Es ist ein merk­wür­di­ger Zug vie­ler Men­schen, von ein­mal gefass­ten Ansich­ten nicht mehr abzu­wei­chen. Nicht unbe­dingt Mei­nun­gen, derer sie als Ver­tre­ter einer Berufs­grup­pe ver­pflich­tet füh­len — so wie Taxi­fah­rer oft nicht viel von Rad­fah­rern hal­ten und die­se pau­schal als Ver­kehrs­row­dys abstem­peln1. Oder so wie Pro­fes­so­ren häu­fig davon aus­ge­hen, dass die Stu­den­ten immer düm­mer wer­den2.

Aber eben nicht nur Berufs­grup­pen nei­gen dazu, eine ande­re als die eige­ne Grup­pe abzu­wer­ten und als min­der­wer­tig abzu­stem­peln. Auch im All­tag fin­den sich genü­gend Bei­spie­le, in denen Mit­men­schen an ein­mal gefass­ten Urtei­len fest­hal­ten, auch wenn sich aus­rei­chend Gele­gen­heit bie­tet, das Urteil noch­mals zu über­den­ken.

In der Grup­pe (oder Gesell­schaft) dient die­ses Ver­hal­ten der Abgren­zung: man will sich auf­grund eige­ner feh­len­der Iden­ti­fi­ka­ti­on und der Unfä­hig­keit zur Aus­ein­an­der­set­zung mit sich selbst einer Grup­pe anschlie­ßen und ent­spre­chend von ande­ren Grup­pen (und damit kon­kur­rie­ren­den Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten) unter­schei­den. Die eige­nen Kin­der sind immer die bes­ten.

Was aber in der Grup­pe ein zwar arm­se­li­ges Zeug­nis des Selbst­bil­des ist, aber immer­hin fast schon „nor­mal“3, ist Gegen­stän­den und vor allem Abläu­fen und Zusam­men­hän­gen gegen­über fast schon skur­ril: Wer sich ein­mal einer eige­nen Mei­nung ver­si­chert hat, kommt davon nicht mehr weg. Und je mehr die Umwelt dar­auf drängt, sich selbst und sei­ne Ansich­ten zu hin­ter­fra­gen, des­to mehr kral­len sich Mit­men­schen an ihren Urtei­len fest. Es darf dann nicht sein, was nicht sein kann.

Das geht dann sogar soweit, dass die­se bedau­erns­wer­ten Geschöp­fe eine Art „Par­al­lel­uni­ver­sum“ bezie­hen und sich die gesam­te Rea­li­tät auf die­sen einen Punkt kon­zen­triert: die Ver­schwö­rungs­theo­rie wird gebo­ren. Für Außen­ste­hen­de sieht das zunächst abstrus aus, wenn bei­spiels­wei­se Poli­ti­ker einer Para­noia anheim­fal­len und über­all „zer­set­zen­de Ele­men­te“ und Angrif­fe auf ihre Macht­po­si­ti­on ver­mu­ten. Aber weit weg davon sind wir auch im All­tag nicht: Mit­men­schen, die davon aus­ge­hen, dass Kol­le­gen es nur dar­auf anle­gen, am Stuhl zu sägen; Ver­kehrs­teil­neh­mer, die davon aus­ge­hen, dass die Ampel nur des­halb vor ihnen auf Rot schal­tet, damit sie spä­ter ankom­men; Jour­na­lis­ten, die über­all Geheim­dienst­spio­na­ge wit­tern, selbst wenn sie für die Bäcker­blu­me nach Kuchen­re­zep­ten recher­chie­ren — die Lis­te lie­ße sich noch lan­ge fort­set­zen.

Es ist ver­mut­lich eine Krank­heit der klei­nen Geis­ter. So wie man im Mit­tel­al­ter mit Hexen die Was­ser­pro­be mach­te4, sich der „[…] Scha­den […] an Kör­pern und See­len“ zu erweh­ren. Heut­zu­ta­ge mag das archa­isch anmu­ten, aber die dahin­ter ste­hen­de Denk­wei­se ist immer noch aktu­ell.

Dumm­heit krallt sich fest.


  1. Das ist manch­mal sogar kor­rekt, aber eben nicht pau­schal. 

  2. Auch das lässt sich nicht bewei­sen, ist aber ein belieb­tes The­ma altern­der Aka­de­mi­ker, die mit der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung nicht mehr zurecht­kom­men. 

  3. Nor­mal“ ist hier im Sin­ne von „weit ver­brei­tet“ gemeint, nicht als unaus­ge­spro­che­ne Norm. 

  4. Ging das arme Opfer unter und ertrank, war es ein Got­tes­ur­teil und es hat­te ster­ben müs­sen. Ging das Opfer nicht unter, war es mit dem Teu­fel im Bun­de und muss­te bestraft wer­den. Für das Opfer war das Ergeb­nis immer der Tod.