Irland liegt nicht nur am Rand Euro­pas, son­dern auch direkt am Golf­strom im Atlan­tik. Was geo­gra­fisch banal ist, aber für Rad­fah­rer und Zel­ter eine Her­aus­for­de­rung: der Som­mer ist näm­lich nur eine kur­ze Regen­pau­se.

Wir woll­ten es trotz­dem pro­bie­ren. Mit Rädern, Zelt, Kocher, Schlaf­sack, Regen­klei­dern und selbst­ge­strick­ter Tou­ren­pla­nung. Letz­te­re haben wir aus einer Kom­bi­na­ti­on aus Goog­le Maps, Bike­map und der Gaia App für iOS zusam­men­ge­stellt und dann auf das iPho­ne gela­den.1

Zusätz­lich wür­de dann das iPho­ne auf einer Hal­te­rung am Len­ker befes­tigt und als Navi die­nen, das vom Naben­dy­na­mo mit Strom ver­sorgt wird. Außer­dem wür­de mei­ne Frau eine Len­ker­ta­sche mit inte­grier­ter Kar­ten­ta­sche dabei haben, in die man dann auch einen Rei­se­füh­rer ste­cken kann.

Soweit die Pla­nung. Lei­der habe ich bei der Vor­be­rei­tung sowohl den Len­ker­ta­schen­hal­ter als auch den iPho­ne-Hal­ter ver­ges­sen. Es geht aber auch ohne: Wir hat­ten ja noch die Kar­ten, wenn auch nicht direkt greif­bar.

Aber ich schwei­fe ab.

Wir (zwei Erwach­se­ne, zwei Jugend­li­che, vier Fahr­rad­ta­schen, zwei Ruck­sä­cke, zwei See­sä­cke und zwei gro­ße Kof­fer mit den bei­den zer­leg­ten Tan­dems) lan­de­ten in Dub­lin und wur­den gleich von ordent­lich Regen begrüßt. Es war ein Omen.

Da wir aller­dings erst noch einen Tag in Dub­lin ver­brin­gen woll­ten, um uns auf Irland ein­zu­stim­men und mehr über das Land zu erfah­ren, durch­streif­ten wir bei zuneh­mend bes­se­rem Wet­ter am Tag nach unse­rer Ankunft die Stadt süd­lich des Lif­fey. Auf­grund der Rad­kof­fer – die man ja unter­wegs nicht benö­tigt – hat­ten wir zwei Näch­te in einem Hos­tel gebucht, das sehr zen­tral in der Nähe des Temp­le Bar liegt. Von dort aus war es daher nur ein kur­zer Spa­zier­gang zur ver­mut­lich längs­ten Knei­pen­mei­le der Welt (sor­ry Düs­sel­dorf, aber das habt ihr nicht), was uns zur Ver­mu­tung ver­an­lass­te, dass Pubs einen wesent­li­chen Bei­trag zum Brut­to­in­lands­pro­dukt bei­tra­gen.

temple-bar
Temp­le Bar mit dem gleich­na­mi­gen Pub in der Bild­mit­te – das bekann­tes­te Motiv Dub­lins

Landeskundliches Vorgeplänkel

Aber es gibt natür­lich noch mehr zu sehen: Allen vor­an die Biblio­thek der Uni­ver­si­tät mit einer Dau­er­aus­stel­lung der ers­ten hand­schrift­li­chen Bibel­über­set­zun­gen und geist­li­cher Tex­te des frü­hen Mit­tel­al­ters (bei­spiels­wei­se das „Book of Kells“). Kul­tur- und Geschichts­in­ter­es­sier­te wer­den sich sicher erin­nern, dass Euro­pa im frü­hen Mit­tel­al­ter von Irland aus chris­tia­ni­siert wur­de. Nach­dem Patrick („Saint Patrick“ ist der Schutz­hei­li­ge Irlands) meh­re­re Klös­ter gegrün­det hat­te unter dem Schutz der iri­schen Clans, zogen in den fol­gen­den Jahr­hun­der­ten die Mön­che aus Irland durch Euro­pa, um die dor­ti­gen Macht­ha­ber zum Chris­ten­tum zu über­re­den. Ihre Waf­fen waren neben den latei­ni­schen Wor­ten vor allem die Kennt­nis des Schrei­bens, das die Fürs­ten beein­druck­te.

Nach dem Abzug der Römer gab es näm­lich in wei­ten Tei­len Euro­pas öst­lich des Limes nur Weni­ge, die des Schrei­bens mäch­tig waren. Dies hat­te auch für Köni­ge und Fürs­ten erheb­li­che Kon­se­quen­zen, denn ohne Schrift lässt sich die Macht nicht lan­ge behaup­ten. Vor allem nicht gegen die mäch­ti­gen Fran­ken im Wes­ten, die sich die Schrift­kennt­nis über das römi­sche Erbe schon längst ange­eig­net hat­ten und damit in der Lage waren, auch ohne phy­si­sche Anwe­sen­heit ihr Reich zu ver­wal­ten.

So grün­de­ten iri­sche Mön­che (die oft man­gels genau­er geo­gra­fi­scher Kennt­nis­se mit Schot­ten gleich­ge­setzt wur­den) ein Netz aus Klös­tern und Abtei­en, dem wir es zu ver­dan­ken haben, dass Euro­pa im Mit­tel­al­ter trotz stän­di­ger Krie­ge nicht völ­lig in der Bar­ba­rei ver­sank.

college-library-dublin
Col­le­ge Libra­ry, Dub­lin

Irland blieb von der krie­ge­ri­schen Geschich­te Euro­pas aller­dings nicht ver­schont, denn als die Nor­man­nen unter Wil­liam in der Schlacht von Has­tings 1066 auf dem eng­li­schen Kon­ti­nent Fuß gefasst hat­ten, began­nen sie mit ihrer über­le­ge­nen Waf­fen­tech­nik auch Irland zu beset­zen und eine frem­de, fran­zö­si­sche Kul­tur ein­zu­füh­ren. Außer­dem bau­ten sie ihre qua­dra­ti­schen Bur­gen auf Mot­ten (Erd­hü­geln), ver­bo­ten die Hei­rat zwi­schen Iren und Nor­man­nen und trenn­ten in den auf­kom­men­den Städ­ten deut­lich die ein­hei­mi­sche von der kolo­nia­len Bevöl­ke­rung.

Den­noch soll­te der fremd­kul­tu­rel­le Ein­fluss eine bedeu­ten­de Berei­che­rung der iri­schen Gesell­schaft dar­stel­len, die so mit euro­päi­scher Kunst und Kul­tur in Ver­bin­dung blieb.

Nun aber zur Reise

Nach dem Tag in Dub­lin begann auch unse­re Fahrt mit gutem Vor­zei­chen: es war bewölkt, aber tro­cken, als wir uns mit voll­be­pack­ten Rädern aus Dub­lin nach Süden hin ori­en­tier­ten. Das ers­te Ziel war Rath­drum in einer geschätz­ten Ent­fer­nung von 75 km.

Wir kamen nicht an.

Dass es schon am ers­ten Tag nicht reich­te, lag zum einen dar­an, dass der Zusam­men­bau der Tan­dems recht lan­ge dau­er­te, aber vor allem, dass Irland ent­ge­gen der net­ten Fotos in die­sem Teil der Insel recht hüge­lig ist und wir die doch anspruchs­vol­len Stei­gun­gen (von der Küs­te zum 500m hohen Gre­at Sug­ar­lo­af moun­tain) mit ein­set­zen­dem Nie­sel­re­gen und vol­len Rädern bewäl­ti­gen muss­ten. Das hält auf.

sugarloaf
Gre­at Sug­ar­lo­af

So kamen wir bis zum Abend nur nach Glenda­lough, wo wir eigent­lich am frü­hen Nach­mit­tag sein woll­ten. Glück­li­cher­wei­se gab es dort ein Hos­tel, denn der Regen hat­te nicht mehr auf­ge­hört und wir waren bis auf die Haut durch­nässt, trotz Regen­klei­dung.

Glendalough

glendalough
Glenda­lough („Das Tal mit den zwei Seen“)

Glenda­lough besteht eigent­lich aus nicht viel mehr als einer weit­läu­fi­gen Klos­ter­rui­ne in einem Tal mit zwei Seen (daher der Name „Glen-da-lough“), auf des­sen Erhe­bung zwi­schen den bei­den Seen im sechs­ten Jahr­hun­dert eine Ein­sie­de­lei ent­stand, die im Ver­lauf des Mit­tel­al­ters auf die beacht­li­che Grö­ße von 1000 Mön­chen anwuchs. Wenn man bedenkt, dass in etwa zur glei­chen Zeit in Kon­stan­ti­no­pel, dem Zen­trum des osrö­mi­schen Reichs, die Kir­che der hei­li­gen Sophia (Hagia Sophia) gebaut wur­de, und trotz­dem von hier aus das Abend­land chris­tia­ni­siert wur­de (näm­lich irisch-katho­lisch, nicht grie­chisch-otho­dox), wird die enor­me kul­tu­rel­le Rück­stän­dig­keit die­ses Kon­ti­nents doch sehr deut­lich.

Nach Kilkenny über Bagenalstown

Da wir sowie­so schon hin­ter unse­rer Stre­cken­pla­nung zurück­la­gen, erkun­de­ten wir am nächs­ten Tag erst noch die gesam­te Anla­ge zu Fuß, bevor wir uns wie­der auf die Räder schwan­gen.2

Bei nach­las­sen­dem Regen und zuneh­men­der Tro­cken­heit erreich­ten wir am Abend aus den Hügeln kom­mend das Ört­chen Bagen­als­town. Dort gibt es kei­nen Zelt­platz und auch kein Hos­tel (wer hier vor­bei­kommt, strebt kei­ne Über­nach­tung an, son­dern die Flucht), so dass wir auf B&B aus­wei­chen muss­ten im ein­zi­gen Hotel am Ort, dass aller­dings ein Stück­chen außer­halb in Leigh­lin­bridge am Ufer des Bar­row liegt.

Am nächs­ten Mor­gen ging es dann nach einem sehr luxu­riö­sen Früh­stücks­buf­fet wei­ter nach Kil­ken­ny, wo wir am spä­ten Vor­mit­tag ein­tra­fen.

panorama-kilkenny
Kil­ken­ny vom mit­tel­al­ter­li­chen Glo­cken­turm des iri­schen Stadt­teils aus gese­hen. In der Mit­te die Burg der nor­man­ni­schen (und spä­ter eng­li­schen) Her­ren

Kil­ken­ny gilt als eine der schöns­ten Städ­te Irlands. Das kann ich aller­dings nur ein­ge­schränkt bestä­ti­gen, denn wer einen roman­ti­schen Stadt­kern wie Regens­burg (des­sen Bedeu­tung Kil­ken­ny zeit­wei­se hat­te) oder Rothen­burg ob der Tau­ber erwar­tet, wird bit­ter ent­täuscht: Durch den mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­kern, der fast unzer­stört die Jahr­hun­der­te über­lebt hat, rauscht der Ver­kehr und die Fas­sa­den sind bunt, aber wenig geschichts­be­wusst über­malt. Die Stadt macht den Ein­druck, als ob man einer­seits ger­ne mehr Tou­ris­ten hät­te, aber ande­rer­seits auch die Kehr­sei­te der Indus­tria­li­sie­rung zei­gen möch­te.

Wir wan­der­ten vom Schloss, an des­sen Fuß wir die Rädern ange­bun­den hat­ten, durch die alte Zen­tralach­se der Stadt hin­über zur Kathe­dra­le im iri­schen Stadt­teil. Trotz der zahl­rei­chen Umbau­ten und pla­ne­ri­schen Ver­än­de­run­gen lässt sich am Stadt­bild immer noch der All­tag der Stadt­be­woh­ner in der frü­hen Neu­zeit (Beginn des 17. Jahr­hun­derts) erken­nen, die Kil­ken­ny zu einem wohl­ha­ben­den Umschlag­platz an der Kreu­zung wich­ti­ger Han­dels­rou­ten Irlands gemacht haben.

Richtung Atlantik über Cashel

Aber der Tag war noch nicht zu Ende. Denn unser nächs­tes Ziel war Cas­hel und der berühm­te Fel­sen – wie­der ein geschichts­träch­ti­ger Ort, denn die­ser war bereits in kel­ti­scher Zeit ein Hei­lig­tum. Dies mag auch der Grund gewe­sen sein, war­um St. Patrick sich den unzu­gäng­li­chen und stra­te­gisch güns­tig gele­ge­nen Fel­sen über­eig­nen ließ, um dar­auf ein Klos­ter zu bau­en und einen Bischofs­sitz dar­aus zu machen.

rock-of-cashel
Der „Rock of Cas­hel“ mit sei­nen Klos­ter­bau­ten aus zahl­rei­chen Jahr­hun­der­ten

Wir erreich­ten Cas­hel am Abend – wie­der völ­lig durch­nässt vom nach­mit­tags ein­set­zen­den Regen und konn­ten damit auch dort nicht die Zel­te auf­bau­en, son­dern muss­ten uns in ein Hos­tel flüch­ten, des­sen Zustand weit unter­halb euro­päi­scher Maß­stä­be liegt. Noch nicht ein­mal die Hei­zung funk­tio­nier­te, so dass es auch kein hei­ßes Was­ser gab…

rock-of-cashel-2
Blick vom Fel­sen her­un­ter in ein wei­tes Land

Der fol­gen­de Mor­gen war wie­der tro­cken, so dass es nach dem Ein­kau­fen (für die Ver­pfe­gung unter­wegs) hin­auf zum Fel­sen ging, der über der Stadt thront. Der Ort Cas­hel ist beschau­lich und eigent­lich tou­ris­ti­scher als Kil­ken­ny, denn seit der Schlie­ßung der Klos­ter­an­la­gen in der Mit­te des 18. Jahr­hun­derts ist hier nicht mehr viel pas­siert3.

Nach der Besich­ti­gung des berühm­ten Fel­sens, der wirk­lich sehens­wert ist, war unser nächs­tes Ziel Bun­rat­ty, jen­seits von Lime­rick am Ufer des Shan­non.

Bunratty

Da Irland im Wes­ten weit­aus fla­cher ist als der Osten, erreich­ten wir tat­säch­lich am Abend auch Bun­rat­ty bei Tro­cken­heit und pack­ten also zum ers­ten Mal die Zel­te aus. Lei­der begann es dann in der Nacht zu reg­nen …

Trotz­dem war es sehr ange­nehm, dies­mal nach dem ver­gam­mel­ten Hos­tel in Cas­hel in den eige­nen Schlaf­sä­cken zu schla­fen. Auch kamen wir am Abend noch mit zwei neu­see­län­di­schen Cam­pern ins Gespräch, mit denen wir über die inner­eu­ro­päi­schen Ereig­nis­se dis­ku­tier­ten, die aus dem Blick­win­kel der Neu­see­län­der völ­lig anders aus­se­hen. Es ist ja ein durch­aus gewünsch­ter Neben­ef­fekt eine Rad­rei­se, nicht nur lang­sa­mer vor­an zu kom­men, son­dern auch mehr Zeit für Gesprä­che und Kon­tak­te zu haben.

Unse­re Zel­te muss­ten wir dann mor­gens nass ein­pa­cken (was bedeu­te­te, dass die fol­gen­de Nacht wie­der kein Zel­ten mög­lich war, da die Sachen trock­nen muss­ten). Aber auch wenn es feuch­te­te, was der Him­mel her­gab (Petrus muss eine extre­me Bla­sen­schwä­che haben), roll­ten wir mor­gens vom Zelt­platz hin­über zur Burg Bun­rat­ty, die sehr lie­be­voll für den Tou­ris­mus her­ge­rich­tet wur­de.

bunratty-innen
Bun­rat­ty von innen – in der begin­nen­den Neu­zeit galt es als schick beim Land­adel, sich in feuch­te und unbe­que­me Bur­gen ein­zu­nis­ten, die man ver­such­te, wohn­lich ein­zu­rich­ten. Retro sozu­sa­gen. Auf die­se Idee käme heu­te nie­mand…

Neben der Burg, ein recht unan­sehn­li­cher aber bein­dru­cken­der Stein­kas­ten, wur­de eine Art Frei­licht­mu­se­um ein­ge­rich­tet, das einen Ein­blick in die Lebens­um­stän­de der „nor­ma­len“ Bevöl­ke­rung des 19. Jahr­hun­derts in Irland bie­tet. Dazu hat man aus den unter­schied­lichs­ten Lan­des­tei­len der West­küs­te Irlands die klei­nen Häus­chen der Land­ar­bei­ter und Fischer­ka­ten abge­baut und hier ori­gi­nal­ge­treu wie­der auf­ge­stellt – ein­schließ­lich der Gärt­chen, über die die Bewoh­ner ein gerin­ges Maß an Selbst­ver­sor­gung erreich­ten. Beim Blick auf die­se Unter­künf­te wird auch schnell klar, welch ver­hee­ren­de Fol­gen die gro­ße Hun­gers­not 1845-1852 auf die Gesell­schaft hat­te: eine Bevöl­ke­rung am Ran­de der Exis­tenz­si­che­rung, gekne­belt und unter­drückt durch Groß­grund­be­sit­zer, erlebt eine Rei­he von Miss­ern­ten durch nas­se Som­mer und Schäd­lings­be­fall. Es gibt kei­ne Reser­ven, Seu­chen und Krank­hei­ten brei­ten sich aus und Mil­lio­nen Men­schen ver­las­sen das Land Rich­tung USA. Men­schen, die das Land hät­ten auf­bau­en kön­nen, wan­dern aus. Und die Groß­grund­be­sit­zer, die eng­li­schen Lords? Sie zie­hen wie ein Schwarm Wan­der­heu­schre­cken wei­ter, um das nächs­te Land aus­zu­plün­dern…

Boxenstopp in Ennis

Nach Bun­rat­ty woll­ten wir die west­li­chen Hügel über­que­ren und an der West­küs­te eine Unter­kunft suchen. Aller­dings goss es den gan­zen Tag so, dass wir in Ennis ernst­haf­te Über­le­gun­gen anstell­ten, die Rei­se kom­plett zu ändern, da es wenig Sinn ergibt, stun­den­lang durch strö­men­den Regen zu radeln, nur um am Abend durch­fro­ren und durch­nässt die nächs­te Her­ber­ge auf­zu­su­chen. Kaum hat­ten wir das beschlos­sen und waren wie­der auf die Räder gestie­gen, um den Plan umzu­set­zen, bemerk­ten wir, dass der Rei­fen mei­nes Hin­ter­rads kom­plett abge­fah­ren war und zu plat­zen droh­te. Die Gum­mie­rung war auf­ge­ris­sen und der Schlauch wur­de nur noch vom Gewe­be gehal­ten.4 An eine Wei­ter­fahrt war nicht zu den­ken, außer­dem war Sonn­tag. Daher über­nach­te­ten wir in Ennis, um am kom­men­den Mor­gen bei einem Rad­händ­ler Ersatz zu besor­gen.

Das Hos­tel in Ennis ist nicht nur gut aus­ge­baut und liegt sehr zen­tral, Ennis ist sogar eine Stadt, die man als durch­aus hübsch bezeich­nen kann (zumin­dest die Alt­stadt) und die über einen gewis­sen iri­schen Charme ver­fügt. Da wir aller­dings bereits mit unse­ren Rei­se­plä­nen ziem­lich ins Hin­ter­tref­fen gera­ten waren – immer­hin muss­ten wir ja auch den Rück­flug erwi­schen -, ver­zich­te­ten wir auf eine Stadt­be­sich­ti­gung und fuh­ren mit neu­em Rei­fen Rich­tung Atlan­tik: die Cliffs of Moher war­te­ten.

Westküste

Allein, das Wet­ter blieb wech­sel­haft, euphe­mis­tisch gespro­chen: es wech­sel­te zwi­schen nass­grau und tro­cken­grau. Wäh­rend tro­cke­nes Wet­ter bei 16 °C nicht unan­ge­nehm beim Rad­fah­ren ist, schlägt der Regen auf Dau­er doch aufs Gemüt, da er die Aus­sicht ver­miest und man schnell aus­kühlt. Wir fuh­ren teil­wei­se mit Fleece und Regen­ja­cke – eine Kom­bi­na­ti­on, die ich in Deutsch­land nur im Janu­ar benö­ti­ge – nur um auf dem nächs­ten Hügel schweiß­ge­ba­det den Fleece wie­der aus­zu­zie­hen, bei der Abfahrt abzu­küh­len und unten im Tal zu frie­ren.

Die Vor­stel­lung, dass die ein­hei­mi­sche Bevöl­ke­rung vor der Erfin­dung der Zen­tral­hei­zung und der Auto­mo­bi­le die­sen kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen nur mit Torf­feu­er und Whis­key getrotzt hat, lässt erah­nen, wie zäh die­ser Men­schen­schlag ist.

Mit­tags waren wir an den Cliffs of Moher, einem der berühm­tes­ten Post­kar­ten­mo­ti­ve Irlands und des tou­ris­tisch wohl am bes­ten erschlos­se­nen Punkt in der ansons­ten immer kar­ge­ren Land­schaft. Zu den Cliffs fährt der Tou­rist per Über­land­bus in einer orga­nis­er­ten Fahrt ab Dub­lin in einem Tag und schaut sich dabei viel­leicht noch zwei oder drei Sehens­wür­dig­kei­ten an.

Wir waren eine knap­pe Woche unter­wegs gewe­sen…

moher
Die Cliffs of Moher bei typi­schem Wet­ter: auf der ande­ren Sei­te des Was­sers liegt Neu­fund­land und die Mün­dung des Lorenz­stroms

Die Cliffs of Moher sind spek­ta­ku­lär, aber nach einem kur­zen Spa­zier­gang ent­lang der Steil­küs­te eigent­lich auch schnell lang­wei­lig. Wer die schot­ti­sche West­küs­te kennt, kann sich das Gemisch aus Wind, See­luft, Regen­trop­fen und Möwen­ge­schrei ganz gut vor­stel­len.

Inter­es­san­ter ist da der Bur­ren, die Karst­land­schaft im Nor­den der Cliffs, die sich über vie­le Kilo­me­ter ent­lang der Küs­te erstreckt. Die cha­rak­te­ris­ti­sche Ober­flä­che muss man sich wie einen aus­ge­trock­ne­ten Mee­res­bo­den vor­stel­len, der in schrun­di­ge Plat­ten zer­ris­sen ist, die von knie­tie­fen Ril­len durch­zo­gen sind. Und in der Tat ist der Fels ein Über­bleib­sel geschich­te­ter Koral­len­rif­fe aus einer Zeit, als Irland als Insel lang­sam nord­wärts an Afri­ka vor­bei­drif­te­te und sich in Äqua­tor­nä­he gro­ße Rif­fe auf­bau­ten, die seit­dem über Mil­lio­nen Jah­ren wie­der von Wind und Regen abge­tra­gen wer­den.

Zwi­schen den Plat­ten haben sich Pflan­zen fest­ge­setzt, die mit dem wid­ri­gen Wet­ter gut zurecht­kom­men, und bei Son­nen­schein die Land­schaft fast anhei­melnd aus­se­hen las­sen. Bei grau­em Wet­ter aller­dings eig­net sich die Land­schaft eher als Kulis­se in Fil­men, die eine see­li­sche Zer­ris­sen­heit der Prot­ago­nis­ten ver­mit­teln wol­len.

burren
Der Bur­ren: die­se Land­schaft erstreckt sich über vie­le Kilo­me­ter ent­lang der Küs­te im gleich­na­mi­gen Natio­nal­park

Bei Bal­lyvaug­han endet das Natur­schau­spiel, das uns mit den schlech­ten Stra­ßen und den nicht beson­ders guten Auto­fah­rern ver­söhn­te (in Irland wird auf engen und kaput­ten Stra­ßen mit viel zu hoher Geschwin­dig­keit gefah­ren). Und hier mach­ten wir auch Rast für die Nacht.

Über Athenry nach Clonmacnoise

Ab hier ging es zurück nach Osten. Die Mit­te Irlands am Shan­non auf­wärts ist land­schaft­lich nicht beson­ders reiz­voll – außer man kann sich an klei­nen über­wu­cher­ten Stein­mau­ern und Hecken dicht an der Stra­ße nicht satt­se­hen. Es gibt kei­ne Aus­sichts­punk­te, kei­ne Rast­stel­len und kaum offi­zi­el­le Sehens­wür­dig­kei­ten, die zum Ver­wei­len ein­la­den. Hier fah­ren die Rei­se­bus­se nur durch. Was eigent­lich scha­de ist, denn es gäbe theo­re­tisch vie­le alte Rui­nen zu ent­de­cken: ver­fal­le­ne nor­man­ni­sche Bur­gen und Klös­ter sind über­all im Land zu sehen. Meist führt aber nicht ein­mal ein Tram­pel­pfad dort­hin, geschwei­ge denn ein Schild klärt über die Geschich­te des Orts auf. Nur sehr sel­ten fan­den wir auf die­ser Stre­cke (wie fast über­all in Irland) Punk­te, die den Besu­cher über ihre Geschich­te auf­klä­ren. Fast schien es uns so, als sei sie den Iren pein­lich.

Die fol­gen­de Nacht aller­dings zel­te­ten wir wie­der – und dies­mal rich­tig: mit­ten unter den Scha­fen. Kurz vor Bal­li­nas­loe fan­den wir einen Hin­weis auf einen Zelt­platz abseits der Stra­ßen, dem wir folg­ten und bald vor einem Bau­ern­hof stan­den, des­sen Besit­zer uns erst die Wie­se zei­ge und den Don­ner­bal­ken5, und danach mit uns bei ein paar Tas­sen Tee und Toast in der Küche über Gott und die Welt plau­der­te. Hier erfuh­ren wir auch viel über die wirt­schaft­li­che Lage der Bau­ern in Irland, ihre Nöte und ihre Hoff­nun­gen. Gesprä­che die­ser Art emp­fin­de ich immer als beson­ders, da sie den eige­nen Hori­zont erwei­tern. Ande­rer Men­schen Ansich­ten und Schluss­fol­ge­run­gen las­sen sich leich­ter nach­voll­zie­hen, wenn man die Welt mit ihren Augen sieht.

Da es auch am nächs­ten Mor­gen nicht reg­ne­te, gelang uns zum ers­ten Mal das Kunst­stück, mit tro­cke­nem Zelt wei­ter­zu­fah­ren – nach Clon­mac­noi­se. Ent­lang des Shan­non und mit Rücken­wind waren wir recht flott unter­wegs, so dass wir mit­tags in Clon­mac­noi­se waren und damit genü­gend Zeit, die gan­ze, doch recht über­schau­be­re Anla­ge zu besich­ti­gen.

clonmacnoise
Clon­mac­noi­se: Blick durch das Nord­fens­ter der „Kathe­dra­le“ auf den Rund­turm

Die Anla­ge ist sehr gepflegt, auch wenn in inmit­ten einer fast lee­ren Land­schaft liegt. Dass sich hier im Früh­mit­tel­al­ter wich­ti­ge Han­dels­rou­ten kreuz­ten, die bis nach Kon­stan­ti­no­pel führ­ten, ist heu­te nicht mehr erkenn­bar. Und es käme auch heu­te kein Wikin­ger mehr auf die Idee, hier etwas zu plün­dern – er wür­de ver­mut­lich den Ort nicht ein­mal fin­den. Umso erstaun­li­cher ist es, dass dies über Jahr­hun­der­te ein geis­ti­ger und kul­tu­rel­ler Mit­tel­punkt war, des­sen Bewoh­ner gear­bei­tet, geges­sen, gelacht, geweint und gear­bei­tet haben, Kin­der zeug­ten und Men­schen erschlu­gen, bete­ten und von wei­ten Rei­sen erzähl­ten. Heu­te ste­hen ein paar Stei­ne mehr oder weni­ger schief auf­ein­an­der, kel­ti­sche Kreu­ze säu­men den Fried­hof und über­all stol­pert man über Grab­stei­ne. Ansons­ten füh­ren emsi­ge Reis­füh­rer ihre Schäf­lein von einer Rui­ne zur nächs­ten („Dies hier stell­te die Kreu­zi­gung dar, auch wenn man es nicht mehr erken­nen kann!“) und im Café neben­an wird Eis ver­kauft. – Wie wird es mit unse­ren zivi­li­sa­to­ri­schen Errun­gen­schaf­ten in 1000 Jah­ren aus­se­hen? Wenn dies übrig­bleibt – wel­chen Stel­len­wert hat dann ein neu­es Auto oder eine teu­re­re Küchen­ein­rich­tung?

Nun, das muss jeder selbst beant­wor­ten. Wir fuh­ren wei­ter nach Tull­amo­re.

Tullamore und der ganze Rest

Bis Tull­amo­re zieht es sich schier end­los an ver­las­se­nen oder von Scha­fen bevöl­ker­ten Wie­sen und den über­all ver­spreng­ten Häu­sern ent­lang. In Tull­amo­re stand wie­der ein B&B auf dem Pro­gramm, da es in die­ser Gegend kaum Tou­ris­mus und daher auch nur weni­ge Zelt­plät­ze gibt. Falls doch, sind sie mög­lichst weit weg von der spär­li­chen Zivi­li­sa­ti­on und dadurch mit dem Rad extrem umständ­lich zu errei­chen.

Tull­amo­re ist nicht ohne Grund nur für Whis­key bekannt, besitzt aber eine wei­te­re, für Rad­fah­rer wich­ti­ge Eigen­schaft: Durch die Stadt ver­läuft der Grand Canal, eine Was­ser­stra­ße aus dem 18. Jahr­hun­dert, die Irland in der Mit­te durch­schnei­det und den Shan­non im Wes­ten mit Dub­lin im Osten ver­bin­det. An die­sem Kanal ent­lang – so wur­de uns bei der Abfahrt in Dub­lin gesagt – kön­ne man ohne gro­ße Mühe bis in die Stadt hin­ein gelan­gen. Außer­dem sei er für Fahr­rä­der aus­ge­baut.

grand-canal-celbridge
Der Grand Canal bei Cel­bridge: nicht wirk­lich eine Was­ser­stra­ße, ist er ziem­lich zuge­wach­sen und zuge­müllt

Wäh­rend die ers­te Aus­sa­ge kor­rekt ist, ist die zwei­te nicht ganz kor­rekt: auch wenn der Kanal im Osten beginnt und duch Tull­amo­re führt, kann man zwar sei­nem Ver­lauf in gro­ben Zügen fol­gen, aber aus­ge­baut ist er erst als sol­cher für Fahr­rä­der hin­ter Lucan Bridge kurz vor Dub­lin. Davor gibt es klei­ne Tram­pel- und Trei­del­pfa­de, die aber nicht für Fahr­rä­der geeig­net sind. Angeb­lich sei man aller­dings im Rah­men der tou­ris­ti­schen Erschlie­ßung Irlands auch dabei, die Reich­wei­te des Rad­net­zes zu erhö­hen. Und der Grand Canal kann dabei eine wich­ti­ge Rol­le spie­len, denn sei­ne 52 Schleu­sen stel­len eher für Schif­fe als für Rad­ler ein Hin­der­nis dar. Aus­ge­baut besä­ße er eine zen­tra­le Funk­ti­on wie der Donau­rad­weg oder Rhein­rad­weg. Das ist aller­dings noch in wei­ter Fer­ne, denn die Vor­aus­set­zun­gen für eine flä­chen­de­cken­de tou­ris­ti­sche Infra­struk­tur bestehen noch gar nicht.

So ist es eine net­te klei­ne Stre­cke, die kurz vor Dub­lin beginnt und frei von Auto­ver­kehr immer am Was­ser ent­lang führt. Für bepack­te Räder ist sie jedoch eher ärger­lich, denn die zahl­rei­chen Durch­fahrtsper­ren ver­lan­gen ein Drü­ber­he­ben oder Abpa­cken, was das Ver­gnü­gen doch arg schmä­lert. Aber viel­leicht bekommt man das in Irland ja noch in den Griff. Die Unab­hän­gig­keit von Eng­land hat auch lan­ge gedau­ert…

Für Interessierte

Die­se Tour ist in die­ser Form nicht sehr zu emp­feh­len. Bes­ser ist es, nur den Wes­ten oder den Osten Irlands zu befah­ren – am bes­ten, wenn es nicht so viel reg­net. Dann aller­dings hat Rad­fah­ren in Irland einen eige­nen – her­ben – Charme.

Sláin­te!

Und zum Abschluss eine Dia­show mit Musik:


  1. Der Vor­teil die­ser Kom­bi­na­ti­on ist die Off­line-Ver­füg­bar­keit des Kar­ten­ma­te­ri­als ein­schließ­lich der Rou­te. Sie­he auch Renn­rad­tou­ren pla­nen

  2. Der Vor­teil eines Hos­tels ist, dass man nicht noch Zeit damit ver­bringt, die Zel­te zusam­men­zu­bau­en und das Gepäck zu ver­stau­en. Aller­dings kos­tet die­se Bequem­lich­keit ein Mehr­fa­ches des Zelt­plat­zes. 

  3. Der angli­ka­ni­sche Bischof ließ das Dach der Kathe­dra­le ent­fer­nen. Dadurch wur­de die Anla­ge unbe­nutz­bar und ver­fiel. Eine ähn­li­che Tak­tik ver­fol­gen auch ande­re reli­giö­se Grup­pie­run­gen, die durch die Zer­stö­rung wich­ti­ger reli­giö­ser und geschicht­li­cher Stät­ten den Ein­hei­mi­schen die Iden­ti­fi­ka­ti­on rau­ben wol­len. 

  4. Iri­sche Stra­ßen gehö­ren mit zu den schlech­tes­ten, die Euro­pa zu bie­ten hat: zahl­rei­che Löcher, vor allem in den Innen­kur­ven, not­dürf­tig geflickt und mit einer sehr rau­en Asphal­tie­rung zuge­kleis­tert, set­zen sie jedem Rei­fen extrem zu. Nach nur einer Woche Irland ist ein Rei­fen etwa so abge­fah­ren wie nach einem hal­ben Jahr in Deutsch­land – man muss mit bis zu zehn­fach höhe­rem Ver­schleiß rech­nen. 

  5. Genau: kein Strom, kein war­mes Was­ser, kei­ne Toi­let­ten­spü­lung – ein­fach tie­risch irisch.