Heu­te brach­te mich ein Gespräch mit einem Dienst­leis­ter auf einen Gedan­ken, der mich eigent­lich schon lan­ge umtreibt: Ist Selbst­stän­dig­keit die Zukunft der Arbeit in einer Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft?


Für Tech­ni­sche Redak­teu­re zu Beginn ihrer Berufs­tä­tig­keit ist – laut Aus­sa­ge des Dienst­leis­ters – tat­säch­lich die Selbst­stän­dig­keit das Ziel ihres Brot­er­werbs. Die Vor­stel­lung, man kön­ne unab­hän­gig von den rigi­den Vor­ga­ben in einem Unter­neh­men arbei­ten und den Anfor­de­run­gen der Ein­tö­nig­keit ent­flie­hen, ist sehr ver­lo­ckend. Nicht tag­ein tag­aus Tabel­len fül­len mit Spe­zi­fi­ka­tio­nen, die einem die Inge­nieu­re auf den Tisch knal­len, nicht immer das schlech­te Gewis­sen, dass man in der Per­so­nal­ab­tei­lung als rei­ner Kos­ten­fak­tor gese­hen wird, nicht immer die mehr oder weni­ger ver­hoh­le­ne Eifer­sucht der älte­ren Kol­le­gen, die eben kein Stu­di­um (Bache­lor oder Mas­ter) hin­ge­legt haben, son­dern eher zufäl­lig in den Job rein­ge­rutscht sind.
Statt­des­sen stän­dig neue Pro­jek­te, viel­fäl­ti­ge Auf­ga­ben, Ani­ma­tio­nen, VR, AR1, freie Zeit­ge­stal­tung, eige­ne Tools, eige­nes Wis­sen, sein eige­ner Herr.

Das moti­viert.

Dum­mer­wei­se fehlt es aber zu die­sem Zeit­punkt an Erfah­rung: Wie schät­ze ich den Umfang des Pro­jekts ein? Was kann ich anbie­ten und leis­ten? Wie hoch darf mein Hono­rar sein, ohne dass ich den Auf­trag ver­lie­re?
Es gibt ein­schlä­gi­ge Kur­se und mehr oder weni­ger seriö­se Bera­ter, die einem das erklä­ren kön­nen, aber da die meis­ten die­ser „Coa­ches“ nicht aus dem Bereich der Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on kom­men, wird dort zwar mit betriebs­wirt­schaft­li­chen Begrif­fen her­um­han­tiert, die dem Berufs­ein­stei­ger aber wenig hel­fen.

Und ehr­lich: Gera­de in dem doch sehr viel­fäl­ti­gen Beruf der Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on kommt das meis­te Wis­sen aus der Erfah­rung. Es gibt kein Kri­te­ri­um, mit dem man einen „schlech­ten“ Kun­den von einem „guten“ Kun­den unter­schei­den kann, bevor der Auf­trag da ist.2

Das nutzt ab.

Vor allem, wenn man als Tech­ni­scher Redak­teur dann auch noch eine Fami­lie ernäh­ren möch­te und damit in den Zwang kommt, gege­be­nen­falls Auf­trä­ge anzu­neh­men, die sich eigent­lich nicht rech­nen, nur um über­haupt Geld zu erwirt­schaf­ten. Wenn Stamm­kun­den, die man sich mit viel Ein­satz und Moti­va­ti­on her­an­ge­zo­gen hat, nach ein paar Jah­ren das Manage­ment wech­seln und begin­nen, den Preis zu drü­cken, für den man zur Zufrie­den­heit aller schon seit Jah­ren arbei­tet.

Sicher, man gewinnt über die Jah­re an Erfah­rung hin­zu, kann aus dem Bauch her­aus den Pro­jekt­um­fang und den Kun­den abschät­zen, weiß, wo die „neur­al­gi­schen Punk­te“ eines Doku­men­ta­ti­ons­pro­jek­tes lie­gen und wäre in der Lage, die Selbst­stän­dig­keit zu wup­pen. Aber man ist aus­ge­laugt, man will kei­ne stän­di­gen Schwan­kun­gen am Monats­en­de auf dem Kon­to, man will eigent­lich nur Ruhe und Bestän­dig­keit.

Dann kip­pen die Kol­le­gen in die Fest­an­stel­lung ab, ver­schwin­den aus der Lich­tung der Dienst­leis­ter in das Wal­des­dun­kel der Fest­an­stel­lung. Gera­de dann wenn die Erfah­rung am Größ­ten ist, kippt die Moti­va­ti­on, der täg­li­chen Unbe­re­chen­bar­keit Herr zu wer­den, in Rich­tung Null­punkt.

Das ist scha­de, denn damit geht einer extrem viel­sei­ti­gen Bran­che, die stän­dig im Fluss ist, viel Sta­bi­li­tät ver­lo­ren. Scha­de ist dies auch, weil damit auch viel Enthu­si­as­mus und Moti­va­ti­on ver­dampft – bei­des Eigen­schaf­ten, die die Tech­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on vor­an­brin­gen könn­ten.

Aber viel­leicht ist das auch ein natür­li­cher Aus­le­se­pro­zess, bei dem es eben nicht nur auf Wis­sen und Anpas­sungs­fä­hig­keit ankommt, son­dern auch auf Zähig­keit und „Resi­li­enz“. Man soll­te sich das nur vor­her klar machen, bevor man den Sprung wagt ins Unbe­kann­te:

The­re are dra­gons out the­re.

Bei einer Doku­men­ta­ti­on muss Vie­les bedacht wer­den.

  1. Vir­tu­el­le Rea­li­tät und Aug­men­ted Rea­li­ty, Erwei­ter­te Rea­li­tät 

  2. Schlech­te Kun­den sind sol­che, bei denen man eigent­lich immer drauf­zahlt – ent­we­der weil sie mehr for­dern als aus­ge­macht war oder nicht recht­zei­tig zah­len und trotz­dem Leis­tung ver­lan­gen – oder alles zusam­men.