Auch wenn wir es nicht immer wahr haben wol­len: Wir Redak­teu­re sind kei­ne Infor­ma­ti­ons­er­zeu­ger, son­dern Infor­ma­ti­ons­ver­wer­ter. Wir sam­meln und bün­deln klei­ne Infor­ma­ti­ons­häpp­chen, so wie Vieh­hü­ter ihre Her­den ein­sam­meln und sie zu den Wei­de­plät­zen brin­gen. Wir sind sozu­sa­gen die Cow­boys des Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ters. Und so wie Vieh­hü­ter dar­auf ach­ten müs­sen, dass unter­wegs kei­nes der anver­trau­ten Tie­re ver­lo­ren geht oder krank wird, so hal­ten wir die uns anver­trau­ten Infor­ma­tio­nen zusam­men, lei­ten sie mit unse­ren Werk­zeu­gen in geord­ne­ten Bah­nen bis zum Ziel – und dann? Ja und dann pfer­chen wir sie ein und gehen. Kann das alles sein? Eine Ant­wort dar­auf lie­fert das Buch „Con­tent Ever­y­whe­re“.

 

Weg vom Inhalt, hin zur Struktur

If you’re a wri­ter or edi­tor, this book is desi­gned to get you thin­king less about pages of con­tent and whe­re they’ll “live” on a web­site, and more about the com­pon­ents that lend your con­tent life. When you do, you’ll dis­co­ver that the best way to keep the sto­ry, messa­ge, or mea­ning of your con­tent intact isn’t to try to con­trol how it looks on the page; it’s to give it the under­ly­ing struc­tu­re that will let it be sty­led and used in appro­pria­te ways whe­re­ver it goes.”

Con­tent Ever­y­whe­re: Stra­te­gy and Struc­tu­re for Future-Ready Con­tent“,  Sara Wach­ter-Boett­cher, Rosen­feld Media, LLC,  457 Third Street, #4R Brook­lyn, New York, 11215 USA

ISBN-13: 978-1-933820-87-3

Auch wenn die Auto­rin Sara Wach­ter-Boett­cher ihre Erfah­run­gen haupt­säch­lich als Bera­te­rin für staat­li­che Inter­net­auf­trit­te gemacht hat, ist die Über­tra­gung ihres Anspruchs auf die Tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on vor dem Hin­ter­grund der zuneh­men­den Mobi­li­tät unse­rer Infor­ma­tio­nen nahe­lie­gend. Denn wir erfah­ren mitt­ler­wei­le alle, dass sich seit der explo­si­ons­ar­ti­gen Ver­meh­rung der Mobil­ge­rä­te wie Smart­pho­nes (die ja „rich­ti­ges“ HTML beherr­schen) und Tablets die gedruck­te Doku­men­ta­ti­on auf dem Rück­zug befin­det. Auch wenn man­che Leser zu Recht den hap­ti­schen Aspekt ver­mis­sen, in der Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on zählt nur, die kor­rek­te Infor­ma­ti­on zum rich­ti­gen Zeit­punkt im rich­ti­gen Kon­text zu lie­fern. Kein Benut­zer wird sich unse­re Daten­blät­ter und Instal­la­ti­ons­an­wei­sun­gen als Bett­lek­tü­re mit nach Hau­se neh­men oder stun­den­lang nach brauch­ba­ren Hin­wei­sen für die Bedie­nung durch­le­sen. Infor­ma­tio­nen, die nicht inner­halb eines Zeit­raums von maxi­mal fünf Minu­ten gefun­den wer­den, sind nicht vor­han­den. Tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on ist Lek­tü­re fürs Kurz­zeit­ge­dächt­nis. Und von die­sem lie­gen dicke Leitz-Ord­ner sehr weit ent­fernt. Das Ziel muss es sein, die rele­van­ten Infor­ma­tio­nen so schnell und prä­zi­se wie mög­lich bereit zu stel­len, ohne sie aus ihrem Zusam­men­hang zu rei­ßen.

Dazu aber müs­sen wir uns zunächst ihre inhä­ren­te Struk­tur vor­neh­men.

Welche Struktur?

Es geht nicht dar­um, ein­fach alle Inhal­te in ihre kleins­ten Bestand­tei­le zu ato­mi­sie­ren, und ihnen Eti­ket­ten anzu­hef­ten, son­dern auf ihren Bei­trag zum Inhalt des gesam­ten Doku­ments oder der gesam­ten Doku­men­ta­ti­on hin­ter­fra­gen:

each ele­ment should be con­tri­bu­ting some­thing spe­ci­fic to the over­all pie­ce of con­tent — or it shouldn’t be the­re at all.“

An der Aus­ge­stal­tung einer belast­ba­ren Struk­tur müs­sen auch die betei­ligt wer­den, die sich mit dem Inhalt aus­ken­nen. Und eine der wich­tigs­ten Fra­gen ist die nach dem Kon­text: wann und wo wird der Inhalt benutzt? Wie detail­liert muss der Inhalt zer­glie­dert wer­den?

In other wor­ds, there’s no right amount of detail for your con­tent model. There’s only fin­ding the balan­ce bet­ween what that con­tent needs to do now, what you want it to do in the future, and how much you can afford to invest in both.“

Zwar ist die Ziel­rich­tung des Buchs ein­deu­tig die „mobi­le Doku­men­ta­ti­on“, also Inhal­te auf mög­lichst allen Kanä­len ohne Anpas­sungs­auf­wand bereit zu stel­len, aber dazu muss natür­lich zunächst eine Struk­tur vor­han­den sein. Mess­lat­te ist für die Auto­rin dabei nicht die optisch anspre­chend gesetz­te Druck­aus­ga­be, son­dern die schnel­le Ver­füg­bar­keit. Als Bei­spiel benutzt sie dabei ger­ne eine Web­site der Tou­ris­mus-Behör­de des US-Bun­des­staa­tes Ari­zo­na. Der Anspruch die­ser Web­site war, die gesam­te Brei­te aller tou­ris­ti­schen Ange­bo­te und Mög­lich­kei­ten mit­ein­an­der zu ver­net­zen und anzu­bie­ten. Statt nun ein­fach Bei­trä­ge unsor­tiert auf die Sei­ten zu ver­tei­len, ent­schloss man sich zu einem ande­ren Kon­zept: es soll­ten mit wenig Auf­wand (Maus­klicks) sowohl die Über­nach­tungs­an­ge­bo­te eines Ortes, sei­ne Frei­zeit­an­ge­bo­te, die Restau­rants, Koch­re­zep­te und Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten usw. erreich­bar sein – auf allen Gerä­ten, zu jeder Zeit. Da Smart­pho­nes über GPS ver­fü­gen, war es nicht mehr schwie­rig, die­se Infor­ma­tio­nen auch orts­be­zo­gen zu lie­fern, ohne dass der Benut­zer sei­nen Auf­ent­halts­ort ange­ben muss­te.

Für uns tech­ni­sche Redak­teu­re klingt das ver­traut: tech­ni­sche Daten, Funk­ti­ons­be­schrei­bun­gen, Repa­ra­tur­anlei­tung und Sicher­heits­hin­wei­se sol­len in unse­rer Doku­men­ta­ti­on so mit­ein­an­der ver­knüpft wer­den, dass der Leser mit mög­lichst wenig Auf­wand an einer belie­bi­gen Stel­le in die­ses Infor­ma­ti­ons­netz ein­stei­gen kann und trotz­dem alle rele­van­ten Infor­ma­tio­nen erhält – ohne sich dar­in zu ver­lie­ren.

Gleich­zei­tig sol­len die­se Infor­ma­ti­ons­kno­ten fle­xi­bel reagie­ren: Wenn sich in Ari­zo­na eine Bus­li­nie ändert, müs­sen nicht dut­zend­wei­se Inter­net­sei­ten ange­fasst wer­den – und wenn sich die Anzahl der Schrau­ben ändert, wol­len wir Redak­teu­re nicht alles neu schrei­ben müs­sen.

Wiederverwertung und Wiederverwendung

Gibts das auch als eBook?

Allen juris­ti­schen Vor­be­hal­ten zum Trotz steigt mit der Ver­brei­tung der Mobil­ge­rä­te nicht nur die Anfor­de­rung an ihre Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ei­gen­schaf­ten (Chat, SMS, Tele­fon, Video­chat, E-Mail), son­dern auch an die Infor­ma­tio­nen, die sie bereit­stel­len kön­nen. Dabei ist es weni­ger das bel­le­tris­ti­sche Buch, das dort gele­sen wird (höchs­tens noch ein Schmö­ker auf dem Kind­le wäh­rend der Zug­fahrt), son­dern die prak­ti­sche Infor­ma­ti­on. Koch­re­zep­te, Über­set­zun­gen, wiki­pe­dia – das ist die Art von Infor­ma­ti­on, die schnell und über­all erreich­bar sein soll.

Ich ertap­pe mich immer häu­fi­ger dabei, dass ich Sach­bü­cher nur dann kau­fe, wenn ich sie digi­tal erhal­ten kann. Mein Lap­top ist gleich­zei­tig mein Bücher­re­gal, denn dort brau­che ich die­se Infor­ma­tio­nen ja auch.

Infor­ma­tio­nen sind ein Wert, kein Rest. Ihren Wert erhal­ten sie aller­dings erst durch die Ver­knüp­fung mit dem Kon­text, denn das Wis­sen um den aktu­el­len Ben­zin­preis mei­ner nächs­ten Tank­stel­le nutzt mir beim Backen so wenig wie die Anzahl der Eier im Kuchen­re­zept beim Tan­ken. Infor­ma­ti­on kann aber an meh­re­ren Stel­len Wert besit­zen – dann han­delt es sich nicht um eine blo­ße Wie­der­ver­wen­dung, son­dern um eine Wie­der­ver­wer­tung.

Beim The­ma „Wie­der­ver­wer­tung“ stößt die klas­si­sche Arbeits­wei­se des Tech­ni­schen Redak­teurs jedoch an ihre Gren­zen: Wäh­rend ein durch­schnitt­li­ches Text­ver­ar­bei­tungs­pro­gramm mit­hil­fe von Lay­out­vor­ga­ben und „Wizards“ es dem Benut­zer ein­fach macht, einen Inhalt kom­plett zu erstel­len, ist das Gift für die Wie­der­ver­wer­tung, denn Inhal­te, die auf die­se Wei­se erstellt wur­de, haben nur ein kur­zes Leben: Nach dem Druck kommt man kaum noch an sie her­an – oder nur mit gro­ßem Auf­wand.

Wir Redak­teu­re müs­sen umden­ken. Nicht mehr die Aus­ga­be auf dem Papier ist das Maß aller Din­ge, son­dern die Aus­ga­be für Mobil­ge­rä­te. Inhal­te müs­sen auf den Punkt sein, ver­netzt, fle­xi­bel und ver­ständ­lich. Hier stel­len die Mobil­ge­rä­te wie Smart­pho­nes und Tablets durch ihre tech­ni­schen Anfor­de­run­gen eine Revo­lu­ti­on dar. Sie bestim­men, was anhand der Struk­tur als Inhalt prä­sen­tiert wird. Papier ist nur noch ein Abfall­pro­dukt. Das Buch hilft dabei, sich über die Anfor­de­run­gen grund­sätz­lich Gedan­ken zu machen und für Her­aus­for­de­run­gen gewapp­net zu sein, die eher frü­her als spä­ter auf uns Redak­teu­re zukom­men. Das kann ein lan­ger Weg sein. Aber kei­ne Sor­ge:

Thin­king about a con­tent stra­te­gy for mobi­le isn’t just about publi­shing con­tent to smart­pho­nes or tablets — it’s about using mobi­le as a cata­lyst wit­hin your orga­ni­za­ti­on to fix con­tent and pro­ces­ses that just aren’t working today.