Mein Lieb­lings­the­ma: der Ein­satz digi­ta­ler Medi­en in der Bil­dung. Und gera­de heu­te war ein Bei­trag in der Süd­deut­schen dazu mit einer Leser­fra­ge, war­um denn so wenig Com­pu­ter im Unter­richt ein­ge­setzt wer­den. Und eine durch­aus plau­si­ble Ant­wort wur­de auch gleich gege­ben: Tech­nik­pho­bie der Eltern („Sie machen sich Sor­gen, dass es ihrem Kind scha­den könn­te, wenn es mit moder­nen Metho­den unter­rich­tet wird, die noch nicht erprobt sind“) und feh­len­der Unter­neh­mer­geist der Ver­la­ge. Auch Leh­rer, die sich mit neu­en Tech­ni­ken über­for­dert füh­len. Mal ganz zu schwei­gen, von den noto­risch klam­men Staats­kas­sen, die ger­ne das Geld dort abzie­hen, wo nicht laut geschrie­en wird. Aber dem Fass den Boden aus­ge­schla­gen hat mal wie­der Herr Man­fred Spit­zer, der Johann Tetzel der Zukurz­den­ker in den Minis­te­ri­en und Eltern­häu­sern, der aus der Merk­fä­hig­keit der Schü­ler auf ihre Denk­fä­hig­keit schließt („Alles, was man den Schü­lern maschi­nell abnimmt, haben sie auch nicht mehr im Kopf.“).

Dies schreit nach einer Replik. Hier kommt sie.

Fan­gen wir mal beim Ein­fachs­ten an:

  1. Ver­la­ge sind Unter­neh­men. Wenn sie nicht lie­fern, was der Markt will, gehen sie plei­te. Punkt. Dem muss man kei­ne Trä­ne nach­wei­nen, das gehört zur Markt­wirt­schaft wie das Amen in der Kir­che. Dass die Ver­la­ge nur das lie­fern, was bestellt wird, ist ihr gutes Recht.
  2. Eltern sind um ihr Kin­des­wohl besorgt. Wenn man ihnen lan­ge genug ein­re­det, dass Aus­wen­dig­ler­nen das höchs­te Gut des Staats­bür­gers ist, dann glau­ben sie es. Schließ­lich wol­len sie ja nur das Bes­te für ihr Kind und es ihm nicht unnö­tig schwer machen, indem sie es zu eigen­stän­di­gem Den­ken anlei­ten. Letz­te­res ist näm­lich wesent­lich schwie­ri­ger als rei­nes Pau­ken – und über­for­dert so man­ches Eltern­teil, das es selbst auch nicht kann. Der Umgang mit digi­ta­len Medi­en, den sich die Kin­der aneig­nen, wie man sich frü­her Kennt­nis­se über Sex aneig­ne­te, muss auch von den Eltern erlernt wer­den (wenn sie sich nicht grund­sätz­lich ver­wei­gern, was auch häu­fig vor­kommt – den Medi­en, nicht dem Sex).
  3. Eltern sind Wäh­ler. Und Wäh­ler den­ken nicht, Wäh­ler machen Kreuz­chen. Vor allem in Bay­ern. Wenn man dem Wahl­volk klar macht, dass man sich schon um die Volks­bil­dung küm­mert und es das daher selbst nicht mehr tun muss, ist es dank­bar und wählt die Poli­ti­ker, die ihm das Den­ken abnimmt und das Leben dafür ein­fa­cher macht. (Es gibt zwar Eltern, die sich ärgern, wenn sie mer­ken, dass man sie ver­arscht an der Nase her­um­ge­führt hat, dies aber nicht zu einer grund­sätz­li­chen Fra­ge nach ihrem Wahl­ver­hal­ten machen, son­dern wei­ter­hin ihr Kreuz­chen an der glei­chen Stel­le machen und sich danach wie­der ärgern.)
  4. Poli­ti­ker sind über­for­dert. Vor allem die mit der Bil­dung beauf­trag­ten Poli­ti­ker nei­gen dazu, ihre Zeit mit poli­ti­schen Schar­müt­zeln zu ver­brin­gen statt mit weit­sich­ti­gen Pro­jek­ten. Bil­dung ist ein weit­sich­ti­ges Pro­jekt, denn es reicht weit über die aktu­el­le Legis­la­tur­pe­ri­ode hin­aus und damit über den Zeit­ho­ri­zont und das Halt­bar­keits­da­tum zahl­rei­cher Minis­ter. Letz­te­re bezie­hen ihr Wis­sen aus meh­re­ren Quel­len: der eige­nen (im aktu­el­len Kon­text ver­al­te­ten) Erfah­rung („Hef­te? Wie­so? Wir haben damals auch auf Schie­fer­ta­feln geschrie­ben!“), dem aus Sta­tis­ti­ken und Wäh­ler­wan­de­run­gen gewon­ne­nen Zah­len­fun­dus („Die hät­ten mich ja nicht gewählt, wenn sie unzu­frie­den wären!“ – sie­he dazu Punkt 3) und den „Exper­ti­sen“ ihrer Hof­nar­ren.
  5. Und damit kom­men wir zu den Pfer­de­flüs­te­rern wie Herrn Spit­zer. Ja was soll man da sagen? Jemand, der meint, dass man alles im Kopf behal­ten muss statt das Wis­sen sor­tiert und struk­tu­riert zu ver­wal­ten, hat ent­we­der eine Sekre­tä­rin, die er igno­riert oder aber lebt in einem Par­al­lel­uni­ver­sum1 jen­seits des Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ters. Natür­lich ist es für das Renom­mee in man­chen kon­ser­va­ti­ven Krei­sen wich­tig zu wis­sen, dass die Dog­ger­bank nicht im eng­li­schen Gar­ten steht, wann die Krö­nung Karls des Gro­ßen war und durch wel­che Län­der die Donau fließt. Ein biss­chen All­ge­mein­bil­dung hat noch nie­man­dem gescha­det. Wich­ti­ger aller­dings ist zu wis­sen, wel­che Fol­gen und Bedeu­tung die­se Krö­nung für die euro­päi­sche Geschich­te hat­te und was es für Ost­eu­ro­pa bedeu­tet, hier­zu­lan­de kein Rück­hal­te­be­cken an der Donau anzu­le­gen. Denn sich etwas mer­ken zu kön­nen, hat was mit Ange­ben zu tun, nicht mit Wis­sen und schon gar nicht mit Bil­dung oder Den­ken.

Viel­leicht soll­ten wir als Eltern und Wäh­ler beim nächs­ten Mal wirk­lich mal selbst den­ken, bevor wir ein Kreuz­chen machen. Und wir soll­ten uns mal damit aus­ein­an­der­set­zen, dass digi­ta­le Medi­en auch nur ein Werk­zeug unter vie­len sind, mit dem unse­re Kin­der umge­hen ler­nen MÜSSEN, damit sie in ihrem Leben mehr Freu­de haben und nicht als Zurück­ge­blie­be­ne des Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ters spä­ter nur noch in Para­noia ver­sin­ken. Davon gibt es da drau­ßen näm­lich genü­gend Men­schen.2


  1. Als Geg­ner von elek­tro­ni­schen Hel­fern im Unter­richt gibt Spit­zer zu beden­ken, dass Com­pu­ter im Klas­sen­zim­mer Stu­di­en zufol­ge sogar scha­den kön­nen – wenn man nicht dafür sor­ge, dass die rich­ti­ge Soft­ware ange­schafft wer­de und Leh­rer auf Fort­bil­dun­gen auch den rich­ti­gen Umgang damit ler­nen.“ Was soll man dazu sagen? Als ob es ein Pro­blem der Soft­ware sei, was Men­schen mit einem Com­pu­ter machen kön­nen. So begrenzt zu sein, müss­te eigent­lich weh­tun. 

  2. Und das bedeu­tet auch, dass wir uns im Umgang mit Com­pu­ter und Co. von der Vor­stel­lung ver­ab­schie­den soll­ten, dass das so eine Art Buch mit Inter­net­an­schluss ist.