Men­schen sind gebo­re­ne Geschich­ten­er­zäh­ler. Wir kön­nen über uns und Bege­ben­hei­ten unse­res Lebens stän­dig Geschich­ten erzäh­len. Lehr­rei­che Geschich­ten und weni­ger lehr­rei­che Geschich­ten, lan­ge oder kur­ze. Geschich­ten über Ver­gan­ge­nes und gera­de Erlebtes.

Wir ver­ar­bei­ten unse­re Umwelt und unse­re eige­ne Iden­ti­tät über Geschich­ten: Aus die­sen Geschich­ten zie­hen wir Schlüs­se über Zukünf­ti­ges – manch­mal mit der Fol­ge, dass die objek­tiv gemes­se­ne Zah­len weit an dem vor­bei­ge­hen, was wir erlebt zu haben glau­ben. Wir „erfin­den“ sogar Geschich­ten und fül­len damit Ver­ständ­nis­lü­cken – solan­ge sie in unse­re jewei­li­ge Geschich­te pas­sen. Eine sub­jek­ti­ve Wahr­heit entsteht.

Die meis­ten die­ser Geschich­ten sind für ande­re Men­schen nicht inter­es­sant – und gehen sie meist auch nichts an, denn die­se Geschich­ten die­nen dazu, unse­ren Platz in der Welt zu bestim­men. Nur mit Hil­fe die­ser Geschich­ten sind wir in der Lage, unser eige­nes Leben zu orga­ni­sie­ren und zu struk­tu­rie­ren: Wich­ti­ges von Unwich­ti­gem zu tren­nen und Bezü­ge her­zu­stel­len. Wir hän­gen näm­lich nicht nur jedem Erleb­nis eine Geschich­te an, wir tun dies auch bei ande­ren Men­schen und allen Objek­ten außer­halb unse­rer eige­nen Per­son. Die meis­ten Geschich­ten davon sind sehr kurz, weil wir uns nicht die Mühe geben, ihre jewei­li­ge Geschich­te nach­zu­ver­fol­gen. Aber es gäbe die­se Geschichten.

Wahrheit

Es geht dabei gar nicht um erfun­de­ne oder wah­re Geschich­ten, son­dern um die Geschich­te, die für uns in die­sem Moment des Erzäh­lens am Glaub­wür­digs­ten erscheint. Die Erfah­rung, dass die Geschich­te eines bestimm­ten Sach­ver­halts eben aus jeder Per­spek­ti­ve und von allen Betei­lig­ten voll­kom­men unter­schied­lich erzählt wer­den kann, haben wir alle schon häu­fig gemacht – und auch die Erfah­rung, dass es so etwas wie „die Wahr­heit“ gar nicht gibt. Jeder Mensch erzählt die Geschich­te zu dem Erleb­ten ein klein wenig anders und ergänzt die Lücken vor dem Hin­ter­grund sei­ner Geschich­ten. Wir wer­den zu Erzäh­lern unse­rer eige­nen Geschichtensammlung.

Ver­stärkt wird die Abwei­chung zwi­schen den Geschich­ten unter­schied­li­cher Erzäh­ler noch um die Erfah­rung, dass wir es selbst oft nicht so genau neh­men mit der Über­ein­stim­mung zwi­schen einer Geschich­te, die wir selbst für die Plau­si­bels­te hal­ten, und einer Geschich­te, die wir unse­ren Zuhö­rern erzäh­len. Wir erzäh­len dann zu einem ein­zi­gen The­ma meh­re­re Geschich­ten: zeit­ab­hän­gi­ge und kon­text­ab­hän­gi­ge Vari­an­ten. Manch­mal ist uns die­ser Unter­schied bewusst wir oder neh­men wir ihn hin um eine bestimm­te Wir­kung zu erzielen.

Um die­se aus­ein­an­der klaf­fen­den Geschich­ten wie­der ein­zu­fan­gen, tun wir so, als ob es ihnen gegen­über eine abso­lu­te Wahr­heit gäbe, von der wir bewusst abwei­chen. Mit die­ser Wahr­heit ist es aber wir mit Schrö­din­gers Kat­ze: Wir wis­sen nicht, ob es sie gibt, weil sie in dem Moment zu exis­tie­ren auf­hört, in dem wir sie zu erzäh­len begin­nen. Denn dann wird sie zu einer eige­nen Geschichte.

Technische Geschichten

Was aber hat die­ses Gedan­ken­spiel mit der Tech­ni­schen Redak­ti­on zu tun?

Nun, auch wir Tech­ni­sche Redak­teu­re sind Geschich­ten­er­zäh­ler: Wir erzäh­len die Geschich­ten tech­ni­scher Objek­te, die sie aller­dings nicht selbst erzäh­len kön­nen. Wir stel­len die Geschich­ten der Objek­te zusam­men, wie sie sie uns die Inge­nieu­re, Kon­struk­teu­re, Pro­gram­mie­rer, Mon­teu­re, die UX-Desi­gner und alle ande­ren Betei­lig­ten erzäh­len. Wir stel­len sie zu einer kohä­ren­ten Geschich­te zusam­men, von der wir anneh­men, dass sie in die spe­zi­fi­sche Geschich­te der Objekt-Benut­zer am bes­ten hineinpasst.

Wir erzäh­len unse­re Geschich­ten der Objek­te. Abhän­gig vom Kon­text kann die­se Geschich­te dann sehr unter­schied­lich aus­fal­len: Wir ver­su­chen die Qua­dra­tur des Krei­ses: Es geht dar­um, die Geschich­ten der Objek­te mit den Geschich­ten des Benut­zers zu ver­bin­den. Wie erfolg­reich dies es gelingt, ent­schei­det über die Qua­li­tät der Doku­men­ta­ti­on und unse­re Qua­li­tät als Geschichtenerzähler.

Eine Brü­cken­kon­struk­ti­on mit Beschrei­bung von Leo­nar­do Da Vin­ci. Da Vin­ci war ein begna­de­ter Geschichtenerzähler.