Rad­tou­ren in Deutsch­land sind was für Rent­ner oder Fami­li­en mit klei­nen Kin­dern? Stimmt. Den Ein­druck hat­ten wir auch. Aller­dings liegt das weni­ger an den Fami­li­en (oder Rent­nern) als viel­mehr dem, was man unter „Rad­tour“ ver­steht.

Die meis­ten Mit­men­schen hal­ten Rad­tou­ren für unbe­quem, läs­tig, anstren­gend und vor allem rei­ne Zeit­ver­schwen­dung, die man sich nur des­halb antut, weil sonst die Bäl­ger quen­geln. Dann holt man halt zäh­ne­knir­schend das Rad aus dem Kel­ler, packt ein paar Schin­ken­bro­te ein, eine Regen­ja­cke dazu und rollt stun­den­lang zu einem Ziel, das man in 20 Minu­ten auch mit dem Auto errei­chen könn­te.

Dabei kann aber viel ver­pas­sen, gera­de wenn man sich kei­ne Zeit nimmt.
Da wir in die­sen Feri­en nur ein paar Tage Zeit hat­ten, beschlos­sen wir, mal wie­der ein klas­si­sches Ziel anzu­fah­ren, dass auch den Anfor­de­run­gen an An- und Abtrans­port von Rädern und Gepäck in ver­tret­ba­rem Zeit­rah­men erlaubt.

Einer der wohl tou­ris­tisch am bes­ten erschlos­se­nen Rad­we­ge Deutsch­lands ist der Mosel­rad­weg. Er ist vor allem bei der älte­ren Gene­ra­ti­on sehr beliebt, denn neben der ebe­nen Rad­weg­füh­rung bie­ten sich zahl­rei­che „Strauß­wirt­schaf­ten“ an, die einem schnel­len Durch­rei­sen dia­me­tral gegen­über ste­hen. Mit ande­ren Wor­ten: Der Mosel­rad­weg ist Kul­tur und Genuss in einem.

Zwar kann man den Rad­weg schon in Luxem­burg begin­nen, aber der reiz­vol­le­re Abschnitt liegt zwi­schen Trier und Koblenz.

Trier

Trier ist chao­tisch. Das war unser ers­ter Ein­druck, als wir mit der Bahn über Karls­ru­he kom­mend nach einer lan­gen Fahrt dort aus­stie­gen und ver­such­ten, zunächst eine Unter­kunft für die Nacht zu fin­den. Unse­re Zug­fahrt hat­te knapp zehn Stun­den gedau­ert, da es in der Feri­en­zeit unheim­lich schwie­rig ist, in Deutsch­land mit dem Rad zu ver­rei­sen – die Bahn hat jen­seits der Nah­ver­kehrs­zü­ge kaum Stell­plät­ze.

Aller­dings führ­te uns die Suche nach dem Zelt­platz schon gleich an der Por­ta Nigra vor­bei, denn Trier ist nicht beson­ders groß. Dass von hier aus im 3. Jahr­hun­dert ganz Frank­reich, Ger­ma­nia und die bri­ti­schen Inseln (zumin­dest der Teil, der zum Impe­ri­um Roma­num gehör­te) ver­wal­tet wur­de, kann man sich heu­te kaum noch vor­stel­len.
Damit mach­te es auch Sinn, ein solch gewal­ti­ges Pracht­tor vor die Stadt­mau­ern zu stel­len – die Por­ta Nigra war ja nur eines von vier Toren –, denn hier war ver­wal­tungs­tech­nisch das, was heu­te für Euro­pa Brüs­sel ist. Da ließ sich kein Kai­ser lum­pen. Aller­dings währ­te die­se Blü­te nicht sehr lan­ge, denn 70 Jah­re nach Kon­stan­tin begann eine neue Epo­che: Trier ver­lor sei­nen Sta­tus als Resi­denz an Arles (sie­he auch Süd­frank­reich mit dem Rad: Römer, Rad­ler, Renais­sance).

Damit begann der Nie­der­gang des römi­schen Reichs in Euro­pa1. Und Trier ver­lor sei­ne Stel­lung. Es ver­fiel aller­dings nicht in den Dorn­rös­chen­schlaf, aus dem erst der Tou­ris­mus es weck­te, son­dern wur­de auch nach dem Abzug der römi­schen Trup­pen und Beam­ten zu einer Ver­wal­tungs­zen­tra­le. Obwohl die Stadt auch von Atti­la, den Wikin­gern und den Van­da­len über­fal­len und geplün­dert wur­de, bewahr­te sie sich eine gewis­se Vor­macht­stel­lung, die dazu führ­te, dass nach den Ver­wüs­tun­gen des frü­hen Mit­tel­al­ters 1473 hier eine Uni­ver­si­tät gestif­tet wur­de, die aller­dings Napo­le­on wie­der auf­lö­sen ließ.

Trier hat­te in 4 Jahr­hun­dert als größ­te Stadt nörd­lich der Alpen eine Bevöl­ke­rungs­zahl von über 100.000 Bewoh­nern. Daher ver­füg­te Trier nicht nur über ein funk­tio­nie­ren­des Was­ser­sys­tem (mit dem unse­re nord­eu­ro­päi­schen Alt­vor­de­ren bekann­ter­ma­ßen wenig anzu­fan­gen wuss­ten), son­dern auch über aus­ge­dehn­te Län­de­rei­en rings­um, auf denen wegen der güns­ti­gen kli­ma­ti­schen Ver­hält­nis­se und des vul­ka­ni­schen Bodens vor allem Wein und Getrei­de gedieh und gedeiht.

Heut­zu­ta­ge ist Trier eher ein beschau­li­chen Städt­chen, dass – aus heu­ti­ger Sicht: glück­li­cher­wei­se – mit dem Beginn der Indus­tria­li­sie­rung ins Hin­ter­tref­fen geriet. An der Saar bud­del­te man nach Eisen und Koh­le, auf dem Rhein ent­wi­ckel­te sich nach der Spren­gung der Fel­sen im Mit­tel­rhein ein reger Trans­port­ver­kehr zwi­schen der Köl­ner Bucht und dem Ober­rhein, aber an der Mosel blieb alles so beschau­lich, wie es die ers­ten Tou­ris­ten zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts schon am Rhein vor­ge­fun­den hat­ten.

Wein

Die­se Beschau­lich­keit ist zwar nicht mehr ganz gege­ben, aber die Mosel ist ein idea­ler Rad­weg, da in der Enge des Tals kaum Platz für Indus­trie ist.
Wir fuh­ren von Trier aus Mosel­ab­warts zunächst durch fla­ches Sied­lungs­ge­biet, bis das Mosel­tal bei Scheich enger wird. Ab dort ist der Rad­weg auch sehr viel bes­ser aus­ge­schil­dert. Zwar hat man als Rad­fah­rer immer die Mög­lich­keit, die Stra­ße zu benut­zen, oft aber führt der Rad­weg in einem teil­wei­se sogar guten Zustand auf der gegen­über­lie­gen­den Fluss­sei­te, so dass auch der moto­ri­sier­te Ver­kehr erträg­lich ist.

Aller­dings radelt man damit jede der zahl­rei­chen Mosel­win­dun­gen ab, ist also für eine kur­ze Ent­fer­nung (Luft­li­nie) rela­tiv lang unter­wegs. Die Mosel belohnt dafür mit immer neu­en Aus­bli­cken auf Wein­ber­ge und bekann­te Wein­or­te und -lagen, die sich teil­wei­se sehr her­aus­ge­putzt haben, um neben dem Anbau von Wei­nen auch mit Tou­ris­mus Geld ver­die­nen zu kön­nen. Für Men­schen mit sehr viel Zeit sind auch die zahl­rei­chen „Strauß­wirt­schaf­ten“ loh­nens­wert, da man sich dort qua­si das Mosel­tal ent­lang durch die Wein­la­gen trin­ken kann.2

Dass man im Mit­tel­al­ter mit Wein und vor allem mit Wein­han­del viel Geld ver­die­nen konn­te, lag vor allem dar­an, dass die Was­ser­qua­li­tät bis in die spä­te Neu­zeit (also bis zur Erfin­dung der Klär­ab­la­gen) mise­ra­bel und einer der Haupt­grün­de für zahl­rei­che Erkran­kun­gen und eine hohe Sterb­lich­keit war. Der ver­go­re­ne Most dage­gen war nicht nur lager­bar, son­dern auch weit­ge­hend keim­frei – das wuss­ten schon die Römer. Im Wein war nicht nur die Wahr­heit, son­dern auch die Gesund­heit. Dies war den wohl­ha­ben­den Bür­gern und dem Kle­rus oder Adel nicht unbe­kannt, so dass sich auch an der Mosel schon recht früh im Mit­tel­al­ter erbit­ter­te Feh­den ent­wi­ckel­ten, wer denn wel­chen Mosel­ab­schnitt kon­trol­lie­ren und damit Zöl­le erhe­ben durf­te.

Mittelalter

Vor allem die Bischö­fe von Mainz und Köln, die meist aus dem regio­na­len Adel stamm­ten, such­ten sich daher auf den klei­nen aber stei­len Anhö­hen über der Mosel immer wie­der Plät­ze für Bur­gen, um ihr Revier zu mar­kie­ren – und waren sich auch nicht zu scha­de, trotz (oder wegen) ihrer Bibel­fes­tig­keit die Burg des Ande­ren zu begeh­ren und falls nötig auch kaputt zu schie­ßen.

Was in Euro­pa gang und gäbe war, fand auch an der Mosel im Klei­nen statt: Rän­ke­spie­le, Bela­ge­run­gen, Ver­rat, Alli­an­zen und Krieg. Das Abend­land im dau­ern­den Pro­zess der Zivi­li­sa­ti­on sozu­sa­gen.3

Die bekann­te Schau­kel­po­li­tik der Habs­bur­ger4 beherrsch­ten auch die Her­ren von Eltz recht gut.
Sie waren in der Lage, über die Jahr­hun­der­te den Fami­li­en­sitz zu erhal­ten und trotz zahl­rei­cher Kon­kur­ren­ten zu behaup­ten.

Auch wenn Burg Eltz nicht direkt an der Mosel liegt, ist sie den­noch einen kur­zen Abste­cher wert, zumal der Rad­weg nicht weit ist und man sich zu Fuß ent­lang der Elz von „unten“ der Burg nähert, wodurch sie mäch­ti­ger und rus­ti­ka­ler wirkt, als sie eigent­lich schon ist.

Bei Win­nin­gen kommt man dann in das „Mosel­del­ta“, also den Bereich, in dem das Mosel­tal endet und in die ehe­ma­li­gen Rhein­au­en über­geht. Unse­re Mosel­tour war damit schon fast zu Ende, denn von Win­nin­gen bis Koblenz rollt man dann wie­der durch die dich­ter besie­del­ten Nie­de­run­gen des mitt­le­ren Rhein­tals.

Und Koblenz? Nun ja.
Von der mit­tel­al­ter­li­chen oder gar römi­schen Geschich­te ist nicht mehr viel übrig, dafür haben Krie­ge und Indus­tria­li­sie­rung gesorgt.


  1. Das, was wir als Euro­pa-zen­trier­te Mit­tel­eu­ro­pä­er als den „Unter­gang Roms“ bezeich­nen, war nur die Preis­ga­be der unwirt­schaft­lich und auf­wän­dig zu regie­ren­den West­tei­le des Impe­ri­ums. In Wirk­lich­keit war das römi­sche Reich erst 1453 mit der Erobe­rung von Byzanz durch die Tür­ken unter Meh­met zu Ende. 

  2. Aus eige­ner Erfah­rung emp­fiehlt sich dafür aber schon ein Vor­auswahl, denn schon auf­grund der Viel­zahl der Lagen und Reb­sor­ten ist die Tour sonst schnell vor­bei. Sie endet, wenn es gut geht, unter einem Baum und nicht dar­an. 

  3. sie­he auch Nor­bert Eli­as, „Der Pro­zess der Zivi­li­sa­ti­on“, beson­ders geeig­net für Mit­men­schen, die ihre Welt ger­ne sta­tisch sehen möch­ten. 

  4. Bel­la gerant alii! Tu, felix Aus­tria, nube!“ [„Ande­re mögen Krie­ge füh­ren! Du, glück­li­ches Öster­reich, hei­ra­te!“]