Als Selbst­stän­di­ger muss man sich ja häu­fi­ger noch als ein Fest­an­ge­stell­ter um das Ver­hält­nis zwi­schen Auf­trag­ge­ber und Auf­trag­neh­mer küm­mern. Die­ses Ver­hält­nis lässt sich ver­mut­lich ver­glei­chen mit der Situa­ti­on eines Arbeit­neh­mers bei Bewer­bungs­ge­sprä­chen, denn es kreist immer um die zen­tra­le Fra­ge: „Wie pas­sen die Vor­stel­lun­gen des Auftraggebers/​Arbeitgebers und die Vor­stel­lun­gen des Auftragenehmers/​Arbeitnehmers zusam­men?“ Das ist die Fra­ge nach der „Pass­ge­nau­ig­keit“. Ant­wort: die Fra­ge ist falsch. Zumin­dest teil­wei­se.

 

Der Begriff „Pass­ge­nau­ig­keit“ taucht häu­fig auf, wenn es um die Bewer­bung eines Arbeit­neh­mers um eine Stel­le in bei einem Arbeit­ge­ber geht, von dem sich der Bewer­ber eine Tätig­keit erwar­tet, bei der er sei­ne Vor­stel­lun­gen von Karriere/​Einkommen/​Tätigkeit ein­brin­gen kann und ent­spre­chend hono­riert sieht. Ein Tech­ni­scher Redak­teur erhofft sich bei­spiels­wei­se einen eini­ger­ma­ßen kri­sen­fes­ten Job mit klar umris­se­nem Auf­ga­ben­ge­biet (mög­lichst eines, in dem er sich schon aus­kennt), ange­mes­se­ner Ent­loh­nung und mode­ra­ter Auf­stiegs­mög­lich­keit. Nicht beson­ders ehr­gei­zig, möch­te man mei­nen. Stimmt.

Die eine Seite …

Mit ande­ren Wor­ten: der aspi­rie­ren­de Arbeit­neh­mer kommt mit der Kennt­nis der Stel­len­be­schrei­bung (auf die hin er sich bewor­ben hat) und ver­sucht aus­zu­lo­ten, inwie­weit er damit sei­ne Lebens­pla­nung für die kom­men­den Jah­re ver­wirk­li­chen kann. Das Ergeb­nis sei­ner Tätig­keit spielt dabei eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Erstaun­li­cher­wei­se ähnelt dies sehr der Situa­ti­on eines Selbst­stän­di­gen, denn auch ihm ist – ers­te Über­ra­schung: mög­li­cher­wei­se im Gegen­satz zur land­läu­fi­gen Mei­nung – an einem dau­er­haf­ten Ver­hält­nis gele­gen. Auch für den „Frei­en“ ist es wesent­lich lukra­ti­ver und vor allem ent­spann­ter, wenn er sowohl mit der The­ma­tik als auch mit den Pro­zes­sen des Auf­trag­ge­bers ver­traut ist. Auch der „Freie“ möch­te einen guten Auf­trag­ge­ber nicht ver­lie­ren.

… und die andere Seite

Aber wie sieht das auf der ande­ren Sei­te des Tisches aus? Nächs­te Über­ra­schung: ziem­lich ähn­lich. Auch der Arbeit­ge­ber will sich nicht alle paar Mona­te einen neu­en Arbeitnehmer/​Auftragnehmer suchen, weil er weiß, dass dies zu Ver­zö­ge­run­gen und Mehr­auf­wand führt.

Arbeitgeber/​Auftraggeber haben aller­dings einen ande­ren Blick­win­kel auf das Arbeits­ver­hält­nis: Für sie steht der Unter­neh­mens­ge­winn im Vor­der­grund. Oder ganz archa­isch: Was bringt mir der Mann/​die Frau und was kos­tet er/​sie mich? Die Fra­ge ist aller­dings nur unvoll­stän­dig und daher eben falsch. Denn auch wenn es – abhän­gig von der all­ge­mei­nen Arbeits­markt­la­ge – auf der Ebe­ne des Stel­len­an­ge­bots und der Stel­len­nach­fra­ge fast schon Waf­fen­gleich­heit gibt (Stich­wort „Fach­kräf­te­man­gel“), so brin­gen bei­de Ver­hand­lungs­part­ner doch sehr unglei­che Waf­fen mit an den Tisch, die letzt­end­lich für jene Pass­un­ge­nau­ig­keit sor­gen.

Der Lackmustest

Ungleich­heit besteht näm­lich in der Anpas­sungs­fä­hig­keit an Pro­zes­se, ganz all­ge­mein gespro­chen. Jeder Arbeit­neh­mer und auch Auf­trag­neh­mer, also „Freie“, hat sich im Lau­fe sei­ner Berufs­tä­tig­keit ein eige­nes Reper­toire an Durch­füh­rungs­schrit­ten und -optio­nen erar­bei­tet, mit denen er den meis­ten Erfolg zu haben glaubt. Ein Tech­ni­scher Redak­teur hat bei­spiels­wei­se einen bestimm­ten Blick­win­kel auf die tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on: sie muss norm­ge­recht sein, voll­stän­dig und zum siche­ren Betrieb befä­hi­gen. Dazu hat er sich einen Werk­zeug­kas­ten ange­legt: Recher­che, Kor­rek­tur­läu­fe, Ter­mi­no­lo­gie­de­fi­ni­tio­nen („Lam­pe“ oder „Leuch­te“?), Daten­aus­tausch, und so fort. Die­se bringt er mit in der Hoff­nung, dass sein Arbeitgeber/​Auftraggeber sie auch benö­tigt. Zwar kann er die­se Pro­zes­se belie­big mit­ein­an­der kom­bi­nie­ren und je nach Auf­trag auch gewich­ten, sie sind jedoch das Pfund, das er in die Waa­ge wer­fen kann. Spe­zi­fi­sche Pro­dukt­kennt­nis­se gehö­ren jeden­falls nicht dazu.

Auf der ande­ren Sei­te sind die Pro­zes­se des Arbeit­ge­bers: sie sind klar defi­niert und nur wenig fle­xi­bel, denn hin­ter die­sen Pro­zes­sen ste­hen zahl­rei­che Mit­ar­bei­ter, die erfolg­reich mit­ein­an­der das Pro­dukt erstel­len sol­len. Selbst wenn es nir­gends fixiert ist, so sind die­se Pro­zes­se eta­bliert („Das machen wir immer so!“). Sie dür­fen und kön­nen nicht für jedes Pro­dukt oder jeden Mit­ar­bei­ter neu ver­han­delt wer­den. Dazu zäh­len bei­spiels­wei­se die Ter­mi­nie­rung und die Ent­schei­dungs­we­ge.

Bei der Pass­ge­nau­ig­keit geht es also weni­ger um die Vor­stel­lun­gen des Arbeit­neh­mers respek­ti­ve Arbeit­ge­bers, son­dern um die auf jeder Sei­te mehr oder weni­ger vor­han­de­ne Fle­xi­bi­li­tät. Natur­ge­mäß sind Unter­neh­men in die­ser Hin­sicht star­rer – allen mar­ke­ting­ge­rech­ten Aus­sa­gen zum The­ma Fle­xi­bi­li­tät zum Trotz, die oft nur das Cha­os über­de­cken sol­len –, wäh­rend Arbeit­neh­mer fle­xi­bler sind und auch sein müs­sen.

Der Lack­mus­test ist der Ver­such, die Fle­xi­bi­li­tät der Pro­zes­se des Ande­ren aus­zu­lo­ten und her­aus­zu­fin­den, an wel­chem Punkt die Schmerz­gren­ze erreicht ist.

Die eige­ne Fle­xi­bi­li­tät ist bei einem Selbst­stän­di­gen mehr noch gefor­dert als bei einem Fest­an­ge­stell­ten, denn der Selbst­stän­di­ge hat weni­ger Mög­lich­kei­ten, auf die Beweg­lich­keit des Auf­trag­ge­bers zu bau­en. Dafür kann er, wenn es denn par­tout nicht klappt, den Auf­trag ableh­nen oder es bei einem Auf­trag bewen­den las­sen. Ein Arbeit­neh­mer besitzt dem­ge­gen­über mehr Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten, die­sen Pro­zess anzu­pas­sen.

Resümee

Pass­ge­nau­ig­keit“ ist kein Erfolgs­fak­tor bei Bewer­bun­gen. Pass­ge­nau­ig­keit ent­steht bei dem Ver­such, die Pro­zes­se bei­der Ver­hand­lungs­part­ner zur Über­ein­stim­mung oder Ergän­zung zu brin­gen. Dazu müs­sen aller­dings bei­de Sei­ten ihre eige­nen Pro­zes­se klar defi­nie­ren kön­nen. Sich nur an die Pro­zes­se des Gegen­übers anzu­pas­sen, hilft dem Auftragnehmer/​Arbeitnehmer nicht.