Seiltänzer

Selbst­stän­dig­keit in der Tech­ni­schen Redak­ti­on stellt für man­che Mit­men­schen eine Art ver­schärf­tes Straf­maß dar: „Der Job ist doch sowie­so schon lang­wei­lig, wie­so soll er dann auch noch unsi­cher sein?“. Ja, zumin­dest Letz­te­res ist rich­tig. (Wer sei­nen Job für lang­wei­lig hält, hat Pro­ble­me, die mit der Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on nichts zu tun haben…) Auch wenn es auf den ers­ten Blick gar nicht so scheint, gibt es trotz­dem Mit­men­schen, die sich nicht nur zutrau­en, den Job des Tech­ni­schen Redak­teurs zu machen, son­dern dies auch auf eige­ne Ver­ant­wor­tung. Denn nichts ande­res bedeu­tet „Selbst­stän­dig­keit“. Ein­schrän­kung: Vie­le Beru­fe erlau­ben es erst gar nicht, sich die­sen Schritt ins Unge­wis­se über­haupt zu über­le­gen, in ande­ren Beru­fen ist es fast nor­mal, unab­hän­gig zu arbei­ten und sei­ne Leis­tun­gen zu ver­kau­fen.

An die­ser Stel­le folgt jetzt kein Plä­doy­er für den durch­aus meist sehr inter­es­san­ten Beruf des Tech­nik­re­dak­teurs im All­ge­mei­nen (das hängt oft weni­ger mit dem Beruf selbst zusam­men als mehr mit der Berufs­auf­fas­sung des Ein­zel­nen und wur­de hier schon ein­mal ange­spro­chen) – hier soll es um die Aspek­te gehen, die den Job als lohn­ab­hän­gig Beschäf­tig­ter von jenem unter­schei­den, wie ihn ein Selbst­stän­di­ger sieht. Daher zunächst ein Aus­flug in das Unter­holz der Selbst­stän­dig­keit.

Mythos und Realität

Zu den Mythen zäh­len in ers­ter Linie zwei sich wider­spre­chen­de Auf­fas­sun­gen der Selbst­stän­dig­keit:

  1. Der Selbst­stän­di­ge sitzt vor­mit­tags im Café und tippt auf sei­nem teu­ren Tablet/​Laptop her­um, um Rech­nun­gen zu ver­schi­cken. Jain. Man kann Rech­nung natür­lich nur stel­len, wenn es etwas abzu­rech­nen gibt. Es muss also zuvor eine Leis­tung erbracht wor­den sein, die bestellt wur­de. An die Bestel­lun­gen kommt man nicht im Café, die muss man sich auch als Selbst­stän­di­ger erar­bei­ten. Man hat ja kei­nen Chef, der einem die Auf­trä­ge auf den Tisch knallt, son­dern muss sich selbst um sei­ne Kun­den küm­mern, sei­ne Kennt­nis­se und sein Wis­sen beschaf­fen, wie man einen Auf­trag – so er denn kommt – abar­bei­ten kann, um dann am Ende im Café Rech­nun­gen schrei­ben zu kön­nen. Auch vor­mit­tags.
  2. Selbst­stän­dig­keit ist Selbst­aus­beu­tung, denn ohne sozia­le Absi­che­rung steht man immer mit einem Bein in der Armut. Auch jain. Tat­säch­lich zei­gen Sta­tis­ti­ken, dass nicht weni­ge Selbst­stän­di­ge unter­halb der Armuts­gren­ze leben und eigent­lich nicht ein­mal den Min­dest­lohn ver­die­nen – und das ohne Alters­ab­si­che­rung. Selbst wer mehr als 3000 € im Monat erhält, muss davon ja nicht nur die wesent­lich teu­re­re Kran­ken­kas­se zah­len, son­dern sich auch um eine Viel­zahl wei­te­rer Ver­si­che­run­gen küm­mern – Berufs­haft­pflcht, Berufs­un­fä­hig­keit, Unfall­ver­si­che­rung – und hat damit immer noch nicht für den Ruhe­stand vor­ge­sorgt. Dem­entspre­chen hoch ist der Druck, Jobs anzu­neh­men, die einem viel­leicht nicht viel Geld brin­gen, aber doch genug, um damit „von der Hand in den Mund“ zu leben, sprich: die monat­li­chen Aus­ga­ben zu decken.

Die Wahr­heit liegt irgend­wo dazwi­schen, denn Auf­trä­ge bedeu­ten Ein­kom­men – und für rei­ne Anwe­sen­heit gibt es nichts.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Erfolg­rei­che Selbst­stän­di­ge nei­gen ger­ne dazu, ihren Erfolg aus­schließ­lich auf ihr Gespür für lukra­ti­ve Auf­trä­ge, ihre guten Ver­bin­dun­gen zu sol­ven­ten Auf­trag­ge­bern und ihren kom­pro­miss­lo­sen Ein­satz zurück­zu­füh­ren. Self­made-Mil­lio­nä­re sozu­sa­gen. Im Umkehr­schluss schau­en sie auf all die armen Schlu­cker unter ihren Kol­le­gen her­ab, die dem­zu­fol­ge ent­we­der zu dumm oder zu faul oder bei­des sind.1

Natür­lich gehört zur Selbst­stän­dig­keit kom­pro­miss­lo­ser Ein­satz. Auch ein Gespür für lukra­ti­ve Auf­trä­ge und sol­ven­te Kun­den ist immer von Vor­teil. Aber dazu kommt vor allem: Glück – und die Fähig­keit, ihm nicht im Weg zu ste­hen. Glück bedeu­tet hier, dem Zufall ver­trau­en zu kön­nen und sich von Rück­schlä­gen nicht umwer­fen zu las­sen. Denn auch wenn erfolg­rei­che Selbst­stän­di­ge dies meist ver­ges­sen: man lernt fast aus­schließ­lich aus Feh­lern und Rück­schlä­gen.

Die Kunst der Selbst­stän­dig­keit besteht daher dar­in, eine Balan­ce zu fin­den zwi­schen Erfolgs­wil­len und dem Risi­ko des Schei­terns.

Was braucht man als Technikredakteur?

Wer sich selbst­stän­dig machen möch­te – und da unter­schei­det sich der Tech­nik­re­dak­teur nur wenig von ande­ren Selbst­stän­di­gen, die ohne Ange­stell­te arbei­ten (Taxi­fah­rer, Jour­na­lis­ten, Foto­gra­fen) -, der muss vor allem das Risi­ko abschät­zen kön­nen: Die natur­ge­mäß schwan­ken­de Auf­trags­la­ge führt zu einem schwan­ken­den Kon­to­stand. Die­sem ste­hen aber fes­te Aus­ga­ben gegen­über (Mie­te, Ver­si­che­rung, Betriebs­kos­ten wie Tele­fon oder Fahr­zeug), die regel­mä­ßig für Ebbe in der Kas­se sor­gen.

Man soll­te sich also vor­her ein paar Gedan­ke um fol­gen­de Fra­gen machen:

  • Wie lan­ge kann ich eine Durst­stre­cke durch­ste­hen (mit Aus­ga­ben­dis­zi­plin, Rück­la­gen, Ein­kom­men des Part­ners /​ der Part­ne­rin, …)?
  • Was mache ich, wenn die Durst­stre­cke län­ger anhält (Wer­bung, Umzug, Umschu­lun­gen, …)?
  • Wie unter­schei­de ich zwi­schen einer Durst­stre­cke und einem kurz­fris­ti­gen Auf­trags­loch (viel­leicht jah­res­zeit­lich bedingt)?

Es gibt für den Tech­nik­re­dak­teur aber noch wei­te­re Mög­lich­kei­ten, Rück­schlä­ge abzu­fan­gen:

  1. Spe­zia­li­sie­rung und stän­di­ge Wei­ter­bil­dung in nach­ge­frag­ten Teil­as­pek­te des Berufs: Tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on ist extrem viel­sei­tig – ver­gleich­bar mit Jour­na­lis­mus – und stellt auf­grund des stän­di­gen Wan­dels hohe Ansprü­che an die Fle­xi­bi­li­tät. Pro­zes­se, Tools und Tätig­kei­ten, die noch vor weni­gen Jah­ren als effi­zi­ent gal­ten, sind mitt­ler­wei­le über­holt und ent­spre­chend kaum noch nach­ge­fragt. Das setzt die Bereit­schaft vor­aus, dau­ernd sehr vie­les neu zu ler­nen und zu ver­ar­bei­ten.
  2. Teil­zeit­be­schäf­ti­gung. Klingt für man­che fast schon ehren­rüh­rig, aber auch dies ist durch­aus inter­es­sant für Tech­nik­re­dak­teu­re, die sich das gan­ze Risi­ko einer vol­len Selbst­stän­dig­keit nicht zutrau­en (kön­nen). Das setzt aller­dings vor­aus, dass der Arbeit­ge­ber dies auch zulässt.2
  3. Erfah­rung und Geduld. Das ist die wohl schwie­rigs­te Opti­on, denn sie setzt die Bereit­schaft vor­aus, aus jedem Rück­schlag ler­nen zu wol­len und jeden Feh­ler nur ein­mal machen zu wol­len. Glück­li­cher­wei­se steht bei Feh­lern des Redak­teurs in den sel­tens­ten Fäl­len ein Men­schen­le­ben auf dem Spiel.
  4. Tole­ranz. Neben dem Glück und der Fähig­keit, es zu nut­zen, gehört die Tole­ranz des eige­nen Lebens­um­felds zu den wich­tigs­ten Fak­to­ren der Selbst­stän­dig­keit. Es muss auch dem Umfeld klar sein, dass hier einer ver­sucht, ohne Netz und dop­pel­ten Boden auf einem Seil zu balan­cie­ren. Dass er dazu nicht zusätz­li­chen Leis­tungs­druck benö­tigt, ver­steht sich von selbst. Dass alle bereit sein müs­sen, auf vie­le Annehm­lich­kei­ten wie regel­mä­ßi­ges Ein­kom­men oder gere­gel­te Arbeits­zei­ten zu ver­zich­ten, gehört auch dazu.

Zusammengenommen …

… ist Selbst­stän­dig­keit als Tech­nik­re­dak­teur ein Schritt, der sehr gut und gründ­lich durch­dacht wer­den soll­te. Und zwar nicht allei­ne im stil­len Käm­mer­lein, son­dern mit allen Betrof­fe­nen, die auf vie­le Jah­re hin­aus mit den Unwäg­bar­kei­ten die­ser Art des Brot­er­werbs zurecht­kom­men müs­sen.

Am ande­ren Ende des Seils aber war­tet die Frei­heit eines erfüll­ten und selbst­be­stimm­ten Berufs­le­bens. Meis­tens.


  1. Die­ses Welt­bild schließt oft bestimm­te poli­ti­sche Prä­fe­ren­zen ein, denn wer Erfolg hat – und sei es auch nur beruf­lich – dehnt die­se Erfah­run­gen auf sei­ne Umwelt aus und geht ein­fach davon aus, dass es nur auf die eige­nen Fähig­kei­ten ankommt – ohne zu berück­sich­ti­gen, dass die Nut­zung der­sel­ben eben nicht vom Him­mel gefal­len sind. 

  2. Aller­dings lässt ihm die aktu­el­le Arbeits­markt­si­tua­ti­on kaum eine ande­re Wahl: lie­ber eine Teil­zeit­kraft als gar kei­nen, der die Arbeit macht.