Der mensch­li­che Erfin­dungs­reich­tum ist uner­schöpf­lich. Den­noch kön­nen wir Men­schen nur etwas Neu­es ent­wi­ckeln, wenn wir dabei auf Altes, Vor­han­de­nes auf­bau­en indem wir es anpas­sen und ver­bes­sern. Das gilt auch für das Inter­net.Das Inter­net, WWW, Intra­net, Cloud-Ser­vices, Netz­wer­ke, User und Ser­ver, Fire­walls und Datei­pfa­de – die Ide­en und Pro­duk­te, hin­ter denen sich Erfin­dun­gen und Ent­wick­lun­gen ver­ber­gen, sind nicht ein­fach plötz­lich ent­stan­den oder das Pro­dukt einer meta­phy­si­schen Erfah­rung. Sie haben kul­tu­rel­le Wur­zeln, die min­des­tens bis ins Mit­tel­al­ter zurückreichen.

Evolution – nicht Revolution

Wir Men­schen bau­en Werk­zeu­ge und pas­sen sie ver­än­der­ten Gege­ben­hei­ten an. So wie aus dem Faust­keil zunächst ein Stein­beil und dann (unter ande­rem) ein Ham­mer wur­de, so haben wir auch unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­werk­zeu­ge den tech­ni­schen und kul­tu­rel­len Erfor­der­nis­sen ange­passt: aus der Baum­trom­mel wur­de der Bote, aus dem Boten das Tele­fon­netz und aus dem Tele­fon­netz das Inter­net. Die Auf­ga­be der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­werk­zeu­ge war immer die Über­mitt­lung von Nach­rich­ten und Wis­sen, die mög­lichst unver­än­dert und unbe­scha­det den Emp­fän­ger errei­chen soll­ten. Dabei haben wir trotz aller tech­ni­schen Ent­wick­lung immer mit den glei­chen struk­tu­rel­len Pro­ble­men zu kämp­fen, mit denen sich die Men­schen bereits im Mit­tel­al­ter her­um­schla­gen mussten:

  • Infor­ma­tio­nen kön­nen ver­lo­ren gehen, weil sie ent­we­der falsch adres­siert sind oder der Weg zum Emp­fän­ger unpas­sier­bar wird.
  • Infor­ma­tio­nen kön­nen abge­fan­gen wer­den, weil sich jemand davon einen Vor­teil ver­spricht, wenn er die Nach­richt mani­pu­liert und wei­ter­lei­tet oder sie unter­wegs vernichtet.
  • Infor­ma­tio­nen kön­nen miss­ver­stan­den wer­den, weil sie zwar unver­sehrt den Emp­fän­ger errei­chen, aber unvoll­stän­di­ge Infor­ma­tio­nen beinhalten.

Die­se Schwie­rig­kei­ten sind nicht neu, und ihre Kon­se­quen­zen kön­nen fatal sein. Ent­spre­chend ver­such­ten alle Kom­mu­ni­ka­ti­ons­teil­neh­mer abhän­gig von den tech­no­lo­gi­schen Kennt­nis­sen und Mög­lich­kei­ten ihrer Zeit auf die­se Pro­ble­me Lösun­gen zu ent­wi­ckeln. Fas­zi­nie­rend dar­an ist, dass zahl­rei­che Lösun­gen, mit denen bereits im Mit­tel­al­ter expe­ri­men­tiert wur­de, auch heu­te noch funk­tio­nie­ren. Wir sind von der Ent­wick­lung des Buch­drucks mit beweg­li­chen Let­tern gar nicht soweit ent­fernt wir wir oft den­ken, und wir nut­zen oft immer noch die glei­chen Stra­te­gi­en – nur eben mit ande­ren Werkzeugen.

In den fol­gen­den Abschnit­ten wer­den die Lösun­gen und Mög­lich­kei­ten, derer man sich im Mit­tel­al­ter bedien­te, den aktu­el­len tech­ni­schen Lösun­gen gegen­über­ge­stellt. (Und wenn man die eng­li­schen Begrif­fe für die­se aktu­el­len Lösun­gen kennt, ent­ste­hen oft über­ra­schen­de Parallelen.)

 

Die Stadt

stadtDie mit­tel­al­ter­li­che Stadt war der Anzie­hungs­punkt für Infor­ma­tio­nen aller Art: hier gab es Markt­plät­ze, Ver­wal­tungs­ge­bäu­de, Waren und Infor­ma­tio­nen aus ande­ren Gegen­den, hier wur­de archi­viert und ver­wal­tet, erneu­ert und aus­ge­tauscht, hier konn­te man ler­nen und sich ver­gnü­gen. Kurz­um: im Mit­tel­al­ter war die Stadt die Schnitt­stel­le zur Welt.

Stadt­luft mach­te nicht nur frei, die Stadt war das Zen­trum des kul­tu­rel­len Aus­tauschs und die Keim­zel­le des­sen, was neu­deutsch „Glo­ba­li­sie­rung“ heißt. Also in etwa das, was heut­zu­ta­ge im Inter­net die Ser­ver oder (zusam­men­ge­fasst und gere­gelt) die „Cloud“ übernimmt.

Der Hof

hofDer eige­ne Hof war der Mit­tel­punkt des Lebens für über 90% der Men­schen. Hier erwirt­schaf­te­te man den Lebens­un­ter­halt, hielt ein paar Tie­re und bear­bei­te­te das Land, das einem zuge­wie­sen war. Hier leb­te die Fami­lie, hier traf man sich an man­chen Tagen mit Freun­den und Ver­wand­ten. Auf dem eige­nen Hof wur­den die Vor­rä­te für den nächs­ten Win­ter gelagert.

Alle Infor­ma­tio­nen betra­fen immer nur die Bewoh­ner selbst. Der Hof ist wie der eige­ne Com­pu­ter: er ist eine Insel ohne Anschluss an die umlie­gen­de Welt. Infor­ma­tio­nen und Wis­sen, die hier ent­ste­hen, ver­las­sen ihn nie – sofern sie nicht kom­mu­ni­ziert werden.

Der Weg

Der Weg zum Nach­bar­hof oder in die Stadt ist die ein­zi­ge Ver­bin­dung zur Außen­welt. Je nach Jah­res­zeit oder Wet­ter­la­ge kann er schwer oder leicht pas­sier­bar sein, aber auf ihm wer­den Pro­duk­te und Nach­rich­ten zum Hof und in die Stadt trans­por­tiert. Aller­dings dro­hen auf dem Weg Gefah­ren und Hin­der­nis­se: es gilt Brü­cken zu que­ren, Pas­sier­geld zu zah­len – und gele­gent­lich dro­hen Wege­la­ge­rer in der Hoff­nung auf fet­te Beu­te, die den Ahnungs­lo­sen in die Irre lei­ten, um ihn auszurauben.

Der dunkle Wald

waldVom dunk­len Wald hielt man sich fern, denn hier lau­er­ten unbe­kann­te Gefah­ren, Räu­ber und Die­be. Hier wur­de man über­fal­len und womög­lich erschla­gen für eine kärg­li­che Beu­te. Hier hiel­ten sich die auf, die kei­nen Platz in der stän­di­schen Gesell­schaft hat­ten, die Ent­flo­he­nen und Ver­bre­cher. Sie gin­gen kei­nem gere­gel­ten Brot­er­werb nach, son­dern erleich­ter­ten Durch­rei­sen­de um ihr Hab und Gut – und manch­mal auch das Leben.

Hier gab es kei­ne Wege und kei­nen Schutz, hier herrsch­te die Gesetz­lo­sig­keit und das Recht des Stär­ke­ren. Es zähl­te nur das kärg­li­che und gefahr­vol­le Über­le­ben bis zum nächs­ten Tag.

Je nach per­sön­li­cher Ein­schät­zung und Erfah­rung ent­spricht dies dem „Dar­knet“, den unbe­kann­ten und nicht immer lega­len „Tie­fen“ des Inter­nets – sofern man bei Fest­plat­ten über­haupt von „Tie­fe“ spre­chen kann.1

Die Brücken

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Das Vor­bild die­ser Brü­cke steht in Cahors, Frankreich.

Auch wenn heut­zu­ta­ge Brü­cken für selbst­ver­ständ­lich gehal­ten wer­den und eigent­lich ein Teil des Stra­ßen­net­zes dar­stel­len – im Mit­tel­al­ter war dies kei­nes­wegs so. Brü­cken waren ein Luxus und hat­ten stra­te­gi­sche Bedeu­tung. Sie zu unter­hal­ten kos­te­te viel Geld, das durch den Brü­cken­zoll wie­der her­ein­kom­men muss­te. Das bedeu­te­te, dass Brü­cken zu wirt­schaft­li­chen und mili­tä­ri­schen Kno­ten­punk­ten wur­den, die den Zutritt zu einem ande­ren Lan­des­teil oder einem ande­ren Reich kontrollierten.

Sie wur­den bewacht und repa­riert, denn sie waren die ein­zi­ge Mög­lich­keit, auch bei ungüns­ti­ger Wit­te­rung sicher auf der ande­ren Sei­te des Flus­ses anzu­kom­men. Um sie her­um wur­den Sied­lun­gen gegrün­det. Nur über sie konn­ten Nach­rich­ten und Waren trans­por­tiert werden.

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Das Vor­bild die­ser Brü­cke steht in den Gram­pi­an Moun­ta­ins, Schottland.

Es gab natür­lich auch unbe­wach­te Brü­cken, aber dies bedeu­tet auch, dass es kei­ne Mög­lich­keit gab, ihren Zustand und ihre Benut­zer zu kon­trol­lie­ren. Sie wur­den daher nur dort gebaut, wo sie kei­ne stra­te­gi­sche Bedeu­tung hat­ten. Wenn sie unpas­sier­bar war, behalf man sich mit einer Furt…

Im Inter­net ent­spre­chen Brü­cken den zahl­rei­chen gro­ßen und klei­nen Daten­kno­ten, den klei­nen Rou­tern und den gro­ßen Kno­ten im inter­na­tio­na­len Daten­ver­kehr an den gro­ßen Datenströmen.

(Bezeich­nen­der­wei­se gibt es auch so genann­te „Brid­ges“, die kon­trol­lie­ren, wel­che Infor­ma­tio­nen im Netz­werk an wel­che Kno­ten wei­ter­ge­lei­tet werden…)

Sicherheit

ritterAuch wenn sie nicht Teil der Land­schaft waren, so hat­ten die Rit­ter, Sol­da­ten und sons­ti­gen Ver­tre­ter der Staats­macht doch eine wich­ti­ge Funk­ti­on: Sie sorg­ten für die Sicher­heit und den rei­bungs­lo­sen Ablauf des Waren- und Nach­rich­ten­ver­kehrs. Das gab es aller­dings nicht umsonst.

Ihre Aus­rüs­tung und ihre Ver­pfle­gung kos­te­ten Geld, ihr Unter­halt muss­te sich bezahlt machen für die Lan­des­her­ren, die sie beschäf­tig­ten. Dafür kamen die Lan­des­her­ren auf – und hol­ten sich das Geld und die Auf­wen­dun­gen in Form von Steu­ern und Ein­nah­men (wie dem Brü­cken- und Wege­zoll) von den Unter­ta­nen wieder.

Dafür über­wach­ten die Söld­ner und Regie­rungs­ver­te­ter die Stadt­to­re, die Gren­zen und Brü­cken, bewach­ten die Rei­sen­den (sofern sie es sich leis­ten konn­ten) und hiel­ten die Gesetz­lo­sen und Regel­bre­cher in Schach. Damit garan­tier­ten sie die Auf­recht­erhal­tung von Recht und Ordnung.

Man kann das Inter­net für kos­ten­los hal­ten oder dies sogar bean­spru­chen, aber auch im Inter­net kos­tet Sicher­heit Geld. Auch hier müs­sen Regeln fest­ge­legt und Daten­strö­me kon­trol­liert wer­den. Die Kos­ten dafür über­nimmt der Staat oder die Unter­neh­men, die Dienst­leis­tun­gen erbrin­gen wie das Hos­ten („Bewirt­schaf­ten“) von Inter­net­sei­ten. Und auch hier zahlt am Ende der Benut­zer – ent­we­der mit einer Gebühr oder einer Steuer.

Die Landkarte

Auf eine (fik­ti­ve) mit­tel­al­ter­li­che Land­kar­te über­tra­gen wird deut­lich, wie sehr wir uns in unse­ren Vor­stel­lun­gen vom Inter­net, sei­nen Ein­rich­tun­gen, sei­ner Orga­ni­sa­ti­on und sei­nen Begrif­fen von unse­ren sehr über­schau­ba­ren Erfah­run­gen aus dem Mit­tel­al­ter und der frü­hen Neu­zeit lei­ten las­sen. Das ist kein Zei­chen von Dumm­heit oder Rück­stän­dig­keit, son­dern eine Kul­tur­tech­nik, die Neu­es immer nur inte­grie­ren kann, wenn wir auf bereits Bekann­tem auf­bau­en. Denn letzt­lich orga­ni­sie­ren wir uns auch unse­re Welt nicht sehr viel anders als die Men­schen vor 500 Jahren.

Und die­se wie­der­um wie ihre Vor­fah­ren. Nur soll­te man dar­in nicht ste­cken blei­ben, denn die Welt – und damit auch die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie – ver­än­dert sich stän­dig. Ob wir es gut fin­den oder nicht.

The immense diver­si­ty of ima­gi­ned rea­li­ties that Sapi­ens inven­ted, and the resul­ting diver­si­ty of beha­viour pat­terns, are the main com­pon­ents of what we call ‘cul­tures’. Once cul­tures appeared, they never cea­sed to chan­ge and deve­lop, and the­se unstopp­a­ble alte­ra­ti­ons are what we call ‘histo­ry’. (Yuval Noah Hari­ri, Sapiens)


P.S.: Alle Zeich­nun­gen wur­den auf einem iPad Pro erstellt mit Ado­be Illus­tra­tor Draw und einem Apple Pen­cil. Als Vor­la­gen – sofern nicht frei gezeich­net – dien­ten eige­ne Fotos oder sol­che aus dem Internet.


  1. Auch die­se Asso­zia­ti­on zeigt das Bemü­hen unse­res Ver­stan­des, etwas letzt­lich Unver­ständ­li­ches wie das Inter­net und sei­ne Berei­che in die drei­di­men­sio­na­le Vor­stel­lungs­welt einer Land­schaft zu über­tra­gen.