Es ist zwar schon vie­le Jah­re her, aber ange­sichts der poli­ti­schen Land­schaft und des kon­fron­ta­ti­ven Umgangs­tons man­cher Zeit­ge­nos­sen auf der Stra­ße, in mei­nungs- und stil­bil­den­den Medi­en, und in „der Poli­tik”1 ist es an der Zeit, sich sei­ner Her­kunft zu besin­nen.
Man soll­te Erich Käst­ner mal wie­der zur Lek­tü­re machen.

Die Ent­wick­lung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäu­men gehockt,
behaart und mit böser Visa­ge.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphal­tiert und auf­ge­stockt,
bis zur drei­ßigs­ten Etage.

Da saßen sie nun, den Flö­hen ent­flohn,
in zen­tral­ge­heiz­ten Räu­men.
Da sit­zen sie nun am Tele­fon.
Und es herrscht noch genau der­sel­be Ton
wie sei­ner­zeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Welt­all in Füh­lung.
Sie put­zen die Zäh­ne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebil­de­ter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schie­ßen die Brief­schaf­ten durch ein Rohr.
Sie jagen und züch­ten Mikro­ben.
Sie ver­sehn die Natur mit allem Kom­fort.
Sie flie­gen steil in den Him­mel empor
und blei­ben zwei Wochen oben.

Was ihre Ver­dau­ung übrig­läßt,
das ver­ar­bei­ten sie zu Wat­te.
Sie spal­ten Ato­me. Sie hei­len Inzest.
Und sie stel­len durch Stil­un­ter­su­chun­gen fest,
daß Cäsar Platt­fü­ße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fort­schritt der Mensch­heit geschaf­fen.
Doch davon mal abge­se­hen und
bei Lich­te betrach­tet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

Erich Käst­ner

http://www.gedichte.vu/?die_entwicklung_der_menschheit.html

Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Paviane


  1. Ich weiß, das soll­te man nicht ver­all­ge­mei­nern. Aber die Streit­kul­tur vie­ler Zeit­ge­nos­sen lässt aus den unter­schied­li­chen Grün­den doch stark zu wün­schen übrig.