Ein eigen­ar­ti­ges Schau­spiel fin­det bei­na­he täg­lich auf dem deut­schen Arbeits­markt statt: Da gibt es Unter­neh­men – klei­ne wie gro­ße –, die hän­de­rin­gend nach Fach­kräf­ten suchen. Manch­mal mona­te­lang. Auch Tech­ni­sche Redak­teu­re sind seit meh­re­ren Jah­ren gefragt wie nie. Auf der ande­ren Sei­te sind Tech­ni­sche Redak­teu­re, die nach einer neu­en Auf­ga­be oder einem neu­en Auf­trag suchen. Man­che davon sind frei­be­ruf­lich, vie­le ein­fach neu­gie­rig und offen für Neu­es (Wer hat jetzt an „Mobi­le Doku­men­ta­ti­on“ gedacht? Sehr gut!). Und den­noch kom­men bei­de Sei­ten nicht zusam­men. Wie die bei­den Königs­kin­der aus dem Kin­der­lied. Wor­an kann das liegen?

Auf der Suche nach den Grün­den für die­ses Phä­no­men stößt man zunächst auf die klas­si­schen Begrün­dun­gen: Geld bei­spiels­wei­se, feh­len­de Fach­kennt­nis, man­geln­de Mobi­li­tät und so wei­ter. Ja und nein. Die­se Grün­de sind nicht von der Hand zu wei­sen, denn Nie­mand arbei­tet ger­ne für lau und Meis­ter fal­len auch nicht vom Him­mel oder wer­den aus den Bäu­men geschüt­telt. Schau­en wir uns das mal genau­er an.

Am Gelde hängt, zum Gelde drängt …

Zum Berufs­bild des Tech­ni­schen Redak­teurs gehört neben einer guten oder viel­leicht sogar exzel­len­ten Kennt­nis sei­ner Werk­zeu­ge (Text- und Bild­ver­ar­bei­tung) auch die Kennt­nis der sicher­heits­tech­ni­schen Grund­la­gen und der Pro­zess­schrit­te, die not­wen­dig sind, damit der Kun­de zum Schluss ein kor­rek­tes Doku­ment in den Hän­den hält. Die Fach­kennt­nis des Pro­dukts jedoch gehört nicht unbe­dingt dazu, denn dafür kom­mu­ni­ziert der Redak­teur mit den so genann­ten „Sub­ject Mat­ter Experts“ (SMEs). Es ist also kei­nes­falls für einen Tech­ni­schen Redak­teur unab­ding­bar, dass er eine tech­ni­sche Aus­bil­dung oder ein tech­ni­sches Stu­di­um absol­viert hat. Umfas­sen­des tech­ni­sches Ver­ständ­nis ist aus­rei­chend. Es ist unwahr­schein­lich, dass ein Tech­ni­scher Redak­teur nach einem abge­schlos­se­nen Maschi­nen­bau­stu­di­um noch ein paar Jah­re als Tech­ni­scher Redak­teur drauf­packt, um dann mit der Aus­sicht auf weni­ger Gehalt dem Arbeits­markt zur Ver­fü­gung zu ste­hen. Hät­te er näm­lich direkt nach sei­nem Maschi­nen­bau­stu­di­um gear­bei­tet, wäre er nicht nur in der Kar­rie­re­lei­ter wesent­lich höher ange­kom­men, er hät­te auch ein höhe­res Gehalt. Um das zu erken­nen, muss man nur die Ein­stiegs­ge­häl­ter von Inge­nieu­ren und Redak­teu­ren mit­ein­an­der vergleichen.

Dem­nach müss­te die­ser Tech­ni­sche Redak­teur eigent­lich sogar höher ent­lohnt wer­den als ein Inge­nieur, da er ja noch mehr mit­bringt. Müss­te. Dem ist aber meist nicht so. Das wis­sen die Absol­ven­ten der Hoch­schu­len natür­lich auch, und wer­den des­halb in den wenigs­ten Fäl­len nach einem Inge­nieurs­stu­di­um den Tech­nik­re­dak­teur drauf­sat­teln. Das hat zur Fol­ge, dass es ein­fach sehr weni­ge Redak­teu­re gibt, die bei­de Qua­li­fi­ka­tio­nen mit­brin­gen – und bereit sind, mit schlech­te­ren Gehalts­aus­sich­ten zu arbei­ten. Da fehlt dem Königs­kind die Moti­va­ti­on. Und ent­spre­chend sel­ten gibt es ent­spre­chen­de Kandidaten.

Umge­kehrt macht sich natür­lich dann auch kein Per­so­nal­ver­ant­wort­li­cher im Unter­neh­men Freun­de, wenn er die­sem Umstand Rech­nung trägt und den ein­zu­stel­len­den Redak­teur bes­ser ent­lohnt als die Inge­nieu­re, die ja eigent­lich den Umsatz erwirt­schaf­ten. Also blei­ben Redak­teu­re schlech­ter ent­lohnt. Für die Tech­ni­schen Redak­teu­re ist das weni­ger ein Pro­blem, denn an den Umstand haben sie sich gewöhnt. Für einen Arbeit- oder Auf­trag­ge­ber aller­dings bedeu­tet das, dass er mit­un­ter für den Job nicht den ent­spre­chend aus­ge­bil­de­ten (also mit Fach­kennt­nis­sen ver­se­he­nen) Redak­teur findet.

Fremdgehen

In ihrer Not grei­fen dann die Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen zu einem Ersatz: Sie enga­gie­ren Per­so­nal­ver­mitt­ler oder gleich einen Doku­men­ta­ti­ons­dienst­leis­ter. Damit aber machen sie sich nicht nur von einem frem­den Ver­mitt­ler abhän­gig, sie geben auch betriebs­in­ter­ne Kennt­nis­se nach außen. Denn – und das wird meist über­se­hen – der Tech­ni­sche Redak­teur ist kein Mär­chen­on­kel, der mal schnell am Com­pu­ter ein paar Infor­ma­tio­nen zusam­men­klickt, son­dern er ist eine Art Infor­ma­ti­ons­staub­sauger. Der Tech­ni­sche Redak­teur muss zahl­rei­che Infor­ma­tio­nen des Unter­neh­mens bün­deln, um sei­ne Arbeit machen zu kön­nen. Und zwar nicht nur die zum Pro­dukt, son­dern auch die Infor­ma­tio­nen zu Her­stel­ler­do­ku­men­ta­tio­nen, Mon­ta­ge­ab­läu­fen, Ser­vice­leis­tun­gen, Pro­dukt­zy­klen und Ver­triebs­ka­nä­len. Dar­un­ter sind natür­lich auch Kennt­nis­se, die zum Kern des Unter­neh­mens gehö­ren und dem­entspre­chend groß ist auch die Abnei­gung in den Unter­neh­men, exter­ne Redak­teu­re zu beschäf­ti­gen. Falls sie das den­noch tun müs­sen, holen sie sich meist einen Doku­men­ta­ti­ons­dienst­leis­ter, den sie mit einem NDA (Non Dis­clo­sure Agree­ment, Ver­schwie­gen­heits­er­klä­rung) zum Schwei­gen verpflichten.

Aller­dings ver­la­gert sich das Pro­blem damit nur, denn gelöst ist es immer noch nicht. Auch Dienst­leis­ter arbei­ten näm­lich heut­zu­ta­ge nicht mehr wie wei­land Hen­ry Ford, der jede Schrau­be in den eige­nen Werk­stät­ten anfer­ti­gen ließ, son­dern sie grei­fen meist auf selbst­stän­di­ge Redak­teu­re zurück, um sie in mage­ren Zei­ten nicht durch­füt­tern zu müs­sen. Auch die Dienst­leis­ter ver­fü­gen nur über einen sehr begrenz­ten „Vor­rat“ an Redak­teu­ren, die sie dem Unter­neh­men zur Ver­fü­gung stel­len kön­nen – und las­ten die­se Redak­teu­re meist mit meh­re­ren Pro­jek­ten gleich­zei­tig aus, um die Durch­lauf­zei­ten zu ver­kür­zen und die Aus­beu­te zu erhö­hen. Auch Dienst­leis­ter kön­nen kei­ne Redak­teu­re von den Bäu­men schütteln.

Spät ist immer zu spät

Gut funk­tio­nie­ren­de Doku­men­ta­ti­ons­pro­zes­se müs­sen daher wie Ver­triebs­pro­zes­se geplant und orches­triert wer­den: Außen­bord­mo­to­ren ver­kau­fen sich im Herbst schlecht, trag­ba­re Musik­play­er setzt man im Weih­nachts­ge­schäft am Bes­ten ab. Und auch die Doku­men­ta­ti­on muss dann fer­tig sein, wenn das Pro­dukt auf den Markt kommt. Sie will rück­wärts geplant wer­den: wann wird publi­ziert, wann sind die Über­set­zun­gen fer­tig, bis wann müs­sen die Kor­rek­tu­ren ein­ge­ar­bei­tet wer­den, wann muss die Recher­che erfol­gen? Meist kön­nen die Redak­teu­re aber nicht zu einem belie­bi­gen Zeit­punkt anfan­gen, weil sie ja das Pro­dukt erst dann beschrei­ben kön­nen, wenn es fast fer­tig ist. Das Zeit­fens­ter ist dem­zu­fol­ge immer recht eng. Redak­teu­re sind das gewohnt, das gehört bei Ihnen zum All­tag. Aller­dings machen vie­le Unter­neh­men den Feh­ler, sich auch erst dann um einen Redak­teur zu küm­mern. Das ist nicht nur spät, das ist zu spät, denn auch ein erfah­re­ner Redak­teur kann sei­ne Fach­kennt­nis und vor allem sei­ne Pro­zess­kennt­nis nicht von den Bäu­men schütteln.

Gera­de Letz­te­re ist jedoch für die naht­lo­se Ein­bin­dung der Doku­men­ta­ti­on uner­läss­lich, denn nur durch Ein­sicht in die unter­neh­mens­spe­zi­fi­schen Pro­zes­se und Ent­schei­dun­gen kann der Redak­teur effi­zi­ent sein. Da die­se Pro­zes­se aber nicht erst mit dem Pro­dukt ent­ste­hen, soll­te der Redak­teur frü­her ein­ge­bun­den wer­den als dies für sei­ne Doku­men­ta­ti­ons­auf­ga­be not­wen­dig scheint. Er muss die Fach­ab­tei­lun­gen und die Review-Zyklen ken­nen, er muss sich in das Pro­dukt „hin­ein­den­ken“ kön­nen, um ziel­ge­rich­tet arbei­ten zu kön­nen. Das benö­tigt Zeit.

Wer rastet, der leistet

Zwar lei­den Tech­ni­sche Redak­teu­re im All­ge­mei­nen nicht unter stän­di­gem Jet­lag, weil sie von einem Mee­ting zum ande­ren geflo­gen wer­den. Redak­teu­re sind meist recht stand­ort­treu, auch weil sie ihre Doku­men­ta­ti­ons­werk­zeu­ge oft nicht her­um­tra­gen kön­nen. Und auch, weil sie mit­un­ter eine Fami­lie haben (oder meh­re­re Kun­den) und daher nicht wie Lehr­amts­an­wär­ter alle sechs Mona­te durch die Repu­blik ver­setzt wer­den kön­nen und wol­len. Nun ist aber der Auf­trag­ge­ber oft nicht am sel­ben Ort zu fin­den wie der Redak­teur. Im Gegen­satz jedoch zu den Königs­kin­dern müs­sen Redak­teur und Auf­trag­ge­ber nicht schwim­men, son­dern kön­nen die moder­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie nut­zen, um in Kon­takt zu blei­ben. Dies setzt aller­dings auf Sei­ten des Auf­trag­ge­bers vor­aus, dass er bereit ist, sich auf einen nicht-phy­sisch anwe­sen­den Redak­teur und des­sen Leis­tung ein­zu­las­sen. Er muss als Auf­trag­ge­ber daher – idea­ler­wei­se mit dem Redak­teur zusam­men – einen belast­ba­ren Ter­min- und Auf­ga­ben­plan erstel­len, an den auch er sich bin­det. Dar­in wird nicht nur der Umfang der Leis­tung fest­ge­hal­ten, son­dern auch die genaue Defi­ni­ti­on des Auf­trags, sprich Projekts.

Mit „Machen­se mal!“ ist das nicht getan.

Dazu zählt neben der Pla­nung näm­lich auch die Kon­trol­le der Durch­füh­rung, denn auch für den Redak­teur ist es essen­zi­ell zu wis­sen, wenn sich ein Ter­min ver­schiebt – schließ­lich hat er mit­un­ter meh­re­re Pro­jek­te gleich­zei­tig zu betreuen.

Fazit

Um ein Doku­men­ta­ti­ons­pro­jekt ver­nünf­tig abzu­wi­ckeln, muss der Redak­teur recht­zei­tig ins Boot geholt wer­den – und ihm ermög­licht wer­den, sei­ne Leis­tung auch nicht stän­dig vor Ort greif­bar erbrin­gen zu kön­nen. Davon pro­fi­tie­ren dann bei­de Königs­kin­der, äh Seiten.

Der Rhein bei Hochwasser