Viel­leicht liegt es ein­fach dar­an, dass die Son­nen­schein­dau­er zunimmt. Viel­leicht auch ein­fach dar­an, dass ich mir wie­der mehr Zeit neh­men kann für die Din­ge, die mir wich­tig sind. Was auch immer es ist: ich habe Pro­ble­me mit denen, die über den eige­nen Tel­ler­rand nicht hin­aus­schau­en wol­len.

Zur Vorgeschichte

Ges­tern war ich mal wie­der mit dem Renn­rad unter­wegs im ober­baye­ri­schen Hin­ter­land bei Dach­au. Das ist eine Tour, die man aus ver­kehrs­tech­ni­schen Grün­den nur am Wochen­en­de fah­ren soll­te, da die Stre­cke teil­wei­se an Indus­trie­ge­bie­ten vor­bei­führt, die unter der Woche hier­zu­lan­de von der wirt­schaft­li­chen Stär­ke die­ses Lan­des kün­den.

Es war etwas kühl, was durch den Fahrt­wind bei knapp 30 km/​h noch ver­schärft wird, aber was nach etwa 2:45 Stun­den vor allem dazu führ­te, dass mir mein Bil­lig­teil von Tacho mit­teil­te, ich hät­te nun 3000 Kalo­ri­en (kCal) ver­bra­ten.

Hallo?

Egal, ob das stimmt, aber 3000 Kalo­ri­en ist eine Men­ge Holz:

  • 3000 Kalo­ri­en ent­spre­chen laut FAO1 dem andert­halb­fa­chen Tages­be­darf eines erwach­se­nen Man­nes (die meis­ten deut­schen Män­ner essen wesent­lich mehr, was man ihren Schmer­bäu­chen und spä­ter auch der Gesund­heit ansieht)
  • 3000 Kalo­ri­en ent­spre­chen – wie­der laut FAO – dem dop­pel­ten Tages­be­darf einer erwach­se­nen Frau (kein Kom­men­tar dazu)
  • 3000 Kalo­ri­en ste­cken in etwa 6 Tafeln Scho­ko­la­de (100 Gramm-Tafeln)

Das ist an sich aber noch kei­ne Aus­sa­ge.

Wenn man die­se Wer­te jedoch ver­gleicht mit der Ernäh­rungs­si­tua­ti­on in vie­len Tei­len der Welt (unter ande­rem in Afri­ka – unab­hän­gig von Hun­gers­nö­ten) oder gar von der Ernäh­rungs­la­ge unse­rer eige­nen Vor­fah­ren seit 30.000 Jah­ren, bekom­men die­se Zah­len eine ande­re Güte. Denn es gibt weder welt­weit noch geschicht­lich eine ver­gleich­ba­re Situa­ti­on, in der wir in der Lage wären, 3000 Kalo­ri­en zum Zeit­ver­treib an einem son­ni­gen Nach­mit­tag zu ver­bra­ten – im Wis­sen, dass wir den Kühl­schrank voll haben und uns am Abend den Wanst wie­der voll­schla­gen kön­nen.

Men­schen ver­hun­gern und sind ver­hun­gert, wenn sie über einen län­ge­ren Zeit­raum weni­ger als 50% der oben genann­ten Wer­te an Ener­gie zufüh­ren. Unse­re eige­nen Vor­fah­ren bis zur Indus­tria­li­sie­rung (und auch zum Teil noch danach) hat­ten nicht allein des­we­gen eine gerin­ge Lebens­er­war­tung, weil das Was­ser schmut­zig und die Medi­zin schlecht waren, son­dern vor allem weil sie auf­grund der Unter­ernäh­rung selbst einer durch­schnitt­li­chen Grip­pe­wel­le nicht genü­gend Wider­stands­kraft und Ener­gie­re­ser­ven ent­ge­gen­set­zen konn­ten.

Und wir kön­nen es uns in die­sem Land leis­ten, mal eben 3000 Kalo­ri­en in der Frei­zeit zu ver­hei­zen…

Und nein, man muss kein schlech­tes Gewis­sen dabei haben, 3000 Kalo­ri­en zu ver­hei­zen, denn wir kön­nen es uns leis­ten. Ein schlech­tes Gewis­sen müs­sen wir dann haben, wenn wir uns ein­re­den las­sen, dass das für ande­re Men­schen nicht gin­ge, und unser Wohl­stand nicht auch eine Ver­pflich­tung sei, davon etwas abzu­ge­ben.

Das Tei­len kön­nen wir uns näm­lich leis­ten. 

 


  1. Die Ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on der UN