In der Com­pu­ter­welt – und damit in allen Berei­chen des Lebens, in die eine elek­tro­ni­sche Daten­ver­ar­bei­tung jeg­li­cher Form ein­greift – gel­ten drei Jah­re als eine Gene­ra­ti­on. In die­ser kur­zen Zeit­span­ne ver­dop­pelt sich etwa die Leis­tungs­fä­hig­keit der Hard­ware. Und die Soft­ware hält Schritt. Es ist daher nicht so, dass es wenig Soft­ware für Tablets gibt, nur weil die Din­ger noch ver­gleichs­wei­se neu sind. Es ist auch durch­aus ver­ständ­lich, dass die rasan­te Ent­wick­lung selbst für Jün­ge­re nicht mehr nach­zu­voll­zie­hen ist.

Aber sie fin­det statt.

Jahr­zehn­te­lang hat man sich mit den begrenz­ten Mög­lich­kei­ten abge­fun­den, hat Excel miss­braucht, um Ter­mi­ne zu pla­nen und in Power­Point gemalt, um Kon­zep­te zu visua­li­sie­ren, hat E-Mails mit Word geschrie­ben und sie dann als E-Mail-Anhang ver­schickt, obwohl die fünf Zei­len Text auch direkt in die Nach­richt gepasst hätten…

Und die Mög­lich­kei­ten waren ja nicht nur begrenzt im Hin­blick auf Apps, son­dern auch im Hin­blick auf die Erreich­bar­keit der Hard­ware: so bequem und augen­scho­nend es auch sein mag, mit zwei Bild­schir­men an einem gut aus­ge­leuch­te­ten Arbeits­platz zu arbei­ten, die gedank­li­che Leis­tungs­be­reit­schaft lässt sich dar­auf nicht beschränken.

In einem häu­fi­ger zitier­ten Inter­view vor 27 Jah­ren äußer­te sich ein jun­ger Ste­phen P. Jobs über die Aus­sich­ten und die Bedeu­tung der Com­pu­ter für die mensch­li­che Ent­wick­lung, indem er sie mit der Effi­zi­enz ver­glich, die eine Fort­be­we­gung mit Fahr­rad habe:

I think one of the things that real­ly sepa­ra­tes us from the hig­her pri­ma­tes is that we’re tool buil­ders. I read a stu­dy that mea­su­red the effi­ci­en­cy of loco­mo­ti­on for various spe­ci­es on the pla­net. The con­dor used the least amount of ener­gy to move a kilo­me­ter. … And a man on a bicy­cle com­ple­te­ly blew the con­dor away, com­ple­te­ly off the top of the chart. And that’s what a com­pu­ter is to me. What a com­pu­ter is to me, is it’s the most remar­kab­le tool that we’ve ever come up with. It’s the equi­va­lent of a bicy­cle for our minds.

And we are just at the very beginning…

Man kann sich natür­lich treff­lich über die Ana­lo­gie strei­ten (und sie ist auch nicht kor­rekt), aber der letz­te Teil des Inter­views hat sich als bemer­kens­wert weit­sich­tig erwie­sen: Wir ste­hen gera­de erst ganz am Anfang einer (nicht auf­zu­hal­ten­den) Ent­wick­lung, bei der die Über­gän­ge von Tech­nik, Soft­ware und mensch­li­chem Den­ken zuneh­mend verschwimmen.

So wie bei den Tablets und Smart­pho­nes die Tren­nung zwi­schen den Ein­ga­be­ge­rä­ten und dem Com­pu­ter selbst ver­schwin­det, die Schnitt­stel­len­pro­ble­ma­tik („Ich habe gera­de nicht den pas­sen­den Adap­ter für den Dru­cker­an­schluss!“) eigent­lich der Ver­gan­gen­heit ange­hört, und der Daten­aus­tausch kein wirk­li­ches Pro­blem mehr dar­stellt1, so rücken auch die Gerä­te dem Men­schen immer näher. Das kann man ableh­nen oder igno­rie­ren – auf­hal­ten kann man es nicht.2

Von die­sen Ver­än­de­run­gen pro­fi­tiert auch der Tech­ni­sche Redak­teur, denn so wie sich die Anfor­de­run­gen ändern, so ändern sich auch die Pro­zes­se, die­sen Anfor­de­run­gen gerecht zu wer­den. Man muss gar nicht mal so weit gehen, um ein Anwen­dungs­sze­na­rio zu fin­den, dem sich Tech­ni­sche Redak­teu­re zuneh­mend stel­len müssen.

HTML5 und Wireframes

Kei­ne Panik.

Kein Tech­ni­scher Redak­teur muss HTML beherr­schen oder sich mit den Fein­hei­ten der CSS aus­ken­nen, geschwei­ge denn Java­Script beherr­schen oder wis­sen, wie man Web­fonts einbindet.

Aber er muss wis­sen, dass auf kurz oder lang sei­ne Doku­men­ta­ti­on auch auf Tablets und Smart­pho­nes gele­sen wer­den wird – und zwar mit allen Funk­tio­na­li­tä­ten – und nicht mehr nur als „dum­me“ PDF zum Down­load und Druck ange­bo­ten wer­den soll. Die Anfor­de­run­gen stei­gen. Auch an die Tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on. Neben der inhalt­li­chen und struk­tu­rel­len Über­ar­bei­tung („Müs­sen es 12-spal­ti­ge Tabel­len sein?“ – „Wozu brau­chen wir 6 Über­schrif­ten­hier­ar­chi­en?“) kommt auch die Fra­ge auf ihn zu, wie die Doku­men­ta­ti­on dann auf den End­ge­rä­ten erschei­nen soll, damit sie auch wirk­lich benutz­bar ist. Denn Mobil­ge­rä­te haben eben nicht nur ein Sei­ten­for­mat oder fest­ge­leg­te Sei­ten­ver­hält­nis­se, son­dern pro Bild­schirm zwei Dreh­rich­tun­gen, an die sich der Inhalt anpas­sen muss.

Das muss bedacht wer­den, wenn man eine Doku­men­ta­ti­on plant:

  • Die dar­ge­stell­ten Objek­te sind auf unter­schied­li­chen Bild­schir­men mög­li­cher­wei­se unter­schied­lich angeordnet.
  • Die dar­ge­stell­ten Objek­te sind mög­li­cher­wei­se unter­schied­lich voll­stän­dig (z.B. Navi­ga­ti­on wird im Quer­for­mat voll­stän­dig als Lis­te ange­zeigt, im Hoch­for­mat aber nur als Icon).
  • Die Über­schrif­ten sind mög­li­cher­wei­se zu lang für die Navi­ga­ti­on – aber nur auf Smartphones.
  • Die Lade­zei­ten hän­gen vom Netz­werk ab, das vor Ort zur Ver­fü­gung steht (GPRS? LTE? WLAN?).
  • Hoch­auf­lö­sen­de Bild­schir­me brau­chen hoch­auf­lö­sen­de Gra­fi­ken, die wie­der­um zu gro­ßen Datei­en und lan­gen Lade­zei­ten führen.
  • Wie groß ist die Schrift? Wie groß sind die Icons?
  • Wie­viel Platz wird für Funk­tio­nen benö­tigt (Navi­ga­ti­on, Scrol­len, Suche, …)?
  • Wie wird das Gerät gehal­ten oder befes­tigt? Wer­den dadurch Funk­tio­nen ver­deckt oder ver­se­hent­lich ausgelöst?

Die Lis­te lässt sich noch lan­ge fortsetzen.

Um aber einen Ein­druck von der Pro­ble­ma­tik zu bekom­men, ist es fast unaus­weich­lich, sich ein „Wire­frame“ zu erstel­len, also einen Dum­my ohne Funk­ti­on und ohne Inhalt. Mit dem Wire­frame lässt sich auch die Usa­bi­li­ty durch­spie­len, die Bedie­nung erah­nen und die Schwie­rig­kei­ten, auf die ein Benut­zer stößt. Der größ­te Vor­teil der Wire­frames: Dazu muss man kei­ne ein­zi­ge Zei­le Code schrei­ben – im Gegen­teil. Man kann dem Pro­gram­mie­rer sehr gut ver­mit­teln, was er bei der Ent­wick­lung des Mock­ups und des Tem­pla­tes berück­sich­ti­gen muss – und was der Redak­teur dann beim Befül­len mit Inhal­ten wis­sen muss. Dies spart enor­men Auf­wand bei der Nach­bes­se­rung.3

OmniGraffle

Ein Werk­zeug, dass für Pla­nung und Kon­zep­ti­on einer Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on fast schon ele­men­tar ist, steht auch auf einem iOS-Gerät zur Ver­fü­gung: Omni­Graff­le.4

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Der Beginn eines Wire­frames für ein Tablet im Querformat.

Das Tem­pla­te für ein Wire­frame lie­fert die App gleich mit. Ein­mal geöff­net, las­sen sich meh­re­re Sei­ten anle­gen und auch Ebe­nen, um die Objek­te bes­ser tren­nen zu kön­nen. Die Ebe­nen las­sen sich auch sper­ren, umbe­nen­nen und ver­schie­ben. Wie auch bei der Desk­top-Ver­si­on gibt es „sha­red Lay­ers“, also gemein­sam genutz­te Ebe­nen für meh­re­re Sei­ten, um bei­spiels­wei­se für das Wire­frame eines Tablets das Grund­ge­rüst nur ein­mal pfle­gen zu müssen.

Im Unter­schied zu den bis­he­ri­gen Apps die­ser Rei­he liegt der Schwer­punkt hier nicht auf dem krea­ti­ven Malen, son­dern auf der Anord­nung, Anpas­sung und Mani­pu­la­ti­on von Objek­ten bis hin zur Ver­knüp­fung mit ein­fa­chen Aktio­nen wie dem Auf­ruf einer Inter­net­sei­te beim Berüh­ren eines Objekts. Bei der Ver­tei­lung und Anord­nung der Objek­te unter­stüt­zen die auto­ma­tisch ein­ge­blen­de­ten Hilfs­li­ni­en und Maßangaben.

Und ähn­lich wie Visio kön­nen die Objek­te mit­ein­an­der ver­knüpft wer­den, so dass in einem Ablauf­dia­gramm nicht alle Pfei­le neu gezeich­net wer­den müs­sen, sobald Objek­te ver­scho­ben werden.

Die Objek­te kön­nen dabei sowohl mit einem Stift wie auch mit den Fin­gern mani­pu­liert wer­den. Aller­dings erfor­dert die App auf­grund ihres enor­men Funk­ti­ons­um­fangs eine gewis­se Ein­ar­bei­tung, vor allem, wenn man sie nicht schon vom macOS gewöhnt ist.

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Die Bild­schirm­auf­tei­lung eines senk­recht gehal­te­nen Smart­pho­nes stellt eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung dar, denn hier geht es natur­ge­mäß sehr eng zu. Hier wird um jedes Pixel gefeilscht.

Fazit

Mit Omni­Graff­le las­sen sich nicht so sehr Anmu­tun­gen von Icons zeich­nen wie mit einem Stift auf Papier (oder einer App aus der bis­he­ri­gen Rei­he), son­dern tat­säch­lich Icons nach Vor­ga­be ent­wer­fen (auch dafür lie­fert die App eine Vor­la­ge). Das Glei­che gilt für alle Visua­li­sie­run­gen, die auf geo­me­tri­schen For­men beru­hen, wie Kon­zept­maps, Flow­charts, Bal­ken- und Tor­ten­dia­gram­me, Grund­ris­se usw.

Aber Obacht: die App ist nicht bil­lig, auch wenn man sie kos­ten­los im App Store laden kann. Dort erhält man näm­lich kos­ten­los eine zwei­wö­chi­ge Test­ver­si­on, bevor man sich für eine kom­ple­xe­re Pro-Ver­si­on (100 $) oder die nor­ma­le Ver­si­on (50 $) ent­schei­den muss. Wer nichts bezahlt, kann aller­dings die Test­ver­si­on als rei­nen „View­er“ behal­ten, um die Doku­men­te ande­rer zu begut­ach­ten: Angu­cken kost‘ (immer noch) nix.


  1. Man sucht nicht mehr nach einer unbe­schrie­be­nen Flop­py oder einem CD-Bren­ner, um eine Datei wei­ter­zu­ge­ben – man kopiert die Datei in einen Ord­ner auf einem Ser­ver und schickt den Drop­box-Link. 

  2. Im Gegen­teil, damit ver­leug­ne­te man ja die beson­de­re Fähig­keit des Men­schen, die ihn zum unan­ge­foch­te­nen Herr­scher über die­sen Pla­ne­ten gemacht hat: sei­ne Anpas­sungs­fä­hig­keit. 

  3. Glau­ben Sie mir, ich weiß, was ich sage… 

  4. Benut­zer von Mobil­ge­rä­ten mit einem Win­dows-Sys­tem dürf­ten zu Visio grei­fen, Andro­id-User dür­fen sich ger­ne in den Kom­men­ta­ren ein­tra­gen, wenn sie eine Ent­spre­chung für Goog­le-Sys­te­me ken­nen.