Kommunikationskanal-Arbeit

Der Nass­reis­an­bau in Asi­en hat nicht nur das Über­le­ben von Mil­li­ar­den Men­schen gesi­chert, son­dern auch tie­fe Spu­ren in der gesell­schaft­li­chen Inter­ak­ti­on hin­ter­las­sen. Dar­aus kön­nen auch wir Redak­teu­re etwas ler­nen.

Aus der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie, nicht aus dem Nass­reis­an­bau. Zwar hei­ßen in Deutsch­land die meis­ten Stu­di­en­gän­ge, in denen ange­hen­de Tech­nik­re­dak­teu­re ihr Hand­werk erler­nen, irgend­et­was mit „Redak­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on“, aber die Kom­mu­ni­ka­ti­on, um die es dort geht, bezieht sich meist auf die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Rezi­pi­en­ten der Doku­men­ta­ti­on: es geht dar­um, durch den Redak­teur eine Art von Kom­mu­ni­ka­ti­on (oder zumin­dest Ver­ständ­nis) zwi­schen dem Mensch (Benut­zer) und der Maschi­ne (Pro­dukt) auf­zu­bau­en. Der Redak­teur ver­mit­telt schwie­ri­ge und/​oder kom­ple­xe Sach­ver­hal­te so, dass das Pro­dukt sicher (für den Pro­zess) und gefahr­los (für den Men­schen) benutzt wer­den kann.

Das ist schon schwie­rig genug.

Erstaun­li­cher­wei­se fin­det eine Betrach­tung der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen dem Pro­dukt­ver­ant­wort­li­chen (Pro­gram­mie­rer, Kon­struk­teur, Inge­nieur etc.) und dem Tech­nik­re­dak­teur dabei kaum Beach­tung. Wie der Redak­teur an sei­ne Infor­ma­tio­nen kommt und sie veri­fi­ziert, wird ent­we­der still­schwei­gend vor­aus­ge­setzt oder aber dem Ermes­sen des Ein­zel­nen über­las­sen. Dabei ist es genau die­se Hür­de, die Berufs­an­fän­ger neh­men müs­sen – und vor der auch Redak­teu­re ste­hen, die das Unter­neh­men wech­seln oder als Selbst­stän­di­ge mit häu­fig wech­seln­den Ansprech­part­nern zu tun haben: „Wer lie­fert wann wel­che Infor­ma­ti­on zu wel­chem The­ma? Ist die­se Infor­ma­ti­on voll­stän­dig und kor­rekt?“1 Dies führt zu einer Leer­stel­le im Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess: Der Pro­dukt­ver­ant­wort­li­che weiß nicht, was er ant­wor­ten soll auf eine Fra­ge, von der der Redak­teur nicht weiß, dass er sie stel­len muss.

Dem Pro­blem lässt sich auf zwei Arten bei­kom­men:

  • Tech­nisch: Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le und -vor­ga­ben wer­den ana­ly­siert und fest­ge­legt. Mit wel­cher Tech­nik lässt sich die Infor­ma­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on am effi­zi­en­tes­ten rea­li­sie­ren? Es ist dabei nicht eine ein­zi­ge Tech­nik, die zum Erfolg führt, son­dern ein Bün­del unter­schied­li­cher Kanä­le (Mee­tings, Chats, „Spaces“ (geschlos­se­ne vir­tu­el­le Grup­pen), Tele­fon, E-Mail, …).
  • Orga­ni­sa­to­risch: nicht jeder muss sei­nen Senf zu jedem The­ma abge­ben. Der Pro­dukt­ver­ant­wort­li­che (PO, pro­duct owner) kennt das Pro­dukt (Maschi­ne, Soft­ware, …) gut, hat aber von Publi­ka­ti­ons­ka­nä­len (Druck, Online, …) wenig Ahnung. Das muss er auch nicht. Der Redak­teur kennt dafür den nach­ge­la­ger­ten Über­set­zungs­pro­zess und das Ter­mi­no­lo­gie­ma­nage­ment nicht. Soll­te er aber.

Wie funktioniert denn das beim Nassreisanbau?

Wie beim Nass­reis­an­bau ist der Ertrag (bzw. Erfolg) am Ende immer auf die Zusam­men­ar­beit und Abstim­mung aller Betei­lig­ten zurück­zu­füh­ren. Wird zu viel geflu­tet oder zu spät gewäs­sert, lei­det die Ern­te, denn Nass­reis­an­bau funk­tio­niert über ein aus­ge­klü­gel­tes Sys­tem aus feld­ähn­li­chen Mul­den. Die­se sind durch Kanä­le mit­ein­an­der ver­bun­den und müs­sen in bestimm­ten Inter­val­len geflu­tet und tro­cken­ge­legt wer­den. Da die­se Anbau­tech­nik zum einen von einer gemein­sa­men Was­ser­quel­le abhängt und auch das Set­zen im knö­chel­tie­fen Was­ser eine Gemein­schafts­ak­ti­on dar­stellt, war frü­her meist das gesam­te Dorf betei­ligt, damit jeder für sein Reis­feld zum rich­ti­gen Zeit­punkt die aus­rei­chen­de Men­ge Was­ser bezie­hen konn­te und sowohl für das Set­zen als auch die Ern­te auf die Mit­ar­beit aller ange­wie­sen war und ent­spre­chend bei­tra­gen muss­te. Man muss­te sich daher bereits vor der Sai­son auf eine Bewäs­se­rungs­stra­te­gie und Rei­hen­fol­ge fest­le­gen, um den Erfolg am Ende der Sai­son zu gewähr­leis­ten. Nass­reis­an­bau ist bis in die heu­ti­ge Zeit Gemein­schafts­ar­beit.2

Jetzt ist es natür­lich leicht, hier die asia­ti­schen Dorf­struk­tu­ren zu ver­klä­ren als idio­syn­kra­ti­sche Grup­pen, die „mit einer Stim­me spre­chen“ und in der alle das Glei­che den­ken. Das ist Unsinn. Kon­flik­te und Unei­nig­keit sind Teil des Men­schen – zu jeder Zeit und über­all. Wenn aller­dings das Über­le­ben davon abhängt, ver­schie­ben sich die Prio­ri­tä­ten …

Kanalisationsregeln

Ent­schei­dend ist weni­ger die „Gleich­schal­tung“ der Grup­pe (jeder Pro­jekt­lei­ter kann bestä­ti­gen, dass hete­ro­ge­ne Grup­pen wesent­lich erfolg­rei­cher sind als homo­ge­ne Grup­pen), als viel­mehr die Regeln, mit denen der Erfolg für alle am wahr­schein­lichs­ten ist. Je bes­ser das Gleich­ge­wicht zwi­schen den Kennt­nis­sen und Ansprü­chen des Ein­zel­nen und denen der Grup­pe gefun­den wird, des­to grö­ßer sind die Aus­sich­ten auf Erfolg – und des­to grö­ßer ist die Wahr­schein­lich­keit, dass der Erfolg repro­du­zier­bar ist.

Was bedeu­tet das in der Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on?

An die­ser Stel­le gehe ich nicht auf die Tri­via­li­tät ein, dass nicht jeder zu jedem Punkt im Pro­zess das glei­che Mit­spra­che­recht hat. Umge­kehrt heißt das aber auch, dass Fest­le­gun­gen, die mit den jeweils Ver­ant­wort­li­chen getrof­fen wer­den, auch von die­sen ver­ant­wor­tet wer­den müs­sen: Der Tech­nik­re­dak­teur muss sich nicht dem Inge­nieur gegen­über recht­fer­ti­gen dafür, dass die Mar­ke­ting­ab­tei­lung ein zwei­spal­ti­ges Lay­out möch­te. Und der Pro­dukt­ver­ant­wort­li­che ist auch nicht dafür da Tex­te zu über­set­zen. Die­se Fest­le­gun­gen müs­sen aber bereits zu Beginn einer Doku­men­ta­ti­ons­auf­ga­be fest­ste­hen. Spä­ter, wenn Ter­min­druck hin­zu­kommt, sind Ände­run­gen nicht nur sehr auf­wän­dig, son­dern auch feh­ler­an­fäl­lig. – Und wenn wäh­rend des Doku­men­ta­ti­ons­pro­zes­ses durch Urlaub und Krank­heit plötz­lich wei­te­re Infor­ma­ti­ons­lü­cken ent­ste­hen, kann der gesam­te Doku­men­ta­ti­ons­pro­zess ins Sto­cken gera­ten.

Kal­ter Kaf­fee, das weiß jeder.

Ein genau­so wich­ti­ger Schritt zu Beginn des Pro­zes­ses ist die Fest­le­gung der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le. Oft wird näm­lich (zumin­dest in Deutsch­land und dem klas­si­schen Maschi­nen­bau) davon aus­ge­gan­gen, dass der gesam­te Infor­ma­ti­ons­aus­tausch per E-Mail und Tele­fon erfolgt. Das ist erfah­rungs­ge­mäß oft nicht ange­mes­sen. Stel­len­wei­se geht es zwar wirk­lich nicht anders, da in man­chen Unter­neh­men der E-Mail-Ver­kehr eigent­lich nur eine Ver­schrift­li­chung des „Flur­funks“ dar­stellt („Gabi aus dem drit­ten Stock hat­te Geburts­tag und Kuchen mit­ge­bracht…“), aber zwangs­läu­fig ist das nicht. Über das E-Mail-Sys­tem lau­fen näm­lich alle Gesprä­che, Kom­men­ta­re und mehr oder weni­ger hel­len Gedan­ken­blit­ze und dro­hen dadurch, die wesent­li­chen Infor­ma­tio­nen zum Pro­dukt oder zur Ter­mi­nie­rung zu erdrü­cken.

Hier hel­fen nicht E-Mail-Regeln, son­dern zunächst die Fra­ge, ob sich die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le tren­nen las­sen: bei­spiels­wei­se, indem der Flur­funk über ein Chat­sys­tem läuft (Sky­pe, Slack, Yam­mer, …), der Daten­aus­tausch über einen vir­tu­el­len Grup­pen­raum, in dem der Zugriff gesteu­ert wer­den kann, die Pro­dukt­kom­mu­ni­ka­ti­on („Wie wird die Abla­ge befes­tigt?“) über E-Mail und die schnel­le Ter­min­ab­spra­che („Kön­nen sie am Mon­tag vor­bei­kom­men? Ich schi­cke Ihnen dann eine Kalen­der­ein­la­dung!“) per Tele­fon.

Wor­auf man sich einigt, hängt von zahl­rei­chen Fak­to­ren ab (wie auch von den Kennt­nis­sen im Umgang mit dem ent­spre­chen­den Pro­gramm oder der Ein­wil­li­gung der IT-Abtei­lung), auf jeden Fall einigt man sich aber bevor man mit der redak­tio­nel­len Arbeit beginnt. Sonst ver­sumpft näm­lich ein Reis­feld, wäh­rend das ande­re aus­trock­net …

Das fol­gen­de State­ment dazu soll­te eigent­lich jeden Redak­teur zum Über­den­ken der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie und -kanä­le füh­ren:

(K15t)


Bild­quel­le: Rice pro­duc­tion in Indo­ne­sia /​ Wiki­pe­dia


  1. Nie­mand unter­stellt einem Pro­dukt­ver­ant­wort­li­chen, dass er die Unwahr­heit sagt, aber auch er kann nicht beur­tei­len, wel­che Infor­ma­tio­nen in der gefor­der­ten Doku­men­ta­ti­on wich­tig sind, wel­che Infor­ma­tio­nen der Redak­teur benö­tigt und wel­che er über­haupt ver­ar­bei­ten kann. 

  2. Die­se Not­wen­dig­keit hat­te auch Fol­gen für das Sozi­al­ver­hal­ten: man war als Grup­pe immer auf den gemein­sa­men Erfolg ange­wie­sen, Kon­flik­te und per­sön­li­che Vor­lie­ben muss­ten dahin­ter zurück­ste­hen. „Indi­vi­dua­lis­mus“ als Beto­nung der Ansprü­che, Ver­ant­wor­tung und Pflich­ten eines Ein­zel­nen waren bis zur Indus­tria­li­sie­rung Ende des 19. Jahr­hun­derts in Asi­en kein Begriff.