Renn­rad­fah­ren macht bei gutem Wet­ter rich­tig Spaß. Aber auch wenn die Son­ne scheint und der Asphalt tro­cken ist, kann es zu einer klei­nen Prü­fung in Resi­li­enz und Durch­al­te­wil­len wer­den. Und manch­mal braucht man das.

Nicht dass ich Lust dabei emp­fin­den wür­de, mich zu schin­den. Ich bin weder maso­chis­tisch ver­an­lagt, noch bin ich Rad­pro­fi. Aber die Erfah­rung der eige­nen kör­per­li­chen Gren­zen brin­gen auch Erkennt­nis­se über die eige­ne men­ta­le Stär­ke mit sich. Das ist ab und zu wich­tig für mich.

Wir neh­men viel zu viel im Leben in unse­ren Brei­ten als gege­ben hin, regen uns über Tri­via­li­tä­ten wie den Ben­zin­preis oder die Tabak­steu­er auf, kön­nen uns stun­den­lang dar­über echauf­fie­ren, ob Jugend­li­che heut­zu­ta­ge düm­mer sind als frü­her1, oder ob man für Plas­tik­tü­ten im Super­markt bezah­len soll­te2.

Manch­mal erwi­sche ich mich auch dabei, mich über irgend­wel­che klein­geis­ti­gen Trol­le auf Twit­ter auf­zu­re­gen, weil ich mir nicht vor­stel­len kann, wie bor­niert und eng­stir­nig man sich durchs Leben mogeln kann, ohne dass einem dabei auf­fällt, wie viel man dadurch ver­passt.

Dann wird es Zeit für eine Renn­rad­tour. Nor­ma­ler­wei­se kom­me ich ein­mal in der Woche dazu, mei­ne 60 Kilo­me­ter run­ter­zu­rei­ßen, um nach einer hek­ti­schen Arbeits­wo­che den Kopf frei­zu­be­kom­men. Aber ab und zu muss es ein­fach mal eine Num­mer här­ter sein.

In mei­nem Alter bedeu­tet das eine Tour am Alpen­rand3 oder — wie ges­tern — nach Wel­ten­burg an der Donau. Von Frei­sing aus (und wie­der dahin zurück) sind es gut 140 km. Das ist in etwa das, was ein Rad­pro­fi unter „Locke­rung“ ver­steht…

Die Strecke

Die Stre­cke hat­te ich mir vor vier Jah­ren schon ein­mal auf Bikemap.net zurecht­ge­legt. Dies­mal habe ich die Fort­schrit­te der Tech­nik genutzt und mir die Stre­cken­da­tei als *.kml in mei­ne Drop­box kopiert, die­se dort in Gaia impor­tiert und eine Off­line-Kar­te dazu gela­den, um auch im netz­tech­nisch unter­ver­sorg­ten Bay­ern noch navi­gie­ren zu kön­nen.4

In der Kurz­form: ich gehe nie ohne Smart­pho­ne auf Tour. Das Risi­ko, unter­wegs einen Unfall oder Defekt zu haben und dann nicht ein­mal Hil­fe holen zu kön­nen, ist mir zu groß. Und wenn das Smart­pho­ne auch gleich als Radl-Navi die­nen kann — umso bes­ser.

Hin­ter Frei­sing geht es erst­mal gemäch­lich berg­auf, um die Eis­zeit­mo­rä­ne zu über­win­den, die die Isar von der Amper trennt. Dafür gibt’s aber auch gleich eine ker­ni­ge Abfahrt, bei der die Nadel pro­blem­los die 55 km/​h erreicht.
Danach geht es in einem ste­ten Hügel-rauf-Hügel-run­ter öst­lich der Ilm in Rich­tung Nor­den über die Dör­fer. Eine klas­si­sche ober­baye­ri­sche Kul­tur­land­schaft: Fel­der, Gehöf­te, Dör­fer (in denen das ers­te Haus am Ort auf so unprä­ten­tiö­se Namen wie „Gast­wirt­schaft zur Lin­de“ hört) und bügel­glat­te ober­baye­ri­sche Land­stra­ßen mit auf­ge­setz­ten Dreck­klum­pen, die das Haupt­be­för­de­rungs­mit­tel, der Trak­tor, mun­ter ver­teilt.

Danach geht es durch die schier end­lo­sen Hop­fen-Stan­gen­wäl­der der Hol­le­dau. Als Wein­trin­ker wäre mir ein ande­rer Bewuchs zwar lie­ber, aber dafür ist das Kli­ma hier zu rau.

Aber irgend­wann, gera­de wenn man dar­an gewöhnt hat, senkt sich das Land und es geht abwärts zur Donau. Das bedeu­tet, dass man durch die beschei­de­nen Res­te der einst rie­si­gen Auwäl­der fährt und bei Neu­stadt auch an römi­schen Aus­gra­bun­gen vor­bei­kommt. Hier ende­te vor 2000 Jah­ren die Zivi­li­sa­ti­on, denn nörd­lich haus­ten die Bar­ba­ren5.

Ja, und wenn dann das Hin­ter­teil zu schmer­zen beginnt, kommt der Donau­durch­bruch bei Wel­ten­burg in Sicht.

Schwere Beine

Bis Wel­ten­burg war es Genuss­ra­deln. Aber nun begann der Hun­ger sich zu mel­den. Ich hat­te zwar Was­ser dabei, aber nichts zu essen. Dafür hat­te ich mir das heim­li­che Ziel vor­her über­legt, denn das Klos­ter Wel­ten­burg besitzt zwar den obli­ga­to­ri­schen Bier­gar­ten, aber die Laut­stär­ke und der pene­tran­te Geruch nach Bier, Sauer­kraut und Würsch­tel ist nicht so mein Ding. Ich woll­te nach Abens­burg.

Es geht hin­ter Wel­ten­burg zwar wie­der auf­wärts, aber nicht sehr weit, denn Abens­berg ist nur weni­ge Kilo­me­ter ent­fernt im Süden. Aller­dings waren mei­ne Bei­ne jetzt schon deut­lich schwe­rer und der Hun­ger mach­te sich nicht nur bemerk­bar, son­dern begann auch, die Lau­ne zu ver­der­ben.
Glück­li­cher­wei­se gibt es in Abens­berg nicht nur einen Bier­gar­ten, des­sen Aus­ge­stal­tung im Sti­le Hun­dert­was­sers die ört­li­che Braue­rei über­nom­men hat, son­dern auch einen schö­nen Markt­platz mit einem Eis­ca­fé.6

Im dor­ti­gen Eis­ca­fé zu sit­zen, einen Espres­so zu schlür­fen und nach der Anstren­gung sich einen Eis­be­cher geneh­mi­gen zu kön­nen, ist für mich wie Urlaub. Das ist Ent­span­nung.

Dum­mer­wei­se geht es aber noch gut 60 km zurück nach Frei­sing.

Die Rückfahrt

Nach einer Drei­vier­tel Stun­de das Hin­ter­teil wie­der auf den Sat­tel schwin­gen zu müs­sen, kos­te­te wirk­lich Über­win­dung. Die Bei­ne waren schwer, und nach der Pau­se woll­ten sie es eigent­lich gut sein las­sen für den Tag. Aber es half nichts. Und außer­dem war das nur der Anfang.

Zunächst lief es wie­der ganz gut. An der Abens auf­wärts bedeu­te­te lei­der, auf der Bun­des­stra­ße in Rich­tung Main­burg zu fah­ren und dann wei­ter nach Au.
Man­che Bun­des­stra­ßen haben zumin­dest durch­gän­gi­ge Rad­we­ge — in wel­chem Zustand auch immer — aber in der Hal­ler­tau ist Rad­fah­ren wohl eher die Aus­nah­me. Daher füh­ren die Rad­we­ge durch­schnitt­lich 400 Meter mal auf der einen, mal auf der ande­ren Star­ßen­sei­te ent­lang und enden genau­so abrupt wie sie anfan­gen. Das ist natür­lich hoch­gra­dig gefähr­lich, denn auf einer gut befah­re­nen Bun­des­stra­ße alle paar Minu­ten die Fahr­bahn zu kreu­zen, ist nicht ganz tri­vi­al. Außer­dem hält es auf. Zwar bin ich auch als Renn­rad­ler dazu ver­pflich­tet, die Rad­we­ge zu benut­zen, aber man kann sie ja mal über­se­hen…

Es gibt zwar auch offi­zi­el­le Rad­wegs­füh­run­gen abseits der Stra­ße, aller­dings sind sie — wie in Deutsch­land üblich — nicht für Renn­rä­der gedacht, son­dern für Pedal­rit­ter und klei­ne Kin­der, die das Gera­de­aus­fah­ren noch nicht im Griff haben. Unge­eig­net für dahin­sir­ren­de Renn­rad­ler und auch nicht unge­fähr­li­cher.

Ich hat­te in Abens­berg ver­ges­sen, mei­ne Was­ser­fla­sche wie­der auf­zu­fül­len, und daher kipp­te mei­ne Flüs­sig­keits­bi­lanz rapi­de in den roten Bereich. Bei Atten­kir­chen began­nen dann die Krämp­fe. Und das bedeu­te­te: Zäh­ne zusam­men­bei­ßen, ste­hen blei­ben, kurz war­ten, wei­ter­fah­ren.

Lei­der war dann das Was­ser kom­plett zu Ende und ich begann, jeder Stei­gung mit Arg­wohn ent­ge­gen zu sehen, denn ich konn­te nicht mehr aus dem Sat­tel, ohne dass die Bei­ne den Dienst auf­ga­ben. Das Leben redu­ziert sich in sol­chen Momen­ten nur noch auf das Wich­tigs­te: Wei­ter­ma­chen, nicht auf­ge­ben, durch­hal­ten — auch weit jen­seits der „Kom­fort­zo­ne“.
In Ober­zol­ling ret­te­te mich die Kir­che — oder viel­mehr der Fried­hof. Denn Fried­hö­fe haben Was­ser­häh­ne, um die Gieß­kan­nen für die Grab­pfle­ge zu fül­len. Zumin­dest gehört sich das für ein katho­li­sches Bun­des­land so. Und tat­säch­lich: ein simp­ler Was­ser­hahn ret­te­te mir den Tag.

Der Rest war Kin­der­kram: ein­mal wie­der zurück über die Amper, dann hin­auf über die Hügel und hin­un­ter nach Frei­sing.

Ein schö­ner Tag und eine gute Erfah­rung. So etwas braucht man manch­mal in unse­rer sat­ten und beque­men Zivi­li­sa­ti­on. Und das Erstaun­li­che ist ja, dass wir das auch kön­nen.


  1. Sind sie nicht, eher im Gegen­teil. 

  2. Selbst­ver­ständ­lich! 

  3. Das ist eine schö­ne Run­de, nur lei­der ist die Anfahrt so weit. 

  4. Wenn das jetzt zu schnell ging: wie man das macht, wer­de ich in einem kom­men­den Bei­trag beschrei­ben. 

  5. Ganz unzu­tref­fend ist die­se Beob­ach­tung auch heut­zu­ta­ge nicht, auch wenn man sich doch fragt, wie weit die Bar­ba­ren mitt­ler­wei­le bis zum nörd­li­chen Alpen­rand vor­ge­drun­gen sind… 

  6. Wie schon erwähnt, bin ich kein Bier­trin­ker, ich gehö­re eher zur Cap­puc­ci­no-Frak­ti­on.