Nach der lan­gen (und anstren­gen­den) Tour vom ver­gan­ge­nen Jahr (sie­he Rad­rei­se am Yel­lowstone Natio­nal­park 2013: No Coun­try for Old Cyc­lists) beschlos­sen wir, es in die­sem Jahr etwas ruhi­ger und ent­spann­ter ange­hen zu las­sen. Und was bie­tet sich dafür bes­ser an als der Elbe­rad­weg, der zu den belieb­tes­ten Rad­we­gen Deutsch­lands gehört – nicht nur, weil er kaum Stei­gun­gen auf­weist, son­dern auch weil er mit einer bun­ten Mischung aus Kul­tur­ge­schich­te, neue­rer Geschich­te, Kunst und Kaf­fee­haus­kul­tur auf­war­ten kann wie kaum ein ande­rer. Und weil er für Rad­fah­rer gut aus­ge­schil­dert und aus­ge­baut ist – meis­tens jeden­falls.

Da wir aber fast zwei Wochen Zeit hat­ten, ver­län­ger­ten wir die Rei­se um ein paar Schman­kerl: Vom Havel­rad­weg über den Elbe­rad­weg führ­te unse­re Tour ent­lang der unte­ren Mol­dau nach Prag, dem „Rom des Nor­dens“.

Havelradweg

Wir star­te­ten unse­re Tour in Fürs­ten­berg an der Havel, wo die Kin­der in Brü­cken­tin nach einer Woche Feri­en­camp auf uns war­te­ten. In Fürs­ten­berg, inmit­ten der schier end­lo­sen Wäl­der und Sumpf­land­schaf­ten in der Seen­land­schaft am Rand der Ucker­mark gele­gen, kreuzt der Havel­rad­weg, der von der Ost­see bis nach Klein­wit­ten­berg an die Elbe führt. Die­sem folg­ten wir über die Dör­fer und die mehr schlecht als recht asphal­tier­ten Stra­ßen, über die die Ein­hei­mi­schen mit ihren Anhän­gern bret­tern, als gäl­te es, für die Ral­lye Paris – Dakar zu üben.

Eigent­lich ist die Havel in die­ser Gegend kein Fluss, son­dern eine mäan­dern­de Samm­lung aus Alt­ar­men, Tei­chen vol­ler See­ro­sen und halb­ver­sumpf­ten Auen, über die sich schon im vor­letz­ten Jahr­hun­dert nur schwer Schiffs­trans­por­te durch­füh­ren lie­ßen. Hier sieht es heu­te fast noch so aus wie zu Zei­ten des Deutsch­or­dens vor 1000 Jah­ren, hier gibt es (wie­der) Wöl­fe – und hier sagen sich noch Fuchs und Has’ „Gute Nacht!“. Der bis­lang größ­te Auf­schwung für die Gebie­te nörd­lich Ber­lins erfolg­te Mit­te des neu­zehn­ten Jahr­hun­derts, als in den Sumpf­ge­bie­ten um Zeh­de­nick die größ­ten Zie­gel­wer­ke Euro­pas stan­den. Die Zie­gel wur­den für den rasan­ten Aus­bau Ber­lins benö­tigt – und muss­ten aus der Ein­öde irgend­wie in die Haupt­stadt gelan­gen. Da die Havel für jeden Kilo­me­ter Luft­li­nie jedoch fünf Kilo­me­ter Fluss­lauf benö­tigt, sehr seicht und sump­fig ist, bestand die ein­zi­ge Mög­lich­keit dar­in, par­al­lel zum unge­fäh­ren Fluss­lauf einen Kanal zu bau­en, der über Schleu­sen ver­fügt, um den Höhen­un­ter­schied aus­zu­glei­chen. Die­se Schleu­sen gibt es immer noch, die Last­käh­ne jedoch nur noch sel­ten als Aus­flugs­schif­fe. Dafür führt der Rad­weg immer am Kanal ent­lang.

Schleu­se mit Zug­brü­cke in Zeh­de­nick
Das Unan­ge­neh­me (euphe­mis­tisch gespro­chen) an den schlech­ten Stra­ßen­be­lä­gen ist nicht so sehr, dass man immer mit Löchern und Durch­schlä­gen rech­nen muss, son­dern dass sie eine unge­heu­re Kon­zen­tra­ti­on des Fah­rers auf die Stra­ße erfor­dern, so dass man kei­ne Gele­gen­heit bekommt, auch nur einen Blick auf die Häu­ser oder Land­schaft zu wer­fen – und nach kur­zer Zeit mit schmer­zen­den Hand­ge­len­ken und Schul­tern auf Bür­ger­stei­ge aus­weicht. Das geht dann zwar auch nicht schnel­ler, aber schmerz­frei­er.

Unse­re Rou­te führ­te uns jedoch nord­west­lich an Ber­lin vor­bei über Ora­ni­en­burg nach Pots­dam. Je näher wir aller­dings der Groß­stadt Ber­lin kamen, des­to unan­ge­neh­mer wur­de der Ver­kehr und auch die Qua­li­tät der Stra­ßen nahm rapi­de ab. Stel­len­wei­se führ­te der Weg über die alten Grenz­strei­fen der DDR (in Hen­nings­dorf), zuneh­mend über das cha­rak­te­ris­ti­sche Stra­ßen­pflas­ter, das mit sei­nen gro­ßen Zwi­schen­räu­men und Löchern eine wah­re Fol­ter für bela­de­ne Tan­dems dar­stellt. So hin­gen wir im Wes­ten Ber­lins oft zwi­schen Baum und Bor­ke: Neh­men wir den gut aus­ge­schil­der­ten aber schlecht befahr­ba­ren Rad­weg oder lie­ber die stark befah­re­ne, aber asphal­tier­te Stra­ße?

Potsdam

Pots­dam ist zwar die Haupt­stadt des wohl (neben Meck­len­burg-Vor­pom­mern) men­schen­leers­ten Bun­des­lands der Repu­blik, aber in ers­ter Linie für das Schloss „Sans­sou­ci“ bekannt, das sich Fried­rich II. – ein ansons­ten kau­zi­ger und recht spar­sa­mer, um nicht zu sagen: gei­zi­ger König – in ein weit­läu­fi­ges Gelän­de am Hang des Städt­chens bau­en ließ. Er hat­te zwar ein Fai­ble für die fran­zö­si­sche Hof­bau­kunst, besaß aber genug Boden­haf­tung, um sich um sein Roko­ko­schlöss­chen eine Viel­zahl an Obst­bäu­men pflan­zen zu las­sen, damit er täg­lich fri­sches Obst auf dem Tisch hat­te. So neh­men denn auch die Obst­bäu­me und -sträu­cher im Gar­ten des Schlos­ses, das im Übri­gen aus gro­ßen Reprä­sen­ta­ti­ons­räu­men ohne Wohn­funk­ti­on besteht, den Groß­teil der Aus­sicht ein.

Blick auf Sans­sou­ci

Die Fahrt durch Bran­den­burg führ­te uns auch in kür­zes­ter Zeit durch einen lehr­rei­chen Abschnitt deut­scher Geschich­te: vom Auf­stieg der preu­ßi­schen Köni­ge aus dem Sumpf und Sand Bran­den­burgs mit Hil­fe von Sol­da­ten zu den Kai­sern Deutsch­lands, bis zum Zer­fall von Preu­ßens Glanz und Glo­ria inner­halb von 50 Jah­ren, der aus einem der reichs­ten Län­der der Erde mit Hil­fe von Sol­da­ten zu einem besetz­ten und zer­ris­se­nen Land führ­te. Nur den Sand und Sumpf der Ucker­mark, den gibt es immer noch …

Hin­ter Pots­dam ver­zich­te­ten wir teil­wei­se auf den Rad­weg nach Wit­ten­berg, der zwar immer noch gut aus­ge­schil­dert ist, aber es sich zum Ziel gesetzt zu haben scheint, den streb­sa­men Rad­ler auf alle erdenk­li­chen Wei­sen vom Weg abzu­brin­gen und durch unweg­sa­mes Gelän­de zu füh­ren. Über Bad Bel­zig fuh­ren wir Rich­tung Wit­ten­berg.

Bad Bel­zig war für uns übri­gens eine Art Lack­mus­test für den Anspruch auf „blü­hen­de Land­schaf­ten“ nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung. Kurz: man bemüht sich, hat sogar eine Burg und Alt­stadt zu bie­ten. Aber der Osten der Repu­blik ver­fällt. Allen Bemü­hun­gen zum Trotz, die Bevöl­ke­rung an der Land­flucht zu hin­dern und eine funk­tio­nie­ren­de Infra­struk­tur auf­recht zu erhal­ten, sinkt die Bevöl­ke­rungs­zahl außer­halb der gro­ßen Städ­te ste­tig. Damit steht Bad Bel­zig nicht allein: außer Tou­ris­ten, die in geho­be­nem Alter mit ihren Rädern einen Wochen­end­aus­flug mach­ten, war von der Bevöl­ke­rung nichts zu sehen. Nun sind Rad­we­ge kei­ne Umge­hungs­stra­ßen, man fährt vor­bei an Gewer­be­ge­bie­ten, durch Neben­stra­ßen und Markt­fle­cken, also an Arbeits­plät­zen. Kin­der und jün­ge­re Gene­ra­tio­nen sahen wir trotz­dem ver­gleichs­wei­se sel­ten. Die trifft man in Pots­dam oder Ber­lin – oder gleich in West­deutsch­land, wo die Löh­ne höher sind und die Erwerbs­lo­sig­keit nied­ri­ger.

Wittenberg

Der 31. Okto­ber 1517 stellt nicht nur für Chris­ten mit pro­tes­tan­ti­schem Hin­ter­grund ein bedeut­sa­mes Datum dar, son­dern hat­te auch weit­rei­chen­den Ein­fluss auf den Ver­lauf der neu­zeit­li­chen Geschich­te. An jenem Tag nagel­te ein gewis­ser Dr. Mar­tin Luther sei­ne 95 The­sen an das Haupt­por­tal der Schloss­kir­che zu Wit­ten­berg. Dar­in stell­te er die sei­ner Mei­nung nach wich­ti­gen Ansät­ze zur Refor­ma­ti­on der katho­li­schen Kir­che dar. Wohl­ge­merkt: Luther war Theo­lo­gie­pro­fes­sor der damals wich­ti­gen Uni­ver­si­tät zu Wit­ten­berg und kri­ti­sier­te den gras­sie­ren­den Ablass­han­del, der den Gläu­bi­gen eine Ver­ge­bung ihrer Sün­den ver­sprach, soll­ten sie nur genü­gend Geld an die Kir­che spen­den.

Nun war Wit­ten­berg nicht irgend­ei­ne Stadt an der Elbe, son­dern eine der weni­gen befes­tig­ten Han­dels- und Uni­ver­si­täts­städ­te mit eige­nem Gerichts­sitz, die das Kur­fürs­ten­tum Sach­sen vor­wei­sen konn­te. Hier wur­de (katho­li­sche) Theo­lo­gie gelehrt und dis­ku­tiert. So stand Luther auch nicht allei­ne, der eher schmäch­ti­ge, aber wort­ge­wal­ti­ge und äußerst begab­te Phil­ipp Melan­chthon und Mar­tin Bucer aus Straß­burg zähl­ten zu sei­nen durch­aus eben­bür­ti­gen Mit­strei­tern.

Aller­dings hät­te auch die­se Akti­on kaum Wider­hall gefun­den, wäre sie nicht ein­ge­bet­tet in eine zuneh­men­de Unzu­frie­den­heit mit der Enge und Klein­geis­tig­keit der katho­li­schen Kir­che jener Zeit und den ihr ent­ei­len­den gesell­schaft­li­chen Umwäl­zun­gen: 25 Jah­re vor Luther hat­te ein gewis­ser Chris­to­pho­rus Colum­bus auf der Suche nach dem See­weg nach Indi­en zufäl­lig den ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent ent­deckt, Vasco da Gama 1498 die Erde ein­mal umse­gelt und Guten­berg etwa 75 Jah­re zuvor den Buch­druck mit beweg­li­chen Let­tern revo­lu­tio­niert. Dies traf auf eine Gesell­schaft, die in stän­di­schem Den­ken ste­cken geblie­ben war und den Errun­gen­schaf­ten des Han­dels und der Kom­mu­ni­ka­ti­on eher ableh­nend gegen­über stand. Mit einem Mal war die Erde kei­ne Schei­be mehr, um die sich alles dreh­te, und das auf­stre­ben­de Bür­ger­tum, das durch den Han­del reich gewor­den war, woll­te sich mit sei­ner ihm zuge­dach­ten Rol­le nicht mehr zufrie­den geben.

Dies strahlt auch der reno­vier­te Markt­platz Wit­ten­bergs aus. Das Rat­haus ist präch­tig, eben­so die umlie­gen­den Bür­ger­häu­ser. Die Stadt­kir­che dage­gen ist auch räum­lich in die zwei­te Rei­he ver­bannt. Heu­te zie­hen dort Scha­ren von Tou­ris­ten ihre Run­den, schlen­dern über den Markt­platz hin­un­ter zur Schloss­kir­che und las­sen sich vor dem eher beschei­de­nen Haupt­por­tal foto­gra­fie­ren. Und den Ablass­han­del haben sie durch die Steu­er­erklä­rung ersetzt…

Das Rat­haus von Wit­ten­berg

Torgau

Der Elbe­rad­weg ist im Ver­gleich zum weni­ger befah­re­nen Havel­rad­weg sehr gut aus­ge­baut und nur sel­ten vom „nost­al­gi­schen“ und Fel­gen mor­den­den Grob­pflas­ter unter­bro­chen. Er führt jedoch meist im Zick­zack ent­lang der Elbe­win­dun­gen durch das Schwemm­land der Flut- und Fluss­land­schaft. So gelang­ten wir fast unbe­hel­ligt vom Auto­ver­kehr nach Tor­gau, einer Stadt, die eigent­lich noch etwas grö­ßer als Wit­ten­berg ist, aber weni­ger vom Ruhm ihres bekann­tes­ten „Wut­bür­gers“ zehrt als Wit­ten­berg. Obwohl Mar­tin Luther häu­fig zwi­schen bei­den Städ­ten pen­del­te und auch sei­ne Frau Katha­ri­na von Bora hier begra­ben ist, ist Tor­gau mehr aus der neue­ren Geschich­te bekannt als der Ort, an dem die US-ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen den sowje­ti­schen die Hand reich­ten und damit die voll­stän­di­ge Beset­zung und Nie­der­la­ge Deutsch­lands im zwei­ten Welt­krieg besie­gel­ten.

Der Markt­platz von Tor­gau

Tor­gau ist heu­te eine immer noch mit­tel­al­ter­lich gepräg­te Stadt mit einem Stadt­bild ähn­lich dem Wit­ten­bergs. Da es aller­dings stark unter den napo­leo­ni­schen Krie­gen zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts gelit­ten hat­te und auch weni­ger stark tou­ris­tisch besucht wird, sind die Spu­ren einer vier­zig­jäh­ri­gen Ver­nach­läs­si­gung noch deut­li­cher zu sehen als in der Luther­stadt.

Lie­gen Wit­ten­berg und Tor­gau noch in einer Elbau­en­land­schaft, in der der Rad­weg jeder Fluss­win­dung und jedem Alt­arm folgt, so wird es kurz vor Mei­ßen hüge­li­ger und das Tal enger. Dem­entspre­chend rücken auch Rad­weg und Stra­ßen­ver­kehr wie­der näher zusam­men, bis sie sich in Mei­ßen tref­fen.

Der Rad­weg nach Mei­ßen

Meißen

Mei­ßen? Äh, hat­te das nicht irgend­was mit Por­zel­lan zu tun? Rich­tig, ein naher Namens­vet­ter mei­ner­seits hat­te im Jahr 1708 nach lan­gen und erfolg­lo­sen Ver­su­chen, Gold her­zu­stel­len und mit Hil­fe der Moti­va­ti­ons­küns­te des Kur­fürs­ten August von Sach­sen („Wenn er mir nicht bin­nen Jah­res­frist ein Ergeb­nis bringt, las­se ich ihn auf­hän­gen!“) her­aus­ge­fun­den, wie Por­zel­lan her­ge­stellt wer­den kann. Sach­sen litt wie vie­le Fürs­ten­tü­mer unter kon­stan­tem Geld­man­gel (ein funk­tio­nie­ren­des Steu­er­sys­tem gab es ja damals nicht) und die Ent­de­ckung der Her­stel­lung des „wei­ßen Gol­des“ führ­te zu einem enor­men wirt­schaft­li­chen Auf­schwung. Die Albrechts­burg in Mei­ßen wur­de kur­zer­hand zur Por­zel­lan­ma­nu­fak­tur umfunk­tio­niert und Bött­ger über­wach­te die Pro­duk­ti­on. Mit dem Geld aus den im Roko­ko sehr nach­ge­frag­ten Pro­duk­ten der Meiß­ner Por­zel­lan­ma­nu­fak­tur finan­zier­te sich der säch­si­sche Kur­fürst „August der Star­ke“ den Aus­bau Dres­dens zum „Elb­flo­renz“ und auch die pol­ni­sche Königs­kro­ne. Der Alchi­mist und Apo­the­ker­lehr­ling Johann Fried­rich Bött­ger, dem die Erfin­dung zuge­schrie­ben wird, hat­te weni­ger Glück: er durf­te das Land nicht ver­las­sen, auf dass er sein Geheim­nis nicht außer Lan­des tra­ge. Er war damit ein Gefan­ge­ner sei­nes Erfolgs.

Blick von der Albrechts­burg über die Elbe

Nach einem Besuch und einer Füh­rung durch die Por­zel­lan­ma­nu­fak­tur am Fuß der Albrechts­burg setz­ten wir uns wie­der auf die Räder und leg­ten die letz­ten Kilo­me­ter Rich­tung Dres­den zurück. Kurz vor Dres­den befand sich näm­lich unser Cam­ping­platz im klei­nen Ört­chen Rade­beul, das für etwas ganz ande­res bekannt ist. Oder viel­mehr bekannt war, denn dort wohn­te Karl May. (Kei­ne Angst, ich quä­le Sie jetzt nicht mit Kind­heits­er­in­ne­run­gen an Win­ne­tou oder ähn­li­chen, mitt­ler­wei­le uner­träg­li­chen Lese­stoff.) Rade­beul ist ein­fach ein klei­ner Ort bei Dres­den mit einem Zelt­platz für Kanu­ten und Was­ser­sport­ler, die den direkt am Elb­ufer gele­ge­nen Cam­ping­platz auf der Durch­rei­se nut­zen.

Dresden

Von Rade­beul aus ist es auch mit Fahr­rä­dern ein Kat­zen­sprung nach Dres­den. Da Dres­den aller­dings sehr viel zu bie­ten hat und wir auch nicht beab­sich­tig­ten, die voll­ge­pack­ten Räder durch die Stadt zu schie­ben (fah­ren kann man nicht, das Kopf­stein­pflas­ter ver­hin­dert dies zuver­läs­sig), mach­ten wir in der Stadt einen Stopp, um uns die Sem­per­oper anzu­schau­en und dann die Räder auf dem Cam­ping­platz in Wos­tra am gleich­na­mi­gen Flüss­chen ab- und die Zel­te auf­zu­stel­len. Wir woll­ten näm­lich zwei Näch­te blei­ben.

Die Sem­per­oper in Dres­den

Ein Stadt­be­such mit Fahr­rä­dern, die außer den Fah­rern kei­ne Last tra­gen müs­sen, ist um ein Viel­fa­ches ange­neh­mer als der glei­che Trip mit voll­be­pack­ten Tan­dems. Es war daher am nächs­ten Mor­gen eine Freu­de, an der Elbe ent­lang in die Innen­stadt zu radeln und den Rest des Tages zu Fuß zurück zu legen. Wir hat­ten uns kein gro­ßes Pro­gramm vor­ge­nom­men, um in aller Ruhe die wesent­li­chen Sehens­wür­dig­kei­ten genie­ßen zu kön­nen. So führ­te uns der Weg in den Zwin­ger, in die Frau­en­kir­che, am Fürs­ten­zug vor­bei und auf die Brühl­schen Ter­ras­sen – also alles, was einen ordent­li­chen Tou­ris­ten aus­macht. Neben­bei genos­sen wir es, auf dem Neu­markt einen Kaf­fee zu trin­ken und dem Trei­ben zuzu­schau­en.

Sächsische Schweiz

Ein Sand­stein­ge­bir­ge ist eine inter­es­san­te geo­lo­gi­sche For­ma­ti­on, denn sie besteht aus dem fest­ge­ba­cke­nen Grund urzeit­li­cher Mee­re, das durch die tek­to­ni­schen Ver­schie­bun­gen ange­ho­ben wur­de. Eine ähn­li­che Gesteins­for­ma­ti­on hat­ten wir bei unse­rer Rei­se durch die „Can­yon­lands“ in Utah beob­ach­tet. Und in der Tat glei­chen sich bei­de For­ma­tio­nen sehr – bis auf den Unter­schied, dass es an der Elbe ein feuch­te­res und mil­de­res Kli­ma gibt und das rela­tiv wei­che Gestein durch Was­ser und Schnee ero­diert ist statt durch Wind. Man muss sich dazu nur die Can­yon­lands bewal­det vor­stel­len.

Dres­den liegt in einer Mul­de der Elbe zwi­schen Mei­ßen und dem Elb­sand­stein­ge­bir­ge. Das bedeu­tet für Rad­fah­rer, dass man von Dres­den kom­mend auf dem Elbe­rad­weg zunächst durch fla­ches ehe­ma­li­ges Sumpf­land fährt, des­sen ein­zi­ge Erhe­bun­gen die Dei­che dar­stel­len. In Dres­den wird man aller­or­ten dar­auf gesto­ßen, wel­che Was­ser­mas­sen im Kata­stro­phen­fall die Elbe abwärts strö­men und den Pegel sehr rasch anstei­gen las­sen. Wäh­rend fluss­ab­wärts aber genug Platz da ist, um Flut­be­cken anzu­le­gen, die in einem sol­chen Fall die Hoch­was­ser­ge­fahr der nörd­li­chen Städ­te am Fluss­ufer ent­schär­fen, sieht es bei Dres­den ungleich schwie­ri­ger aus: für Vor­flu­ter ist kein Platz. Denn süd­lich von Dres­den zwängt sich die Elbe in zahl­rei­chen Schlei­fen durch ein altes Mit­tel­ge­bir­ge, das bei­der­seits des Ufers male­risch auf­ragt, bei Flut aber wie eine Düse funk­tio­niert, an deren Aus­tritt Dres­den liegt.

Poli­tisch und wirt­schaft­lich war das für Dres­den aller­dings eine güns­ti­ge Lage, denn die Elbe ist ein gut schiff­ba­rer Fluss. Dem­zu­fol­ge erstreck­te sich im Mit­tel­al­ter der säch­si­sche Ein­fluss­be­reich bis weit nach Böh­men hin­ein, das auf der ande­ren Sei­te des Elb­sand­stein­ge­bir­ges liegt. Ent­lang der Elbe ragen daher die schrof­fen Fels­za­cken und -kup­pen wie ein Samm­lung fau­ler Zäh­ne am Fluss­ufer auf.  Ein male­ri­sches Bild, das durch­aus manch­mal alpin wirkt und daher den Namen „Säch­si­sche Schweiz“ ver­dient hat. Lei­der haben die Sach­sen durch eige­nes Ver­schul­den die Aus­zeich­nung als „Welt­kul­tur­er­be“ ver­lo­ren, als sie beschlos­sen, eine Auto­brü­cke mit­ten durch die wun­der­ba­re Land­schaft zu bau­en. Das pas­siert, wenn Geld über den Ver­stand siegt…

Der Blick nach Tsche­chi­en von der Bas­tei

Wir setz­ten in Rathen mit der Fäh­re auf das öst­li­che Ufer über, um zu Fuß einen aus­ge­dehn­ten Spa­zier­gang zur Bas­tei hin­auf und durch die „Schwe­den­lö­cher“ hin­ab anzu­tre­ten. Glück­li­cher­wei­se hat­ten wir einen weni­ger bekann­ten Pfad gefun­den, so dass wir zumin­dest auf den ers­ten Metern berg­auf von den Tou­ris­ten­strö­men ver­schont blie­ben, die sich dort täg­lich in Bus­la­dun­gen hin­auf­fah­ren las­sen, um den atem­be­rau­ben­den Blick zu genie­ßen. Atem­be­rau­bend war aller­dings auch die Kon­struk­ti­on der Fel­sen­burg, die man im 13. Jahr­hun­dert hier oben zwi­schen die Fel­sen klemm­te, um bei Bedarf einen Angrei­fer von oben mit Wurf­ge­schos­sen „beglü­cken“ zu kön­nen.

Kurz hin­ter Rathen endet dann die Bun­des­re­pu­blik und auch der rela­tiv gut aus­ge­bau­te und viel befah­re­ne Teil des Elbe­rad­wegs. Wir kamen nach Tsche­chi­en. Zwar sind die Rad­we­ge auch in Tsche­chi­en sehr gut aus­ge­schil­dert, man muss sich aber als Rad­fah­rer oft mit Auto­fah­rern die teil­wei­se sehr schlech­ten Stra­ßen tei­len, da die Rad­we­ge außer­halb der grö­ße­ren Orte in einem erbärm­li­chen Zustand sind. Dies beka­men wir noch mehr zu spü­ren, nach­dem wir den Elbe­rad­weg ver­las­sen hat­ten und bei Mělník in den Mol­dau­rad­weg ein­bo­gen. Aber ich grei­fe vor…

Unser nächs­tes Etap­pen­ziel an der Elbe war Decin, wo wir fest­stel­len muss­ten, dass man selbst unter kreu­zen­den Hoch­brü­cken über­nach­ten kann und auch die tsche­chi­schen Poli­zis­ten und Kran­ken­wa­gen kei­ne Pau­se ken­nen. Wir waren daher etwas müde, als wir am nächs­ten Mor­gen in Rich­tung Roud­nice auf­bra­chen.

Zur Moldau

Mit­tags kamen wir nach Litoměřice, das wie so vie­le tsche­chi­sche Städ­te einen pit­to­res­ken mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­kern besitzt, der nicht der rabau­ken­haf­ten Ver­kehrs­pla­nung der Nach­kriegs­zeit zum Opfer gefal­len ist. Lei­der aber ist er mit dem Fahr­rad nur sehr schwer zu befah­ren, denn Fuß­gän­ger­be­rei­che sind in den meis­ten Städ­ten Tsche­chi­ens unbe­kannt. Man fährt über­all mit dem Auto hin und parkt sich auf die­se Wei­se sys­te­ma­tisch die Innen­städ­te zu. Das ist über­aus scha­de, denn die Atmo­sphä­re der Stadt­zen­tren wäre ohne die Blech­ka­ros­sen doch wesent­lich ange­neh­mer.

Der Markt­platz von Litoměřice. Wie schön wür­de er ohne Autos sein …

Nach einem Eis ging es dann wei­ter Rich­tung Roud­nice, wo wir unse­re Zel­te auf­schla­gen woll­ten. Der Rad­weg war mitt­ler­wei­le nicht mehr exis­tent, hat­te bei Usti schon über Trep­pen (!) geführt und ließ uns mit­un­ter an der Kar­te ver­zwei­feln („Sind wir noch in Euro­pa oder schon öst­lich des Urals?“), denn stre­cken­wei­se war der Weg nur noch knö­chel­tie­fer Morast, der von Trak­tor­rei­fen kom­plett zer­wühlt war und aus­sah wie ein Trup­pen­übungs­platz. Wir nah­men die Stra­ßen, die glück­li­cher­wei­se nicht sehr befah­ren sind, auch wenn die Asphalt­de­cke doch arg löch­rig war. Ins­ge­samt wur­de das Fah­ren damit anstren­gen­der und ermü­den­der, was gera­de uns Erwach­se­ne etwas dar­an hin­der­te, den Blick in die Land­schaft schwei­fen zu las­sen. Das war aller­dings nur mäßig schlimm, denn das Wet­ter wur­de zuneh­mend schlech­ter. Es war bereits in Dres­den wech­sel­haft gewor­den, die Son­ne hat­te sich aber in der Säch­si­schen Schweiz noch öfter durch die Wol­ken­de­cke mogeln kön­nen. Damit war nun Schluss. Es wur­de grau und grau­er.

Roud­nice nad Labem

In Roud­nice lag der Cam­ping­platz am gegen­über lie­gen­den Elbeufer und war recht wenig benutzt. Er hat­te den Vor­teil – wie auch der Cam­ping­platz an der Wos­tra – dass er über einen klei­nen Auf­ent­halts­raum ver­füg­te, ein­schließ­lich Kühl­schrank und Koch­mög­lich­keit. Das erlaub­te uns, den eige­nen Kocher in der Tasche zu las­sen und im Tro­cke­nen am Tisch essen zu kön­nen. Das war ein regel­rech­ter Luxus, denn in der Nacht begann es aus­gie­big zu reg­nen. Es war die letz­te Nacht vor Prag, und wir waren noch nicht ent­schlos­sen, ob wir in Prag bil­lig in einer Her­ber­ge oder außer­halb der Stadt auf einem Cam­ping­platz über­nach­ten soll­ten.

Was es bedeu­tet, mit nas­ser Aus­rüs­tung zu zel­ten, kann nur ermes­sen, wer es durch­lebt hat: Nicht Käl­te, son­dern Feuch­tig­keit ist der größ­te Feind des Cam­pers. Wenn das Zelt feucht ist, wer­den die Iso­mat­ten und alle Gegen­stän­de auf dem Zelt­bo­den auch feucht. Damit wer­den nach kur­zer Zeit auch die Schlaf­sä­cke klamm. Das ist dann das Ende der Cam­ping­freu­den, denn nas­se Schlaf­sä­cke füh­ren zu Schlaf­ent­zug.

Die Tat­sa­che, dass es in der Nacht zu reg­nen begon­nen hat­te und auch kei­ne Anstal­ten mach­te, sobald wie­der damit auf­zu­hö­ren, ließ uns die Ent­schei­dung zu Guns­ten einer ein­fa­chen Her­ber­ge in Prag schnell tref­fen. Nun ist Prag nicht ein­fach irgend­ein altes Städt­chen, son­dern ein Tou­ris­ten­ma­gnet – vor allem im Som­mer. Ob wir das Hos­tel, in dem mei­ne Frau vor eini­gen Jah­ren über­nach­tet hat­te, wür­den wie­der­fin­den kön­nen und dort auch ein frei­es Zim­mer bekä­men, war nicht aus­ge­macht. Wir lie­ßen es aber dar­auf ankom­men. Etwas ande­res blieb uns ja auch nicht übrig.

Mit nas­sem und damit auch um ein paar Kilo schwe­re­rem Gepäck roll­ten wir nach Mělník. Das Wet­ter war aller­dings zu schlecht, um uns zu moti­vie­ren, die Alt­stadt von Mělník anzu­schau­en, denn die­se liegt hoch auf einem stei­len Hügel gegen­über der Mün­dung der Mol­dau. Wir bogen ein­fach ab in die Mol­dau.

An der Moldau

Wer bei „Mol­dau“ nur an Fre­de­rick Sme­ta­na denkt, liegt zwar nicht ver­kehrt, ist aber ver­mut­lich noch nie dort gewe­sen. Die Mol­dau ist ein seich­ter Fluss, der sich durch Böh­men win­det und im Mit­tel­al­ter als Ver­kehrs­weg zur Nord­see über die Elbe benutzt wur­de. Die Indus­tria­li­sie­rung ist jedoch weit­ge­hend an ihm vor­bei­ge­gan­gen. Bis auf die Schlös­ser erin­ner­te sie mich daher an die Loire, nur weni­ger lieb­lich. Man fährt daher zunächst durch Auwäl­der und an klei­nen Ort­schaf­ten vor­bei, die jedoch sehr geschlos­sen wirk­ten, was ver­mut­lich nicht nur am Regen lag, son­dern dar­an, dass sie für die Tou­ris­ten­strö­me, von denen der Elbe­rad­weg in Deutsch­land pro­fi­tiert, nichts abbe­kom­men.

Es reg­ne­te und uns wur­de kalt, aus den Fahr­rad­hand­schu­hen tropf­te das Was­ser, selbst mei­ne Spritz­schutz­hül­le droh­te voll­zu­lau­fen. Wir pack­ten das Smart­pho­ne in die was­ser­dich­ten Fahr­rad­ta­schen, die nun wie­der bewei­sen durf­ten, was so in ihnen steckt – und was nicht hin­ein darf. Resul­tat: Sie lie­fer­ten.

Mit­tags kreuz­ten wir auf einer klei­nen Fäh­re bei Lužec die Mol­dau. Zuvor hat­ten wir noch die ört­li­che Gast­stät­te mit unse­ren trop­fen­den Kla­mot­ten über­schwemmt, als wir dort Kaf­fee und hei­ße Scho­ko­la­de getrun­ken hat­ten.

Lužec nad Vlata­va. Die Mol­dau ist hier eher herb.

Aber auch auf der ande­ren Sei­te der Mol­dau waren die Stra­ßen schlecht und blie­ben es auch bis kurz vor Prag. Pas­send dazu wirk­te selbst die Land­schaft recht trost­los: die Dör­fer grau und selt­sam leb­los bis auf die mit Anhän­gern ver­se­he­nen Autos, die mit einem atem­be­rau­ben­den Tem­po über die Land­stra­ßen rat­ter­ten – wie schon in der Ucker­mark. Vor allem die Dör­fer erschie­nen mir als rei­ne Ansamm­lung von Behau­sun­gen, die den Regen abhal­ten kön­nen. Ein Dorf­zen­trum, wie man es aus man­chen ita­lie­ni­schen Berg­dör­fern kennt, die ähn­lich unbe­rührt von der Indus­tria­li­sie­rung abge­le­gen lie­gen, habe ich nir­gends erken­nen kön­nen. Statt­des­sen jene grau­brau­nen Fas­sa­den, wie sie mir noch aus Zei­ten mei­ner Bahn­fahrt durch die DDR in Erin­ne­rung sind. Ganz anders dage­gen Prag.

Der Pra­ger Burg­berg mit Dom. Vom Turm des Jesui­ten­kol­legs aus gese­hen.

Prag, aber hier nur kurz

Navi­ga­ti­on

Wir sind ja nun schon recht erfah­re­ne Rad­rei­sen­de und bis­her auch recht gut mit dem Kar­ten­ma­te­ri­al zurecht gekom­men (das man sich immer vor Antritt der Rei­se besor­gen soll­te). Dazu zäh­len bei­spiels­wei­se Rad­wan­der­kar­ten wie der für die­se Tour geeig­ne­te Rad­tou­ren­buch „Elbe­rad­weg“ aus dem bikeli­ne Ver­lag. Es passt in die Außen­hül­le der Len­ker­ta­sche und ist daher immer ein­seh­bar. Man muss nur öfter anhal­ten, um umzu­blät­tern. Falls man den Weg ver­passt, weil man eine Aus­schil­de­rung nicht gese­hen haben soll­te, kann es auch schwie­rig sein, wie­der auf den Weg zu kom­men.

Als Zusatz­ma­te­ri­al hat­te ich dies­mal eine App dabei, die ich auf mein Smart­pho­ne gela­den hat­te. Wäh­rend nor­ma­le Kar­ten wie die von Goog­le durch­aus brauch­bar sind, um den Weg zu fin­den oder sich dur­chlot­sen zu las­sen, haben sie doch den Nach­teil, dass sie auf Netz­ver­bin­dung ange­wie­sen sind. Bei der App „Gaia“ dage­gen kann man sich die Kar­ten und die Rou­ten auf das Smart­pho­ne laden und greift von unter­wegs nur noch auf die GPS-Navi­ga­ti­on zurück. Um das Smart­pho­ne dau­er­haft mit Lade­strom zu ver­sor­gen, bie­ten Lam­pen­her­stel­ler mitt­ler­wei­le Vor­der­rad­lam­pen für das Fahr­rad mit inte­grier­ter USB-Schnitt­stel­le an, die über den Naben­dy­na­mo auch das Smart­pho­ne ver­sorgt, wenn der Akku der Lam­pe voll genug ist. Ich habe damit mein Smart­pho­ne tags­über kom­plett auf­la­den kön­nen. Eine sol­che Lam­pe ist nicht bil­lig, spart aber viel Zeit auf der Cam­ping­platz-Toi­let­te, wo man das Gerät sonst unter Auf­sicht auf­la­den müss­te. Vom Frust ganz zu schwei­gen. Das Smart­pho­ne wird dazu am Len­ker mit einer spritz­was­ser­dich­ten Hül­le ver­se­hen, über die es sich noch bedie­nen lässt.

Vor vie­len Jah­ren war ich schon ein­mal für ein paar Tage in Prag. Damals war mir vor allem der mod­ri­ge Geruch auf­ge­fal­len, der aus den Kel­ler­fens­tern auf­stieg, der Geruch nach ver­fal­len­den Mau­ern und fau­li­gem Holz.

Prag heu­te ist eine leben­di­ge Stadt, in die Tou­ris­ten (vor allem aus den heu­te selbst­stän­di­gen Kolo­ni­en jen­seits des Gro­ßen Teichs) ein­fal­len wie die bibli­sche Heu­schre­cken­pla­ge. Prag lebt. Und wie. Es gibt zwar eine Art „Ruhe­zeit“ ab 22 Uhr, ich habe aber kei­nen Unter­schied bemerkt zu den leb­haf­ten Stun­den am Tag. Ruhig ist es in Prag nur gegen 6 Uhr, wenn die Knei­pen und Dis­ko­the­ken geschlos­sen haben, und die Bewoh­ner noch oder schon Zuhau­se sind.

Zum Rad­fah­ren ist Prag auf­grund des Kopf­stein­pflas­ters und der Stra­ßen­bahn­schie­nen abso­lut unge­eig­net. Aber es ist eine groß­ar­ti­ge Stadt, wenn man gut zu Fuß ist und sich auch von den Men­schen­mas­sen auf dem Wen­zels­platz nicht beein­dru­cken lässt. Unser gesuch­tes Hos­tel am Ran­de der Alt­stadt hat­te tat­säch­lich noch ein Vier­bett­zim­mer frei für uns. Aller­dings muss­ten wir aus Sicher­heits­grün­den die Tan­dems bei einem nahe gele­ge­nen Fahr­rad­ver­leih gegen einen Obo­lus unter­stel­len. Uns war das ganz recht, denn so wuss­ten wir die Fahr­zeu­ge sicher unter­ge­bracht und konn­ten uns zu Fuß ins Ver­gnü­gen stür­zen.

Ein tou­ris­ti­scher Rat vor­ab: trotz der lan­gen gemein­sa­men Geschich­te, die im letz­ten Jahr­hun­dert durch die deut­sche Beset­zung stark belas­tet wur­de, ist Deutsch kei­ne Spra­che mehr, mit der man im All­tag in Prag wei­ter kommt. Prag spricht eng­lisch. Dafür bie­tet es dem Tou­ris­ten vie­les, was man sonst aus dem Ita­li­en­ur­laub kennt. Allei­ne die übli­che Rou­te durch die Alt­stadt über den Wen­zels­platz, über die Karls­brü­cke hin­auf zur Burg und wie­der zurück ist ein Gang durch 800 Jah­re euro­päi­sche Bau-, Kunst- und Gesell­schafts­ge­schich­te. Beein­dru­ckend war vor allem das Leben neben und um die Karls­brü­cke an einem son­ni­gen Abend. Hier wird deut­lich, war­um man Prag auch das „Rom des Nor­dens“ nann­te. Für uns war es der Abschluss der Rei­se, denn von Prag aus fuh­ren wir mit der Bahn zurück.