­sen, also aus dem, was die Bezeich­nung „Tech­nik­re­dak­teur“ recht­fer­tigt. Einen weit­aus grö­ße­rer Anteil nimmt die Orga­ni­sa­ti­on des Wis­sens, sei­ne Anrei­che­rung durch nor­ma­ti­ve und recht­li­che Anfor­de­run­gen und die Wei­ter­ga­be an Ziel­grup­pen ein. Das aber ist eine Tätig­keit, die weni­ger eine Tech­nik im Sin­ne eines Hand­werks ist, als viel­mehr eine Kunst. Eine Kunst, die viel mit Impro­vi­sa­ti­on und ver­netz­tem Den­ken zu tun hat, mit „krea­ti­vem Pro­blem­lö­sen“, aber wenig mit Natur­wis­sen­schaf­ten.

Die Stu­den­ten reagie­ren übri­gens dar­auf, wie es eben anpas­sungs­fä­hi­ge und krea­ti­ve Men­schen machen: sie nut­zen die wesent­lich ein­fa­che­ren Anfor­de­run­gen des Stu­di­ums, um trotz­dem am Ende mit einem „B.E.“ abzu­schlie­ßen.

Mit ande­ren Wor­ten: in dem Maße, wie man das Stu­di­um der „Tech­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on“ mit einem „Bache­lor of Engi­nee­ring“ auf­zu­wer­ten ver­sucht, wei­chen Stu­den­ten dar­auf aus, um mit hoher Effi­zi­enz an einen ordent­li­chen Abschluss zu kom­men, der für ihre wei­te­re Kar­rie­re hilf­reich ist. Lei­der wol­len die meis­ten Stu­die­ren­den nach ihrem Abschluss aber nicht Tech­nik­re­dak­teu­re wer­den.

Ein „B.A.“ wäre dafür mög­li­cher­wei­se ehr­li­cher…

NACHTRAG: Im angel­säch­si­schen Raum gibt es für Jour­na­lis­ten und „Kom­mu­ni­ka­to­ren“ den „Bache­lor of Arts and Jour­na­lism“ (B.A.J.).


Bild: Oxford, Divini­ty School


  1. Ich fin­de die­sen Begriff etwas prä­zi­ser als den klas­si­schen „Tech­ni­schen Redak­teur“, weil er ana­log zum „Sport­re­por­ter“ das Tätig­keits­feld beschreibt und kei­nen Zustand. Ein Sport­re­por­ter muss nicht sport­lich sein – und ein Tech­nik­re­dak­teur muss kein Tech­ni­ker sein. 

  2. Die Fra­ge, ob die­se Unter­schei­dung über­haupt noch in einer post-indus­tri­el­len Gesell­schaft sinn­voll ist, beschäf­tigt die Wirt­schafts- und Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten auch, aber führt hier zu weit. 

  3. Der Titel kommt nicht von unge­fähr und bezeich­net den (Jung)gesellen im Gegen­satz zum „Mas­ter“ (Meis­ter) sei­nes Fachs. Das wäre dann der „M.E.“. Die­se bei­den Titel waren – welch Iro­nie des Schick­sals – in Deutsch­land frü­her den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten vor­be­hal­ten, wo man den Abschluss des „Magister/​Magistra Arti­um“ (M.A., „Meis­ter der Küns­te“) erhielt. Inge­nieu­re gal­ten nicht als ech­te Aka­de­mi­ker und konn­ten eben „nur“ ein Diplom errei­chen…