Frau Mül­ler (Name von der Redak­ti­on geän­dert) hat­te sich nach zehn Jah­ren end­lich einen neu­en Ofen gekauft. Nicht so ein Teil, bei dem man Dreh­schal­ter kla­ckern las­sen kann und dann mit der Hand per Auf­le­gen fest­stel­len muss, wel­ches Koch­feld denn nun warm wird – nein, einen voll­au­to­ma­tisch pro­gram­mier­ba­ren, selbst­tä­tig rei­ni­gen­den und zeit­ge­steu­ert kochen­den, backen­den und mikro­wel­len­den Com­pu­ter, ein Teil, das mit ihrem bis­he­ri­gen Herd soviel gemein hat wie eine Bana­ne mit der gleich­na­mi­gen Repu­blik.

Das Teil wur­de kos­ten­los gelie­fert und auf­ge­stellt, für die mit­ge­lie­fer­ten Hand­bü­cher in zwan­zig Spra­chen mit per­so­na­li­sier­tem Deck­blatt fand sich aller­dings kein Platz neben den Koch­bü­chern, daher wan­der­ten sie in die Kis­te auf dem Dach­bo­den. Außer­dem: Wer liest schon Hand­bü­cher bei einem sol­chen Teil, das in der Lage ist, die Koch­wün­sche und -gewohn­hei­ten sei­nes Benut­zers intui­tiv zu erah­nen?

Frau Mül­ler konn­te es kaum erwar­ten und star­te­te schon am ers­ten Abend eine wah­re Koch­or­gie quer durch die euro­päi­sche Küche. Auch ihr Mann und ihre puber­tie­ren­de Toch­ter waren begeis­tert (gera­de bei letz­te­rer kam das sel­ten genug vor). Nachts noch räum­te sie die Küche auf und wisch­te die neue Errun­gen­schaft ab, um sie start­klar für den kom­men­den Tag zu haben. Und damit begann die Kata­stro­phe.

Am nächs­ten Mor­gen ging nichts. Der Ofen nicht an und die Stim­mung nicht rauf. Das Wun­der­ding blieb kalt, obwohl es am Abend zuvor noch ein­wand­frei funk­tio­niert hat­te. Als der Ofen auch mit­tags noch kein Lebens­zei­chen von sich gab, wur­de Frau Mül­ler unru­hig. Was hat­te sie kaputt gemacht? Sie ret­te­te sich mit dem Piz­za­ser­vice bis zum Abend und ver­brach­te den Nach­mit­tag mit dem Stu­di­um der Hand­bü­cher, wobei es einen hal­ben Nach­mit­tag dau­er­te, bis sie eines in deutsch fand. Sie ver­stand kaum fin­nisch und konn­te auch sla­wi­sche Spra­chen nicht ein­mal aus­ein­an­der hal­ten. War­um die­se Spra­chen über­haupt mit­ge­lie­fert wur­den, war ihr ein Rät­sel, immer­hin hat­te sie den Ofen bei einem renom­mier­ten Händ­ler in Deutsch­land gekauft und die bevor­zug­te Spra­che auf dem Dis­play bereits in der Bestel­lung ange­ben müs­sen.

Zum Abend­brot war die Stim­mung schlecht, der Ofen war den gan­zen Tag kalt geblie­ben. Ihr Mann nahm sich vor, am nächs­ten Tag (einem Don­ners­tag) in der Kan­ti­ne zu essen, obwohl ihm das Essen dort nicht gut bekam. Frau Mül­ler beschloss, den Kun­den­dienst anzu­ru­fen und lie­ber Gefahr zu lau­fen, für eine kom­plet­te tech­ni­sche Voll­idio­tin gehal­ten zu wer­den als noch län­ger eine kal­te Küche hüten zu müs­sen. Der Kun­den­dienst wäre zwar am nächs­ten Mor­gen ab neun Uhr erreich­bar gewe­sen, lei­der aber war dort die Tele­fon­an­la­ge defekt, so dass sie einen Mit­ar­bei­ter des Call-Cen­ters erst am frü­hen Nach­mit­tag erreich­te. Ihre Toch­ter war in der Zwi­schen­zeit bei einer guten Freun­din zum Mit­tag­essen gegan­gen …

Der Mit­ar­bei­ter konn­te ihr zwar zahl­rei­che Rat­schlä­ge zum ener­gie­ef­fi­zi­en­ten Kochen und Backen mit­ge­ben, lei­der aber nicht bei der erneu­ten Inbe­trieb­nah­me des Ofens hel­fen. Der Ser­vice­tech­ni­ker war an die­sem Tag aller­dings nicht mehr erreich­bar. Auch nicht am nächs­ten Tag, denn er war ab die­sem Frei­tag im Urlaub. Für zehn Tage. Wohl­ver­dient.

In die­ser Nacht aller­dings geschah das Uner­war­te­te: der Ofen schal­te­te sich selbst­tä­tig ein und fuhr die Bratröh­re auf 180 °C Umluft an. Das war gegen 23:00 Uhr, als Frau Mül­ler gera­de ins Bett woll­te. Da sich der Ofen auch nicht von einer ande­ren Tem­pe­ra­tur über­zeu­gen ließ, such­te Frau Mül­ler in fieb­ri­ger Hast pas­sen­de Rezep­te zur Tem­pe­ra­tur zusam­men und fand tat­säch­lich ein Lasa­gne­rezept, das in der ver­blei­ben­den Zeit (auf dem Dis­play ange­zeigt) fer­tig wur­de. Danach ver­fiel der Ofen wie­der in uner­gründ­li­che Lethar­gie und war erst gegen fünf Uhr mor­gens wie­der wach – so wie Herr Mül­ler, der das Lebens­zei­chen auf sei­nem Gang zur Toi­let­te ent­deck­te und sei­ner Frau Bescheid gab. Dies­mal war Kochen auf den hin­ters­ten bei­den Koch­fel­der mög­lich. Die Hack­fleisch­so­ße schaff­te es zwar bis zum Ver­zehr­zu­stand, die Band­nu­deln jedoch schie­den auf hal­ber Stre­cke aus, da Frau Mül­ler den Topf nicht recht­zei­tig fand. Dann schal­te­te sich das gute Stück wie­der ab.

Von nun an ging es auf­wärts, wenn auch nur unter anfangs gro­ßer Mühe. Mül­lers stell­ten den Tages­ab­lauf um: wer warm essen woll­te, muss­te sich bis Mit­ter­nacht gedul­den, die zwei­te Mahl­zeit gegen sechs Uhr mor­gens moch­te kei­ner so recht frisch genie­ßen. Man koch­te daher lie­ber Din­ge, die auch kalt noch genieß­bar waren.

Lei­der hat­te die­se Umstel­lung unan­ge­neh­me Fol­gen für die übri­ge Lebens­pla­nung der Fami­lie, so dass die Toch­ter fort­an nur noch kalt aß, damit ihr der Schlaf für die Schu­le nicht abhan­den kam. Herr Mül­ler aber kün­dig­te und nahm eine Tätig­keit in einem Call-Cen­ter an. Die­se war zwar nicht so gut bezahlt wie sei­ne vor­he­ri­ge Stel­le, durch die effi­zi­en­te­re Nut­zung der elek­tri­schen Ener­gie und den nun ver­mehrt bean­spruch­ten Nacht­strom­ta­rif aber hofft er, einen Teil der Ein­bu­ßen aus­glei­chen zu kön­nen.

Frau Mül­ler aber sucht seit ein paar Tagen nach einem Land, das über eine Zeit­ver­schie­bung ver­fügt, in der die Funk­ti­ons­zei­ten der Ofen­au­to­ma­tik auch zum Tages­rhyth­mus pas­sen. Sie will aus­wan­dern. Am bes­ten ganz weit weg.