Zum Jah­res­ab­schluss las­sen wir den von mir sehr geschätz­ten Peter Gla­ser einen Blick auf die Zukunft auch der Tech­ni­schen Redak­teu­re werfen:

Ent­wi­ckeln die Ame­ri­ka­ner die­se Tech­no­lo­gie viel­leicht des­halb so inten­siv, damit auch künf­ti­ge analpha­be­ti­sche Gene­ra­tio­nen, die ihr deso­la­tes Bil­dungs­sys­tem her­vor­bringt, mit den Seg­nun­gen der Hoch­tech­no­lo­gie noch etwas anfan­gen kön­nen? Din­ge wie Maschi­nen­in­tel­li­genz und Vir­tu­al Rea­li­ty sind im Grun­de genom­men High­tech für Hohl­köp­fe. Man braucht nur noch auf irgend­et­was zu zei­gen, schon pas­siert etwas. Zum Bei­spiel, dass eine Maschi­ne etwas schreibt.
– via futurezone.at

Peter Gla­ser bezieht sich damit auf das schlech­te Bil­dungs­sys­tem der USA, das auch die eige­ne Bran­che der IT-Unter­neh­men beklagt. So hat­te unlängst der CEO von Apple, Timo­thy Cook, auf die Fra­ge, war­um er denn sei­ne Smart­pho­nes nicht in den USA her­stel­len lie­ße, lapi­dar geant­wor­tet: „Skills“. Fertigkeiten.
Nach sei­ner Ansicht genü­ge in den USA ein klei­ner Raum, um alle Werk­zeug­ma­cher des Lan­des zusam­men­zu­brin­gen. In Chi­na dage­gen, wo alle IT-Unter­neh­men fer­ti­gen las­sen, müs­se man schon rie­si­ge Sta­di­en anmieten.
Das ist aber kein aus­schließ­lich US-ame­ri­ka­ni­sches Pro­blem. Das ken­nen wir hier­zu­lan­de auch. So ver­lo­ckend ein Lehr­stel­len­markt auch sein mag, auf dem man sich als ange­hen­der Arbeit­neh­mer die Stel­le her­aus­su­chen kann, die den eige­nen Inter­es­sen und Nei­gun­gen am ehes­ten ent­spricht, so fatal ist dies auch, denn es setzt vor­aus, dass dem Ein­zel­nen sei­ne per­sön­li­chen Stär­ken, Schwä­chen und Zie­le auch bekannt sind.

Welch ein Irrtum!

Es gibt fast nichts, was im deut­schen Bil­dungs­sys­tem gerin­ger geschätzt wird als die Ent­de­ckung der eige­nen Stär­ken und Schwä­chen — und die Bereit­schaft, mit Hil­fe die­ser Erkennt­nis auch Risi­ken ein­zu­ge­hen, Gren­zen aus­zu­lo­ten und aus dem Schei­tern zu ler­nen. Zivil­cou­ra­ge, Inte­gri­tät, Authen­ti­zi­tät – das sind Schlag­wor­te aus Mana­ger­schu­lun­gen und Jah­res­an­spra­chen. Im All­tag tau­chen sie kaum auf.
Im All­tag ver­kriecht sich eine des­il­lu­sio­nier­te Mas­se hin­ter Kon­sum und der Anony­mi­tät des Inter­nets, beklatscht halb­ga­ren Müll, den rea­li­täts­fer­ne Pole­mi­ker von sich geben und hält Auf­klä­rung für eine Art Sexu­al­kun­de­un­ter­richt. Nun könn­te man sagen „das sind eben bil­dungs­fer­ne Schich­ten“, sich resi­gniert umdre­hen und der eige­nen Erleuch­tung frönen.
Die­ses Ver­hal­ten aber spal­tet eine Gesell­schaft, denn es ent­steht eine Kluft zwi­schen der gebil­de­ten Schicht, die von ihrem Wis­sen pro­fi­tiert, und der Mas­se der Bevöl­ke­rung, die man mit bil­li­gem Treib­stoff und Farb­fern­se­hen abspei­sen und ruhig hal­ten kann.

Das kann nicht gutgehen

Das kann des­we­gen nicht gut­ge­hen, weil wir eben nicht mehr in einem Eng­land des 19. Jahr­hun­derts leben, in dem sich Groß­grund­be­sit­zer ihre Unter­ta­nen wie Skla­ven oder Vieh hiel­ten.1 Wir brau­chen eine Gesell­schaft, an der jeder par­ti­zi­pie­ren kann, so unge­bil­det er auch sein mag. Eine Gesell­schaft, in der jeder eine Zukunft sieht – viel­leicht nicht für sich, dann zumin­dest sei­ne Nachkommen.
Dazu aber muss er über grund­le­gen­de Fer­tig­kei­ten ver­fü­gen, die ihm die­se Per­spek­ti­ve bie­ten. Jeder muss in der Lage sein, am Zei­chen­code sei­ner Umwelt teil­neh­men zu können.
Wir Tech­ni­schen Redak­teu­re beset­zen näm­lich eine Nische, derer wir uns meist gar nicht bewusst sind: Wir sit­zen an der Schnitt­stel­le zwi­schen per­sön­li­cher Per­spek­ti­ve und tech­ni­scher Fer­tig­keit. Ohne uns bleibt der Hohl­kopf immer ein Hohl­kopf und High­tech immer nur ein Werk­zeug der Elite.

Und viel­leicht stellt sich damit gleich­zei­tig her­aus, dass die Ent­wick­lung der Schrift und die Alpha­be­ti­sie­rung der Mensch­heit nur eine vor­über­ge­hen­de Pha­se der Kul­tur­ent­wick­lung war, ein paar inter­es­san­te, aber vor­über­ge­hen­de Jahr­tau­sen­de, und wir uns auf eine tran­sal­pha­be­ti­sche Ära zube­we­gen. Die digi­ta­le Tech­no­lo­gie scheint es Analpha­be­ten zu ermög­li­chen, die Alpha­be­ti­sie­rung ein­fach zu über­sprin­gen. Statt mit dem Speer gehen sie jetzt mit dem Maus­pfeil auf die Jagd.
– via futurezone.at

Es ist unse­re Ver­ant­wor­tung, auch sol­che Mit­men­schen zur Teil­ha­be zu moti­vie­ren, die eine müh­sa­me und eli­tä­re Alpha­be­ti­sie­rung über­sprin­gen. Es könn­te ja sein, dass sie unse­re Zukunft sind.

Die Pro­duk­ti­on von immer mehr Schrift­zei­chen ist es jeden­falls nicht.

Bild­quel­le: “Die Rei­se zum Mond” (nach Jules Ver­ne), Kurz­film 1902, http://cinemaforever.blog.de/2011/12/28/kurzfilm-reise-mond-fr-1902-geburtsstunde-science-fiction-films-12362722/


  1. Und aus der die Unter­ta­nen aus­wan­der­ten, um sich eine eige­ne Zukunft in den eben jenen USA auf­zu­bau­en.