Wenn „smart“ nicht immer so smart ist

Es zie­hen mehr Men­schen in Bal­lungs­ge­bie­te als aus ihnen her­aus. Das ist ein Trend, von dem Mobi­li­täts­for­scher anneh­men, das er nicht nur eine kurz­fris­ti­ge Mode­er­schei­nung ist, son­dern allen damit zusam­men­hän­gen­den Pro­ble­men zum Trotz noch vie­le Jahr­zehn­te andau­ern und sich sogar noch beschleu­ni­gen wird.

Das Land wird abge­hängt. Und zwar dau­er­haft. Aber das ist nicht neu.

Hintergrund

Geschicht­lich betrach­tet, ist dies sogar ein nor­ma­ler Pro­zess, der im letz­ten Jahr­hun­dert durch den tech­ni­schen Fort­schritt (in Form des Per­so­nen­nah­ver­kehrs) nur kurz­fris­tig auf­ge­hal­ten wur­de. Eigent­lich gehört Mobi­li­tät oder Migra­ti­on zur Mensch­heit wie der Waben­bau zu den Bie­nen. So wie Insek­ten Kolo­ni­en bil­den, haben schon Grie­chen Kolo­ni­en gebil­det, die sich – nächs­te Ana­lo­gie – teil­wei­se erbit­tert bekämpft und gehasst haben. Obwohl bei­de nach unse­rem heu­ti­gen Natio­nal­staats­ver­ständ­nis eigent­lich Grie­chen waren, die­sel­be Spra­che spra­chen und die­sel­ben Göt­ter anbe­te­ten. Für die dama­li­gen Men­schen bedeu­te­te dies, dass man aus­zog, weil die Mühen und Gefah­ren des Umzugs in eine neue Kolo­nie (z.B. Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den oft schon vor­han­de­nen Ein­hei­mi­schen) immer noch mehr Per­spek­ti­ve boten als das arm­se­li­ge Ster­ben daheim.1

Trotz der erheb­li­chen Migra­ti­ons­be­we­gun­gen im auch im Mit­tel­al­ter (beschö­ni­gend „Völ­ker­wan­de­rung“ genannt), waren es doch Flücht­lings­strö­me, die auf­grund von Krie­gen und schlech­ten wirt­schaft­li­chen Bedin­gun­gen in ihrer Hei­mat auf­bra­chen, um fried­li­che­re und frucht­ba­re­re Gegen­den zu besie­deln. Dass auch dies nicht fried­lich ablief, son­dern im Gegen­teil sogar zum Zer­fall eines gro­ßen euro­päi­schen Rei­ches (wie bei­spiels­wei­se des römi­schen Impe­ri­ums) bei­trug, war eine Begleit­erschei­nung, die ver­mut­lich nicht beab­sich­tigt war, son­dern am feh­len­den Anpas­sungs­ver­mö­gen der römi­schen Skla­ven­hal­ter­ge­sell­schaft lag. Denn eigent­lich woll­ten die Migran­ten nur eine Zukunft für sich und ihre Fami­lie, ob sie nun Lan­go­bar­den waren oder Kel­ten, Ger­ma­nen oder Mau­ren.

Im Euro­pa kam der Migra­ti­ons­pro­zess im Mit­tel­al­ter nur zum Sto­cken, weil durch unschein­ba­re Pest­ba­zil­len, die auf eine unwis­sen­de Bevöl­ke­rung stie­ßen, die Bevöl­ke­rung zu stark dezi­miert wur­de, dass sie selbst durch die (zwi­schen­eis­zeit­lich beding­ten) Nah­rungs­aus­fäl­le kei­nen Migra­ti­ons­druck ver­spür­te. Die Städ­te waren schlicht ent­völ­kert – im Wort­sin­ne „aus­ge­stor­ben“.

Mit der Indus­tria­li­sie­rung beschleu­nig­te sich auch die Land­flucht – begüns­tigt auch durch den Weg­fall inner­staat­li­cher Gren­zen und den schier uner­sätt­li­chen Arbeits­kräf­te­be­darf der Indus­trie­ge­bie­te, die vor­mals länd­li­che Ort­schaf­ten in rau­chen­de Schlot­wüs­ten ver­wan­del­ten. In den wuchern­den Städ­ten gab es Arbeit, gab es eine Per­spek­ti­ve. Die­ser Trend ist welt­weit unge­bro­chen und nimmt mit zuneh­men­der Indus­tria­li­sie­rung (in ärme­ren Län­dern auch ger­ne als „Ent­wick­lungs­hil­fe“ bezeich­net) eher zu als ab.

Geht Urbanisierung auch smart?

Eine Ver­städ­te­rung stellt jedoch eine Gesell­schaft vor ande­re Auf­ga­ben als eine länd­lich gepräg­te Sied­lungs­wei­se mit klei­nen Ort­schaf­ten und einer enge­ren Anbin­dung an die eige­ne Ver­sor­gung: der Res­sour­cen­be­darf muss orga­ni­siert wer­den. Unzu­rei­chen­de Ver­sor­gung der Bewoh­ner in Bal­lungs­räu­men führt zu Kata­stro­phen wesent­lich grö­ße­ren Umfangs als auf dem „plat­ten Land“. Und die Slums von Rio bis Kal­kut­ta (ein­schließ­lich ihrer Vor­läu­fer im Paris und Lon­don des 19. Jahr­hun­derts) zei­gen nach­drück­lich, wohin eine unge­ord­ne­te Urba­ni­sie­rung füh­ren kann.

Die Orga­ni­sa­ti­on einer Stadt (einer wirk­lich gro­ßen Stadt, derer wir in Deutsch­land ja nur weni­ge haben) bin­det enor­me Res­sour­cen. Daher ver­fal­len Städ­te­pla­ner zuneh­mend auf die Idee, die Ver­net­zung der Haus­halts­ge­rä­te zu einem „Smart Home“ auch gleich auf eine gan­ze Stadt aus­zu­deh­nen: die „Smart City“.2 Das klingt zunächst pfif­fig, denn statt tau­sen­de chro­nisch über­las­te­te Ange­stell­te mit Auf­ga­ben wie der Über­wa­chung der Ver­kehrs­strö­me und der funk­tio­nie­ren­den Infra­struk­tur zu beschäf­ti­gen, über­lässt man die Arbeit ein paar Sili­kon­chips, die unter­ein­an­der aus­ma­chen, an wel­cher Stra­ße die Ampeln geschal­tet wer­den, wie hoch der Strom­be­darf eines ein­zel­nen Stadt­teils ist und wo die Was­ser­zu­tei­lung gedros­selt wer­den kann.

Dazu benö­tigt es Daten, sehr vie­le Daten.

Die­se Bewe­gungs­da­ten wer­den bereits erho­ben, sie rei­chen aber bei wei­tem noch nicht aus und wer­den in Zukunft vor­aus­sicht­lich noch viel direk­ter in den All­tag der Bewoh­ner ein­ge­bun­den sein. Das läuft für man­chen Mit­men­schen ent­we­der unter Uto­pie oder unter Dys­to­pie, je nach per­sön­li­cher Welt­an­schau­ung. Es hat aber noch eine wei­te­re, sozia­le Kom­po­nen­te: die tech­no­kra­ti­sche Urba­ni­sie­rung ver­deckt einen wich­ti­gen Aspekt zwi­schen­mensch­li­cher Inter­ak­ti­on: unse­re Kon­flikt­fä­hig­keit.

Die Stadt als Konfliktherd

If you can’t stand the heat, stay out of the kit­chen!“

Städ­te sind ja nicht nur Flucht­punk­te vie­ler Men­schen mit sehr unter­schied­li­chen Lebens- und Wert­vor­stel­lun­gen, sie sind auch immer der Ort gewe­sen, von dem gesell­schaft­li­che Umwäl­zun­gen aus­gin­gen. Es ist schwer vor­stell­bar, dass bei­spiels­wei­se die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on in einer Bau­ern­ka­te in der Pro­vençe begin­nen hät­te kön­nen, oder dass die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on in Sibi­ri­en ihren Anfang genom­men hät­te.

Erst auf­grund der gro­ßen Bal­lung unter­schied­li­cher Lebens- und Wer­te­vor­stel­lung ent­steht eine Art „Rei­bungs­hit­ze“, die die Anzie­hungs­kraft einer Stadt aus­macht. Denn neben einer wirt­schaft­li­chen Per­spek­ti­ve bie­ten Städ­te vor allem ein grö­ße­res Maß an indi­vi­du­el­ler Frei­heit: Stadt­luft macht immer noch frei. Nir­gends sonst lässt sich so leicht und schnell mit Tra­di­tio­nen und gesell­schaft­li­chen Kon­ven­tio­nen bre­chen wie in der Stadt. Das ist für man­che ein Alp­traum – und für ande­re die Erfül­lung.

Das Auf­ein­an­der­pral­len unter­schied­li­cher Wer­te und Anschau­un­gen birgt neben der orga­ni­sa­to­ri­schen Her­aus­for­de­rung eben auch ein Kon­flikt­po­ten­zi­al. Damit umge­hen zu kön­nen und es bewäl­ti­gen zu kön­nen, erfor­dert von allen Bewoh­nern Lern- und Anpas­sungs­fä­hig­keit. Wer mit der dörf­li­chen Enge (die ja oft in völ­li­gem Kon­trast zur geo­gra­fi­schem Wei­te steht) nicht zurecht­kommt, zieht eben weg. In der Stadt geht das nicht, da müs­sen alle mit­ein­an­der aus­kom­men.

Und das funk­tio­niert, denn Men­schen sind ja nicht nur anpas­sungs­fä­hig, son­dern auch kom­mu­ni­ka­tiv. Sie ler­nen, gewalt­frei Kon­flik­te zu lösen, recht­zei­tig mög­li­che Kon­flik­te zu erken­nen und zu ent­schär­fen – oder sie aus­zu­tra­gen. Es ist im Gegen­teil sogar so, dass Men­schen Kon­flik­te brau­chen, um dar­an zu ler­nen. Kon­flik­te sind die ande­re Sei­te unse­rer Krea­ti­vi­tät. Ohne Kon­flik­te (auch inne­re) brau­chen wir kei­ne Krea­ti­vi­tät.

Das eine gibt es nicht ohne das ande­re.

Eine „smar­te City“ ist aber dafür aus­ge­legt, das Zusam­men­le­ben in der Stadt mög­lichst kon­flikt­arm zu regeln, denn Algo­rith­men brau­chen Regeln, kei­ne Aus­ein­an­der­set­zung, aus der sie ler­nen kön­nen. Wenn die „smar­te City“ aber nun uns die­ser Kon­flikt­mög­lich­kei­ten beraubt: Beraubt sie uns dann auch der Krea­ti­vi­tät?


Bild­quel­le: http://wiki.laptop.org/images/9/93/XO-1.5_Motherboard_Bottom_C1.jpg


  1. Men­schen neh­men Unan­nehm­lich­kei­ten und sogar den Tod in Kauf, weil sie dar­in mehr Per­spek­ti­ve erken­nen als im Blei­ben – und nicht, weil sie schö­ne Bil­der von ihrem Ziel gese­hen haben. 

  2. Smar­te Cities: Goog­le Uto­pia oder Open City – ZDFme­dia­thek: https://www.zdf.de/