Das Unwort des Jah­res 2002 war die „Ich AG“. Und das zu Recht. Unter­stellt der Begriff doch jedem Arbeits­wil­li­gen das Poten­zi­al, sich als „Ein-Mann-Unter­neh­men“ in der Arbeits­welt behaup­ten zu kön­nen. Dahin­ter aber steht auch die Hoff­nung, über einen ein­fa­chen sta­tis­ti­schen Trick die Arbeits­lo­sen­zah­len nach unten drü­cken zu kön­nen: wer selbst­stän­dig gewor­den ist und trotz­dem ver­hun­gert, der fällt direkt durchs sozia­le Netz in die Sozi­al­hil­fe. Und wer es dank der För­de­rung schafft, arbei­tet an der Gren­ze zur Selbstausbeutung. 

Diede­rich H. war ein schwäch­li­ches Kind. Nicht unbe­dingt phy­sisch, denn er war groß und statt­lich, aber Ent­schei­dungs­freu­dig­keit und Prag­ma­tis­mus waren ihm schon seit sei­ner Kind­heit unheim­lich geblie­ben. Er stand in der Blü­te sei­nes Arbeits­le­bens, als sei­ne Fir­ma schlie­ßen muss­te, in der er nach sei­ner Aus­bil­dung zum Rund­funk- und Fern­seh­elek­tri­ker fünf Jah­re als Tech­ni­ker für die War­tung des Netz­werks gear­bei­tet hatte.

Die Schlie­ßung kam nicht von unge­fähr, denn die Auf­trags­la­ge war mehr als schlecht. So also mel­de­te sich Diede­rich H. beim Arbeits­amt, wo ihm auf­grund der kata­stro­pha­len Aus­sich­ten auf eine Anstel­lung in sei­ner bis­he­ri­gen Tätig­keit eine Umschu­lung emp­foh­len wur­de. Mobi­li­tät und Fle­xi­bi­li­tät bewei­send (und auch zu bequem, sel­ber eine Wahl zu tref­fen), nahm Diede­rich H. an. Er wur­de in einem sechs­wö­chi­gen Kurs, den das Arbeits­amt bezahl­te (in der Zwi­schen­zeit hieß sie Agen­tur – bezahl­te aber trotz­dem) zum tech­ni­schen Illus­tra­tor aus­ge­bil­det, denn – so der freund­li­che, aber bestimm­te Herr der Agen­tur – die­se Aus­bil­dung sei in Deutsch­land und dem euro­päi­schen Aus­land der­art Man­gel­wa­re, dass sich auf alle Fäl­le eine Anstel­lung fin­den las­sen müs­se, selbst wenn er der­zeit kei­ne aktu­el­le habe.

Glück­li­cher­wei­se war Diede­rich H. ledig, so dass ihm auch der Umzug ins schö­ne Thü­rin­gen für die Dau­er des Kur­ses nicht viel aus­mach­te. Auch nicht die Unter­brin­gung in der ehe­ma­li­gen Sowjet­ka­ser­ne, deren Reno­vie­rung erst in meh­re­ren Jah­ren vom Kurs­ver­an­stal­ter ange­strebt wur­de. Gemein­sam mit zehn wei­te­ren Aspi­ran­ten auf die zukunfts­träch­ti­ge Tätig­keit wur­de er tech­ni­scher Illustrator.

Als er nach wei­te­ren zehn Mona­ten und unge­fähr 98 Bewer­bun­gen immer noch kei­ne Anstel­lung gefun­den, wohl aber wohl­wol­len­de Vor­stel­lungs­ge­sprä­che im gesam­ten Bun­des­ge­biet geführt hat­te, wur­de er unru­hig. Der net­te Herr in der Agen­tur, bei der er regel­mä­ßig vor­stel­lig wur­de, war in der Zwi­schen­zeit in den wohl­ver­dien­ten Ruhe­stand ver­setzt und die Abtei­lung aus Per­so­nal­ein­spa­rungs­grün­den mit zwei wei­te­ren zusam­men­ge­legt wor­den. Man konn­te ihm trotz der ange­peil­ten Syn­er­gie­ef­fek­te lei­der nicht wei­ter hel­fen, als ihn um Geduld zu bit­ten, da sich die all­ge­mei­ne Wirt­schafts­la­ge ent­ge­gen aller Pro­gno­sen noch nicht soweit gebes­sert habe.

Nach wei­te­ren drei Mona­ten der Arbeits­lo­sig­keit setz­te ihm die Agen­tur dann die Pis­to­le auf die Brust: Sozi­al­hil­fe oder Ich AG in Form eines Dienst­leis­ters für die inter­net­taug­li­che Auf­ar­bei­tung von Medi­en der inter­na­tio­na­len Film­bran­che. „Nun gut, ich bin nicht dumm, und außer­dem zahlt mir die Agen­tur eine wei­te­re Aus­bil­dung, um mir den Start in die Selbst­stän­dig­keit zu erleich­tern.“ Er bekam einen Coach zuge­teilt, der bereits über 100 wei­te­re Arbeits­wil­li­ge fit gemacht hat­te. An fünf Tagen ver­teilt über drei Wochen wur­den ihm die Grund­be­grif­fe der Selbst­ver­mark­tung bei­ge­bracht, die er abends üben muss­te, um sie in sei­nen akti­ven Wort­schatz ein­zu­fü­gen. Zwar konn­te er sich unter Begrif­fen wie „Markt­pe­ne­tra­ti­on“, „Best Prac­tice“ und „Pri­va­te Equi­ties“ nicht viel vor­stel­len (oder teil­wei­se nicht dass, was der Coach mein­te), aber er beherrsch­te sie bald wie aus dem FF und brach­te sie auch zuneh­mend über­zeug­ter in jed­we­de Dis­kus­si­on ein. Ein Teil der Aus­bil­dung sei ja auch die kom­plet­te Assi­mi­la­ti­on der Lebens­wirk­lich­keit eines Selbst­stän­di­gen, so der Coach.

Ein wei­te­rer Teil ist die exak­te Pla­nung der kom­men­den zwei Jah­re, ins­be­son­de­re der zukünf­ti­gen Ein­kom­mens­si­tua­ti­on: Diede­rich H. woll­te auch auf Anra­ten sei­nes Coa­ches in dem recht anspruchs­vol­len Bereich der Film­in­dus­trie und an der tech­no­lo­gi­schen Spit­ze der Strea­ming­tech­no­lo­gie ein­stei­gen. Er hat­te zwar von Letzt­ge­nann­tem nur wenig gehört, mein­te aber auf­grund sei­ner ursprüng­li­chen Aus­bil­dung als Rund­funk- und Fern­seh­elek­tri­ker dort leich­ter Fuß fas­sen zu kön­nen – eine Ansicht, in der ihn sein Coach nur bestärk­te. Erfah­rungs­ge­mäß zah­le sich eine fun­dier­te Aus­bil­dung immer aus â?¦

Um nicht gleich mit zu hohen Erwar­tun­gen eine Bauch­lan­dung zu erle­ben, ging Diede­rich H. gemein­sam mit sei­nem Coach von einer rea­len Auf­trags­zahl von zwan­zig Pro­jek­ten im ers­ten Jahr aus, was ihm einen Umsatz von ca. â?¬ 80.000 bräch­te. Aus die­sem Grund ließ er sich die Start­fi­nan­zie­rung sofort aus­zah­len und leis­te­te sich meh­re­re Rech­ner, die er für eine Ren­der­farm benö­tig­te, und die ent­spre­chen­de Soft­ware gleich dazu. Den pro­fes­sio­nel­len Umgang woll­te er sich per „Learning by doing“ aneig­nen, so wie es sein Coach ihm riet.

Um es abzu­kür­zen: Das Jahr begann ver­hei­ßungs­voll, da er dank der über­ra­gen­den Con­nec­tions sei­nes Coa­ches auf allen gän­gi­gen Mes­sen eine Viel­zahl an poten­zi­el­len Kun­den traf und sprach. Als sich jedoch nach einem hal­ben Jahr immer noch kei­ne Auf­trä­ge ein­stell­ten – der Ver­trag mit sei­nem Coach hat­te ihn meh­re­re tau­send Euro gekos­tet, auf deren Rück­erstat­tung aus EU-För­der­mit­teln er noch war­tet (sei prin­zi­pi­ell mög­lich, hat­te sein Coach ihm am Tele­fon nach der Rech­nungs­stel­lung noch mit­ge­teilt) – beschloss er das ers­te Mal in sei­nem Arbeits­le­ben selbst­stän­dig eine Neuorientierung.

Er nahm den Begriff der „Ich AG“ ernst und begann, sich anteils­mä­ßig anzu­bie­ten. Natür­lich zunächst nur die Kör­per­tei­le, auf die er ver­zich­ten konn­te, falls die Anteils­eig­ner insol­vent waren, spä­ter dann die Kör­per­tei­le, von denen er noch ein Dupli­kat besaß („Back­up“). Sei­ne Pro­duk­ti­ons­mit­tel gehör­ten zur drit­ten Stu­fe: dem Out­sour­cing. Dazu sin­nier­te er dazu näch­te­lang über einen mar­ke­ting­tech­nisch geschlif­fe­nen Text für eBay nach, den er aller­dings noch nicht hat (das Tex­ten hat­te immer der Coach für ihn erledigt).

Aus dem Erlös plant er eine Ein­ga­be bei der EU, auch Ich AGs bör­sen­no­tiert zuzu­las­sen. Nur über den Bör­sen­gang (das hat­te er von sei­ner Bank) lie­ßen sich die not­wen­di­gen Finanz­mit­tel auf­trei­ben, kapi­tal­stark den wid­ri­gen Ver­hält­nis­sen der Welt­wirt­schaft zu trot­zen. Viel­leicht kommt er ja mal in den Wirt­schafts­teil der FAZ, mög­li­cher­wei­se stück­wei­se. Ich wür­de mir dazu glatt die Aus­ga­be kaufen.