Jeder Com­pu­ter lebt davon, dass es eine kla­re Tren­nung zwi­schen der Maschi­ne und dem Men­schen gibt, der sie bedient. Selbst ein­fachs­te Objek­te wie ein Punkt kön­nen nicht direkt mani­pu­liert wer­den, son­dern nur über Ein­ga­be­ge­rä­te: eine Maus oder eine Tas­ta­tur. Der Erfolg der Mani­pu­la­ti­on wird dann über ein wei­te­res Aus­ga­be­ge­rät bestä­tigt: den Moni­tor. Der klas­si­sche Lap­top stellt bis­lang die Ulti­ma Ratio die­ser Arbeits­tei­lung dar: Maschi­ne, Ein- und Aus­ga­be­ge­rä­te sind auf engs­tem Raum neben­ein­an­der ange­bracht. Direkt über der Maschi­ne liegt die Tas­ta­tur und davor das Track­pad. Der Bild­schirm ist dahin­ter ange­bracht. Und wäh­rend die Maschi­ne direkt von oben mani­pu­liert wird, fin­det die (opti­sche) Kon­trol­le erst dahin­ter statt, denn der Moni­tor steht ja nicht nur geneigt zu den ande­ren Vor­rich­tun­gen, son­dern auch etwas ent­rückt. Zwi­schen der Ein­ga­be und der Aus­ga­be liegt ein gerin­ger Abstand, selbst auf einem Lap­top.

maquina.jpg

Die­se Anord­nung ist direkt der mecha­ni­schen Schreib­ma­schi­ne ent­lehnt, bei der zwi­schen der Tas­ta­tur als Ein­ga­be­ge­rät (“Inter­face”) und dem Papier als Kon­troll­in­stanz die Mecha­nik mit Ham­mer, Wal­ze und Schreib­band ange­bracht ist. Wer nicht mit zehn Fin­gern schrei­ben kann, des­sen Blick wech­selt per­ma­nent zwi­schen der Ein­ga­be beim Tip­pen und der Kon­trol­le beim Lesen hin und her. Maschi­nen­schrei­ben ist eine eige­ne Fer­tig­keit, die über die rei­ne Kul­tur­tech­nik des Schrei­bens weit hin­ausgeht. Die schu­li­schen Fer­tig­kei­ten des Schrei­bens nut­zen wenig, wenn es ans Maschi­nen­schrei­ben geht.1 

Der Com­pu­ter ermög­licht per WYSi­WYG die direk­te Ein­ga­be und Kon­trol­le. Nur die Tren­nung von mehr oder weni­ger waa­ge­rech­tem Ein­ga­be­ge­rät und stärkt geneig­tem Aus­ga­be­ge­rät (als Papie­rer­satz) ist geblie­ben.

Und da ste­hen wir seit vie­len Jah­ren.

Bis zum Touch­screen.

Paradigmenwechsel

Der Touch­screen hat aus dem „PDA“ (Per­so­nal Digi­tal Assi­stant), den es ja schon lan­ge gab2, ein mas­sen­taug­li­ches Gerät gemacht, das kurz davor steht, alle ande­ren Ein­ga­be­ge­rä­te als blo­ße Krü­cken hin­ter sich zu las­sen.

Das Ein­ga­be­ge­rät ist auf dem Tablet mit dem Com­pu­ter und der Anzei­ge­kon­trol­le ver­schmol­zen zu einer Tafel, deren Poten­zi­al noch nicht annä­hernd aus­ge­schöpft ist. End­lich ist das mög­lich, was bereits die alten Ägyp­ter und Sume­rer konn­ten: man krit­zelt auf Tafeln, die räum­li­che Unter­schei­dung zwi­schen Ein­ga­be und Aus­ga­be ver­schwin­det. Mit Hil­fe einer geeig­ne­ten App wird aus dem plat­ten Bild­schirm mit dar­un­ter ange­brach­tem Rech­ner eine Tafel, auf der es sich wie­der genau­so krit­zeln lässt wie es der Homo Sapi­ens seit etwa 7500 Jah­ren gelernt hat.3

Notability

IMG_0047

Wie schon in Teil 1 ange­kün­digt, wer­fen wir hier einen kur­zen Blick auf eine App, die ihrem Namen gerecht wird: Nota­bi­li­ty. Fas­zi­nie­rend an Apps wie Nota­bi­li­ty ist vor allem die Tat­sa­che, dass mit Hil­fe moderns­ter Tech­nik eine der ältes­ten Fähig­kei­ten geweckt wird: Neu­gier­de und Krea­ti­vi­tät. Das Ziel der App ist – ähn­lich wie Pen­ul­ti­ma­te oder One­Note – das Fest­hal­ten von Ide­en, Gedan­ken­split­tern oder Ein­fäl­len aller Art. Aller­dings stellt die­ser rein uti­li­ta­ris­ti­sche Anspruch des „um … zu“ nur die Grund­la­ge dar.

Ande­re Apps wer­den geöff­net, um damit ein bestimm­tes Ziel zu errei­chen: es soll eine Notiz ent­ste­hen. Man öff­net dazu sym­bo­lisch ein Notiz­buch auf einer bestimm­ten Sei­te und trägt die neue Notiz an die­ser Stel­le ein. Dann wird sie gespei­chert und damit für die wei­te­re Ver­wen­dung oder Ver­tei­lung abge­legt. Fer­tig.

Nota­bi­li­ty bedient sich wie ein lee­res Blatt Papier oder ein Schreib­block ohne Anbin­dung an eine vor­ge­ge­be­ne Kate­go­rie. Bil­der, Screen­shots, ande­re Bild­schnip­sel wer­den auf einen lee­ren Bogen „mon­tiert“ und dann mit Text oder Krit­ze­lei­en ergänzt.

Die App bedient sich dabei dank der Anbin­dung des Betriebs­sys­tems (iOS 11) aus allen ange­bun­de­nen Cloud-Diens­ten: Fotos aus der Drop­box eben­so wie PDF aus One­D­ri­ve oder Clip­arts aus Goog­le­D­ri­ve. Und ent­spre­chend kön­nen die fer­ti­gen Noti­zen auch auf allen Ser­vern abge­legt wer­den – als RTF, PDF oder im eige­nen For­mat. 

IMG_0048

Natür­lich funk­tio­niert dies am bes­ten mit einem spe­zi­el­len Stift.

Im Gegen­satz zu einer rei­nen Mal-App wie Ado­be Draw besitzt Nota­bi­li­ty nicht die fein ein­stell­ba­ren Stift­ty­pen wie Krei­de oder Pin­sel, die sich belie­big in Far­be, Auf­trags­stär­ke oder Strich­brei­te anpas­sen las­sen, aber für eine schnel­le Krit­ze­lei und Visua­li­sie­rung krea­ti­ver Geis­tes­blit­ze reicht die App voll­kom­men. Als Export­for­mat steht RTF (für die Tex­te) und PDF zur Ver­fü­gung. Und natür­lich das eige­ne Daten­for­mat für den Aus­tausch zwi­schen den Apps und Platt­for­men.

Zusammenfassung

Wer ein Tablet benutzt und sich Gedan­ken dar­über macht, wie er (oder sie) es jen­seits eines platt­ge­drück­ten Lap­tops oder breit gewalz­ten Smart­pho­nes nut­zen kann, der kommt an Apps zum Zeich­nen, Malen oder Krit­zeln nicht vor­bei. Es ist ver­mut­lich sogar die „krea­tür­lichs­te“ Nut­zung die­ser Gerä­te, denn Smart­pho­nes sind hand­li­cher und Com­pu­ter sind leis­tungs­fä­hi­ger (und besit­zen mehr Anschlüs­se).4

Bei Apps zum Krit­zeln soll­te man sich aber vor­her über­le­gen, wel­chen Ein­satz­zweck sie erfül­len sol­len.

 


Bild­quel­le Hie­ro­gly­phen: Louvre/​wikipedia


  1. Gelern­te Maschi­nen­schrei­ber waren als “Typis­ten” auch in der Früh­zeit der Com­pu­ter noch die ers­ten, die mit die­sen neu­en Gerä­ten in Berüh­rung kamen. 

  2. Ein ver­zü­ckend alt­ba­cke­nes und gleich­zei­tig visio­nä­res Film­chen aus dem Jahr 1987 dazu gibt es auf You­Tube

  3. Viel­leicht ist dies auch der Grund, war­um sich Com­pu­ter­nut­zer mit die­sen Tablets schwe­rer tun als unbe­darf­te Kin­der oder alte Men­schen, die nie einen Com­pu­ter beses­sen haben: Letz­te­re über­sprin­gen eine tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lungs­stu­fe. 

  4. Ob man die vie­len Anschlüs­se benö­tigt, steht auf einem ande­ren Blatt.