Auf Kollisionskurs

End­lich erobern sich Stan­dar­di­sie­rung und Modu­la­ri­sie­rung in der Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on den ihnen gebüh­ren­den Platz. Das immer noch weit ver­brei­te­te „Copy & Pas­te“ gan­zer Doku­men­ta­tio­nen ein­schließ­lich des anschlie­ßen­den Auf­wands ver­liert. End­lich.

In den letz­ten Jah­ren ver­lie­ren die klas­si­schen Publi­ka­ti­ons­me­tho­den in der tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on zuneh­mend an Boden: Wer heu­te noch sei­ne zuneh­mend kom­ple­xe­ren Infor­ma­tio­nen auf die tra­di­tio­nel­le Wei­se her­stellt, indem er erst eine Doku­men­ta­ti­on für ein Pro­dukt auf­baut und die­ses dann ver­viel­fäl­tigt und anpasst, der wird schon nach kur­zer Zeit mit explo­die­ren­den Kos­ten bestraft: jedes Doku­ment wird nach der Anpas­sung neu über­setzt, jede Anpas­sung muss nach­voll­zo­gen wer­den, jede Ände­rung der Spe­zi­fi­ka­ti­on zieht stän­di­ge Anpas­sun­gen in allen wei­te­ren betrof­fe­nen Doku­men­ten nach sich. Eine 1:n-Beziehung zwi­schen der Pro­duk­tän­de­rung und der Doku­mentan­pas­sung ist damit unaus­weich­lich – mit allen Kon­se­quen­zen bei Per­so­nal­auf­wand und Feh­ler­häu­fig­keit.

Denn im Gegen­satz zur Tat­sa­che, dass der deut­sche Son­der­ma­schi­nen­bau hoch­gra­dig fle­xi­bel auf Kun­den­wün­sche reagie­ren kann, weil er nur Ein­zel­an­fer­ti­gun­gen pro­du­ziert, schreibt man auch dort nicht jedes­mal die Doku­men­ta­ti­on neu, son­dern nutzt – per Copy & Pas­te – bereits vor­han­de­ne Doku­men­ta­ti­ons­bau­stei­ne: Hier ein Abschnitt, dort ein Bild oder eine Tabel­le. Und die Fir­men­adres­se ist sowie­so gleich bis auf die neue Tele­fon­num­mer …

Der Son­der­ma­schi­nen­bau ist nur das Extrem­bei­spiel, denn selbst dort zeigt die Erfah­rung, dass kein Mensch das Rad ger­ne zwei­mal erfin­det und sich der betriebs­wirt­schaft­li­che Gewinn erheb­lich ver­bes­sert, wenn man durch Wie­der­ver­wen­dung von Bau­tei­len in eine Klein­se­ri­en­fer­ti­gung über­geht, die nur an vor­her defi­nier­ten Stel­len anpass­bar ist.

Warum macht man das dann nicht in der Dokumentation auch?

Das macht man auch, und zwar zuneh­mend mit Redak­ti­ons­sys­te­men oder ande­ren Werk­zeu­gen, die eine Modu­la­ri­sie­rung und Wie­der­ver­wen­dung von Infor­ma­ti­ons­mo­du­len ermög­li­chen. Aus­ge­hend von den glei­chen Über­le­gun­gen wie bei der Pro­duk­ti­on, dass näm­lich die Pro­duk­te modu­lar auf­ge­baut sind, wird mit Redak­ti­ons­sys­te­men die­se Modu­la­ri­tät nach­emp­fun­den.1

 

Schweres Gerät für große Projekte

Redak­ti­ons­sys­te­me sind wie Sat­tel­schlep­per: es gibt fast nichts, was man mit ihnen nicht ver­ar­bei­ten kann. Sie trans­por­tie­ren Infor­ma­tio­nen jeder Grö­ße auf jedem Weg zum Nut­zer. Zuver­läs­sig. Aller­dings nicht bil­lig und „mal eben so“, denn sie erfor­dern einen rela­tiv gro­ßen Pla­nungs­auf­wand zur Struk­tu­rie­rung der Infor­ma­ti­on (sie­he auch Redak­ti­ons­sys­te­me: Lei­dens­druck oder Knopf­druck?) eben­so wie zur Ein­ar­bei­tung und Pfle­ge. Sie sind lang­fris­tig immer eine Opti­on, wenn Infor­ma­tio­nen dro­hen, durch stän­di­ge Anpas­sun­gen, hohe Pro­dukt­va­ri­anz, Glo­ba­li­sie­rung und Pfle­ge­auf­wand unter die Räder zu gera­ten. Pro­jek­te sind nicht des­halb „groß“, weil sie vie­le Sei­ten (auch im über­tra­ge­nen Sinn) besit­zen, son­dern weil zahl­rei­che Fak­to­ren zum Gelin­gen bei­tra­gen müs­sen – Fak­to­ren, die nur zu einem gerin­gen Teil mit dem Pro­dukt selbst zu tun haben.

Es gibt aber einen wei­te­ren Aspekt, der – und hier passt das Bild auch – nicht zwangs­läu­fig aus einer viel­sei­ti­gen, ska­lier­ba­ren und pfle­ge­leich­ten Doku­men­ta­ti­on auch eine gute Doku­men­ta­ti­on macht: Redak­ti­ons­sys­te­me sind näm­lich eine tech­ni­sche Lösung für ein betriebs­wirt­schaft­lich-tech­ni­sches Pro­blem. Dem Nut­zer der Doku­men­ta­ti­on ist es weit­ge­hend egal, ob und mit wel­chem Redak­ti­ons­sys­tem sei­ne Infor­ma­ti­on erstellt und pro­du­ziert wur­de – der Nut­zer will die rich­ti­ge Infor­ma­ti­on zum rich­ti­gen Zeit­punkt („Wie quit­tie­re ich eine Feh­ler­mel­dung an mei­ner Maschi­ne?“ – „Wo schlie­ße ich mei­nen Bea­mer an?“ – „War­um kann ich das Bat­te­rie­fach an mei­ner Kame­ra nicht öff­nen?“). Hier besit­zen Redak­ti­ons­sys­te­me eine sys­tem­im­ma­nen­te Schwach­stel­le: sie sind auf die effi­zi­en­te Mas­sen­pro­duk­ti­on aus­ge­legt, nicht auf die indi­vi­dua­li­sier­te Infor­ma­ti­ons­ver­mitt­lung.

Wenn Tech­nik­re­dak­teu­re vom „Nut­zer“ im Sin­gu­lar spre­chen, ist damit eigent­lich immer eine Ziel­grup­pe gemeint, die der Redak­teur sich selbst vor­stellt oder auf die sich die Redak­ti­on geei­nigt hat. Dazu leis­ten Redak­ti­ons­sys­te­me einen uner­setz­li­chen Bei­trag, indem sie auf strik­te Kon­sis­tenz ach­ten. Ob Ter­mi­no­lo­gie oder Satz­bau, ob Über­set­zungs­kon­gru­enz oder Lay­out – der Redak­teur kann (und darf) nichts selbst „indi­vi­dua­li­sie­ren“.

Das ist gut für die Doku­men­ta­ti­on und die Kos­ten, aber ist es auch gut für den Nut­zer?

Der Nut­zer sieht ja nicht, dass sein Doku­ment in 24 Spra­chen auf allen Kon­ti­nen­ten mit der iden­ti­schen Infor­ma­ti­on zur Ver­fü­gung steht, er hat nur ein Pro­dukt und ein Doku­ment. Er weiß nichts vom hohen logis­ti­schen Auf­wand, der dahin­ter steckt, die von ihm vor­aus­sicht­lich benö­tig­te Infor­ma­ti­on („Hei­ße Ober­flä­che! Fin­ger weg!“) ver­ständ­lich und situa­tiv pas­send bereit­zu­stel­len.

Das soll er auch nicht.

Der Auf­wand zur Indi­vi­dua­li­sie­rung muss aber teil­wei­se getrie­ben wer­den, vor allem, wenn es sich um End­be­nut­zer-Pro­duk­te han­delt, also Pro­duk­te, für die kein Fach­wis­sen erfor­der­lich ist. Denn wäh­rend sich der Tech­nik­re­dak­teur im Maschi­nen- und Anla­gen­bau dar­auf ver­las­sen kann, dass sei­ne beschrie­be­nen Pro­duk­te nur von „Fach­per­so­nal“ benutzt wer­den, hat er es im pri­va­ten Bereich mit Lai­en zu tun. Lai­en, die nicht wis­sen, in wel­che Rich­tung man eine Schrau­be dre­hen muss, um sie zu lösen. Lai­en, die nicht wis­sen, dass man ein elek­tro­ni­sches Gerät nicht unter dem Was­ser­hahn rei­nigt oder den Hams­ter in der Mikro­wel­le trock­net. Das ist nicht Des­in­ter­es­se, das ist ein­fach die Begrenzt­heit des mensch­li­chen Ver­stands – so wie auch hoch­be­zahl­te Inge­nieu­re Pro­ble­me damit haben kön­nen, sich ein Rezept für Hefe­teig zu mer­ken.

Auf der anderen Seite

Der hoch­gra­dig effi­zi­en­ten Doku­men­ta­ti­ons­er­stel­lung mit zahl­rei­chen Publi­ka­ti­ons­ka­nä­len, einem Stab an Spe­zia­lis­ten, Exper­ten und aus­ge­klü­gel­ten Pro­zes­sen steht ein ein­fa­cher Nut­zer gegen­über, der ein­fach nur wis­sen will, wo der blö­de Ein­schalt­knopf ist.

Es ist eine sel­te­ne und nicht gera­de leich­te Kunst, den ver­meint­lich tri­via­len Ansprü­chen eines Nut­zers mit einem Redak­ti­ons­sys­tem bei­zu­kom­men, das dafür eigent­lich nicht gemacht ist. Es kos­tet einen enor­men Auf­wand, die­ses Kunst­stück zu bewerk­stel­li­gen, sowohl kon­zep­tio­nell als auch inhalt­lich.

Die­sen Auf­wand kann sich aber nicht jeder Pro­du­zent leis­ten, denn zu den Kos­ten für ein Redak­ti­ons­sys­tem und den Schu­lun­gen sowie Anpas­sun­gen der Tech­nik kommt der kon­zep­tio­nel­le und inhalt­li­che Auf­wand für die „Indi­vi­dua­li­sie­rung“ dazu. Berech­tig­ter­wei­se stellt sich dadurch die Fra­ge, ob sich ein Redak­ti­ons­sys­tem in einem sol­chen Fall über­haupt lohnt – oder ob es nicht auch „eine Num­mer klei­ner“ auch geht. Damit spart man sich dann zwar nicht den kon­zep­tio­nel­len und inhalt­li­chen Auf­wand, aber zumin­dest die Kos­ten für die Ein­füh­rung und Pfle­ge eines Redak­ti­ons­sys­tems.

Das Dilem­ma „Geld oder Nut­zer“ lässt sich nur im Ein­zel­fall besei­ti­gen – und auch dann nur tem­po­rär. Denn der Nut­zer steht da wie eine Fels­wand, auf die ein Fahr­zeug zufährt. Er lässt sich nicht ver­schie­ben oder ändern. Den Scha­den hat immer das Fahr­zeug – egal wie groß es ist.


  1. Sie kann nicht iden­tisch sein, auch wenn Pro­dukt­ma­na­ger das manch­mal den­ken, da die Bau­tei­le und ihre Ein­bin­dung in das Gesamt­sys­tem „Pro­dukt“ nicht deckungs­gleich sind mit der jeweils vor­han­de­nen Infor­ma­ti­on und ihrer Ver­wen­dung im Gesamt­sys­tem „Doku­men­ta­ti­on“.