Für man­che Men­schen und Berufs­grup­pen kön­nen Infor­ma­tio­nen, die auf Mei­nun­gen beru­hen und nicht auf Wis­sen, fata­le Aus­wir­kun­gen haben. Ärz­te zum Bei­spiel. Oder tech­ni­sche Redak­teu­re. 

Daher hier nun ein klei­ner Erklä­rungs­ver­su­ch.

Der Besu­ch eines mit­tel­al­ter­li­chen Gebäu­des hat nicht nur Aus­wir­kun­gen auf die Stim­mung („Wie haben es Men­schen dar­in frü­her bloß aus­ge­hal­ten – so ohne flie­ßen­des Was­ser und Zen­tral­hei­zung?“), son­dern auch auf das Bewusst­sein der eige­nen kul­tur­ge­schicht­li­chen Her­kunft: Als die­ses Gebäu­de noch neu war, haben dar­in Men­schen gelebt, haben dar­in geschla­fen, geges­sen, gelacht, geliebt und sind gestor­ben (meist frü­her als spä­ter).

Aber von Ame­ri­ka haben sie nichts gewusst. Auch nicht, dass die Erde rund ist. Sie waren im Gegen­teil der fes­ten Ansicht, die Erde sei eine Schei­be, selbst wenn jeder Bli­ck auf ein Schiff, das hin­ter dem Hori­zont ver­schwin­det, sie eines Bes­se­ren belehrt hät­te: war­um ver­schwin­det nach weni­gen Kilo­me­tern der Schiffs­rumpf im Meer, obwohl das Schiff nicht unter­geht?

War­um sind unse­re Alt­vor­de­ren nicht auf die nahe­lie­gen­de Schluss­fol­ge­rung gekom­men, dass das nur an einer Erd­krüm­mung lie­gen kann? Die waren ja nicht dumm, wie die erstaun­li­che Bau­kunst kirch­li­cher Pracht­bau­ten zeigt. Sie hät­ten es wis­sen kön­nen, sie woll­ten es aber nicht. War­um?

War­um akzep­tie­ren Men­schen einen offen­sicht­li­chen Wider­spruch zwi­schen dem, was sie sehen und dem was sie glau­ben1? War­um geht der durch­schnitt­li­che Mit­bür­ger von einem wesent­li­chen höhe­ren Aus­län­der­an­teil in unse­rer Gesell­schaft aus, als er tat­säch­li­ch exis­tiert? Und war­um leug­net er beharr­li­ch die Rea­li­tät – so wie unse­re Vor­fah­ren die Men­schen umge­bracht haben, die ihnen zu erklä­ren ver­such­ten, dass die Erde tat­säch­li­ch rund ist und eben kei­ne Schei­be?

Ich fürch­te, es liegt in der Erzie­hung. Es ist unse­re „selbst­ver­schul­de­te Unmün­dig­keit“ (Kant), die uns dazu bringt, aus einem unter­ent­wi­ckel­ten Selbst­wert­ge­fühl her­aus die Mei­nung einer ver­meint­li­chen Mehr­heit zu über­neh­men, ohne sie mit dem eige­nen intel­lek­tu­el­len Ver­mö­gen zu hin­ter­fra­gen.

Das war noch im Mit­tel­al­ter sicher wich­tig, als das eige­ne Denk­ver­mö­gen nicht imstan­de war, Mei­nung und Wis­sen aus­ein­an­der zu hal­ten. Das ist auch bei klei­nen Kin­dern ver­zeih­li­ch, wenn sie vom Tisch sprin­gen, weil sie glau­ben flie­gen zu kön­nen – und dann doch nur Beu­len davon tra­gen. Es unter­schei­det jedoch den Erwach­se­nen vom Kind, hier eine Unter­schei­dung tref­fen zu kön­nen. Wer das auch als erwach­se­ner Men­sch nicht kann, muss sich nicht wun­dern wenn er nicht nur die Auf­merk­sam­keits­span­ne eines Drei­jäh­ri­gen hat, son­dern auch des­sen intel­lek­tu­el­le Kapa­zi­tät.2

Wer sich mit dem Wider­spruch zwi­schen Wunsch und Wirk­lich­keit nicht aus­ein­der­ge­setzt hat oder aus­ein­an­der­set­zen will, es nicht gelernt hat oder ler­nen will, der wird ein Opfer sei­ner eige­nen „post­fak­ti­schen“ Den­kleis­tung.3

Fake­news sind nur dann „News“, wenn wir so dumm sind, sie zu glau­ben. Die Erde ist näm­li­ch kei­ne Schei­be. Da kann man noch so laut brül­len.


  1. Kogni­ti­ve Dis­so­nanz“ 

  2. Auch das wäre nicht wei­ter schlimm, wäre dies nicht mit der aggres­si­ven For­de­rung ver­bun­den, die Umwelt möge bit­te genauso dumm sein. 

  3. Für Außen­ste­hen­de, die ihn dar­in bestär­ken, die­sen Wider­spruch zu leben, ist er nur ein „nütz­li­cher Idiot“.