Mit einem Fin­ger oder einem Stöck­chen auf ein Objekt tip­pen und es ver­schie­ben, um damit zu malen, ist eine mensch­li­che Fähig­keit, die wir seit über 50.000 Jah­ren besit­zen. Die soll­ten wir nicht ver­lie­ren. Muss man mit Tablets und Smart­pho­nes auch nicht. Im Gegen­satz zur indi­rek­ten Ein­ga­be per Maus und Tas­ta­tur erlau­ben es Tablets, direkt auf der Ober­flä­che mit den dort dar­ge­stell­ten Objek­ten zu kom­mu­ni­zie­ren. Das erklärt nicht nur den Sie­ges­zug der Smart­pho­nes, die in kür­zes­ter Zeit die nur umständ­lich zu bedie­nen­den Tas­ten­han­dys ersetzt haben, das erleich­tert auch die intui­ti­ve Bedie­nung: Tablets sind ja nicht nur plat­te Lap­tops oder auf­ge­pump­te Smart­pho­nes – sie wecken auch Erin­ne­run­gen an eine sehr viel älte­re kul­tu­rel­le Errun­gen­schaft: das Papier als zwei­di­men­sio­na­le Dar­stel­lung der Welt. Im digi­ta­len Zeit­al­ter etwas mar­gi­na­li­siert, hat es gera­de auf dem Tablet eine Nische gefunden.

Papier

Seit vie­len tau­send Jah­ren malen wir auf Flä­chen: ob Höh­len­wän­de, Lehm­ta­feln, Per­ga­ment oder Papier, ob Bil­der oder Schrift­zei­chen.1

Und es ist nicht ein­fach, sich davon zu tren­nen. Als Tech­ni­scher Redak­teur hat man sei­ne lie­be Not, den Kor­rek­tur­le­sern zu erklä­ren, die Anmer­kun­gen und Kor­rek­tu­ren nicht in einer E-Mail unter­zu­brin­gen oder das Kor­rek­tur­ex­em­plar aus­zu­dru­cken, dann dar­in her­um­zu­schrei­en, es ein­zu­span­nen und zurück­zu­schi­cken. For­mu­la­re, die unter­schrie­ben wer­den sol­len, erhält man zwar digi­tal, um sie zu unter­schrei­ben, muss man sie aber erst dru­cken, dann unter­schrei­ben, ein­scan­nen (aka „re-digi­ta­li­sie­ren“) und wie­der (digi­tal) zurückschicken.

Häss­lich und unbequem.

Mit ande­ren Wor­ten: Papier wird immer noch benö­tigt, so lan­ge sich Büro­kra­ten nicht von ihm lösen kön­nen und Inge­nieu­re nicht am Bild­schirm lesen kön­nen.2 Aller­dings ent­steht damit auch eine Kluft zwi­schen dem ana­lo­gen Medi­um Papier mit sei­nen Werk­zeu­gen einer­seits und den digi­ta­len Medi­en andererseits.

Auf der ana­lo­gen Sei­te ist das Pro­blem mit der Erfin­dung des PDF im Jahr 1993 von Geschke und War­nock (den Grün­dern der Fir­ma Ado­be) gelöst wor­den: das PDF-Doku­ment ist die 1:1-Reproduktion des Papiers – bis auf die Haptik.

Auf der digi­ta­len Sei­te auch.

Technik

Mit dem mas­sen­taug­li­chen Ein­satz der berüh­rungs­emp­find­li­chen Bild­schir­me und ihrer Bedie­nung durch das iPho­ne vor 10 Jah­ren begann eine Revo­lu­ti­on der Digi­ta­li­sie­rung: War die Bedie­nung eines Com­pu­ters trotz aller wohl­ge­mein­ten Ana­lo­gi­en wie „Ord­ner“ oder dem „Papier­korb“ immer noch weit ent­fernt von dem, wie der durch­schnitt­li­che Anwen­der im All­tag ein Werk­zeug bedien­te, erlaub­ten Touch­screens eine „natür­li­che“ Mani­pu­la­ti­on von Objek­ten. So wie man auf einen Sta­pel Papier tip­pen und ihn mit einem Fin­ger ver­schie­ben konn­te, wisch­te man sich nun durch Foto­al­ben und Internetseiten.

Aller­dings waren die Bild­schir­me für eine PDF, die ja meist eine gan­ze (Druck-)Seite dar­stellt, immer noch zu klein. Mit den Tablets schloss sich die Lücke: aus­rei­chend gro­ße berüh­rungs­emp­find­li­che Bild­schir­me mit her­vor­ra­gen­der Auf­lö­sung bie­ten mitt­ler­wei­le einen Kom­fort, der sehr nahe an das Malen und Schrei­ben auf Papier her­an­kommt. Kom­bi­niert mit einem spe­zi­el­len Stift und einer dar­auf ein­ge­stell­ten Soft­ware ist nun­mehr das mög­lich, was man mit Papier immer schon konn­te – nur viel beque­mer und schneller.

Software

Adobe Reader

Auch Ado­be selbst bie­tet mit dem kos­ten­lo­sen Ado­be Reader für iOS und Andro­id eine brauch­ba­re Lösung an, um PDF-Doku­men­te auf dem Tablet mit Fin­ger und Stift kom­men­tie­ren und bear­bei­ten zu kön­nen. Der Reader glie­dert sich  – wie nicht anders zu erwar­ten – her­vor­ra­gend in die ande­ren Ado­be Cloud-Ser­vices ein (Crea­ti­ve Cloud und Docu­ment Cloud). Er funk­tio­niert aber auch mit der Anbin­dung an die „Drop­box“, an den „One Dri­ve“ von Micro­soft oder die „iCloud“ von Apple und eini­gen wei­te­ren Diensten.

Da Tablets wie auch Smart­pho­nes als Mobil­ge­rä­te auf min­des­tens einen der Cloud-Diens­te ange­wie­sen sind, bedeu­tet dies, dass eine PDF auf dem Tablet kom­men­tiert und nach der Syn­chro­ni­sa­ti­on auf dem hei­mi­schen Rech­ner wie­der geöff­net wer­den kann. Alle Kom­men­ta­re blei­ben erhal­ten. Das Tablet wird damit zur „Ver­län­ge­rung“ des Ado­be Reader auf dem Rech­ner, zu sei­ner mobi­le Variante.

PDF Expert

Nut­zer eines Mobil­ge­räts von Apple, die kei­nen aktu­el­len Ado­be-Cloud-Dienst oder den Ado­be Reader nut­zen wol­len (oder kön­nen), benö­ti­gen eine ande­re Soft­ware. Die der­zeit bes­te Opti­on auf dem Markt ist die – recht güns­ti­ge – App „PDF Expert“ von Readd­le. Es gibt die App zwar für iOS und macOS, ihre Qua­li­tät spielt sie jedoch auf dem iPad aus.

Pdf-expert2

Neben den (übli­chen) Funk­tio­nen wie Kom­men­tie­ren und Bema­len ist einer PDF-Datei ist es – gegen Auf­preis – auch mög­lich, die Tex­te in der PDF selbst zu edi­tie­ren. Das ist nor­ma­ler­wei­se nur mit einer Soft­ware wie dem Ado­be Acro­bat mög­lich auf einem Rech­ner mög­lich.3

Wich­ti­ger für den Redak­teur ist jedoch die Zusam­men­ar­beit mit zahl­rei­chen Cloud-Diens­ten und Share­point- bis hin zu FTP-/SFTP-Ser­vern. Die­se wer­den ein­ge­bun­den und ste­hen dann als vir­tu­el­le Lauf­wer­ke zur Aus­wahl, so dass man die PDF direkt vom Tablet aus auch zwi­schen den Ser­vern hin- und her schie­ben kann.

Die ein­ge­setz­ten Kom­men­ta­re und Zeich­nun­gen blei­ben den­noch mit einer Soft­ware wie dem Ado­be Acro­bat edi­tier­bar und tau­chen bei Letz­te­rem in der Kom­men­tar­spal­te auf. Dort kön­nen Sie dann wei­ter kom­men­tiert oder bear­bei­te wer­den, ohne die zugrun­de lie­gen­de PDF zu ver­än­dern. Man malt oder schreibt damit wie beim Acro­bat oder dem Reader auf einer durch­sich­ti­gen Ebe­ne und nicht (wie auf dem Papier) in das Doku­ment selbst hinein.

Pdf-expert

Ist PDF-Expert auf zwei iOS-Gerä­ten mit einem Account instal­liert, kann man auch die Ad-hoc-Netz­werk­funk­ti­on des Pro­gramms nut­zen: Auf bei­den Gerä­ten gestar­tet, taucht das jeweils ande­re in der Lis­te der ver­füg­ba­ren Lauf­wer­ke auf und die Doku­men­te kön­nen ohne Umwe­ge über einen Cloud-Dienst direkt über­tra­gen werden.

Und neue PDF? Kinderkram:

  1. Auf „+“ tippen.
  2. Line­a­tur und Hin­ter­grund­far­be auswählen.
  3. Malen oder zeich­nen oder schreiben.

Pdf-expert3

Fazit

Man kann auch wei­ter­hin an Höh­len­wän­de oder auf ein Blatt Papier malen oder bedruck­tes Papier bema­len. Ele­gant, sicher und viel­sei­tig aber ist das nicht.

Außer natür­lich, man möch­te sei­ne Noti­zen für die nächs­ten 10.000 Jah­re in einer Höh­le aufbewahren.


Bild­nach­weis: Höh­len­ma­le­rei in Las­caux (Bild­quel­le: Fors­berg­film)


  1. Schrift­zei­chen, also auch Buch­sta­ben, sind ja auch nur kodi­fi­zier­te, an Regeln gebun­de­ne Bil­der. 

  2. Inge­nieu­re sind nur ein Bei­spiel. Es gibt zahl­rei­che Men­schen, die vor allem im fort­ge­schrit­te­nen Alter mit dem Lesen auf digi­ta­len Gerä­ten Schwie­rig­kei­ten haben. Das ist nicht ihre Schuld, sie sind halt „digi­ta­le Migran­ten“. 

  3. Den Acro­bat Pro gibt es aller­dings nur für Tablets, auf denen ein voll­um­fäng­li­ches Betriebs­sys­tem instal­liert ist, also dem Sur­face von Micro­soft.