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Vor ein paar Wochen hat­te ich eine net­te ehe­ma­li­ge Kol­le­gin gebe­ten, mir anläss­lich ihrer Mün­chen-Spa­zier­gän­ge ein Bild zu schi­cken, das sie ein­ge­scannt hat­te. Es zeigt eine Ansicht des Münch­ner Stadt­ein­gangs zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts (ver­mu­te ich auf­grund der Kopf­be­de­ckung und der Topo­gra­fie). Das Tor steht dort nicht mehr, genau­so wenig wie die Häu­ser rings­um. Nur die Kir­che im Hin­ter­grund, die gibt es noch: es ist die Thea­ti­ner­kir­che. Der Stand­punkt des Malers dürf­te in etwa dort sein, wo heu­te der U-Bahn-Aus­gang Ode­ons­platz liegt und die Gale­rie­stra­ße von Osten in die Lud­wig­stra­ße mün­det (sie­he Bild unten). — Viel­leicht auch ein biss­chen wei­ter öst­lich, denn was heu­te mit Pho­to­shop mach­bar ist, haben die Maler frü­he­rer Zeit durch eine geschickt gewähl­te Per­spek­ti­ve und „Zurecht­rü­cken“ der Objek­te her­ge­stellt: dem Bild etwas „Dra­ma­tik“ ver­lie­hen. Oder Grö­ße.

Im Fal­le Mün­chens war das auch nötig, denn die heu­ti­ge Max­vor­stadt, in der der Maler sei­ne Staf­fe­lei auf­ge­stellt hat­te, gab es damals noch nicht. Sie wur­de erst 1825 aus­ge­baut und nach ihrem Auf­trag­ge­ber, König Max I., benannt.

Was mich aller­dings noch viel mehr beein­druckt an dem obi­gen Bild ist der unge­heu­re Fort­schritt1, der zwi­schen den bei­den Dar­stel­lun­gen liegt. Nicht so sehr der Fort­schritt in der Male­rei, denn die­se arbei­tet wie damals nach den glei­chen Metho­den, son­dern der tech­ni­sche Fort­schritt der Objek­te. Zwi­schen bei­den Auf­nah­men lie­gen etwa 200 Jah­re, also acht Gene­ra­tio­nen. Acht Gene­ra­tio­nen, in denen die Indus­tria­li­sie­rung in die­sem Teil der Welt ihre vol­le Wucht ent­fal­te­te. Acht Gene­ra­tio­nen mit Krie­gen, Leid, Zer­stö­rung, Hass, Ver­zweif­lung, Freund­schaft, Zusam­men­ar­beit, Lie­be und Mut. Acht Gene­ra­tio­nen, die uns in die­sem Teil der Welt vor allem sug­ge­rie­ren, dass mit Hil­fe der Tech­nik alles mög­lich sein kann: Fuh­ren auf dem obi­gen Bild die Men­schen noch auf Fuhr­wer­ken zu ihrer Arbeit oder trans­por­tier­ten Güter, so über­neh­men das heu­te Nah­ver­kehr und Auto­mo­bil. Es gibt auch kei­ne moras­ti­gen Wege mehr, son­dern sham­poo­nier­te Stra­ßen2, es gibt eine Kana­li­sa­ti­on, wo frü­her der Dreck ein­fach hin­ters Haus gekippt wur­de.

Vor der Stadt — zum Bei­spiel in Schwa­bing, das damals ein eige­ner Ort war — lagen die Spi­tä­ler, in denen man die Alten und Kran­ken ein­fach „off­shor­te“ (wie das auf neu­deutsch heißt). Man mach­te damals ein­fach die Tore zu und das „Gschwerl“ (baye­risch) oder der „Plebs“ (lati­ni­siert) blieb drau­ßen. Das, mei­ne Leser, war die „gute alte Zeit“, nach der sich Man­cher zurück­sehnt, wenn die Geschäf­tig­keit und der Tru­bel der heu­ti­gen Plu­ra­li­tät das per­sön­li­che intel­lek­tu­el­le Fas­sungs­ver­mö­gen über­steigt. Es gab einen König und kei­ne Wah­len. Es gab die Todes- und viel schlim­mer noch: die Zucht­haus­stra­fe für die­je­ni­gen, die sich mit der stän­di­schen Ord­nung nicht abfin­den konn­ten oder moch­ten.

Es gab aller­dings einen Aus­weg: man konn­te aus­wan­dern. Nach Nord­ame­ri­ka bei­spiels­wei­se, wo man dann den Schwä­che­ren das Land weg­nahm, sie umbrach­te oder zur Skla­ven­ar­beit zwang.

Die­sen Aus­weg haben wir heu­te nicht mehr.

Dafür aber haben wir die Mobi­li­tät und offe­ne Gren­zen. Wenn uns das Stadt­le­ben in Mün­chen nicht passt, kön­nen wir in die nord­ost­deut­sche Pro­vinz aus­wan­dern. Dort darf man dann zwar kei­nem Men­schen mehr unge­straft das Land weg­neh­men, aber man hat sei­ne Ruhe: kein Inter­net, (fast) kei­ne Kran­ken­häu­ser, weni­ge Stra­ßen. Sogar Fuhr­wer­ke gibt es dort noch. Vor­in­dus­tri­ell sozu­sa­gen.

Zumin­dest bei­na­he, denn die Indus­tria­li­sie­rung hat zu gra­vie­ren­den Umwäl­zun­gen in unse­rer Gesell­schaft geführt, denen sich man nur ent­zie­hen kann, wenn man ganz dem euro­päi­schen Ein­fluss­raum ent­flieht: Dort, wo die Men­schen noch leben wie vor hun­der­ten von Jah­ren. Ohne Schu­len, ohne Bil­dung, ohne indus­tri­el­le Arbeit, ohne Ärz­te, ohne Leh­rer, ohne Tech­nik, ohne Chan­cen­gleich­heit. Wo der Stän­de­staat noch exis­tiert.

Aller­dings gibt es auch dort Men­schen, die die­sem Leben wie­der­um ent­flie­hen wol­len. Weil die Fol­gen der Indus­tria­li­sie­rung für uns Euro­pä­er eben zu einem ange­neh­me­ren Leben mit einem gewis­sen Wohl­stand, Sicher­heit, Mei­nungs­frei­heit und ruhi­ge­rem Schlaf geführt haben.

Ich bin jeden­falls froh, dass mei­ne Alt­vor­de­ren vor 200 Jah­ren in ihrer gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung nicht ein­fach dort ste­cken­ge­blie­ben sind.

odeonsplatz

 

 


  1. Und in sei­ner Fol­ge die gesell­schaft­lich-kul­tu­rel­len Umwäl­zun­gen, die not­wen­dig waren. 

  2. Die Stadt­rei­ni­gung arbei­tet nicht nur mit Was­ser.