Aus den Urzei­ten der Com­pu­ter haben sich nur weni­ge Pro­gram­me her­über­ge­ret­tet. Dazu zäh­len auch sys­tem­ei­ge­ne Pro­gram­me, die einen Blick auf die Datei­struk­tur der Fest­plat­te und die Datei­ver­wal­tung erlau­ben. Auf dem Mac ist das der „Fin­der“, ab Win­dows 95 der „Win­dows Explo­rer“. Aber wer braucht sowas noch in Zei­ten der „Cloud“? Men­schen legen Lager an, auch Lager ihres Wis­sens und ihrer Erfah­run­gen, damit nach­fol­gen­de Gene­ra­tio­nen oder Mit­men­schen davon pro­fi­tie­ren kön­nen. Das kön­nen Essens­vor­rä­te genau­so sein wie Ver­mö­gen oder Bücher. Vor­rats­hal­tung ist für Men­schen ein Über­le­bens­in­stinkt.

Bis vor weni­gen Jah­ren1 waren die Wis­sens­vor­rä­te aus­schließ­lich phy­sisch erfahr­bar in Form von Biblio­the­ken, Schrift­rol­len­la­ger und raum­grei­fen­den Bücher­re­ga­len.2

Die digi­ta­le Daten­spei­che­rung aber war ein Para­dig­men­wech­sel, denn die mit Pro­gram­men (Werk­zeu­gen) erstell­ten Doku­men­te (Pro­duk­te) gibt es nur digi­tal. Sie sind nicht sicht­bar wie Bücher­re­ga­le: Sie wer­den in Form von „0“ und „1“ gespei­chert und „kon­su­miert“.3 Schon früh kamen die Pro­gram­mie­rer daher auf die Idee, die­se Hau­fen aus Bits und Bytes in Form von Pik­to­gram­men dar­zu­stel­len und in Grup­pen zusam­men­ge­fasst als „Ord­ner“ (frü­her in Win­dows auch „Ver­zeich­nis“ genannt) abzu­bil­den. Dies soll­te dem Benut­zer wie bei Bücher­rü­cken die Zuord­nung und das Auf­fin­den erleich­tern – was es auch tat, selbst wenn es anfangs als „Kli­ckibun­ti“ abge­tan wur­de.

Piktogramme und Illusionen

Die Vor­stel­lung, dass man Herr der Daten sei, wenn man nur in der Lage ist, sie als Pik­to­gram­me anzei­gen und in ande­re Pik­to­gram­me ver­schie­ben zu kön­nen, hat sich tief in die Vor­stel­lung des­sen ein­ge­gra­ben, was wir „Com­pu­ter­kennt­nis­se“ nen­nen. Auch wenn die Begrif­fe „Ord­ner“ und „Ver­zeich­nis­se“ eher aus der Ver­wal­tungs­welt stam­men, so kann sich doch jeder Com­pu­ter­be­nut­zer dar­un­ter etwas vor­stel­len.

Und dann kam das iPho­ne.

Zu Beginn ver­füg­te das iPho­ne nicht über ein eige­nes Betriebs­sys­tem, son­dern in Form des „iPho­ne OS“ über eine abge­speck­te Vari­an­te des OS X. Mit ande­ren Wor­ten: ein voll­wer­ti­ges Betriebs­sys­tem, das sogar als UNIX-Deri­vat für Groß­rech­ner gedacht war, wur­de so lan­ge zurecht­ge­schnit­ten und gekürzt, bis es auf den wesent­lich schwach­brüs­ti­ge­ren Pro­zes­so­ren und Hard­ware­kom­po­nen­ten eines Smart­pho­nes funk­tio­nier­te. Dort gel­ten näm­lich ande­re Prio­ri­tä­ten: weni­ger Pro­zes­sort­akt, weni­ger Schnitt­stel­len, weni­ger Spei­cher, weni­ger Akku, weni­ger Bild­schirm, weni­ger Hard­ware – für mehr Mobi­li­tät.

Redu­zie­ren auf das Wesent­li­che ist an sich nicht schlecht, im Gegen­teil, denn dadurch trennt man sich auch von viel Bal­last, der sich als Speck­gür­tel ange­sam­melt hat, und nicht nur Com­pu­ter trä­ge und feh­ler­an­fäl­li­ger macht.4 Bei die­ser Auf­räum­ak­ti­on für ein Mobil­ge­rä­te-taug­li­ches Betriebs­sys­tem muss­ten vie­le schmerz­li­che Schnit­te gemacht wer­den, vor allem bei den Schnitt­stel­len und der Spei­cher­ka­pa­zi­tät.

Pro­mi­nen­tes­tes Opfer war ein Pro­gramm zur Datei­ver­wal­tung.

Das „Abklem­men“ der Nut­zer von ihrem bis­lang gewohn­ten Blick auf Doku­men­te und Pro­gram­me (was ja sowie­so nur eine Illu­si­on mit Hil­fe von Pik­to­gram­men ist) kam für man­che einer Kas­tra­ti­on gleich, immer­hin waren es ja ihre Daten. Zunächst konn­te man sich als Nut­zer damit ver­trös­ten, dass man die Daten über den Umweg mit iTu­nes auf dem Rech­ner durch­aus sicht­bar machen konn­te, aber das ist umständ­lich und auch nicht nach­hal­tig, denn ohne ein gro­ßes Maß an Selbst­dis­zi­plin ent­steht zwi­schen den Daten, die auf dem Rech­ner sind, und den Daten, die auf dem Mobil­ge­rät lie­gen, ein „Del­ta“ (sie­he auch Web-Appli­ka­tio­nen: Wo lun­gern bloß mei­ne Daten rum?).

Auftritt: die Wolke

In der Zwi­schen­zeit mach­te das eine Inter­net gewal­ti­ge Ent­wick­lung durch. Aus einem Häuf­chen Rech­ner, die per Daten­lei­tung mit­ein­an­der ver­bun­den waren und mehr oder weni­ger zäh­ne­knir­schend über Kup­fer­kä­bel­chen klei­ne Infor­ma­ti­ons­häpp­chen aus­tausch­ten, wur­den Rechen­zen­tren mit gewal­ti­gen Kapa­zi­tä­ten, in denen stünd­lich das gesam­te Mensch­heits­wis­sen des Mit­tel­al­ters mehr­fach umge­setzt wird.

Die Anzahl der Gerä­te, die sich mit die­sen Rechen­zen­tren ver­bin­den kön­nen und ent­spre­chend leis­tungs­fä­hi­ge „Daten­au­to­bah­nen“ benö­ti­gen, explo­dier­te in einem unvor­her­ge­se­he­nen Aus­maß.5 Gleich­zei­tig stieg die Anzahl und die Leis­tungs­fä­hig­keit der Dienst­leis­tun­gen, die auf einem sol­chen Daten­netz beru­hen: Auf Groß­rech­nern wer­den die Daten nicht nur abge­legt, son­dern auch direkt mani­pu­liert. Bil­der, Musik, Tex­te und Tabel­len, Fil­me und Daten­ban­ken wer­den mit­ein­an­der ver­knüpft und bear­bei­tet, ohne dass sie auch nur ein­mal den Spei­cher­platz des Geräts gese­hen haben, das die­se Aktio­nen aus­löst.

Die Cloud war gebo­ren – und mitt­ler­wei­le kann kei­ne inter­na­tio­na­le Soft­ware­fir­ma mehr dar­auf ver­zich­ten. Dies umso mehr, als die Glo­ba­li­sie­rung nach Werk­zeu­gen ver­langt, die dies bie­ten müs­sen. Wäh­rend aber gro­ße Soft­ware-Unter­neh­men wie Micro­soft, Goog­le, Apple oder auch Ado­be eige­ne Lösun­gen anbie­ten, die spe­zi­ell auf ihre Pro­gram­me zuge­schnit­ten sind, gibt es einen gro­ßen Bereich der Fir­men, die nur Tei­le des Ange­bots benö­ti­gen. In ers­ter Linie genau das, was die zahl­rei­chen Mobil­ge­rä­te nicht gut kön­nen und auch nicht kön­nen sol­len: Daten­spei­che­rung, Daten­ver­tei­lung und ihre Mani­pu­la­ti­on. Vor allem siche­re Daten­spei­che­rung.6

Ein Viel­zahl unter­schied­li­cher Diens­te bewirkt aber gera­de auf Mobil­ge­rä­ten, die häu­fig auf ver­schie­de­ne Daten­quel­len aus unter­schied­li­chen Quel­len zugrei­fen müs­sen, auf Dau­er ein Wirr­warr an Diens­ten und Ord­nern, bei denen bereits nach kur­zer Zeit nicht mehr klar ist, wo die Daten gele­gen haben und wel­che Ver­si­on wo lie­gen soll­te. Schon auf einem sta­tio­nä­ren Rech­ner sind durch­schnitt­li­che Ange­stell­te min­des­tens ein Zehn­tel ihrer Arbeits­zeit mit der Suche nach Infor­ma­tio­nen beschäf­tigt – und die Daten­su­che nimmt davon einen Groß­teil ein.

Documents

Aber auch dafür gibt es für iOS eine App: Docu­ments von Readd­le.

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Daten­ma­ni­pu­la­ti­on per Touch­screen – und noch ein paar Funk­tio­nen mehr.

Mit Hil­fe von Docu­ments las­sen sich die zahl­rei­chen Inter­net­spei­cher­diens­te kom­for­ta­bel zusam­men­pa­cken und ver­wal­ten: Datei­en von einer Cloud in die ande­re ver­schie­ben, Zip-Daten ent­pa­cken und Daten zu Ord­ner zusam­men­fas­sen, PDF-Datei­en direkt bear­bei­ten (sie­he auch PDF oder das Gesetz der Mas­sen­träg­heit) – und sogar Musik aus der Musik­bi­blio­thek anhö­ren.

Docu­ments über­nimmt zwei Auf­ga­ben der Datei­ver­wal­tung:

  1. Die App ver­knüpft unter­schied­li­che Inter­net­spei­cher-Diens­te und bün­delt damit den Zugriff auf alle Ord­ner, um zwi­schen den „Wol­ken“ Daten aus­zu­tau­schen, lokal zu laden und an die zustän­di­gen Apps (bei­spiels­wei­se Micro­soft Office) auf dem Gerät wei­ter­zu­lei­ten.
  2. Die App nutzt den Spei­cher­platz des Geräts, um einen eige­nen Ord­ner anzu­le­gen, in dem die Daten mani­pu­liert wer­den kön­nen (ent­pa­cken, PDFs kom­men­tie­ren und zusam­men­fü­gen).
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Die Drop­box bie­tet zusätz­lich die Mög­lich­keit der Ver­si­ons­ab­la­ge. Auch auf die älte­ren Stän­de einer Datei kann man mit Docu­ments zugrei­fen.

Nette Features für Datenschubser

Wer möch­te, kann auch sei­nen Com­pu­ter immer noch per Kabel anschlie­ßen und die Daten direkt ver­schie­ben. Ele­gan­ter ist es aller­dings über den ein­ge­bau­ten Web­ser­ver: man gibt im Brow­ser des sta­tio­nä­ren Rech­ners eine tem­po­rä­re IP-Adres­se ein, die von der App gestellt wird, und erhält sofort Zugriff auf den Doku­men­ten­spei­cher von Docu­ments.

Wei­te­re Gerä­te, auf denen auch Docu­ments instal­liert ist, wer­den übri­gens unter „Near­by“ ange­zeigt. Dadurch kann man wie auf einen ange­schlos­se­nen Rech­ner auch auf den Doku­men­ten­ord­ner des ande­ren Mobil­ge­räts zugrei­fen.

Fazit

Docu­ments funk­tio­niert draht­los und pro­blem­los mit den meis­ten kom­mer­zi­el­len und pri­va­ten Daten­spei­chern (Web­DAV, FTP, SFTP, Share­point, Win­dows SMB,…). Und das auch noch wer­be­frei und kos­ten­los. Es geht kaum bes­ser. Außer natür­lich, man hat viel Zeit – aber die nutzt man bes­ser zum Lesen eines guten Buchs.


  1. Vor dem Hin­ter­grund der Mensch­heits­ge­schich­te sind auch 50 Jah­re kaum wahr­nehm­bar. 

  2. Bücher­samm­lun­gen gal­ten nicht zu unrecht als der Schatz des Bil­dungs­bür­gers: Wer so vie­le Bücher besaß und die Muße, sie auch zu lesen, durf­te sich zur gesell­schaft­li­chen Eli­te zäh­len. Auch des­we­gen las­sen sich „Exper­ten“ oft vor Bücher­re­ga­len ablich­ten. 

  3. Natür­lich kön­nen sie sicht­bar gemacht wer­den – aber nur durch einen Medi­en­wech­sel: indem man sie druckt. Viel­leicht ist der Reflex man­cher Com­pu­ter­nut­zer, E-Mails zu dru­cken, auch damit zu erklä­ren, dass sie ohne die hap­ti­sche Erfah­rung des Papiers oder Kunst­stoffs die Infor­ma­ti­on nicht „sehen“ kön­nen. 

  4. Ein Pro­blem, das der Soft­ware-Gigant der 90er erst wie­der schmerz­lich erfah­ren muss: Micro­soft zieht sich aus dem Markt für Smart­pho­ne-Betriebs­sys­te­me zurück. Kein Win­dows-Pho­ne. Scha­de. 

  5. Unvor­her­ge­se­hen vor allem in Deutsch­land, dass sich als eines der weni­gen hoch­in­dus­tria­li­sier­ten Län­der immer noch glaubt, ein vor­sint­flut­li­ches Infor­ma­ti­ons­netz leis­ten zu kön­nen. 

  6. Daten­si­cher­heit besteht ja aus zwei Kom­po­nen­ten: die Sicher­heit vor Daten­ver­lust und die Sicher­heit vor unbe­rech­tig­tem Zugriff. Bei­des ist für Unter­neh­men, die Cloud-Diens­te anbie­ten – und dazu gehö­ren ja auch Ban­ken und Ver­si­che­run­gen, deren Daten für ihre Kun­den genau­so glo­bal ver­füg­bar sein müs­sen – über­le­bens­wich­tig. All­ge­mein lässt sich sagen, dass die­je­ni­gen Anbie­ter, die sich auf dem Markt behaup­tet haben, in den letz­ten Jah­ren ihre Haus­auf­ga­ben gemacht haben. Alle kom­mer­zi­el­len Diens­te bie­ten mitt­ler­wei­le ein Stan­dard­re­per­toire an Daten­si­cher­heit an, mit dem man beru­higt arbei­ten kann.