Sich die Zeit frei ein­tei­len zu kön­nen, zählt zu den Vor­zü­gen der Selbst­stän­dig­keit. Das wird zumin­dest von den Anhän­gern der Selbst­stän­dig­keit ger­ne so pro­pa­giert, ist aber nur die hal­be Mie­te. Denn frei ist nicht frei.

In Beru­fen, die dies nicht kön­nen — also bei­spiels­wei­se bei Ärz­ten oder Super­markt­an­ge­stell­ten, Ser­vice­tech­ni­kern oder Bus­fah­rern — wird dies mit neid­vol­lem Blick bedacht: „Hach, der hat’s gut!“

Die freie Zeit­ein­tei­lung ist aber teu­er erkauft: am Ende des Monats muss die Kas­se stim­men, jede Stun­de, die nicht ver­rech­net wer­den kann, weil man so schön im Stra­ßen­ca­fé sitzt, tut weh. Jeder Anruf, den man ver­passt, schiebt die Erle­di­gung wei­ter nach hin­ten. Es ent­steht ein häss­li­ches Gefühl, immer etwas zu ver­pas­sen, wenn man nicht erreich­bar ist. Und da dies sich bei Selbst­stän­di­gen direkt auf das Ein­kom­men aus­wir­ken kann, ist es irgend­wann fast nicht mehr mög­lich, nicht zu arbei­ten. Oder zumin­dest: Nicht erreich­bar zu sein.

Fried­rich Nietz­sche klag­te schon 1882: „Die atem­lo­se Hast der Arbeit – das eigent­li­che Las­ter der neu­en Welt – beginnt bereits durch Anste­ckung das alte Euro­pa wild zu machen und eine ganz wun­der­li­che Geist­lo­sig­keit dar­über zu brei­ten. Man schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lan­ge Nach­sin­nen macht bei­na­he Gewis­sens­bis­se. Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu Mit­tag isst, das Auge auf das Bör­sen­blatt gerich­tet, – man lebt, wie einer, der fort­wäh­rend etwas ‚ver­säu­men könn­te‘. Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewis­sen auf ihre Sei­te: der Hang zur Freu­de nennt sich bereits ‚Bedürf­nis der Erho­lung‘ und fängt an, sich vor sich sel­ber zu schä­men.“
– via ZEIT ONLINE

Und wei­ter:

Fast die Hälf­te aller Erwerbs­tä­ti­gen arbei­tet außer­halb der regu­lä­ren Arbeits­zeit, vie­le sogar im Urlaub.
– via ZEIT ONLINE

Hier ist die Rede von Erwerbs­tä­ti­gen, die „lohn­ab­hän­gig beschäf­tigt“ sind, die einen Anspruch auf Urlaub haben und mit­hin 12 Mona­te bezahlt wer­den, auch wenn sie nur 10 1/​2 Mon­ta­ge arbei­ten (dür­fen), die sich krank­mel­den dür­fen und auch dafür bezahlt wer­den, deren Chef sich über­le­gen darf, wem er die Arbeit aufs Auge drü­cken kann, wenn er sie nicht ver­schie­ben kann.

Um wie­viel grö­ßer muss der Druck sein, wenn es kein Sicher­heits­netz gibt?

Natür­lich ist es leicht, dage­gen zu pro­tes­tie­ren, die Excel­ta­bel­le zu zücken und aus­zu­rech­nen, dass es für alle ent­spann­ter wäre, nur vier Tage in der Woche zu arbei­ten, auch mal am Wochen­en­de zu arbei­ten, aber dafür in der Woche frei zu bekom­men — die Arbeits­zeit „glei­ten“ zu las­sen. Das stimmt schon. Aller­dings will nie­mand dann auf den meist sowie­so schon knapp bemes­se­nen Lohn ver­zich­ten, von dem der Fis­kus ja auch etwas sehen will.

Was rech­ne­risch Sinn macht, ver­bes­sert die Situa­ti­on nicht: Wer fünf Tage in der Woche von sei­ner Arbeit frus­triert ist und das Gehalt eher als „Schmer­zens­geld“ betrach­tet, der fühlt sich auch bei vier Tagen sinn­ent­leer­ter Arbeit nicht bes­ser.

Viel­leicht ist es rat­sam, mal einen Schritt zurück zu tre­ten und sich vor Augen zu füh­ren, dass unser Ver­ständ­nis von Arbeit ein Pro­dukt der Indus­tria­li­sie­rung ist, etwas, das mit Aus­beu­tung und Mehr­wert, mit Pro­le­ta­ri­at und fet­ten Indus­trie­bos­sen zu tun hat. Arbeit wird immer als Gegen­satz von Frei­zeit gese­hen, als etwas, das man machen muss, das aber kei­ne Freu­de macht und nur müh­sam mit Geld kom­pen­siert wird.

Und je grö­ßer der Stress und die Anfor­de­run­gen wer­den, des­to mehr Ent­schä­di­gung wol­len wir bekom­men. Das ist nor­mal. Nach die­sem Ver­ständ­nis ist Arbeit immer Fron­dienst, da hilft es auch nicht, das Han­dy aus­zu­schal­ten oder nur fünf Stun­den zu arbei­ten, sich gleich­zei­tig aber immer vor Augen füh­ren zu las­sen, auf wie­viel Geld man doch ver­zich­tet und was man sich doch alles leis­ten könn­te, wenn man mehr arbei­tet. — Und ent­spre­chend unzu­frie­den zu sein mit sich und der Welt, wenn man fest­stellt, die­ses ima­gi­nä­re Ziel doch nicht errei­chen zu kön­nen.

Wir haben die fal­schen Prio­ri­tä­ten.

Natür­lich ist Arbeit nicht immer nur Ent­span­nung am Pool, aber sie ist auch nicht ein stän­di­ges Buckeln und Rackern auf kar­gem Boden. Arbeit — vor allem selbst­be­stimm­te Arbeit — ist lebens­not­wen­dig für unser Selbst­wert­ge­fühl, für unse­re Zufrie­den­heit im Leben.

In die­ser Hin­sicht haben Selbst­stän­di­ge natür­lich einen Start­vor­teil.
😉