Wer kennt sie nicht, die alten Hau­de­gen des Com­pu­ter­zeit­al­ters, die sich dar­über freu­en, dass sie mit ihren Ata­ri ST noch genau­so vie­le Sachen machen kön­nen wie so man­cher „jun­ge Hüp­fer“ mit sei­nem iPho­ne? Oder die Pro­fis aus den IT-Abtei­lun­gen, die auch zu Hau­se ihre Brow­ser­ein­stel­lun­gen erst dann updaten, wenn die Prü­fungs­läu­fe im Unter­neh­men den neu­es­ten Sicher­heits-Patch acht Mona­te nach sei­nem Erschei­nen frei­ge­ben? Sicher ist sicher.

Schon rich­tig: vor allem, wenn es sich um „Pro­duk­tiv­sys­te­me“ han­delt, also bei Kom­bi­na­tio­nen aus Hard­ware und Soft­ware mit eta­blier­ten Pro­zes­sen, von denen der Brot­er­werb abhängt, soll­te man mit Aktua­li­sie­run­gen vor­sich­tig sein. Denn meist genügt in die­sem Sys­tem die Ände­rung eines Soft­warebau­steins (Trei­ber unter Win­dows sind da berüch­tig­te Kan­di­da­ten), um das gesam­te Pro­duk­tiv­sys­tem in sei­ne Ein­zel­tei­le zer­fal­len zu las­sen. Dann funk­tio­niert plötz­lich nichts mehr, weder Dru­cker noch Scan­ner, selbst wenn bei­de gar nichts mit der Aktua­li­sie­rung oder dem Pro­zess zu tun hat­ten. Dann ver­bringt man Tage (und oft auch die dazu gehö­ri­gen Näch­te) damit, ent­we­der den Aus­gangs­zu­stand wie­der­her­zu­stel­len oder alle Soft­warebau­stei­ne zu aktua­li­sie­ren und anschlie­ßend den Pro­zess zu modi­fi­zie­ren. Das ist extrem ärger­lich und führt meist dazu, dass man Aktua­li­sie­run­gen scheut wie der Teu­fel das Weih­was­ser und sich über die Soft­ware­her­stel­ler ärgert.

Systeme

Dabei reagie­ren die­se meist auf eine Sicher­heits­lü­cke oder eine Not­wen­dig­keit des Markts, ihre Soft­ware zu modi­fi­zie­ren und zu erwei­tern. Beliebt sind in die­ser Hin­sicht die „Cloud“-Dienste, mit denen mitt­ler­wei­le fast alle Soft­ware­her­stel­ler ihre Pro­duk­te auf­rüs­ten – selbst wenn es Anwen­der gibt, die den­ken, dass gar nicht benö­ti­gen und des­we­gen auch gar nicht wol­len1

Nun soll­te man sich als Anwen­der aber von zwei Vor­stel­lun­gen tren­nen:

  1. Die Her­stel­ler wol­len mich abzo­cken. Her­stel­ler ver­die­nen natür­lich Geld damit, dass sie Pro­duk­te nicht nur her­stel­len, son­dern auch ver­kau­fen. Sie reagie­ren auf Trends und Anfor­de­run­gen der Ver­brau­cher – meist inter­na­tio­nal – und ihrer Ziel­grup­pen. Wenn man selbst nicht zu der Ziel­grup­pe gehört, ist das kei­ne Bös­wil­lig­keit der Her­stel­ler, trotz­dem die aktu­el­le Ver­si­on des Pro­dukts ange­bo­ten zu bekom­men. Man muss es nicht kau­fen, gerät aber dadurch mög­li­cher­wei­se in die Gefahr, auf aktu­el­le Anfor­de­run­gen auch nicht mehr reagie­ren zu kön­nen. Man hat halt altes Werk­zeug und ver­bringt mit­un­ter Soft­ware viel Zeit damit, neue­re Datei­for­ma­te auf das eige­ne alte For­mat „her­un­ter­zu­zie­hen“. Das kann auch bedeu­ten, dass man ange­schlos­se­ne neue Hard­ware nicht mehr nut­zen kann.
  2. Die Her­stel­ler steh­len mei­ne Zeit. Eine Aktua­li­sie­rung (beson­ders bei Betriebs­sys­te­men) hat aber noch einen wesent­lich trif­ti­ge­ren Grund: Es tre­ten stän­dig neue Sicher­heits­ri­si­ken auf, auf die Sys­tem­her­stel­ler reagie­ren müs­sen (aktu­ell: „Spect­re“ und „Melt­down“), damit nicht die Com­pu­ter ihrer Käu­fer von Schad­soft­ware befal­len wer­den.2 Die­se Aktua­li­sie­run­gen neh­men mitt­ler­wei­le einen so hohen Rang ein, dass die Her­stel­ler ihre Käu­fer gera­de­zu nöti­gen, die aktu­el­len Aktua­li­sie­run­gen zu über­neh­men. Selbst wenn man also das Glück hat­te, noch nicht eines der zahl­rei­chen Schad­pro­gram­me ein­zu­fan­gen – wenn es soweit ist, ist es zu spät. Und die bes­te Vor­beu­gung ist tat­säch­lich, das Sys­tem auf dem neu­es­ten Stand zu hal­ten.3

Man soll­te die Aktua­li­sie­run­gen der Pro­gram­me und vor allem des Betriebs­sys­tems mehr wie eine Ver­si­che­rung ver­ste­hen: Man bezahlt jetzt für einen Fall, von dem man hofft, dass er nicht ein­tritt. In bei­den Fäl­len kann es rich­tig teu­er wer­den, wenn man zu spät damit anfängt…

Prozesse

Auch wenn die­ses The­ma mehr die Selbst­stän­di­gen und weni­ger die Heim­an­wen­der betrifft, sieht es bei eta­blier­ten Pro­zes­sen (z.B. Steu­er­erklä­run­gen oder Dru­cker- und Netz­werk­ein­stel­lun­gen) nicht anders aus: natür­lich ist es läs­tig, wenn Abläu­fe auf­grund von Soft­ware-Aktua­li­sie­run­gen nicht mehr wie gewohnt funk­tio­nie­ren. Ande­rer­seits bie­tet sich dadurch viel­leicht auch eine Gele­gen­heit, die­se Pro­zes­se auf ihre Zukunfts­taug­lich­keit hin abzu­klop­fen. Denn wenn Pro­zes­se nur mit alter Soft­ware funk­tio­nie­ren, hat man mög­li­cher­wei­se Opti­mie­rungs­po­ten­zi­al über­se­hen. Gera­de die oft nur skep­tisch beäug­ten Cloud-Diens­te kön­nen näm­lich man­che Pro­zes­se nicht nur erleich­tern, son­dern auch beschleu­ni­gen. Denn selbst für Heim­an­wen­der ist es oft nicht der opti­ma­le Zeit­ver­treib, dem Com­pu­ter beim Dre­hen von Fotos einer Serie aus dem letz­ten Urlaub zuzu­schau­en, weil er pro Bild 2 Minu­ten benö­tigt – und es kom­men noch 500 Bil­der…

Und ja: die wenigs­ten Benut­zer rei­zen die Mög­lich­kei­ten der Hard­ware und Soft­ware aus, die aktu­el­le Sys­te­me bie­ten. Des­we­gen aller­dings die alten Rüben zu behal­ten, weil sie das immer noch kön­nen, was man benö­tigt, ist der fal­sche Ansatz, denn ein aktu­el­les Sys­tem wäre viel­leicht siche­rer und ent­span­nen­der.4

Kurz: Kei­ne aktu­el­le Soft­ware oder Hard­ware zu benut­zen, kann mehr Scha­den und Frus­tra­ti­on erzeu­gen als man mög­li­cher­wei­se Geld spart. Es darf auch eine Num­mer klei­ner sein – nur eini­ger­ma­ßen aktu­ell muss es sein. Sonst freu­en sich nur die ande­ren…


  1. Das sind oft auch die­je­ni­gen, die nur weni­ge Mona­te spä­ter nach einem Fest­plat­ten­crash froh dar­über sind, dass ihre Bil­der, Kon­tak­te oder E-Mails irgend­wo auto­ma­tisch in der Cloud gespei­chert wur­den. – Mit einem vor­schnel­len „Das brau­che ich alles nicht!“ soll­te man sich des­we­gen lie­ber zurück­hal­ten… 

  2. Eine ganz per­fi­de Schad­soft­ware ist die so genann­te „Ran­som­ware“, mit der man eine Fest­plat­te des arg­lo­sen Anwen­ders sper­ren kann und erst gegen Löse­geld („Ran­som“) wie­der frei­gibt. Das kann jeden tref­fen, der ger­ne auf „set­up“ klickt. 

  3. Dum­mer­wei­se kann aber gera­de die Aktua­li­sie­rung eines Betriebs­sys­tems dazu füh­ren, dass die dar­auf instal­lier­ten Pro­gram­me und alle dar­auf auf­bau­en­den Pro­zes­se nicht mehr lau­fen. Dann wird aus dem Update des Betriebs­sys­tems eine Aktua­li­sie­rung aller Pro­gram­me. Das ist zeit­auf­wän­dig und ner­vig, vor allem, wenn man selbst ja (noch) nicht betrof­fen ist. 

  4. Oft bringt auch ein „Down­si­zing“ der Hard­ware mehr als eine Selbst­kas­tei­ung mit alter Hard- und Soft­ware: statt eines aus­ge­wach­se­nen Com­pu­ters und eines Moni­tors mit Maus und Tas­ta­tur bie­ten selbst nor­ma­le Tablets in Punk­to Betriebs­si­cher­heit und Leis­tung noch weit mehr als so man­cher „Boli­de“ aus dem letz­ten Jahr­zehnt.