Opti­mie­rung“ gehört zu den Mons­tran­zen, die im Beruf, im All­tag und manch­mal auch in der Selbst­ver­wirk­li­chung einer Pro­zes­si­on aus Bera­tern und Rat­ge­bern vor­an­ge­tra­gen wird. Sie ist die Ulti­ma ratio der Zivi­li­sa­ti­ons­ent­wick­lung.

Wirk­li­ch?

Bevor wir uns Gedan­ken über den Sinn machen, schau­en wir uns eine klei­ne Defi­ni­ti­on an.

Die Opti­mie­rung von Abläu­fen in der Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on (und eigent­li­ch allen ande­ren Pro­zes­sen auch) besteht aus drei Schrit­ten:

  1. Struk­tu­rie­rung: kom­ple­xe Abläu­fe wer­den „her­un­ter­ge­bro­chen“ in Teil­schrit­te, bis sich ein Mus­ter erken­nen lässt.
  2. Modu­la­ri­sie­rung: Die Teil­schrit­te eines Pro­zes­ses wer­den getrennt betrach­tet und ihre Schnitt­stel­len (Vor­aus­set­zun­gen, Fol­gen etc.) wer­den defi­niert.
  3. Stan­dar­di­sie­rung: die Teil­schrit­te wer­den ver­ein­heit­licht, damit sie als Rou­ti­ne ablau­fen und durch­ge­führt wer­den kön­nen (bei­spiels­wei­se mit Hil­fe von SOPs, Stan­dard ope­ra­ting pro­ce­du­res).

Klingt unheim­li­ch abs­trakt, und vie­le Geschäfts­füh­rer und Mana­ger geben mas­sen­haft Geld dafür aus, damit ihnen jemand erklärt, wie die­se Schrit­te in ihrer Orga­ni­sa­ti­on umge­setzt wer­den kön­nen, müs­sen oder sol­len: Wie wer­den Leis­tun­gen abge­rech­net, wie wer­den Auf­trä­ge defi­niert, wie wer­den Stel­len­be­schrei­bun­gen fest­ge­legt, wie wer­den die Pro­zes­se im Rah­men eines Qua­li­täts­ma­nage­ments über­wacht und an wel­chen Stel­len darf ein­ge­grif­fen wer­den und von wem …

All das Zeug halt, das einem nor­ma­len „Werk­tä­ti­gen“ die Haa­re zu Ber­ge ste­hen lässt und für ihn nach kapi­ta­lis­ti­scher Aus­beu­tung riecht. Vor allem aber nach Ärger und mög­li­cher­wei­se sogar Arbeits­platz­ver­lust.

Und irgend­wie stimmt es ja auch: wenn der Pro­zess in den Mit­tel­punkt rückt, muss der Men­sch als Indi­vi­du­um zur Sei­te rut­schen („Neh­men Sie es nicht per­sön­li­ch, aber wir haben hier kei­ne Ver­wen­dung mehr für Sie, nach­dem wir uns jetzt kom­pak­ter auf­ge­stellt haben.“). Immer ent­steht dabei – zu Recht – der Ein­druck, es gin­ge nur dar­um, die „Res­sour­ce“ Men­sch noch ein biss­chen mehr aus­zu­quet­schen, ihm den Glau­ben an den Wert sei­ner eige­nen Tätig­keit zu rau­ben und ihn als namen­lo­sen Daten­bank­ein­trag ver­wal­ten zu kön­nen.

Muss das sein?

Die Fra­ge ist fal­sch: Muss man sich das gefal­len las­sen? „NEIN!“ brüllt die geknech­te­te pro­le­ta­ri­sche See­le, die Arbeit als einen Tausch­han­del von Lohn gegen Zeit sieht.

Das ist aber zu kurz gesprun­gen.

Denn ehr­li­ch: die Ergeb­nis­se die­ser Opti­mie­run­gen genie­ßen wir ger­ne: bil­li­ge­re Klei­der, schnel­le­re Lie­fe­run­gen, höhe­re Pro­dukt­qua­li­tät – all das ent­steht ja nicht, weil sich irgend­wo ein Arbei­ter nun extra für uns beson­ders viel Mühe gemacht hat, auch wenn er nur einen Hun­ger­lohn bekommt. All das gibt es, weil die Opti­mie­rung von Pro­zes­sen unauf­halt­sam vor­an­schrei­tet: Aus der Manu­fak­tur wur­de die Indus­trie, aus dem Hand­wer­ker wur­de die Ser­vice­ab­tei­lung.

Opti­mie­rung ist unaus­weich­li­ch: je mehr Men­schen in Städ­te zie­hen und das Land den Anschluss ver­liert (vor allem infor­ma­tons­tech­ni­sch und bil­dungs­po­li­ti­sch), desto grö­ßer wird der Opti­mie­rungs­druck.

Statt nun kate­go­ri­sch das Unaus­weich­li­che abzu­leh­nen, soll­ten wir uns Gedan­ken dar­über machen, wie wir damit umge­hen: Wenn ich für die glei­che Arbeit oder eine höhe­re Qua­li­tät weni­ger Zeit benö­ti­ge oder weni­ger Stress erfah­re, kann ich die­se Muße nicht viel­leicht nut­zen? Bei­spiels­wei­se zur Fort­bil­dung oder zur All­ge­mein­bil­dung?1 Die Res­sour­ce Zeit, die ja opti­miert wer­den soll, steht nicht nur dem Chef zur Ver­fü­gung, wir haben sie auch. Weni­ger Stress soll ja auf man­che Leu­te sehr ent­span­nend wir­ken. Und wenn wir schon Zeit gewin­nen, was machen wir damit? Kön­nen wir sie nicht für uns nut­zen, sie uns ein­tei­len, für die Erwei­te­rung unse­res eige­nen Hori­zonts ein­set­zen?

Lei­der bedeu­tet dies oft auch, zunächst aus der Wohl­fühl­zo­ne (die ja kei­ne ist, da wir stän­dig dar­über kla­gen) her­aus­zu­ge­hen und sich zu über­le­gen, was man täte, wenn man viel­leicht nicht mehr Geld, aber mehr Zeit hät­te. Und dann den Mut auf­zu­brin­gen, dies auch umzu­set­zen.

Es ist schließ­li­ch unser Leben. Machen wir was draus!

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  1. Mich als Redak­teur bei­spiels­wei­se mit neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en und -tech­ni­ken beschäf­ti­gen? Oder eine Fort­bil­dung in Didak­tik machen?