Heu­te mal wie­der ein Bei­trag aus der Wasch­kü­che des Tech­ni­schen Redak­teurs: es geht um das ganz belieb­te The­ma „Kor­rek­tur­lauf”.
OMG!

Kor­rek­tur­läu­fe sind bei allen Betei­lig­ten im Doku­men­ta­ti­ons­pro­zess so beliebt wie Kopf­läu­se im Kin­der­gar­ten: Je sel­te­ner, des­to bes­ser.
Aber genau wie Kopf­läu­se sind sie unaus­weich­lich.
Im Gegen­satz zu jenen pos­sier­li­chen Mit­be­woh­nern sind sie näm­lich sogar not­wen­dig für die Ver­bes­se­rung der Doku­men­ta­ti­on. Sie ver­bes­sern den Infor­ma­ti­ons­fluss zum Benut­zer. Streng genom­men ermög­li­chen sie sogar erst einen rich­ti­gen Umgang mit dem Pro­dukt, denn vor dem Kor­rek­tur­lauf ist die Doku­men­ta­ti­on nur eine Nie­der­schrift des­sen, was der Redak­teur vom Pro­dukt und sei­ner Nut­zung ver­stan­den hat.
Der Kor­rek­tur­lauf hilft dem Redak­teur dabei, zumin­dest sei­ne Ansprü­che an die Infor­ma­ti­on mit denen sei­nes Auf­trag­ge­bers abzu­stim­men. Dahin­ter steht die Hoff­nung, dass der Auf­trag­ge­ber auch gleich­zei­tig sei­ne Benut­zer soweit kennt, dass die Sicht des Benut­zers mit der des Auf­trag­ge­bers deckungs­gleich ist.
Als Tech­ni­scher Redak­teur kennt man ja nur zwei Ecken des Drei­ecks — die Benut­zer­er­war­tung kennt man nicht. Dafür sind Kor­rek­tur­läu­fe aber auch nicht gedacht.

Was heißt „Korrektur”?

Da der Kor­rek­tur­lauf die Sicht des Auf­trag­ge­bers oder des SME1 mit der des Redak­teurs abglei­chen und die Doku­men­ta­ti­on „rich­tig” stel­len soll (nichts ande­res bedeu­tet Kor­rek­tur), han­delt es sich also um eine rein fach­li­che Ange­le­gen­heit:

  • Sind die Abläu­fe in der rich­ti­gen (sprich: durch­führ­ba­ren) Rei­hen­fol­ge?
  • Sind die rich­ti­gen Bezeich­nun­gen ver­wen­det wor­den?
  • Ist das Pro­dukt rich­tig beschrie­ben und die rich­ti­gen tech­ni­schen Daten ent­hal­ten?
  • Sind alle Sicher­heits­hin­wei­se beach­tet wor­den?

Ein Kor­rek­tur­lauf ist kei­ne per­sön­li­che Ange­le­gen­heit, bei der Geschmä­cker auf­ein­an­der­pral­len („Also ich wür­de das ja lie­ber fett kenn­zeich­nen!”) oder grund­sätz­li­che Fra­gen zum Nut­zungs­spek­trum des Pro­dukts geklärt wer­den („Es könn­te natür­lich sein, dass wir das Pro­dukt auch in einem Jahr online ver­kau­fen und der Anwen­der dann kei­ne Vor­kennt­nis­se hat.”)
So etwas muss vor­her geklärt wer­den, damit der Redak­teur dies bei der Erstel­lung berück­sich­ti­gen kann, denn die Nach­ar­beit kann sehr zeit­auf­wän­dig sein (und ist daher sehr unbe­liebt, denn ein Betei­lig­ter zahlt dabei immer drauf).
Was auch nicht auf­tre­ten darf, ist eine grund­sätz­li­che Infra­ge­stel­lung des gesam­ten Doku­men­ta­ti­ons­pro­zes­ses oder irgend­wel­che Ergän­zun­gen („Wir haben da noch die Vari­an­ten B und C, lässt sich das noch schnell hin­ein­ko­pie­ren?”). Auch das sind Fra­gen, die eigent­lich in die Kon­zept­pha­se gehö­ren — oder in einen anschlie­ßen­den Doku­men­ta­ti­ons­pro­zess.

Und was machen die Kommentare?

Ein sehr belieb­tes Miss­ver­ständ­nis wäh­rend des Kor­rek­tur­laufs sind aller­dings Kom­men­ta­re. Auch wenn in der Soft­ware die­se Funk­ti­on „Com­ments” heißt, sind Kom­men­ta­re und Kor­rek­tu­ren grund­ver­schie­den:
Kom­men­ta­re kann näm­lich jeder abge­ben („Fin­de ich irgend­wie doof.”), sie sind aber nicht hilf­reich bei der Kor­rek­tur, da sie kei­ne kla­re Anwei­sung ent­hal­ten, was denn kor­ri­giert wer­den soll.
Und dazu zäh­len auch Kom­men­ta­re, mit denen sich schon in der Schu­le Deutsch­leh­rer unbe­liebt mach­ten: „Quatsch!”, „Falsch!”. Sie ver­lan­gen vom Redak­teur, der das Pro­dukt ja am wenigs­ten kennt, eine fach­li­che Ant­wort zu geben, die nicht zu sei­nem Auf­ga­ben­ge­biet gehört. Was soll der Redak­teur mit einem Kom­men­tar anfan­gen, der ledig­lich aus einem Fra­ge­zei­chen besteht? Igno­rie­ren? Ableh­nen? Alles ändern — und wenn ja, wie?
In die­sem Sta­di­um braucht der Redak­teur kla­re Anwei­sun­gen, was rich­tig ist — und wenn es falsch sein soll­te, wie es dann rich­tig ist. Der Redak­teur muss näm­lich sonst rück­fra­gen und das kos­tet Zeit. Oder einen neu­en Kor­rek­tur­lauf. Und dann geht das Ein­gren­zen der Unklar­hei­ten wie­der von vor­ne los.
Für den Redak­teur bedeu­tet das: Unklar­hei­ten im Erstel­lungs­pro­zess besei­ti­gen (oder auf einen neu­en Doku­men­ta­ti­ons­pro­zess ver­schie­ben) und Ver­ständ­nis­fra­gen nicht erst im Kor­rek­tur­lauf unter­brin­gen.
Für den Auftraggeber/​SME bedeu­tet das: Im Kor­rek­tur­lauf kei­ne Fra­gen stel­len, son­dern Ant­wor­ten geben.

Also wie jetzt?

Ein Kor­rek­tur­lauf ist wie eine mathe­ma­ti­sche Ite­ra­ti­on: je schnel­ler die Unklar­hei­ten und Feh­ler besei­tigt wer­den, des­to weni­ger Wie­der­ho­lun­gen benö­tigt man.
Und des­to weni­ger Ärger gibt es. Dann sind näm­lich auch Kor­rek­tur­läu­fe rich­tig gut. Wir wol­len ja alle gute Arbeit lie­fern.


  1. SME = „Sub­ject mat­ter expert”, also Fach­kun­di­ger des Pro­dukts