Kaum etwas liegt dem Tech­ni­schen Redak­teur beruf­li­ch fer­ner als gebun­de­ne Spra­che und kunst­voll gedrech­sel­te Phra­sen, die vom Leser ver­lan­gen, den Text zu inter­pre­tie­ren und nicht von ihm instru­iert zu wer­den.

Tech­ni­sche Tex­te dür­fen all das nicht, was einen poe­ti­schen Ein­druck erwe­cken könn­te – Kunst steht dem von ihm erwar­te­ten Pro­dukt sogar dia­me­tral gegen­über: Sät­ze mit mehr als 13 Wör­tern müs­sen getrennt wer­den, eine Hand­lungs­an­wei­sung darf nicht mehr als zwei Ver­ben ent­hal­ten, Über­schrif­ten sol­len aus­sa­ge­kräf­tig sein, damit der Leser schon beim Über­flie­gen des Inhalts­ver­zeich­nis­ses erkennt, was ihn erwar­tet – die Rei­hung lässt sich noch belie­big lan­ge fort­set­zen.1

Laaangweilig!

Aus Furcht, poten­zi­el­le Leser abzu­schre­cken, ver­su­chen sich vie­le Kol­le­gen daher nur all­zu ger­ne an Satz­kon­struk­tio­nen, die den sprach­li­chen Char­me der Maschi­nen haben, die dar­in beschrie­ben wer­den:

  1. Deckel öff­nen.
  2. Schrau­be ent­fer­nen.
  3. Kon­ter­mut­ter lösen.

Das klingt nicht nur mecha­ni­sch, das ver­mit­telt auch den Ein­druck eines sprö­den Hand­werks. Wie kann man so einen Job machen und wel­ch abge­stumpf­tes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten muss ein Men­sch auf­wei­sen, der einen sol­chen Text ver­fasst?

Der Aufsatzschreiber

Kei­ne Sor­ge, ich begin­ne hier kein Plä­doy­er für aus­schwei­fen­de Beschrei­bun­gen, wie sie manch­mal von Auto­ren her­ge­stellt wer­den, wenn sie ver­su­chen, ihre schu­li­schen Kennt­nis­se aus dem Schrei­ben von Auf­sät­zen in der Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on an den Leser zu brin­gen. Kost­pro­be gefäl­lig?

Nach Errei­chen des Füll­stands ver­sucht der Ser­ver aus Per­for­man­ce­grün­den über den Rou­ter den ange­bun­de­nen Swit­ch auto­ma­ti­siert zu errei­chen. Dabei kann der User natür­li­ch fire­wall­sei­tig nur kurz­zei­tig ein­grei­fen, um die Netz­werk­adres­se aus Active Direc­to­ry Sicht umzu­kon­fi­gu­rie­ren.

Das ist Kau­der­wel­sch mei­nen Sie? Das ist Hilf­lo­sig­keit! Das ver­steht selbst nach mehr­ma­li­gem Lesen nur der Per­so­nen­kreis, der bei der Erfas­sung des Sach­ver­halts per­sön­li­ch anwe­send war.2 Einem der Anwe­sen­den wur­de dabei die undank­ba­re Auf­ga­be zuge­mu­tet, den Sach­ver­halt in Worte zu fas­sen und auf­zu­schrei­ben. Dar­auf­hin hat die­ser arme Men­sch das notiert, was ihm spon­tan noch in Erin­ne­rung geblie­ben ist – unsor­tiert und unge­fil­tert. Damit die­ses Brain­stor­ming zu einem anschau­li­chen Text wird, hat er ihn mit sämt­li­chen Adjek­ti­ven, Adver­bi­en und sons­ti­gen Bei­fü­gun­gen ver­se­hen, die den tro­cke­nen Gegen­stand eigent­li­ch auf­lo­ckern sol­len.

Das Ergeb­nis ist aber in bei­den Fäl­len ein situa­tiv unan­ge­mes­se­ner Text. Situa­tiv unan­ge­mes­sen ist der Text, weil er von der Vor­stel­lung des Text­pro­du­zen­ten aus­geht (oder vom Her­stel­ler des Pro­dukts), der grund­sätz­li­ch die Welt in zwei Grup­pen unter­teilt: Die­je­ni­gen, die sei­ne Pro­duk­te ken­nen und den Text daher höchs­tens als recht­li­ch ver­pflich­ten­de Bei­la­ge betrach­ten – und die­je­ni­gen, die sowie­so nie mit dem Pro­dukt umge­hen wer­den kön­nen oder müs­sen.

Um dem Dilem­ma zwi­schen drö­ger Mini­mal­spra­che und aus­schwei­fen­der Erleb­nis­er­zäh­lung zu ent­ge­hen, gibt es lei­der kein Patent­re­zept. Weder nutzt es, mit „ver­ein­fach­ter Spra­che“ den Leser wie einen  Grenz­de­bi­len anzu­spre­chen, der über einen Wort­schatz von maxi­mal 500 unter­schied­li­chen Begrif­fen ver­fügt, noch hilft es, den Leser als einen Aus­dau­er­sport­ler in der Text­re­zep­ti­on zu ver­ste­hen.3

Texte sind Musikstücke

Tex­te sind nicht nur eine Anein­an­der­rei­hung von Buch­sta­ben, die zufäl­lig einer sprach­li­chen Norm und vie­len Regeln gehor­chen, eine Art gemal­te Infor­ma­ti­on sozu­sa­gen, die aus Schrift­zei­chen eine Zeich­nung macht.

Tex­te sind wie Musik­stü­cke: sie haben Klang und Melo­die, sie haben Rhyth­mus und Refrain. Wie ein Musik­stück muss das Ergeb­nis nicht jedem in jeder Situa­ti­on gefal­len, aber es soll­te einen bestimm­ten Typus dar­stel­len, kohä­rent sein. Jeder Text ist immer auch ein Lied mit einer Aus­sa­ge und einer inne­ren Logik, einer Struk­tur.

Machen Sie doch mal einen simp­len Test: Schrei­ben Sie einen tech­ni­schen Text, bei­spiels­wei­se eine Anlei­tung, wie man Kaf­fee kocht, oder eine laden Sie aus dem Inter­net eine Anlei­tung her­un­ter und las­sen Sie sich eini­ge Pas­sa­gen von der Sprach­soft­ware des Com­pu­ters vor­le­sen. Schlie­ßen Sie dabei die Augen und stel­len Sie sich vor, neben Ihnen stün­de ein Assis­tent, der Ihnen aus der Anlei­tung vor­liest. Ver­ste­hen Sie, was er sagt? Kön­nen Sie ihm fol­gen? Oder müs­sen Sie immer wie­der die Augen öff­nen um sich an den Bil­dern zu ori­en­tie­ren?

Wenn der Text gut ist, beginnt er zu sin­gen, dann folgt er einem Gedan­ken bis zum Ende wie ein Musik­stück einem Melo­die­bo­gen folgt. Wenn er schlecht ist, dann wis­sen Sie auch, was Sie bes­ser machen kön­nen: Tex­te kom­po­nie­ren.

 


  1. Die­ser Satz allei­ne ist schon ein „No-go“, weil er auf­grund sei­ner Län­ge angeb­li­ch die Auf­merk­sam­keits­span­ne der meis­ten Leser über Gebühr bean­sprucht. 

  2. Bemü­hen Sie sich nicht, es han­delt sich nur um ein Bei­spiel. Der Inhalt besitzt kei­ne Aus­sa­ge, es ist Unsinn. 

  3. Zur ers­ten Grup­pe zäh­len jene, deren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten mit der fol­gen­den Unter­hal­tung skiz­ziert wer­den kann: „Ich so: ey! – Er so: war­um dig­ger?“ Zur zwei­ten Grup­pe rech­ne ich jene Nomi­na­li­sie­rungs­akro­ba­ten, deren Text­pro­duk­ti­on vor allem in juris­ti­schen oder sozio­lo­gi­schen Fach­t­ex­ten ver­mehrt auf­tritt.