In der Schu­le war­nen für­sorg­li­che Eltern geho­be­ner Bil­dungs­schich­ten gern ihre Nach­kom­men vor den Gefah­ren der „sozia­len Net­ze“, die einem Schlepp­netz gleich die armen klei­nen See­len fan­gen und ver­mark­ten. Das ist natür­lich Blöd­sinn.

Zumin­dest so pau­schal ist das Blöd­sinn. Es rührt ver­mut­lich daher, dass die Erzie­hungs­ver­ant­wort­li­chen selbst kei­ne Ahnung von der Tech­nik und von ihren Kin­dern haben. Und kein Ver­trau­en dar­in, dass auch moder­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en den Men­schen nicht ver­dum­men.

Im Gegen­teil: Sozia­le Net­ze gehö­ren zum All­tag dazu. So, wie man sich im Mit­tel­al­ter am Brun­nen traf oder unter der Dorf­lin­de, im Dorf­la­den oder auf Märk­ten, so sind auch ihre digi­ta­len Ent­spre­chun­gen nur Platt­for­men, auf denen sich eine Viel­zahl unter­schied­li­cher Men­schen trifft.
Und wie auf einem mit­tel­al­ter­li­chen Markt gibt es auch dort Gauk­ler, Trick­ser, Taschen­die­be und Betrü­ger. Man muss nur ler­nen, damit umzu­ge­hen, nicht unbe­darft in jeder dunk­le Ecke her­um­zu­stö­bern. Nor­ma­les Sozi­al­ver­hal­ten eben.

Im Gegen­satz zu ihren phy­si­schen Ent­spre­chun­gen1 haben die vir­tu­el­len Markt­plät­ze einen unge­heu­ren Vor­teil: Sie über­brü­cken räum­li­che und zeit­li­che Dimen­sio­nen. Sozia­le Net­ze stel­len ein unge­heu­res Reser­voir an pri­va­ten Mei­nun­gen, Wis­sen und Kennt­nis­sen zur Ver­fü­gung — sofern man die Spreu vom Wei­zen tren­nen kann.

Einen Son­der­be­reich stel­len die beruf­li­chen sozia­len Net­ze dar, also Lin­kedIn, Xing und Kon­sor­ten. Durch ihre Zugangs­be­schrän­kun­gen ent­spre­chen sie weni­ger einem Markt als einer Fach­mes­se. Dort tref­fen sich Berufs­tä­ti­ge und sol­che, die es waren oder noch wer­den möch­ten. Da geht es weni­ger um Kat­zen­bil­der oder gegen­sei­ti­ge Beschimp­fun­gen, son­dern um Ansich­ten, Erfah­run­gen und Unter­stüt­zung im beruf­li­chen All­tag. Ob man nun einen Job sucht oder Pro­ble­me mit dem Com­pu­ter hat, ob man wis­sen möch­te, in wel­che Rich­tung sich die Arbeits­welt ver­än­dert oder wel­che Erfah­run­gen die Kol­le­gen mit einem Werk­zeug gemacht haben — für alles gibt es Grup­pen und Inter­es­sens­ge­mein­schaf­ten. In die­sen fin­den sich dann Mit­men­schen, die in der rea­len Welt nie tref­fen wer­den, aber mit­un­ter die glei­chen Erfah­run­gen tei­len und dar­über aus­tau­schen. Man tauscht Visi­ten­kar­ten aus, bleibt lose in Kon­takt und kann mit­un­ter von den Erfah­run­gen der vir­tu­el­len Kol­le­gen pro­fi­tie­ren.

Eine Vor­aus­set­zung ist aller­dings, dass man sich ein­bringt. Wie jeder sozia­le Aus­tausch ist auch eine sol­che Platt­form kei­ne Ein­bahn­stra­ße: nur mit­le­sen machen zwar vie­le Mit­glie­der, aber dies hilft den ande­ren Kol­le­gen nicht, die mög­li­cher­wei­se über den Tel­ler­rand des beruf­li­chen All­tags schau­en möch­ten, um für Ver­än­de­run­gen gewapp­net zu sein, die noch auf sie zukom­men kön­nen.

Denn eigent­lich ist die­ses „Über-den-Tel­ler­rand-schau­en“ auch ein wich­ti­ger Aspekt der sozia­len Net­ze — ob im Mit­tel­al­ter oder vir­tu­ell. Es wird nicht viel vor­aus­ge­setzt außer einer gewis­sen Sozi­al­kom­pe­tenz: Kom­mu­ni­ka­ti­on, Respekt und Moti­va­ti­on.

Aber das soll­ten wir ja schon im Mit­tel­al­ter gelernt haben …

(Bild­quel­le: http://couragecruising.com)


  1. Die vir­tu­el­len Markt­plät­ze könn­ten durch­aus auch des­we­gen in den USA „erfun­den“ wor­den sein, weil es ihre phy­si­schen Ent­spre­chun­gen dort nicht gibt.