Eigent­lich bezieht sich die­ser Arti­kel auf die blin­de Ver­trau­ens­se­lig­keit man­cher Kampf­sport­ler, die schlicht davon aus­ge­hen, dass, wer den glei­chen Kampf­sport macht, auch ein ver­trau­ens­wür­di­ger Mensch sei. Zwar wider­spricht dies bereits dem gesun­den Men­schen­ver­stand, aber die Situa­ti­on könn­te sich auch bei Ver­tre­tern ande­rer Pro­fes­sio­nen wie­der­ho­len: Mac-User bei­spiels­wei­se …

 

Heinz (der Name tut eigent­lich nichts zur Sache) hat­te mir groß­zü­gig ver­spro­chen, mich mit Rat und Tat bei der Erste­hung eines neu­en Autos zu unter­stüt­zen. Nicht, dass bei mir der Reich­tum aus­ge­bro­chen war, aber die alte Rübe hat­te schon bes­se­re Tage gese­hen. Und daher muss­te ein neu­es, aber gebrauch­tes Schlag­loch­such­ge­rät her.

Auto­kauf ist rei­ne Ver­trau­ens­sa­che, beson­ders bei gebrauch­ten!“ ver­kün­de­te er eif­rig, als wir uns auf­mach­ten, den Park­platz in Augen­schein zu neh­men, auf dem von pri­vat an pri­vat ver­kauft wird. Blech an Blech reih­te sich dort, gro­ße mit einem Stern und klei­ne­re ohne Stern, alte und „so gut wie neue“. Ein­fach war es wahr­lich nicht.

Wich­ti­ger als die rei­ne Tech­nik ist es, zum Ver­käu­fer ein gutes Ver­hält­nis zu ent­wi­ckeln. Schließ­lich han­delt es sich um eine Trans­ak­ti­on, von der Dein Leben abhängt.“ führ­te er aus. So hat­te ich es noch nie gese­hen. Ich dach­te immer, das sei wie im Selbst­be­die­nungs­la­den: Schil­der stu­die­ren, Prei­se aus­han­deln (man soll­te ja die Sache auch ein biss­chen sport­lich ange­hen) und zuschla­gen.

Die Geld­schei­ne wur­den nach der ers­ten Über­sicht immer schwe­rer. Irgend­wie sahen die Fahr­zeu­ge alle fahr­bar aus, und das war für mich immer noch das wich­tigs­te. Weit gefehlt!
Er eil­te schnur­stracks auf einen jugend­lich uner­fah­ren aus­se­hen­den Men­schen neben einem VW zu und ver­wi­ckel­te ihn fach­män­nisch in ein Gespräch, von dem ich nur Fet­zen mit­be­kam. Es ging jeden­falls nicht um PS. Ich weiß nicht, wie er dar­auf kam, aber ich bekam mit, als er frag­te, ob sein Gegen­über wüss­te, was Kara­te sei.

Woll­te er ihm dro­hen? Heinz hat­te einen schwar­zen Gür­tel und fiel wäh­rend des Trai­nings eigent­lich nie durch beson­de­re Aggres­si­vi­tät auf. Ich befürch­te­te schon, dazwi­schen gehen zu müs­sen, wur­de aber von Heinz durch ein freund­li­ches Kopf­schüt­teln abge­hal­ten. Kei­ne Schlä­ge­rei also. Ich atme­te tief durch. War­um soll­te man sich auch wegen eines Autos schla­gen?

Heinz dreh­te sich um, steu­er­te auf mich zu und hat­te augen­schein­lich einen neu­en Wagen im Blick. „So ein Blöd­mann!“ zisch­te er, „der meint, dass Kara­te das­sel­be sei wie Judo!“ „Ja, und?“ Ich war rat­los. Soll­te das eine Volks­be­fra­gung wer­den? „Was hat das mit mei­nem Auto zu tun?“ „Mann, ver­stehst Du nicht? Das ist doch ganz ent­schei­dend.“ Nein, ich ver­stand nicht. Ent­schei­dend für mein Auto? Kara­te? Er muss­te wohl mei­nen rat­lo­sen Blick bemerkt haben, denn er lächel­te mil­de: „Pass auf: Du kennst mich schon seit Jah­ren. Und ich ken­ne Dich genau­so lan­ge. Und Du weißt, dass Du mir ver­trau­en kannst.“ „Ja. Nun …“ „Und woher kommt das? Na? Wir trai­nie­ren zusam­men, haben mit­ein­an­der gekämpft und sind auf Lehr­gän­ge gefah­ren. Das schweißt zusam­men.“ Jetzt kam er rich­tig in Fahrt. „Und dar­aus ent­steht Ver­trau­en. Ich wür­de Dir sofort ohne zu fra­gen ein Auto abkau­fen, weil ich weiß, dass Du ein Ehren­mensch bist.“

Mach‘ mal ’nen Punkt. Wir sind hier in der frei­en Wirt­schaft unter frei­em Him­mel. Hier wird Geld gegen Ware getauscht. So banal ist das.“ Ich muss­te ihn stop­pen, sonst wür­de es dun­kel und ich wäre immer noch ohne Wagen. Kei­ne Chan­ce. „Nein, so banal ist es nicht. Ver­trau­en ent­steht aus Gemein­sam­kei­ten.“ Gemein­sam­kei­ten? Was hat­te ich mit den Ver­käu­fern hier gemein? Die hat­ten Autos, ich nicht.

Etwa zwei Stun­den spä­ter erwisch­te er tat­säch­lich jeman­den, der in sei­ner Jugend mal an einem Anfän­ger­trai­ning teil­ge­nom­men, es aber bald wegen einer Freun­din wie­der auf­ge­ge­ben hat­te. Ich hoff­te instän­dig, er wür­de nicht auch noch nach der Stil­rich­tung fra­gen, falls das ein sekun­dä­res Ver­trau­ens­kri­te­ri­um sein soll­te. Aber es wur­de dun­kel, und so muss­te das rei­chen. Der Preis war durch­schnitt­lich und ich hät­te auch bezahlt, wenn ich nicht von der sport­li­chen Ver­gan­gen­heit des Ver­käu­fers gewusst hät­te.
So fah­re ich jetzt irgend­ei­nen Lada eines Kara­te-Anfän­gers. Viel­leicht ist das auch der Grund, war­um die Schal­tung par­tout nicht in den vier­ten Gang will. Aber ich wer­de es Heinz nicht erzäh­len …