Schu­len ans Netz“ war vor Jah­ren eine Initia­ti­ve der Kul­tus­mi­nis­te­ri­en, die Schu­len dazu auf­for­der­te, die moder­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en zu nut­zen, indem man ihnen kos­ten­los einen Inter­net­zu­gang ermög­lich­te. 

Zu die­sen moder­nen Tech­no­lo­gi­en zählt neben der Hard­ware auch die Nut­zung des Inter­nets, des­sen Funk­ti­on auch 21 Jah­re (!) nach Beginn der Initia­ti­ve in den Minis­te­ri­en kaum jemand zu ver­ste­hen scheint oder ver­ste­hen möch­te1.

Die Initia­ti­ve ist aller­dings 2012 been­det wor­den, nach­dem man die selbst­ge­steck­ten Zie­le, den Schu­len einen Inter­net­zu­gang zu ermög­li­chen, erreicht zu haben glaub­te. Wie man aller­dings schon um die Jahr­tau­send­wen­de unschwer erken­nen konn­te, ist es in der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie nicht damit getan, eine Hard­ware bereit­zu­stel­len – sie muss auch gepflegt wer­den. Vie­le Schu­len besit­zen daher auch heu­te noch Maschi­nen aus der Grün­der­zeit mit Win­dows 95 (!!) und eine Netz­an­bin­dung, deren Geschwn­dig­keit mit einem alten „Turn­schuh­mo­dem“ ver­gleich­bar ist. Kurz: Die Hard­ware und auch die Netz­tech­no­lo­gie ist meist auf einem voll­kom­men ver­al­te­ten Stand, sofern sie nicht durch Eigen­in­itia­ti­ve des Lehr­kör­pers, der Eltern­schaft oder der Schü­ler auf einem neue­ren Stand gebracht wur­de.

Das ist jedoch nur der erste Teil der Geschichte.

Die Initia­ti­ve hat­te jedoch den Erfolg, dass sich man­che Leh­rer und Schu­len trau­ten, die Home­page der eige­nen Schu­le nicht mehr nur halb ver­schämt dem Direk­to­rat vor­zu­stel­len oder gar glaub­ten, sich dafür ent­schul­di­gen zu müs­sen, son­dern sie sogar offen­siv bean­trag­ten und Arbeits­grup­pen ein­rich­te­ten, in denen die Schü­ler selbst Bei­trä­ge lie­fer­ten. Selbst Eltern ver­lang­ten danach – Eltern, sonst ger­ne ihre eige­nen Nach­kom­men vor den Gefah­ren des Inter­nets bis ins Erwach­se­nen­al­ter glaub­ten beschüt­zen zu müs­sen.

Mit ande­ren Wor­ten: die zur Ver­fü­gung gestell­te Hard­ware lös­te den Wunsch aus, sie zu nut­zen und auch zumi­nest rudi­men­tär ein­zu­set­zen. An die­ser Stel­le aller­dings grei­fen Schu­len bis heu­te ins Lee­re, denn es fehlt dem Lehr­kör­per eine Anlei­tung, wie man denn die omi­nö­se Tech­no­lo­gie über­haupt nutz­brin­gend ein­setzt.2

Dar­aus ergibt sich die merk­wür­di­ge Kon­stel­la­ti­on, dass der Staat und die Kom­mu­nen als Trä­ger der Schu­len die­se Ent­wick­lung des Inter­nets an ihren eige­nen Schu­len zunächst eher igno­rier­ten und dann – statt zu koor­di­nie­ren – die Leh­rer, Eltern und Schü­ler damit allei­ne lie­ßen. Man ver­schlief die Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten der Inter­net-Ser­vices (Stun­den­plä­ne, Stun­den­aus­fäl­le, sozia­le Ver­an­stal­tun­gen, Mit­tei­lungs- und Dis­kus­si­ons­platt­form, etc) regel­recht. Das ist schon arm­se­lig genug.

Gleich­zei­tig wird es auch dem Lehr­kör­per nicht ein­fa­cher gemacht, sich mit dem The­ma und sei­nen Aus­wir­kun­gen auch auf die all­täg­li­che Unter­richts­ge­stal­tung aus­ein­an­der­zu­set­zen. Die meis­ten Leh­rer und auch Eltern glau­ben näm­lich tat­säch­lich immer noch, dass Schü­ler ihre Haus­auf­ga­ben selbst machen, wäh­rend sich in den Chat­rooms von Whats­App und Kon­sor­ten bereits rege klas­sen­in­ter­ne Tausch­bör­sen zum Wis­sens­stoff ab der fünf­ten Klas­se ent­wi­ckelt haben: „Ich schi­cke Dir die Mathe­lö­sun­gen, du kon­trol­lierst mei­ne Eng­li­schauf­ga­ben…“ – Wer kein Smart­pho­ne hat, ist nicht nur sozi­al, son­dern auch Infor­ma­ti­ons­tech­nisch aus­ge­grenzt.

Statt­des­sen ver­lan­gen und pro­du­zie­ren die Lehr­kräf­te immer mehr Bücher und Papier und die Schü­ler stop­fen sich kilo­wei­se Hef­te, Map­pen und Bücher in ihre Taschen – und brau­chen davon meist nicht ein Zehn­tel.3

Das Selt­sa­me ist ja, dass die Schü­ler über­haupt kei­ne Schwie­rig­kei­ten damit haben, ihre  Haus­auf­ga­ben und Refe­ra­te auf dem Gerät (Com­pu­ter oder Tablet) zu Hau­se zu erstel­len. Sie stel­len ihre Arbei­ten in die Cloud, bear­bei­ten Pro­jek­te, schnei­den gemein­sam Fil­me und bear­bei­ten Fotos – aber für die Schu­le wird es dann auf Folie gedruckt und mit einem Over­head-Pro­jek­tor vor­ge­stellt. Es wird in der Schü­ler­schaft mun­ter per „Cloud-Col­la­bo­ra­ti­on“ in der Grup­pe gear­bei­tet, aber mit dem Betre­ten des Schul­ge­län­des lässt man 20 Jah­re tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung am Schul­tor lie­gen.

War­um?

Am Geld kann es nicht lie­gen, denn die meis­ten Schü­ler haben Zugriff auf einen aktu­el­len Com­pu­ter oder sogar ein Tablet. An den Schü­lern liegt es auch nicht, denn die ver­ste­hen sich auf ihre Gerä­te meist recht gut, auch wenn es ihnen oft an Anlei­tung fehlt, damit etwas Nütz­li­ches anzu­stel­len.

Ver­mut­lich liegt es an den Schu­len und dem Schul­ap­pa­rat: Es gibt für das päd­ago­gi­sche Per­so­nal kei­ner­lei Ver­an­las­sung, sich mit dem The­ma zu beschäf­ti­gen und die Schü­ler ziel­ori­en­tiert anzu­lei­ten.4 Es ist näm­lich nicht nur so, dass unse­re zukünf­ti­gen Erwach­se­nen den struk­tu­rier­ten Umgang mit der Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie für ihr wei­te­res Leben in Beruf und Gesell­schaft benö­ti­gen, er schult auch das logi­sche Den­ken und in der Grup­pen­ar­beit die struk­tu­rier­te Vor­ge­hens­wei­se und Auf­ga­ben­ver­tei­lung. Es geht hier nicht ums Pro­gram­mie­ren, es geht schlicht um die Bewäl­ti­gung des zukünf­ti­gen All­tags.

Wir müs­sen ja an unse­ren Schu­len nicht schon wie­der alles ver­schla­fen.


  1. Außer man zählt die zahl­lo­sen War­nun­gen der Schul­ver­tre­ter dazu, die die Kin­der vor der Nut­zung der Han­dys und des Inter­nets war­nen – ohne zu bemer­ken, dass eben­je­ne Kin­der bereits sozia­le Aktio­nen im Klas­sen­ver­band mit ihren Smart­pho­nes durch­füh­ren. 

  2. Nutz­brin­gend in dem Sin­ne, wie man außer ein paar Sei­ten HTML aus einem Office-Pro­gramm zu expor­tie­ren auch aktu­el­le Inter­net-Dienst­leis­tun­gen wie Chat­rooms, Daten­aus­tausch, Haus­auf­ga­ben- und Lern­hil­fe als päd­ago­gi­sche Hilfs­mit­tel ein­setzt. 

  3. Wie­gen Sie mal die Schul­ta­sche eines Sechst­kläss­lers: 7 Kilo­gramm sind völ­lig nor­mal für fünf Schul­fä­cher. Gebra­cuth wer­den an einem Tag zwei Sei­ten pro Fach und drei Sei­ten Noti­zen … 

  4. Das Schul­fach „Infor­ma­tik“ ist in die­sem Zusam­men­hang ein Witz: Da dür­fen Gym­na­si­as­ten bun­te Bil­der in Power­point-Foli­en hin­ein­ko­pie­ren.