Dies­mal klang es nach einem tod­si­che­ren Plan. Mei­ne Frau und ich hat­ten die Rou­te und die Etap­pen minu­ti­ös geplant, recht­zei­tig die Flü­ge gebucht und das Hotel für die ers­te und die letz­te Nacht auf ame­ri­ka­ni­schem Boden schon Mona­te im Vor­aus gebucht und dafür gesorgt, dass unse­re Fahr­rad­kof­fer dort auch unter­ge­bracht wür­den. Konn­te nichts mehr schief­ge­hen – höchs­tens das Wet­ter. Nun, das war der Plan. Aber Pla­nung und Durch­füh­rung klaff­ten dies­mal extrem weit aus­ein­an­der. Und das lag nicht am Wet­ter.

Planung

Es begann eigent­lich schon damit, dass man uns die Flü­ge einen Monat vor­her kom­plett umbuch­te. So soll­te jetzt der Hin­flug nicht über Lon­don und Chi­ca­go, son­dern über Lon­don und Los Ange­les nach Salt Lake City füh­ren. Das bedeu­te­te nicht nur zwei Stun­den mehr in einer flie­gen­den Sar­di­nen­do­se, son­dern hat­te auch zur Fol­ge, dass die Umstiegs­zei­ten kür­zer wur­den. Und das wie­der­um hat­te erheb­li­che Fol­gen. Aber fan­gen wir von vor­ne an.

Der Arches Natio­nal­park, Teil des Alter­na­tiv­plans

Schon letz­tes Jahr tru­gen wir uns mit dem Gedan­ken, 2013 eine grö­ße­re Rei­se mit den Kin­dern und den Tan­dems zu unter­neh­men. Zum einen, weil die Kin­der zuneh­mend belast­ba­rer wer­den im Hin­blick auf Stre­cken, Kli­ma und Rei­se­dau­er, zum ande­ren, weil wir Ihnen „die gro­ße wei­te Welt“ außer­halb Euro­pas zei­gen woll­ten. Die Wahl fiel auf den Yel­lowstone Natio­nal­park, da wir schon ein­mal dort waren und somit die Belas­tung abschät­zen konn­ten. Und auch, weil wir damals begeis­tert waren von der beein­dru­cken­den Natur im ältes­ten Natio­nal­park der Welt.

Dies­mal aller­dings hat­ten wir unse­re Tan­dems dabei, die wir zer­legt mit­neh­men wür­den, um all unse­re Hab­se­lig­kei­ten ein­schließ­lich zwei Zel­ten, Kocher und Schlaf­sä­cken dar­auf zu trans­por­tie­ren. Jeder Erwach­se­ne hat­te also ein Kind als „Hei­zer“ dabei, was die Kin­der immer sehr genie­ßen, denn sie müs­sen sich nicht um den Ver­kehr oder das Hand­ling des Rades küm­mern. Der Nach­teil des gerin­ge­ren Stau­raums (jeweils zwei Taschen vor­ne und hin­ten und ein was­ser­dich­ter See­sack hin­ten quer) wird bei einem Tan­dem dadurch aus­ge­gli­chen, dass man mit weni­ger Roll- und Wind­wi­der­stand rech­nen kann und daher sich nicht nur mit sei­nem Part­ner unter­hal­ten, son­dern auch flott dahin­rol­len kann.

Tipps zum Gepäck

Um mit dem gerin­gen Stau­raum auf einer Rad­rei­se zurecht zu kom­men, soll­te man vor­ge­hen wie ein Schiffs­rei­sen­der, der auf einer ein­sa­men Insel aus­ge­setzt wird: Man fer­tigt sich eine Lis­te das Din­ge an, die man mit­neh­men wür­de und streicht alles weg, was nicht dem unmit­tel­ba­ren Über­le­ben dient („4 Mes­ser? – eines reicht!“, „Tel­ler? – Wozu hat man Hän­de? Alles ande­re kommt in eine Schüs­sel!“ etc.). Dabei ent­ste­hen natur­ge­mäß Ziel­kon­flik­te, die sich meist mit Ver­weis auf das Rei­se­ziel lösen las­sen. So braucht kein Mensch im Natio­nal­park einen Fön oder Schmin­ke, aller­dings Son­nen­creme und Insek­ten­schutz­mit­tel. Auch die Fra­ge nach dem wirk­lich Wich­ti­gen ist leicht geklärt, denn jede Rei­se ist schnell zu Ende, wenn man nicht gut schla­fen kann. Eine leich­te aber beque­me Iso­mat­te (Typ Ther­ma­rest), ein leich­tes, aber sta­bi­les und vor allem schnell auf­zu­bau­en­des Zelt (Emp­feh­lung: Typ Vau­De Mark 2 oder 3 mit außen­lie­gen­dem Gestän­ge. Das lässt sich auch bei Regen auf­bau­en ohne dass das Zelt nass wird.) und gute Schlaf­sä­cke, die auch bei Frost noch wär­men.

Danach kommt das Kochen, denn im Natio­nal­park gibt’s kei­nen Wür­ger King um die Ecke. Aus Erfah­rung wuss­ten wir, dass wir mit einem Ben­zin­ko­cher wei­ter kom­men als mit Spi­ri­tus, denn er hat bes­se­re Heiz­wer­te und lässt sich an jeder Tank­stel­le pro­blem­los nach­fül­len.

Um die Wäsche muss man sich die wenigs­ten Gedan­ken machen, denn Kör­per­hy­gie­ne ist schon des­we­gen ein­ge­schränkt, weil es im Natio­nal­park kaum Wasch­ge­le­gen­hei­ten gibt und das Ein­sei­fen in frei­er Natur nicht nur ver­pönt ist, son­dern sogar gefähr­lich. Bären rie­chen die Duft­stof­fe mei­len­weit und den­ken nur noch ans Fres­sen.

Stau­raum ist nur eine Fra­ge der guten Vor­be­rei­tung (sie­he auch rechts). Trotz­dem aber wird es sehr eng, denn die Sachen müs­sen ja zunächst als Flug­ge­päck trans­por­tiert wer­den. Alle Fahr­rad­ta­schen kom­men des­halb ent­we­der geleert in einen See­sack oder wer­den als „Hand­ge­päck“ mit ins Flug­zeug genom­men.

Und dann ging’s los

Alles am Vor­abend sau­ber ver­packt, die Wäsche für den Flug raus­ge­legt, die Tan­dems zer­legt und in ihre Kof­fer ver­packt fuh­ren wir zum Flug­ha­fen. Glück­li­cher­wei­se zei­tig, denn die Fahr­rad­kof­fer waren auf ein­mal zu schwer. Zwar hat­te es bis­lang immer anstands­los funk­tio­niert, aber die Dame am Schal­ter erklär­te uns, dass es 580 Gramm zuviel sei­en und sich der Mensch im Lade­raum damit wohl den Rücken beschä­di­ge. Also gin­gen zwei Fahr­rad­sät­tel ins nor­ma­le Gepäck, wobei die See­sä­cke trotz ihre recht nied­ri­gen Gewichts plötz­lich Sperr­ge­päck sein soll­ten. Wir lern­ten dar­aus, dass wir das nächs­te Mal schwe­re Kof­fer, aber kei­ne leich­ten Säcke auf­ge­ben wer­den.

Dann saßen wir im Flug­zeug und kamen auch ohne gro­ße Ver­spä­tung in Lon­don end­lich in Los Ange­les an, wo die knapp bemes­se­ne Umstiegs­zeit auf die schlech­te Orga­ni­sa­ti­on eines US-ame­ri­ka­ni­schen Flug­ha­fens stieß. Seit der Ein­füh­rung der zahl­rei­chen zusätz­li­chen Sicher­heits­kon­trol­len funk­tio­niert bei inter­na­tio­na­len Flü­gen eigent­lich gar nichts mehr. Da ste­he hilf­los win­ken­de Ange­stell­te gan­zen Flug­zeug­la­dun­gen asia­ti­scher Tou­ris­ten gegen­über, die mit Duty­free-Tüten bestückt gar nicht ein­se­hen wol­len, war­um der Pass nun schon zum drei­und­zwölf­zigs­ten Mal ange­schaut wer­den soll, wo sie ihn doch gera­de ganz tief ver­staut haben. Und dann ver­su­chen, mit den Men­schen vom Zoll dar­über dis­ku­tie­ren …

Mit einem „Express-Ticket“ wedelnd, das uns die Ste­war­dess in die Hand­ge­drückt hat­te, schaff­ten wir es aber durch die Schlan­ge für Roll­stuhl­fah­rer, Kör­per­be­hin­der­ter und Kar­ton­trans­por­teu­re, die es auch sehr eilig hat­ten. Das heißt, wir kamen um 22 Uhr erschöpft und gerä­dert wohl­be­hal­ten in Salt Lake City an. Alles war da – alles. Außer unse­ren bei­den Fahr­rad­kof­fern. Und damit begann das Aben­teu­er.

Plan „B“ war gefragt

Auf die Nach­fra­ge, wo denn unse­re Kof­fer sei­en, konn­te uns der kom­plett inkom­pe­ten­te Sub­al­ter­ne am Flug­ha­fen in Salt Lake City kei­ne Ant­wort geben, da sein Com­pu­ter abge­stürzt sei (eine belieb­te Aus­re­de, immer noch). Wir waren müde, hol­ten uns den bestell­ten Leih­wa­gen und fuh­ren ins Hotel, denn in die­ser Nacht wür­de kein Flug mehr kom­men. Die Pla­nung sah vor, dass wir am fol­gen­den Tag die Tan­dems aus­pa­cken, aber nicht zusam­men­bau­en wür­den und die Kof­fer im Hotel bis zum Abflug depo­nie­ren. Mit den aus­ge­pack­ten Rädern woll­ten wir dann nach Jack­son in Wyo­ming fah­ren, dort das Auto abge­ben, die Räder zusam­men­bau­en und durch den Yel­lowstone Natio­nal­park fah­ren. Von dort dann durch die Bad­lands zurück mit den Rädern nach Salt Lake City. Das war Plan A. Der aber war durch die Ver­zö­ge­rung um min­des­tens einen Tag bereits gefähr­det. Den­noch waren wir opti­mis­tisch und schau­ten uns Salt Lake City an, auch um den Jet­lag zu bekämp­fen. Als aber auch Tele­fo­na­te mit der Zen­tra­le von Ame­ri­can Air­lines in Los Ange­les nur zu Tage brach­ten, dass man von einem Kof­fer nichts wuss­te und der ande­re ver­mut­lich in Lon­don ste­hen geblie­ben war, begann die Pla­nung der Alter­na­ti­ve. Als ers­tes kürz­ten wir die Rou­te durch die Bad­lands, was uns zwei Tage ein­brach­te. Dann gaben wir den zu gro­ßen Leih­wa­gen zurück und beschlos­sen einen Abste­cher zum Arches Natio­nal­park. Den kann­ten wir von einer ande­ren Rei­se, außer­dem war er mit dem Auto schnel­ler zu errei­chen. Also Plan B in der Hoff­nung, dass man uns viel­leicht in den nächs­ten Tagen mit­tei­len könn­te, wann denn die Fahr­rad­kof­fer kämen.

Mit die­ser Unge­wiss­heit fuh­ren wir süd­öst­lich zum Arches Natio­nal­park.

Der Deli­ca­te Arch, das Wahr­zei­chen Utahs

Arches National Park

Utah ist nicht nur ein recht wohl­ha­ben­des Land der USA. son­dern auch beson­ders reich an Natio­nal­parks. Vor allem im Osten des Lan­des sind die Rocky Moun­ta­ins eine ein­zi­ge Ket­te aus Natio­nal Parks, Natio­nal Monu­ments und Natio­nal Forests, die nicht nur den Tou­ris­ten, son­dern auch Ein­hei­mi­schen reich­lich Gele­gen­heit bie­ten, die Natur und die land­schaft­li­che Schön­heit des Lan­des zu genie­ßen.

Das Para­do­xe die­ser Natur­schön­hei­ten ist ja, dass sie selbst es gar nicht dar­auf anle­gen, dem Auge des Betrach­ters zu gefal­len. Wir Men­schen ver­bin­den damit posi­tiv besetz­te Erwar­tun­gen und Erleb­nis­se wie Ent­span­nung, Ablen­kung, Gemein­schaft und mög­li­cher­wei­se sogar meta­phy­si­sche Erfah­run­gen. Das aber ist eine Asso­zia­ti­on unse­rer der­zei­ti­gen wohl­ha­ben­den und fried­li­chen Zivi­li­sa­ti­on. Für die ers­ten Sied­ler, die Pio­nie­re und Trap­per waren die monu­men­ta­len Natur­phä­no­me­ne eher bedroh­lich und läs­tig. Außer für die ers­ten Men­schen, die india­ni­schen Urein­woh­ner des Lan­des, hat­ten die­se Wäl­der und Fel­sen, die Quel­len und Gip­fel aus­schließ­lich prak­ti­sche oder unprak­ti­sche Bedeu­tung. Sie hat­ten schon auf­grund ihres müh­sa­men All­tags für Über­le­gun­gen zur Schön­heit kei­ne Zeit und Gele­gen­heit. Dass über­haupt 1871 die Über­le­gung auf­kam, einen Teil des Lan­des nicht der wirt­schaft­li­chen Nut­zung und den Pro­fit­in­ter­es­sen zu unter­wer­fen, kam einer Revo­lu­ti­on gleich. In vie­len Tei­len der Welt ist die­se Über­le­gung ja selbst heu­te noch abso­lut unver­ständ­lich. Dass wir dies als schüt­zens­wer­te Natio­nal­parks dekla­rie­ren wür­den, hät­te auch bei die­sen Men­schen nur ein ungläu­bi­ges Kopf­schüt­teln her­vor­ge­ru­fen.

Pine­tree Arch

Nun aber wer­den die­se Parks sys­te­ma­tisch tou­ris­tisch erschlos­sen. Es wer­den Über­nach­tungs­ge­le­gen­hei­ten im Umkreis aus dem Boden gestampft, es gibt über­all Andenken und Erbau­lich­kei­ten zu kau­fen, die die Anwe­sen­heit des Besu­chers doku­men­tie­ren und der Nach­welt erhal­ten sol­len. Der Natio­nal­park als Kir­mes­at­trak­ti­on.

Das war auch auf der Fahrt nach Moab, dem Ein­gangs­tor zum Arches Natio­nal­park nicht anders: Wir fuh­ren mehr als 500 km ab Salt Lake City zunächst auf einem ent­setz­lich kaput­ten Intersta­te 80 (gespickt mit her­um­lie­gen­den Fahr­zeug­tei­len) und dann auf gut befah­re­nen High­ways und kamen dabei durch die „ech­ten“ USA. Land­wirt­schaft und tro­cke­ne Step­pen, Koh­le­ab­bau direkt am Stra­ßen­rand (Car­bon Coun­ty) und halb­lee­re Städt­chen mit einem fast schon geis­ter­haf­ten Charme. Auch das gehört dazu.

Wir erreich­ten am Nach­mit­tag den Arches Natio­nal­park und steu­er­ten wie so vie­le ande­re Besu­cher die tou­ris­ti­schen High­lights an, die fein säu­ber­lich auf der Kar­te ver­merkt und mit Park­plät­zen ver­se­hen sind. Lei­der scheint aber bei vie­len Besu­chern noch kein Bewusst­sein dafür vor­han­den zu sein, dass es sich hier um eine sel­ten anzu­tref­fen­de geo­lo­gi­sche Beson­der­heit han­delt – und nicht um ein paar Stei­ne, die man mit Graf­fi­ti voll­schmie­ren darf. Es waren vie­le Park Ran­ger damit beschäf­tigt, die gröbs­ten Ver­un­stal­tun­gen zu ent­fer­nen um das emp­find­li­che Gleich­ge­wicht der Natur zu erhal­ten.

Ein bisschen Geografie

Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik

Vor vier­zehn Jah­ren noch kein The­ma, ist die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik mitt­ler­wei­le auch bei uns in der Prio­ri­tä­ten­lis­te nach oben gerückt: Smart­pho­nes ver­fü­gen nicht nur über ein Tele­fon, son­dern auch über ein GPS und eine Kame­ra. Um die­se High­tech auch unter­wegs nut­zen zu kön­nen, soll­te man sich mit der Lage vor Ort aus­ein­an­der­set­zen: Wie sieht es mit Lade­strom aus? Wie ist das Netz?

Um das Smart­pho­ne auf­grund sei­nes rela­tiv hohen Strom­ver­brauchs unter­wegs jeder­zeit nut­zen zu kön­nen, habe ich mir daher ein spe­zi­el­les Beleuch­tungs­sys­tem von Busch&Müller zuge­legt, dass den Naben­dy­na­mo nicht nur für Licht­strom anzapft, son­dern über einen Puf­fer­spei­cher auch einen USB-Anschluss mit Strom ver­sorgt. An die­sen abge­dich­te­ten USB-Anschluss habe ich dann mein Smart­pho­ne in einer Hal­te­rung mit dem Lade­ka­bel ange­schlos­sen. Das hat bis auf stei­le Anstie­ge auch zuver­läs­sig funk­tio­niert (bei stei­len Anstie­gen über meh­re­re Stun­den bringt das Vor­der­rad nicht genü­gend Umdre­hun­gen zusam­men, um den Puf­fer­spei­cher zu laden. Dann wird das Smart­pho­ne nicht ver­sorgt, weil die Beleuch­tung Vor­rang hat.)

Auf vie­len Zelt­plät­zen auch in den Natio­nal­parks gibt es mitt­ler­wei­le Strom­an­schluss in den Toi­let­ten, aber nicht jeder will sein teu­res Gerät dort unbe­auf­sich­tigt lie­gen und vor sich hin laden las­sen. Im Auto erüb­ri­gen sich die­se Über­le­gun­gen: alle Leih­fahr­zeu­ge ver­füg­ten über einen USB-Anschluss über den sich das Smart­pho­ne nicht nur laden, son­dern auch die dar­auf gespei­cher­te Musik abspie­len ließ.

Auch wenn das Tele­fon­netz in den USA gro­ße Fort­schrit­te gemacht hat (UMTS, also 3G, ist fast über­all zu bekom­men): Natio­nal­parks haben kei­ne Mas­ten. Sobald der Park also etwas grö­ßer ist, gibt es kein Netz.

Gar. Kein. Netz.

Um mit der Außen­welt zu kom­mu­ni­zie­ren, blei­ben dann nur die Tele­fon­zel­len an den Cam­ping­plät­zen.

Der Arches Natio­nal­park liegt an einer geo­lo­gi­schen Ver­wer­fung, bei der sich erst der Mee­res­bo­den ange­ho­ben hat­te und dann aus­ein­an­der gebro­chen war. Dabei ent­stand eine bis zu 300 Meter hohe Abbruch­kan­te, die die unter­schied­lich gefärb­ten Sand­stein­schich­ten frei­leg­te. Was­ser und Wind hat­ten dann über Mil­lio­nen Jah­re ein leich­tes Spiel, die wei­che­ren Sand­stein­schich­ten abzu­tra­gen, wodurch die bizar­ren For­men ent­stan­den, die sich auch im wei­ten Umfeld des Natio­nal­parks fin­den las­sen. Man darf sich nicht täu­schen las­sen: der Natio­nal­park lebt. Nicht nur die viel­fäl­ti­ge  und an die har­ten Bedin­gun­gen ange­pass­te Flo­ra und Fau­na, auch der Fels lebt. Frei­lich nur im über­tra­ge­nen Sinn, denn Wet­ter und Was­ser set­zen natür­lich ihren Umfor­mungs­pro­zess stän­dig fort: Was­ser dringt in die Rit­zen, friert im Win­ter und sprengt Löcher in den Fels, der Wind – auf die­ser Höhe ohne Baum­be­wuchs unge­bremst – wirkt wie eine gigan­ti­sche Sand­strahl­vor­rich­tung, die die Kan­ten abträgt und als fei­nen Sand neben den Fel­sen abla­gert. Die­ser Sand hält frei­lich kein Was­ser, und so haben die Pflan­zen und Tie­re ihre eige­nen Mecha­nis­men, mit der Was­ser­knapp­heit zurecht zu kom­men.

Wie bei­spiels­wei­se die Kän­gur­urat­te, die mit ihrem Namens­vet­ter ihre sprin­gen­de Fort­be­we­gung gemein hat. Sie ent­kommt der Hit­ze wäh­rend der hei­ßen Tages­zeit in aus­ge­dehn­ten Höh­len im Fels und hat ein extrem wirk­sa­mes Was­ser­wie­der­ge­win­nungs­sys­tem in ihrem Kör­per, indem sie ihrem Urin Feuch­tig­keit ent­zieht und dadurch Was­ser im Kör­per hal­ten kann.

Der allent­hal­ben anzu­tref­fen­de Sage­brush dage­gen schützt sich gegen Fraß durch einen bit­te­ren Geschmack und ein Gift in den Blät­tern, dass die zur Ver­dau­ung not­wen­di­gen Bak­te­ri­en im Darm tötet, wenn man es isst – außer bei der Prong­horn-Anti­lo­pe und der Sage­grou­se, deren Leber das Gift neu­tra­li­siert. Von die­sen Anpas­sun­gen sind wir Men­schen noch weit ent­fernt: man wird auf jedem Park­platz dazu auf­ge­for­dert, eine Fla­sche mit Was­ser mit­zu­neh­men, selbst wenn der Rund­weg nur eine hal­be Stun­de dau­ert. (Ver­mut­lich eine gelun­ge­ne Wer­be­ak­ti­on der Geträn­ke­indus­trie, denn der gesun­de Mensch kommt tat­säch­lich auch bei Tem­pe­ra­tu­ren um die 30 °C pro­blem­los zwei Stun­den ohne Flüs­sig­keits­zu­fuhr aus.)

Wir igno­rier­ten daher die­se Hin­wei­se bewusst und pil­ger­ten von einer Sehens­wür­dig­keit zur Nächs­ten. Was wir damals mit dem Fahr­rad über­brück­ten, war dies­mal mit dem Auto ein Klacks, so dass es fast schon einer kör­per­li­chen Stra­fe gleich­kam, nach jedem Spa­zier­gang von einer Stun­de wie­der ins Auto stei­gen zu müs­sen.

In der Nacht begann es leicht zu reg­nen, so dass das Wet­ter am Mor­gen eher kühl war und wir den Deli­ca­te Arch, den wir uns auf­ge­ho­ben hat­ten, bei etwas weni­ger male­ri­schem Licht besich­tig­ten.

Der Stim­mung tat das kei­nen Abbruch, denn wir erhiel­ten beim Früh­stück auf dem Zelt­platz einen Anruf, dass unse­re Kof­fer in Salt Lake City stün­den. Bei­de Kof­fer? Die Dame, die uns vom Flug­ha­fen aus anrief, bestä­tig­te, dass es zwei Kof­fer sei­en, schwer und groß wie Wickel­kom­mo­den.

Die Räder waren da! Jetzt konn­te es ja los­ge­hen. Und wie.

Das gar pos­sier­li­che Ground Squir­rel, ein sehr neu­gie­ri­ges Tier

Nach Jackson Hole

Zurück nach Salt Lake City war es ein Klacks – fast zumin­dest, denn wir gerie­ten in die Rush Hour direkt vor Salt Lake City, was für Men­schen, die es gewohnt sind, mit dem Fahr­rad über­all hin­zu­fah­ren, ein Grau­en ist: Ein­ge­sperrt zwi­schen ande­ren Blech­do­sen, die Son­ne brennt aufs Auto­dach, die Kli­ma­an­la­ge läuft auf Hoch­tou­ren, kommt man nur im Kriech­tem­po und sehr sto­ckend vor­an. Dazwi­schen immer wie­der ganz Auto­tei­le auf der Stra­ße, die für Unfäl­le sor­gen kön­nen und zum Aus­wei­chen zwin­gen. Ich hat­te den Ein­druck, als ob in den USA der Fuhr­park direkt auf der Stra­ße ent­sorgt wird, denn bei jedem der zahl­rei­chen Schlag­lö­cher löst sich etwas vom Fahr­zeug, bis es dann zum Schluss in einer Ecke vor sich hin­ros­tet.

Dies­mal aber über­nach­te­ten wir regel­kon­form auf dem Zelt­platz in Salt Lake City, nach­dem wir die Kof­fer im Hotel abge­lie­fert hat­ten. Der Zelt­platz ist zwar gut gepflegt (er ist Teil der KOA-Ket­te), aber ziem­lich laut. Dafür liegt er sehr zen­tral an der North Temp­le Road zwi­schen Stadt­zen­trum und Flug­ha­fen – mit guten Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten rings­um. Letz­te­res war für uns beson­ders wich­tig, denn wir woll­ten ja am nächs­ten Tag in die Natio­nal­parks auf­bre­chen. Und die­se zeich­nen sich auch durch eine unter­durch­schnitt­li­che Nah­rungs­mit­tel­ver­sor­gung aus (sie­he auch Kas­ten rechts).

Der Lan­der cutoff, ein Teil des Ore­gon Trails
Nah­rungs­ver­sor­gung

Viel­leicht soll­te man die­sen Aspekt des Rei­sens in zwei Tei­le glie­dern: Ange­bot und Ver­füg­bar­keit. Fan­gen wir hin­ten an:

  • Ver­füg­bar­keit

Außer­halb der grö­ße­ren Städ­te gibt es in die­sem Bereich der USA kei­ne Super­märk­te, son­dern nur Stores. Zwar sind die Super­märk­te gigan­tisch und habe auch ein brei­tes Ange­bot, die­ses aber redu­ziert sich dras­tisch in den Stores. Wäh­rend also die Super­märk­te zur Deckung des grö­ße­ren Bedarfs an Grund­nah­rungs­mit­teln wir Nudeln (und auch Gemü­se) sowie Mar­me­la­de oder Ähn­li­chem die­nen, kann man sich in den Stores nur not­dürf­tig mit Saft und Brot ver­sor­gen. Dafür gibt es dort auch immer einen fri­schen Kaf­fee – in durch­aus unter­schied­li­cher Qua­li­tät.

  • Ange­bot

Das Ange­bot, also die Pro­dukt­pa­let­te, ent­spricht dem Kli­schee: es gibt 15 Regal­me­ter Kar­tof­fel­chips, aber kein Brot, das den Namen ver­dient. Wer sich wie wir an ein gutes Brot gewöhnt hat, wird umden­ken müs­sen, denn dort steht nur der übli­che Lab­ber­toast im Regal, mal mit ein paar Ali­bi­körn­chen und mal ohne. Da dort das Brot aus einer Mischung aus Back­trieb­mit­tel, Was­ser, Zucker und Mehl sowie einer beacht­li­chen Ket­te an lebens­mit­tel­fer­nen Zuta­ten besteht (in die­ser Rei­hen­fol­ge), hält es wegen des hohen Feuch­tig­keits­ge­halts nicht lan­ge. Obst gibt es wenig, Gemü­se auch kaum, da alles aus Kali­for­ni­en und Mon­ta­na impor­tiert wird und auch – im Gegen­satz zu dem von uns ver­schmäh­ten „Con­ve­ni­en­ce Food“ – sel­te­ner gekauft zu wer­den scheint, waren wir mit dem Ein­kauf schnell fer­tig.

Dazu kommt natür­lich auch, dass Lebens­mit­tel, die man ja nicht mehr in die USA brin­gen darf, auf dem Fahr­rad sehr viel Gewicht aus­ma­chen und man des­halb sehr spar­sam ein­kau­fen muss. Das aber ist ange­sichts der Ver­sor­gungs­si­tua­ti­on (sie­he oben) wie­der­um in den Natio­nal­parks schwie­rig, denn dort gibt es nichts Fri­sches mehr. Abge­se­hen davon, ist Essen in den USA sehr teu­er. So kos­tet bei­spiels­wei­se die Milch das Dop­pel­te und auch der ubi­qui­tä­re Lab­ber­toast geht für umge­rech­net min­des­tens 5 USD fürs Kilo über den Tisch.

Zusam­men­ge­fasst: Ein­kau­fen ist eine Wis­sen­schaft für sich, die genaue Pla­nung und ein belast­ba­res Kon­to ver­langt.

Nichts­des­to­trotz war am Mor­gen wie­der alles im Auto ver­packt und es ging end­lich los nach Jack­son in Wyo­ming. Wir hat­ten Jack­son als Aus­gangs­punkt gewählt, denn das Städt­chen ist in die­ser Gegend von Wyo­ming der größ­te und auch ein­zi­ge Zivi­li­sa­ti­ons­an­ker. Dort konn­ten wir den Wagen zurück­ge­ben und dort konn­ten wir uns auch ver­pro­vi­an­tie­ren. Über Jack­son ist nicht viel zu sagen, es hat­te sich kaum ver­än­dert seit unse­rem letz­ten Besuch vor 14 Jah­ren. Immer noch lebt man dort von der Nähe zu den Natio­nal­parks, dort ste­hen Hotels aller Preis­klas­sen und wer­den die Tou­ren orga­ni­siert. Wenn der Natio­nal­park ein Bier­zelt wäre, stell­te Jack­son die Schän­ke dar. Und ent­spre­chend geht es dort auch zu …

Die Fahrt selbst führ­te uns über Ida­ho und die dor­ti­gen High­ways zunächst ent­lang des Salz­sees und dann recht bald in das berühm­te „Pota­to Coun­try“, bis wir dann in die Rocky Moun­ta­ins abbo­gen und den Sna­ke River auf­wärts an der Hoback Junc­tion nach Jack­son kamen. Dort lie­fer­ten wir den Wagen ab und bau­ten die Räder zusam­men. Voll auf­ge­packt ging es dann los zum Cam­ping­platz „Jack­son Hole Camp­ground“, dem wohl schlech­tes­ten unse­re Rei­se. Ich emp­feh­le drin­gend, die­sen zu mei­den, denn er war nicht nur völ­lig über­teu­ert, son­dern auch eine Bau­stel­le, die noch nicht ein­mal über eine Mög­lich­keit zum Geschirr­spü­len ver­fügt. Ich hat­te den Ein­druck, dass Cam­per dort nur gedul­det wer­den, weil man sie mel­ken kann.

Am nächs­ten Mor­gen ging es dann mor­gens auf die Moo­se-Wil­son Road in den Teton Natio­nal­park, den wir aller­dings nur durch­que­ren woll­ten. Wir hoben ihn uns für den Rück­weg auf. Die Moo­se-Wil­son Road ist land­schaft­lich sehr schön, aber wird zur Zeit stra­ßen­bau­tech­nisch kom­plett über­ar­bei­tet, so dass wir zunächst auf einem wun­der­ba­ren Rad­weg, aber dann nur noch über Pis­te fuh­ren. Am Süd­ein­gang des Teton Natio­nal­parks war das dann aber glück­li­cher­wei­se vor­bei.

Durch die Tetons

Zur Geo­gra­fie der Tetons wird spä­ter bei der Beschrei­bung der Rück­rei­se noch zu berich­ten sein, ich las­se dies mal hier aus.

Am Ein­gang des Natio­nal­parks lös­ten das Ein­tritts­recht für eine Woche für 12 USD pro Fahr­rad, also 24 USD für uns alle vier, da wir ja auf zwei Tan­dems unter­wegs waren. Wären wir als Fami­lie mit vier Rädern gefah­ren, hät­te uns die Woche 48 USD gekos­tet. In einem Auto mit maxi­mal 6 Per­so­nen muss man jedoch nur 23 USD hin­le­gen. Ein merk­wür­di­ges Preis­ver­hält­nis, wenn man bedenkt, dass die Autos einen wesent­lich grö­ße­ren Land­schafts­ver­brauch nach sich zie­hen – vom Lärm und Dreck mal ganz zu schwei­gen. Man fährt dort Fahr­rad als Sport, nicht als Trans­port und nor­ma­les Ver­kehrs­mit­tel. Die­se Ein­stel­lung ist nach mei­ner Erfah­rung welt­weit weit ver­brei­tet bis auf eini­ge weni­ge Län­der in Mit­tel­eu­ro­pa, die dafür auch nei­disch betrach­tet wer­den (ohne dass sich an der Ein­stel­lung aber etwas ändert).

Erstaun­lich ist auch, dass wir als Deut­sche und ver­ständ­li­cher­wei­se auch sehr exo­tisch Rei­sen­de immer wie­der ange­spro­chen wur­den auf unse­re Räder und die Art des Rei­sens. Da eine Fami­lie auf Tan­dems mit Gepäck noch wesent­lich sel­te­ner ist als eine Hor­de Grizz­lies, waren wir natür­lich auch häu­fi­ges Foto­mo­tiv. Auf­fäl­lig war aller­dings das häu­fi­ge Unver­ständ­nis, wie man denn über­haupt so lan­ge auf Fahr­rä­dern sit­zen kön­ne und sol­che Tou­ren fah­re, wie lan­ge man denn so brau­che und was die Kin­der dabei sehen wür­den. Unse­re Ver­si­che­rung, dass dies alles eine Fra­ge der Übung und guten Orga­ni­sa­ti­on sei, ver­hall­te jedoch meist unver­stan­den. In die­ser Gegend der USA wird die Welt aus der Sicht der Auto­ver­gla­sung wahr­ge­nom­men (das ist auch in Deutsch­land häu­fig der Fall), was aller­dings dort nur bedingt den gro­ßen Ent­fer­nun­gen geschul­det ist, son­dern zuneh­mend einer fata­lis­ti­schen Ein­stel­lung: man kön­ne ja doch nichts ändern, weder bei sich, noch in der Gesell­schaft.

Durch die Tetons geht es nach dem Jack­son Lake nord­wärts ste­tig auf­wärts bis auf eine kur­ze Sen­ke (und der let­zen Tank­stel­le) am „John D. Rocke­fel­ler, Jr. Memo­ri­al Park­way“. Der Mil­li­ar­där war über die Zer­stö­rung und land­wirt­schaft­li­che Nut­zung des Gelän­des zwi­schen den Tetons und dem Yel­lowstone Natio­nal­park so erzürnt, dass er in den zwan­zi­ger Jah­ren die Gegend zwi­schen bei­den Natio­nal­parks auf­kau­fen ließ und der Natio­nal­park­ver­wal­tung ver­mach­te. Das war in der loka­len Bevöl­ke­rung aller­dings nicht unum­strit­ten und dau­ert schließ­lich doch 20 Jah­re, bis der letz­te Far­mer ver­kauf­te (die meis­ten waren in den drei­ßi­ger Jah­ren auf­grund der wirt­schaft­li­chen Lage nicht unglück­lich, ihr Land ver­kau­fen zu kön­nen). Inzwi­schen wird das Gelän­de von Tier und Mensch als natür­li­che Ver­bin­dung zwi­schen den Natio­nal­parks gese­hen.

Ich füll­te an der Flagg Ranch mei­ne Ach­tel Gal­lo­ne Nor­mal­ben­zin ab (Ben­zin ist das wohl bil­ligs­te „Lebens­mit­tel“ der USA) und wei­ter ging es zur gro­ßen Was­ser­schei­de hin­ter dem Ein­gang zum Natio­nal­park.

Die Teton Ran­ge

Zum Lewis Lake

Die Haupt­rou­te durch den Yel­lowstone Natio­nal­park ähnelt einem gro­ßen grie­chi­schen The­ta (θ), das durch Verb­bin­dun­gen in die Zivi­li­sa­ti­on ergänzt wird. Es gibt einen süd­li­chen Ein­gang, durch den wir kamen (und den Park auch wie­der ver­las­sen woll­ten), einen west­li­chen Ein­gang, der von West Yel­lowstone nach Madi­son Camp­ground führt, einen nörd­li­chen Ein­gang nach Mam­moth Hot Springs und zwei Ein­gän­ge auf der Ost­sei­te des Parks.

Die Haupt­rou­te führt dabei an den mar­kan­tes­ten Tou­ris­ten­punk­ten wie den Gey­sir­be­cken und dem „Old Faith­ful“ vor­bei und beschreibt eine Rund­rou­te von etwa 230 km vor­bei am nörd­li­chen Ein­gang und dem Yel­lowstone Lake. Der süd­west­li­che Teil ist davon der tou­ris­tisch bekann­tes­te und foto­tech­nisch attrak­tivs­te, denn die Moti­ve lau­fen nicht weg. Wäh­rend sich die­se Rou­te mit dem Bus bequem in einem hal­ben Tag erle­di­gen lässt, bedeu­ten die häu­fi­gen Stei­gun­gen eine gro­ße Her­aus­for­de­rung. Außer­dem woll­ten wir ja nicht ein­fach Asphalt fres­sen, son­dern mög­lichst viel sehen. Dem­zu­fol­ge plan­ten wir die Etap­pen auch kür­zer.

Aller­dings nicht kurz genug, denn die Stre­cke von Jack­son Hole zu unse­rem ers­ten Zelt­platz am Lewis Lake kos­te­te nicht nur viel Zeit, son­dern auch viel Kraft. Immer­hin ging es berg­an über eine Gesamt­di­stanz von über 100km. Selbst für uns Erwach­se­ne war die­se Stre­cke mit Gepäck recht anstren­gend – für die Kin­der aber war es grenz­wer­tig. Sie hiel­ten durch, es kos­te­te uns jedoch viel Moti­va­ti­on, sie am nächs­ten Mor­gen zur Wei­ter­fahrt zu bewe­gen. Der Zelt­platz am Lewis Lake ist nicht nur sehr klein, son­dern wie alle Zelt­plät­ze im Yel­lowstone schon mor­gens ab 9 Uhr besetzt. Das sieht dann so aus, dass es für jeden Cam­per einen Stell­platz gibt (nicht immer auch für die rie­si­gen Wohn­mo­bi­le), eine Feu­er­stel­le und einen mehr oder weni­ger ebe­nen Fleck Erde, auf den man ein Zelt ste­cken kann. Lewis Lake gehört dabei zur spar­ta­ni­schen Sor­te, denn außer einem Was­ser­hahn in der Nähe des Plumps­klos gibt es kei­ne sani­tä­ren Ein­rich­tun­gen. Man kommt, sucht sich einen Zelt­platz, füllt einen Zet­tel aus und hängt ihn an den Pflock am Zelt­platz. Irgend­wann kommt dann ein Ran­ger vor­bei und schaut nach, ob auch alles rich­tig ein­ge­tra­gen ist. Das Geld wirft man in eine Box am Ein­gang. Theo­re­tisch. Prak­tisch ist das Land für Rad­ler aber nicht geeig­net, denn die Zelt­plät­ze sind ja schon um 9 Uhr mor­gens ver­ge­ben. Wer als Rad­ler erst am Abend kommt (und die wenigs­ten fah­ren durch die Nacht, was auch nicht emp­feh­lens­wert ist), hat das Nach­se­hen. Zwar gibt es meist spe­zi­ell für „Hikers & Bikers“ eige­ne Zelt­plät­ze ohne Stell­platz für Fahr­zeu­ge, dort aber fin­den sich dann die sport­li­che­ren Auto- und Motor­rad­fah­rer, die ihr Gefährt ein­fach 10 Meter wei­ter weg abstel­len.

So ist man denn meist auf die Gut­mü­tig­keit und die Freund­lich­keit der Zelt­platz­be­set­zer ange­wie­sen. Für uns mit den Tan­dems und zwei Kin­dern war das aller­dings kei­ne Hür­de, denn Fahr­rä­der (und erst recht Tan­dems) im Yel­lowstone haben in etwa den glei­chen Sel­ten­heits­wert wie ein Yeti im Hima­la­ya oder ein Nüch­ter­ner auf dem Okto­ber­fest. Kurz: ein Fami­lie mit Wohn­mo­bil und klei­nem Kind mach­te uns Platz, da der Kur­ze nicht unter frei­em Him­mel über­nach­ten woll­te, son­dern den Schutz des Wohn­mo­bils vor­zog. Der See liegt auf knapp 2400m über Mee­res­hö­he und ist ent­spre­chend frisch. Den­noch zogen wir Abends alle auf dem schma­len Boots­weg bei ein­bre­chen­der Dun­kel­heit noch kurz ans Ufer, um uns wenigs­tens not­dürf­tig den Schweiß und Staub abzu­wa­schen. Denn davon tru­gen wir reich­lich mit uns her­um.

Geysire!

Gey­si­re

Es ist ja kei­nes­wegs so, dass die Gey­si­re unun­ter­bro­chen Was­ser spei­en – ganz im Gegen­teil. Die meis­ten der Gey­si­re blub­bern als Was­ser­lö­cher still vor sich hin. Erst wenn sich im Quell­schacht eine Was­ser­bla­se sam­melt, die den dar­un­ter ent­ste­hen­den Dampf­aust­ritt blo­ckiert, pas­siert das Spek­ta­ku­lä­re: Abhän­gig vom Was­ser­druck des zulau­fen­den Was­sers heizt sich der Dampf weit über den Sie­de­punkt auf und der Druck steigt. Sobald der Dampf­druck grö­ßer ist als das dar­über lie­gen­de Was­ser­ge­wicht, kommt es zum Aus­bruch. Das kann sich in schö­ner Regel­mä­ßig­keit wie­der­ho­len wie beim „Old Faith­ful“, das kann aber auch zwi­schen weni­gen Minu­ten und meh­re­ren Tagen schwan­ken – je nach Jah­res­zeit, Wet­ter und damit Was­ser­zu­lauf. Die meis­ten Was­ser­quel­len sind daher ent­we­der offe­ne Koch­töp­fe, die auf­grund des Bak­te­ri­en­be­wuch­ses in den unglaub­lichs­ten Far­ben leuch­ten, oder aber „Fum­a­ro­len“, also Dampf­lö­cher, aus denen es ein­fach nur zischt.

Auf dem Weg nach oben trans­por­tiert das Was­ser einen nicht unbe­trächt­li­chen Teil an Mine­ra­li­en und gelös­tem Schwe­fel. Für die mensch­li­chen Sin­ne stel­len die hei­ßen Quel­len daher eine zwie­späl­ti­ge Erschei­nung dar: Die Schön­heit der Quel­len, ihr Far­ben­spiel, das durch ein rei­ches Bak­te­ri­en­wachs­tum erzeugt wird, wird über­la­gert von einem pene­tran­ten Geruch nach viel zu lan­ge gekoch­ten Eiern.

Die­se Mine­ra­li­en haben aber noch eine unan­ge­neh­me Eigen­schaft: sie ver­stop­fen nicht nur die Was­ser­läu­fe, son­dern bil­den an der Ober­flä­che auch eine dün­ne Krus­te, die trü­ge­risch mit Flech­ten und har­ten Grä­sern bewach­sen ist. Des Unacht­sa­men Fuß kann da ganz schnell ein­bre­chen und in einem Loch mit kochen­dem Was­ser ver­sin­ken. Daher ist es nicht nur aus Grün­den des Umwelt­schut­zes drin­gend gebo­ten, immer auf den befes­ti­gen Ste­gen zu blei­ben, die die­ses Gelän­de durch­zie­hen.

Das Schö­ne an einem Cam­ping­ur­laub in der Wild­nis ist die völ­li­ge Abwe­sen­heit zivi­li­sa­to­ri­scher Quäl­geis­ter, vor allem nach Son­nen­un­ter­gang: kein Fern­se­hen, kein Com­pu­ter, kein Stra­ßen­ver­kehr, kein Tele­fon – nichts, was das Zir­pen der Gril­len und das Pras­seln der Holz­schei­ten (wir saßen noch kurz am erlö­schen­den Feu­er, das uns die Fami­lie über­las­sen hat­te) stö­ren könn­te. Und auch kei­ne lau­te Unter­hal­tung, denn nicht nur wir waren zum Umfal­len müde. Im Natio­nal­park endet der Tag recht früh am Abend – er beginnt aber auch kurz vor Son­nen­auf­gang. Dann hört man das „Ssssupp“ der Reiß­ver­schlüs­se und das ers­te Brum­meln. Die Näch­te sind kalt und der Schlaf­sack warm. Daher gibt es als Auf­steh­hil­fe zunächst einen hei­ßen Tee vom Kocher. Dazu muss aber Jemand erst Was­ser holen und den Kocher anzün­den. Der Arme (wie­so eigent­lich immer die Väter?) schleicht dann von Son­nen­strahl zu Son­nen­strahl zum Was­ser­hahn und ver­sucht sich mit klam­men Hän­den am Kocher, des­sen Bedie­nung etwas Übung ver­langt. Das aber ist Urlaub. Den Becher mit Tee dann mit den Hän­den umklam­mernd sich in der Son­ne auf­zu­wär­men – purer Luxus.

Bis dann nach dem Auf­ste­hen und dem Früh­stück alles auf den Rädern ver­packt ist, ver­ge­hen gut zwei bis drei Stun­den. Die muss man ein­pla­nen. In der Zwi­schen­zeit ist aber auch der Tages­plan bespro­chen und die Etap­pe ein­ge­teilt („Wir soll­ten heu­te Mit­tag noch Brot besor­gen, weil es sonst über­mor­gen knapp wird.“ – „Heu­te Abend soll­te es nicht zu spät wer­den.“).

Unser Ziel war der Madi­son Camp­ground, etwa 70 km und zwei Was­ser­schei­den ent­fernt, also wie­der ein etwas anstren­gen­der Abschnitt. Aller­dings woll­ten wir am dar­auf­fol­gen­den Tag Pau­se machen und uns die zahl­rei­chen Gey­sir­be­cken anse­hen, an denen wir heu­te vor­bei­fah­ren wür­den. Das bedeu­te­te, dass wir nur den Old Faith­ful mit­neh­men wür­den, der auf dem Weg lag, und dann am fol­gen­den Tag mit unbe­pack­ten Rädern die Stre­cke wie­der zurück­fah­ren konn­ten.

Am frü­hen Nach­mit­tag erreich­ten wir den bekann­tes­ten Gey­sir des Parks, den „Alten Getreu­en“. Lei­der hat­ten wir gera­de einen Aus­bruch ver­passt, so nutz­ten wir die Zeit, die zahl­rei­chen umlie­gen­den hei­ßen Quel­len zu betrach­ten, die uns auch teil­wei­se den Gefal­len taten, direkt vor unse­rer Nase aus­zu­bre­chen.

Lei­der ist auch der „Old Faith­ful“ nicht mehr ganz so impo­sant, wie er vor vie­len Jah­ren noch war, denn der Zulauf ver­siegt. Die Was­ser­fon­tä­ne, die einst wohl an die 90 Meter hoch auf­schoss, erreicht im Som­mer zur Zeit nicht mehr als 25 Meter. Den­noch ist es immer noch ein beein­dru­cken­des Schau­spiel, wenn fast pünkt­lich nach knapp 90 Minu­ten plötz­lich ein dump­fes Grum­meln zu hören ist und weni­ge Sekun­den spä­ter eine wei­ße Was­ser­fon­tä­ne in den Him­mel steigt. Um das Schau­spiel zu beob­ach­ten, hat man in einem wei­ten Umkreis eine Büh­ne gebaut, von der aus sich das Spek­ta­kel sehr gut betrach­ten lässt.

Die Show ist aller­dings genau­so schnell vor­bei, wie sie beginnt. Daher schnapp­ten wir unse­re Räder und kreuz­ten die pazi­fi­sche Was­ser­schei­de gleich zwei­mal, um die Fahrt am Abend mit einer rasan­ten Abfahrt zum Madi­son Camp­ground zu beschlie­ßen.

Bis hier war die Tour nach Plan ver­lau­fen. Bis hier. Immer­hin zwei Tage. Aber an die­sem Abend war­fen wir alle Plä­ne über den Hau­fen und began­nen kom­plett neu zu pla­nen.

Der Old Faith­ful vor dra­ma­ti­scher Kulis­se

Wir hat­ten die Belas­tung unter­schätzt, vor allem für die Kin­der.

Bei unse­rer Stre­cken­pla­nung waren wir von den Erfah­rungs­wer­ten des letz­ten Urlaubs im Yel­lowstone aus­ge­gan­gen, bei dem wir aller­dings weder Tan­dems noch Kin­der dabei hat­ten. Als trai­nier­ter Erwach­se­ner ist es eigent­lich kein Pro­blem, mit Rei­se­rä­dern auch mal 150 km am Stück abzu­rei­ßen, wenn es denn sein muss – weder kör­per­lich noch men­tal, denn die Belas­tungs­fä­hig­keit des Kör­pers hängt ent­schei­dend von der Moti­va­ti­on ab. (Den meis­ten Zeit­ge­nos­sen ist in unse­rer zivi­li­sier­ten und satu­rier­ten Gesell­schaft gar nicht mehr bewusst, wie belas­tungs­fä­hig unser Kör­per eigent­lich ist.)

Aber die Tan­dems und ihr Gewicht und vor allem die Belas­tungs­fä­hig­keit der Kin­der sind eine ande­re Grö­ßen­ord­nung, die wir deut­lich über­schätzt hat­ten. Selbst unse­re mitt­ler­wei­le gut ange­pass­ten Kin­der hat­ten am Abend des zwei­ten Tages ihre Gren­zen erreicht und benö­tig­ten drin­gend eine Pau­se von min­des­tens einem Tag. Als Erwach­se­ne kön­nen wir bes­ser fokus­sie­ren auf ein Ziel, kön­nen Infor­ma­tio­nen, die wir nicht benö­ti­gen, ein­fach aus­blen­den. Kin­der sind da – glück­li­cher­wei­se – wesent­lich auf­ge­schlos­se­ner: Für sie ist alles neu, es beschäf­tigt sie, war­um in den Super­märk­ten Rent­ner an der Kas­se sit­zen, war­um das Ben­zin bil­lig und die Milch teu­er ist, war­um man Ent­fer­nun­gen in Mei­len misst statt in Kilo­me­tern – sol­che Fra­gen kom­men auf und beschäf­ti­gen sie. Sie zu bewäl­ti­gen und zu beant­wor­ten braucht Zeit und Geduld, die jedoch fehlt, wenn man beginnt zu het­zen. Für uns Erwach­se­ne war dies eine Belas­tung, denn es bedeu­te­te, dass wir gege­be­nen­falls die Kin­der mit­zie­hen muss­ten – berg­auf und berg­ab.

Das merk­ten wir deut­lich bei der Ankunft am Madi­son Camp­ground.

Der Westen des Yellowstone

Stre­cken­pla­nung

Auf­stie­ge und Abfahr­ten in den USA all­ge­mein darf man sich nicht vor­stel­len wie in den Alpen oder den Mit­tel­ge­bir­gen Euro­pas, dazu sind die Ent­fer­nun­gen zu groß. Es geht eigent­lich vie­le Stun­den berg­auf oder auch berg­ab, immer gemäch­lich und so, dass die Stei­gung auch mit einem Wohn­mo­bil (RV) leicht zu fah­ren ist. Was im Auto jedoch kaum zu bemer­ken ist, geht beim Fahr­rad­fah­ren nach eini­ger Zeit nicht nur in die Bei­ne, son­dern auch aufs Gemüt, denn hin­ter jeder Kur­ve kann eine neue Stei­gung fol­gen. Und hier die­ser eine wei­te­re …

Das bedeu­tet, dass man bei der Stre­cken­pla­nung ande­re Zeit­räu­me und Geschwin­dig­kei­ten ein­pla­nen muss, denn mit einer kur­zen hef­ti­gen Belas­tungs­spit­ze ist es nicht getan. Auch die Stei­gun­gen wer­den immer wie­der von Mul­den und kur­zen Abfahr­ten unter­bro­chen, die dann beim nächs­ten Anstieg wie­der teu­er erkauft wer­den wol­len. Die­ses stän­di­ge Auf und Ab führt dazu, dass man den Ein­druck hat, kaum vor­wärts zu kom­men und auch kei­ne ver­nünf­ti­ge Tages­etap­pe von mehr als 50 km ein­pla­nen soll­te – zumal mit Kin­dern –, um gege­be­nen­falls noch Reser­ven zu haben, wenn unvor­her­ge­se­he­ne Zwi­schen­fäl­le ein­tre­ten wie Rei­fen­plat­ten oder inter­es­san­te Sehens­wür­dig­kei­ten am Weg­rand. Von die­sen gibt es näm­lich im Yel­lowstone vie­le.

Madi­son Camp­ground liegt am Zusam­men­fluss des Gib­bon River, der von Nord­os­ten kommt, und dem Fire­hole River aus Süden. Auch wenn man das heut­zu­ta­ge kaum noch bemerkt, han­delt es sich um einen geschicht­li­chen Ort, denn dort tra­fen sich 1871 die bei­den Expe­di­tio­nen, die im Auf­trag der Bun­des­re­gie­rung den weit­ge­hend unbe­kann­ten Nord­wes­ten der USA erkun­den soll­ten, und beschlos­sen ange­sichts der Natur­wun­der, die sie gese­hen hat­ten, einen „Park“ zu bean­tra­gen, der nicht indus­tri­ell erschlos­sen wer­den durf­te, son­dern für die Erbau­ung und Bil­dung des Vol­kes unan­ge­tas­tet blei­ben soll­te. Dem Antrag wur­de durch den dama­li­gen Prä­si­den­ten Ulys­ses Grant, dem Nach­fol­ger Lin­colns, statt­ge­ge­ben und der Yel­lowstone Natio­nal­park 1872 als welt­weit ers­ter Natio­nal­park eröff­net. Die dort sie­deln­den India­ner wur­den des Gebiets ver­wie­sen und die Armee über­nahm in der ers­ten Zeit die Ver­wal­tung – eine im Wil­den Wes­ten der USA damals übli­che Pro­ze­dur. Wil­de­rei wur­de streng bestraft und nur die Park­ver­wal­tung unter Auf­sicht der Bun­des­re­gie­rung durf­te Infra­struk­tur­maß­nah­men durch­füh­ren.

Tou­ris­tisch liegt der Madi­son Camp­ground güns­tig, weil es nur ca. 16 Mei­len bis zum West­ein­gang des Parks in Ida­ho sind. Dort, in West Yel­lowstone, wink­te die Zivi­li­sa­ti­on und damit der Nach­schub. Wir beschlos­sen daher am Abend des ers­ten Tages in Madi­son, die Etap­pen zu kür­zen und zwei Tage auf dem Cam­ping­platz zu blei­ben, um die neue Pla­nung auch zu orga­ni­sie­ren. Denn durch das Ver­kür­zen der Etap­pen hat­ten wir mehr Zeit gewon­nen, die Land­schaft zu genie­ßen, unse­re geplan­te Rück­fahrt mit den Rädern war damit aber unmög­lich: Wir benö­tig­ten einen Leih­wa­gen ab Jack­son Hole. Ange­sichts der Tat­sa­che, dass fast im gesam­ten Natio­nal­park das eige­ne Tele­fon wegen feh­len­der Netz­an­bin­dung unbrauch­bar ist, ver­such­ten wir mit dem ein­zi­gen Münz­fern­spre­cher des Cam­ping­plat­zes, in Jack­son anzu­ru­fen und eine Auto­ver­mie­tung auf­zu­trei­ben, die ein aus­rei­chend gro­ßes Auto für eine Ein­weg­fahrt bereit stel­len konn­te. Obwohl in den USA alles auf den Auto­ver­kehr abge­stellt ist, war es gar nicht ein­fach, einen Miet­wa­gen zu bekom­men. So stan­den wir alle dau­men­drü­ckend um die Tele­fon­zel­le her­um wäh­rend mei­ne Frau das Unmög­li­che wahr mach­te.

Falls wir kei­nen Wagen bekom­men hät­ten, hät­ten wir die Stre­cke zurück­fah­ren müs­sen, was aber wegen der Etap­pen­ver­kür­zung dazu geführt hät­te, dass wir den Yel­lowstone vor­zei­tig ver­las­sen hät­ten müs­sen. So aber griff dann Plan C: den Yel­lowstone mit weni­ger Het­ze zu durch­fah­ren und dann ab Jack­son mit dem Leih­wa­gen zurück nach Salt Lake City zu fah­ren. Dies bedeu­te­te eine Erspar­nis von etwa 5 Tagen. Die Kin­der tanz­ten vor Freu­de, als sie merk­ten, dass auch unse­re Anspan­nung nach­ließ. Damit aber ließ auch der Druck nach, mög­lichst alles an einem Tag mit­zu­neh­men, und wir beschlos­sen, gemein­sam nach West Yel­lowstone zu fah­ren, um dort die Vor­rä­te auf­zu­fül­len und einen Ruhe­tag ohne wei­te­re Auf­re­gun­gen ein­zu­le­gen. Erst am Tag danach fuh­ren wir mit den unbe­pack­ten Rädern die Stre­cke bis zum Old Faith­ful zurück und sahen uns unter­wegs die zahl­rei­chen Gey­si­re und hei­ßen Quel­len an.

Eines der fas­zi­nie­rends­ten Phä­no­me­ne der hei­ßen Quel­len sind die ther­mo­phi­len Bak­te­ri­en. Im Gegen­satz zur land­läu­fi­gen Erfah­rung, dass alles Leben ober­halb einer Tem­pe­ra­tur von 42 °C durch den Zer­fall der Eiweiß­ket­ten unmög­lich ist, gibt es Lebe­we­sen, die nicht nur wesent­lich höhe­re Tem­pe­ra­tu­ren aus­hal­ten, son­dern sogar benö­ti­gen. Sol­che Bak­te­ri­en hat man in der Tief­see gefun­den, wo sie dem enor­men Was­ser­druck trot­zen und in der Nähe der unter­mee­ri­schen Vul­ka­ne gedei­hen – und auch an den Rän­dern der hei­ßen Quel­len haben sie eine Nische gefun­den. Je nach Tem­pe­ra­tur besit­zen sie zudem eine ande­re Far­be und bil­den an den Rän­dern der Quel­len dadurch einen cha­rak­te­ris­ti­schen far­bi­gen Bak­te­ri­en­ra­sen, des­sen Farb­ge­bung die jewei­li­ge Was­ser­tem­pe­ra­tur anzeigt.

Das beein­dru­cken­de Far­ben­spiel des Bak­te­ri­en­ra­sens an einer hei­ßen Quel­le

Über den Rand

Der Yel­lowstone ist ein alter Kra­ter. Was man mit dem Auto kaum merkt, erlebt man mit dem Fahr­rad umso inten­si­ver, denn um aus dem Kra­ter her­aus­zu­kom­men, muss man auf­wärts. Ange­sichts der Grö­ße des Kra­ters ist das ein Auf­stieg über zwei Tage bis zum Nord­aus­gang bei Mam­moth Hot Springs. Die Stre­cke führt vor­bei am Nor­ris Gey­sir­be­cken, wo uns im August der Nacht­frost dar­an erin­ner­te, dass wir uns auf knapp 2300 über dem Mee­res­spie­gel befan­den. Nörd­lich der Nor­ris Junc­tion wird die Stra­ße schma­ler, denn hier zweigt die klei­ne Schlei­fe durch den Park ab, die direkt hin­über zum Yel­lowstone River führt. Dort­hin don­ner­ten glück­li­cher­wei­se auch die zahl­rei­chen Motor­rä­der. Unser Ziel war der Nord­ein­gang. Und hier begann auch der stil­le­re Teil des Natio­nal­parks, was sich an den häu­fi­ge­ren Tier­be­ob­ach­tun­gen erken­nen ließ: Die Bisons stan­den direkt am Stra­ßen­rand und beäug­ten uns miss­trau­isch. Ich sie aller­dings auch, denn die­se Kolos­se gehö­ren zu den gefähr­lichs­ten Spe­zi­es des Parks. Sie errei­chen Höchst­ge­schwin­dig­kei­ten von 50 km/​h und ein Gewicht von 900 kg. Für nor­ma­le Fahr­rä­der sind sie damit zu schnell und weit über unse­rem zuläs­si­gen Trans­port­ge­wicht. Ein Zusam­men­stoß mit einem sol­chen Tier endet damit immer recht ein­sei­tig zuun­guns­ten des Rad­lers.

Eine Erfah­rung, die ich bei­na­he mach­te, als ich auf einer klei­nen Abfahrt in die Kur­ve ging und plötz­lich ein Koloss aus dem Gebüsch auf die Stra­ße schritt. Mit vol­lem Gepäck und zwei Per­so­nen erreich­te das Tan­dem etwa 140 kg und etwa 40 km/​h – zu wenig für den Bison. Da der Büf­fel aber ste­hen blieb, konn­te ich ihm gera­de noch aus­wei­chen und ver­fehl­te ihn um etwa 70 cm. Was mir den Schreck in die Glie­der trieb, schien ihn nicht im Min­des­ten zu beein­dru­cken. Den­noch zog ich es vor, lang­sam wei­ter zu rol­len, um nicht den Ein­druck her­vor­zu­ru­fen, ich woll­te mit ihm spie­len.

Mit sol­chen Situa­tio­nen muss man aller­dings in den Natio­nal­parks immer rech­nen und so ver­hiel­ten wir uns ruhig in gebüh­ren­dem Abstand, bis er die Stra­ße hin­ter uns geräumt hat­te und wir die Fahrt nach Mam­moth Hot Springs fort­set­zen konn­ten. Dort war­te­ten die Sin­ter­ter­ras­sen auf uns.

Ein Bison fried­lich gra­send am Stra­ßen­rand. Manch­mal kom­men sie auch näher …

Die stun­den­lan­ge Fahrt mit einem Fahr­rad ist kei­nes­wegs eine ein­tö­ni­ge und ein­fach nur anstren­gen­de Tätig­keit, auch wenn zahl­rei­che Nicht-Rad­ler oft davon aus­ge­hen. Rad­fah­ren macht den Kopf frei: Es setzt gera­de auf­grund der ein­tö­ni­gen Bewe­gung Gedan­ken in Gang, die um die unter­schied­lichs­ten The­men krei­sen kön­nen und im All­tag kaum Zeit haben, an die Ober­flä­che zu kom­men. Zumal auf einem Tan­dem hat­ten wir dabei die Mög­lich­keit, die­sen Gedan­ken nach­zu­hän­gen und ihnen eine Form zu geben. Anlass dazu waren natür­lich die Ereig­nis­se und Phä­no­me­ne, denen wir auf der Fahrt begeg­ne­ten, bei­spiels­wei­se der Unter­grund, auf dem wir fuh­ren. Denn der Yel­lowstone ist der größ­te Vul­kan der Erde.

Man kann sich den Yel­lowstone als eine gro­ße Beu­le vor­stel­len, die schon vie­le Jahr­mil­lio­nen exis­tier­te, bevor eben jener gro­ße Aus­bruch geschah (und auf des­sen erneu­te Erup­ti­on die Geo­lo­gen schon län­ger war­ten). Dem­zu­fol­ge hat­te der Yel­lowstone bereits einen Kra­gen, als er noch um eini­gen hun­dert Meter höher war und ver­mut­lich eher den islän­di­schen Vul­ka­nen ähnel­te – jenen rie­si­gen fla­chen Beu­len mit zahl­rei­chen Schlo­ten in Gip­fel­nä­he, die mit unse­rer klas­si­zis­tisch gepräg­ten Kegel­form eines Ätna oder Fuji wenig gemein haben. Sei­ne heu­ti­ge Schüs­sel­form erhielt er erst mit jener gro­ßen Erup­ti­on, die die gewal­ti­ge Mag­mab­la­se auf einen Schlag leer­te.

Das Nor­ris Gey­sir­be­cken

Als er vor über 600.000 Jah­ren aus­brach, müs­sen rie­si­ge Men­gen Staub und Asche in die Erd­at­mo­sphä­re frei­ge­setzt wor­den sein – mit gewal­ti­gen Fol­gen für das glo­ba­le Kli­ma. Es wäre für unse­re Zivi­li­sa­ti­on ver­mut­lich das siche­re Ende, wür­de ein sol­cher Aus­bruch wie der des Yel­lowstone noch ein­mal gesche­hen: Wir hät­ten einen jahr­hun­der­te­lan­gen Win­ter zu über­ste­hen, der uns in die Stein­zeit zurück­wer­fen wür­de.

Und doch war der Aus­bruch des Yel­lowstone nur eine der zahl­rei­chen geo­lo­gi­schen Kata­stro­phen, die das Leben auf unse­rem Pla­ne­ten in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den bedroh­ten und immer noch bedro­hen. Bis­lang hat sich das Leben jedoch als äußerst zäh und anpas­sungs­fä­hig erwie­sen. Gera­de Letz­te­res, die Anpas­sungs­fä­hig­keit, dürf­te auch der ent­schei­den­de Vor­teil man­cher Spe­zi­es gewe­sen sein, als sich in der Fol­ge sol­cher geo­lo­gi­scher Kata­stro­phen das Kli­ma inner­halb kur­zer Zeit dra­ma­tisch änder­te. Erstaun­li­cher­wei­se beruh­te das Über­le­ben immer auf den glei­chen weni­gen Fak­to­ren: Hohe Repro­duk­ti­ons­fä­hig­keit und Diver­si­fi­ka­ti­on. Je gleich­för­mi­ger die Spe­zi­es war (und ist), des­to gerin­ger waren ihre Über­le­bens­chan­cen – trotz der hohen Ver­brei­tung. (Ein Phä­no­men, die sich mit­un­ter auch auf unse­re Zivi­li­sa­ti­on recht gut über­tra­gen lässt…)

Die Sinterterrassen von Mammoth Hot Springs

Schon lan­ge vor dem bis­lang letz­ten gro­ßen Aus­bruch hat­te die Lava des Yel­lowstone die umlie­gen­den Täler und Nie­de­run­gen gefüllt. Das gelb­lich bis ocker­far­be­ne Gestein, das vor allem den Nord­rand des Yel­lowstone aus­zeich­net, ist Rhyo­lith. Die­ses Gestein ist es auch, das dem Yel­lowstone sei­nen Namen gibt. Durch die Spal­ten im Gestein dringt auch auf der Nord­sei­te des Kra­ters hei­ßes Was­ser an die Ober­flä­che und spült dabei Mine­ra­li­en aus dem Gestein. Wäh­rend es im Kra­ter selbst jedoch haupt­säch­lich eine basi­sche Lösung ist, sind die Quel­len im Nor­ris Gey­sir­be­cken und nörd­lich davon sehr sau­er, so dass es dort pene­trant nach Essig riecht. Säu­re aber löst Kalk, der am Nord­rand als Über­rest eines urzeit­li­chen Mee­res noch vor­han­den ist. Kalk­hal­ti­ges Was­ser, das ein­trock­net, hin­ter­lässt einen leich­ten Kal­küber­zug auf dem Unter­grund, der sich über vie­le Jah­re veri­ta­blen schnee­wei­ßen Schich­ten auf­bau­en kann solan­ge genü­gend kalk­hal­ti­ges Was­ser zuge­führt wird.

Mam­moth Hot Springs unter­halb der Sin­ter­ter­ras­sen

Die Kalk­schich­ten bil­den in fla­chen Mul­den klei­nen Pfüt­zen, an deren Rand durch die höhe­re Ver­duns­tung eine dicke­re Kalk­schicht ent­steht und das Was­ser zusätz­lich ver­lang­samt. Läuft die­se klei­ne Wan­ne über, bil­det sich dahin­ter eine neue, so dass im Lau­fe der Jahr­tau­sen­de ein rie­si­ges Are­al aus neben­ein­an­der­lie­gen­den Wan­nen ent­steht, das der Stei­gung des Gelän­des folgt: die Wan­nen wach­sen als Sin­ter­ter­ras­sen sozu­sa­gen den Hügel hin­un­ter, sofern genü­gend kalk­hal­ti­ges Was­ser nach­strömt. Da das Was­ser des nörd­li­chen Yel­lowstone nicht nur auf­grund sei­ner che­mi­schen Zusam­men­set­zung den Kalk aus dem Gestein löst und ihn an der Ober­flä­che abla­gert, son­dern auch noch warm ist, wach­sen die Ter­ras­sen ver­gleichs­wei­se schnell auf­grund der Ver­duns­tung. (Klei­ne Rand­be­mer­kung: „schnell“ ist hier geo­lo­gisch gemeint, denn für die pracht­vol­len Ter­ras­sen muss sich man schon mal 1000 Jah­re gedul­den kön­nen…)

Hef­ti­ge Sin­ter­bil­dung

Als wir am Nach­mit­tag Mam­moth Hot Springs, qua­si neben dem Yel­lowstone Lake das tou­ris­ti­sche Zen­trum des Natio­nal­parks, nach einer rasen­den Abfahrt den Kra­ter­rand hin­ab anka­men, beschlos­sen wir zunächst die Zel­te auf­zu­bau­en, bevor wir den Ter­ras­sen einen Besuch abstat­ten wür­den. Der Cam­ping­platz liegt noch ein klei­nes Stück­chen unter­halb der Hotels und wird von der Stra­ße zum Nord­aus­gang nach Gar­di­ner umschlos­sen. Wir lie­ßen daher die Tan­dems auf dem Zelt­platz zurück und gin­gen zu Fuß zu den Sin­ter­ter­ras­sen. Die­se sind zwar auch teil­wei­se mit dem Auto durch­fahr­bar, der Erleb­nis­wert hält sich dabei aber stark in Gren­zen: Man sieht nüscht. Wir hat­ten jedoch Glück mit dem Licht, denn die leich­te abend­li­che Ein­trü­bung vor Son­nen­un­ter­gang ver­lieh dem glit­zern­dem Was­ser eine fast gold­ähn­li­che Anmu­tung.

Gold oder nicht Gold?
Ver­an­stal­tun­gen der Natio­nal­park­ver­wal­tung

Es ist bei­lei­be nicht so, dass die Ange­stell­ten der staat­li­chen Natio­nal­park­ver­wal­tung nur am Ein­gang der Natio­nal­parks sit­zen und Ein­tritts­kar­ten ver­kau­fen oder sich um den Erhalt der Stra­ßen und Über­nach­tungs­plät­ze küm­mern. Sie haben auch einen Bil­dungs­auf­trag, dem sie mit oft inter­es­san­ten Vor­trä­gen und Füh­run­gen nach­kom­men. So gibt es im Yel­lowstone Natio­nal­park an fast jedem Camp­ground ein klei­nes „Amphi­thea­ter“ mit Lein­wand, in dem regel­mä­ßig von den „Ran­gers“ Vor­trä­ge gehal­ten wer­den –  inklu­si­ve Dia­show. Sehr emp­feh­lens­wert. Aller­dings nur bei gutem Wet­ter …

Die The­men und Zei­ten fin­det man auf dem Anschlag­brett am Ein­gang der Camp­grounds und kann sie auch dort erfra­gen.

Am Abend nah­men wir an einem inter­es­san­ten und sehr anschau­li­chen Vor­trag zu den Greif­vö­geln Nord­ame­ri­kas und des Yel­lowstone teil (sie­he auch Kas­ten rechts).

Ein Experiment für die Sinne

Ange­spornt von der Tat­sa­che, dass hier schon Men­schen leb­ten, bevor sie von der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on ver­trie­ben wur­den, fühl­te ich mich zu dem Expe­ri­ment ermu­tigt, den Brenn­wert und das Brenn­ver­hal­ten von Bison-Dung zu tes­ten. Das Expe­ri­ment an sich war ein gro­ßer Erfolg, denn der Dung qualmt zwar ent­setz­lich und stinkt wie ein bren­nen­der Aschen­be­cher, ist aber fast nicht lösch­bar. Er glimmt ganz lang­sam durch und setzt dabei erstaun­lich viel Hit­ze frei. Das Expe­ri­ment muss­te ich lei­der um Mit­ter­nacht been­den, als mich die Ran­ger dar­auf auf­merk­sam mach­ten, dass die zehn Liter Was­ser, die ich über die Feu­er­stel­le gegos­sen hat­te, bei Wei­tem nicht aus­reich­ten …

Fazit: Tro­cke­ner Bison-Dung ist her­vor­ra­gend zum Wär­men der Hüt­te in kal­ten Win­ter­näch­ten geeig­net. Man soll­te aller­dings eine völ­lig ver­stopf­te Nase haben.

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Was aber abwärts führt, geht auch wie­der hin­auf, zumin­dest beim Rad­fah­ren. Wir muss­ten am nächs­ten Tag die Rück­rei­se antre­ten, was bedeu­te­te, dass wir auf dem Rück­weg zum Yel­lowstone Lake den Dun­ra­ven-Pass auf etwa 2700 m über­que­ren muss­ten, immer­hin mehr als 800 Meter über uns. Das bedeu­te­te aber auch, wie­der über den Kra­ter­rand hin­ein in die Cal­de­ra zu gelan­gen – und zwar auf einer stei­le­ren Tour als der Weg hin­aus. Nein, nicht stei­ler, da sonst die über­di­men­sio­nier­ten rol­len­den Wohn­zim­mer die Stei­gung nicht schaf­fen könn­ten, son­dern län­ger.

Mit unse­rer neu­en Pla­nung bedeu­te­te das, dass wir zwei Tage fah­ren müss­ten, um zum Can­yon-Vil­la­ge Camp­ground zu gelan­gen – dem mit den Duschen. Das war natür­lich schon Moti­va­ti­on, auch wenn ich mich mitt­ler­wei­le dar­an gewöhnt hat­te, wie ein alter Trap­per zu rie­chen. Dazwi­schen lag der Dun­ra­ven-Pass, der nur des­halb von der Stra­ße über­quert wird, weil west­lich und öst­lich tie­fe Schluch­ten lie­gen, die den Mount Wash­burn (3122m) umge­ben. Um dort­hin zu gelan­gen, muss­ten wir nach Tower Falls, was ein stän­di­ges Auf und Ab ent­lang des nörd­li­chen Kra­ter­rands bedeu­te­te. Hier gibt es kei­ne hei­ßen Quel­len, hier gibt es nur reich­lich Land­schaft.

 

Der Blick nach Osten

Tower Falls

Hygie­ne

Ein heik­les The­ma ist das der per­sön­li­chen Kör­per­hy­gie­ne in der Natur. Wäh­rend sich auf einem Zelt­platz eine Besu­che­rin dar­über beschwer­te, dass es kei­ne Duschen gäbe, ver­fü­gen nur die wenigs­ten Zelt­plät­ze über mehr als ein Plumps­klo und einen Was­ser­hahn. Dies führt natür­lich ange­sichts der stei­gen­den Besu­cher­zah­len zu einer stei­gen­den Gefahr von Darm­in­fek­tio­nen. Ande­rer­seits aber kann schon auf­grund der Grö­ße des Parks kei­ne durch­gän­gi­ge Kana­li­sa­ti­on ein­ge­rich­tet wer­den. Dazu wäre nicht nur ein Frisch­was­ser­an­schluss, son­dern vor allem auch eine gigan­ti­sche Klär­an­la­ge not­wen­dig, die dem Sinn eines Natio­nal­parks wider­spre­chen wür­de.

Wir haben aller­dings die Erfah­rung gemacht, dass das Trink­was­ser aus den Lei­tun­gen im Yel­lowstone zwar ent­setz­lich schmeckt (wegen der star­ken Chlor­ung), aber ein­wand­frei ver­träg­lich ist. Als Rad­ler ver­zich­tet man sowie­so auf allen unnö­ti­gen Schnick­schnack wie Haar­trock­ner und elek­tri­sche Zahn­bürs­te. Daher hat­ten wir auch mit den ein­fa­chen sani­tä­ren Anla­gen kei­ne Pro­ble­me, denn die­se sind durch­weg sau­ber. Man muss sich dar­auf ein­stel­len, dass man eben drau­ßen ist.

Abge­se­hen davon reagie­ren auch die Tie­re sehr emp­find­lich auf jene „Duft­stof­fe“, die wir benut­zen, um von unse­rem Kör­per­ge­ruch abzu­len­ken. Für die Nasen der Tie­re riecht das näm­lich meist nicht ange­nehm, son­dern bedroh­lich. Mit ande­ren Wor­ten: Es ist in einem Natio­nal­park  über­haupt kein Pro­blem, sich an die olfak­to­ri­schen Gepflo­gen­hei­ten der orts­an­säs­si­gen Tie­re anzu­pas­sen. Das tun eigent­lich alle mensch­li­chen Besu­cher nach ein paar Tagen …

Tower Falls ist ein Rast­platz am Was­ser­fall des Tower Creek, der sich dort aus 40m Höhe todes­mu­tig in den Yel­lowstone stürzt. Für uns war es das ers­te Ziel am Abend nach der lan­gen Anfahrt aus Mam­moth – und eine klei­ne Moti­va­ti­ons­hil­fe: Denn wenn es in den USA einen Rast­platz gibt, dann gibt es dort auch einen Store. Und wenn es einen Store gibt, gibt es auch Kaf­fee und Eis. Der ers­te, der jetzt an die Kalo­ri­en denkt, die so ein sta­bi­les ame­ri­ka­ni­sches Eis („Coo­kies & Cream anyo­ne?“) in sich trägt: Kei­ne Angst, jede Kalo­rie ist hart erar­bei­tet und wird vom Kör­per drin­gend benö­tigt. Nicht nur, dass man auf sol­chen Tou­ren immer im roten Bereich der Ener­gie­ver­sor­gung fährt, auch der Zucker­man­gel macht sich auf Dau­er bemerk­bar.

Neben dem Was­ser­fall hat Tower Falls auch einen etwas abseits gele­ge­nen Cam­ping­platz zu bie­ten, der wie bereits in Lewis Lake kei­ne zivi­li­sa­to­ri­schen Annehm­lich­kei­ten zu bie­ten hat, also auch kein WC. Aller­dings wird dort flei­ßig gebaut und die Park­ver­wal­tung ist sehr dar­um bemüht, alle Cam­ping­plät­ze des Parks mit flie­ßen­dem Was­ser aus­zu­stat­ten, da die Gefahr einer Noro­vi­rus-Epi­de­mie sehr hoch ist. Wach­sen­de Besu­cher­strö­me und unzu­rei­chen­de Wasch­mög­lich­kei­ten bie­ten den Bak­te­ri­en näm­lich einen her­vor­ra­gen­den Nähr­bo­den (sie­he auch rechts).

Dunraven

Wir waren sehr früh in die Schlaf­sä­cke gekro­chen, denn der kom­men­de Tag soll­te das Meis­ter­stück der Rad­tour wer­den. Wegen des dau­ern­den Auf und Ab zwi­schen Mam­moth und Tower Falls hat­ten wir kei­ne Höhen­me­ter gut­ge­macht. Die­se kamen jetzt auf uns zu. Wir hat­ten die Kin­der schon in Mam­moth dar­auf ein­ge­stellt und mit ihnen mehr­mals die Kar­ten stu­diert, so dass jetzt der ent­schei­den­de Tag vor uns lag. Wir Erwach­se­nen hat­ten kei­ne Zwei­fel, die eigent­lich fla­chen Anstie­ge eben einen gan­zen Tag lang zu fah­ren – die Sor­ge galt eher der Moti­va­ti­on der Kin­der, die ja mit­tre­ten soll­ten, um aus der Tour eine Gemein­schafts­ak­ti­on zu machen und kei­nen Eltern-Kind-Aus­flug.

Und es zog sich. Immer wie­der mach­ten wir Pau­se, um einen Schluck Was­ser zu trin­ken und die Aus­sicht zu genie­ßen. Nach jeder Kur­ve freu­te ich mich auf einen küh­len­den Wind­hauch und zuneh­mend auch auf die Aus­sicht, in Salt Lake City in das bes­te mexi­ka­ni­sche Restau­rant des Ortes zu gehen. Vor allem das küh­le Bier dort schweb­te mir vor Augen…

Mitt­ler­wei­le war das Tief abge­zo­gen, das uns noch in Madi­son gestört hat­te (ernst­haft nass war es nicht), und die Son­ne brann­te recht warm auf den Rücken. Da wir recht gemäch­lich fuh­ren, boten unse­re ver­schwitz­ten Kör­per auch den Insek­ten ein will­kom­me­nes Ziel – sei es zum Mit­fah­ren oder zum Abpum­pen. Unter den Insek­ten, die sich auf Letz­te­res ver­le­gen, ist beson­ders die Brem­se ein Quäl­geist, da sie über eine hohe Lern­re­sis­tenz ver­fügt und meist umstands­los zur Sache kommt. Zwar ver­schwin­den die Sti­che recht bald, schmer­zen aber anfangs ziem­lich und beein­träch­ti­gen dabei das Len­ken. Ich war daher ganz froh, dass mit zuneh­men­der Höhe in der Nähe des Mount Wash­burn auch der Wind stär­ker wur­de – selbst wenn er von vor­ne kam.

 

Blick vom Mount Wash­burn nach Süd­west. Im Hin­ter­grund der Kra­ter­rand. Die Baum­stümp­fe (vor­ne) sind Opfer eines der häu­fi­gen Brän­de.

Die Stra­ße über den Dun­ra­ven Pass erreicht kurz hin­ter dem Wan­der­weg zum Mount Wash­burn ihre end­gül­ti­ge Höhe und führt dann nur noch wenig anstei­gend um den hal­ben Gip­fel her­um, bevor sie in eine zünf­ti­gen Abfahrt zum Yel­lowstone River über­geht. Jetzt lie­ßen wir die Räder lau­fen. Das ist der Moment, in dem das Herz zu sin­gen anfängt.

Da wir nach der kur­zen aber hef­ti­gen Tour über den Pass noch recht früh am Cam­ping­platz anka­men und uns das gesam­mel­te Lob der Ran­ger abhol­ten, mach­ten wir uns zu Fuß auf den Weg zum Yel­lowstone Can­yon. Eine will­kom­me­ne Abwechs­lung – und eine inter­es­san­te noch dazu, denn so beka­men wir Gele­gen­heit, auch die hei­mi­sche Vogel­welt zu Gesicht zu bekom­men. Durch die schrof­fen Fels­wän­de und die Vor­sprün­ge hoch über dem Fluss­bett bie­ten sich dem Fisch­ad­ler („Osprey“) zahl­lo­se Nist­mög­lich­kei­ten, die er auch weid­lich nutzt. Wir sahen sogar einen Horst mit zwei fast flüg­gen Jung­ad­lern, die gera­de von einem Eltern­teil ver­sorgt wur­den.

Den Tag beschlos­sen wir mit einer ful­mi­nan­ten Dusche. End­lich. 

Der Yel­lowstone Can­yon

Bei­na­he wäre ich Gefahr gelau­fen, in der Dusche zu ertrin­ken – wenn nicht noch das Abend­essen auf mich gewar­tet hät­te, zu dem es dies­mal spät gewor­den war, denn die Duschen lie­gen zen­tral am Ein­gang des Cam­ping­plat­zes und der Zelt­platz ist sehr weit­läu­fig. Wir aßen beim Licht der Taschen­lam­pe und freu­ten uns auf die nun fol­gen­de fla­che Stre­cke am Yel­lowstone Lake ent­lang.

Zwar liegt der Can­yon Vil­la­ge Camp­ground am Fluss und bis zum See sind es noch etwa 25 km, aber die­se Stre­cke führt bis zum See ohne nen­nens­wer­te Stei­gun­gen. Zumin­dest kei­ne ver­gleich­ba­ren zum Vor­tag. Dafür aber wur­de es plötz­lich neb­lig – dach­te ich zunächst, bis ich das Schild „Mana­ged Wild­fire“ sah und den bei­ßen­den Geruch von bren­nen­dem Gras in der Nase hat­te. Ver­wal­te­te Wald­brän­de sind eine hohe Kunst in tro­cke­nen Län­dern und die Ran­ger des Yel­lowstone haben es dar­in zur Meis­ter­schaft gebracht, wie wir bald erfuh­ren. Im Grund geht es dar­um, die immer wie­der aus­bre­chen­den Busch­brän­de (das Gras zwi­schen den Bäu­men ist zwar schüt­ter, aber sehr brenn­bar) unter Kon­trol­le zu hal­ten statt sie zu löschen (sie­he auch Kas­ten rechts).

Der Wil­de Wes­ten ist vor­nehm­lich bewach­sen von Nadel­bäu­men. Dies sind beson­ders gut ange­passt und trot­zen den extre­men kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen von klir­ren­dem Frost im Win­ter und sen­gen­der Hit­ze im Som­mer mit nur weni­gen Nie­der­schlä­gen. Die Bäu­me wach­sen nur lang­sam und haben sehr har­te Nadeln mit einer fes­ten Außen­haut, die nur wenig Was­ser ent­kom­men lässt. Die Beson­der­heit liegt jedoch in den Zap­fen, die nach dem Abwurf gar nicht kei­men. Sie öff­nen sich erst nach einem kur­zen Gras­brand und las­sen sie Kei­me auf die Asche fal­len. Dadurch nut­zen die Kei­me die Nähr­stof­fe bes­ser und wer­den aus­rei­chend von Regen befeuch­tet, denn die gro­ßen Bäu­me bestehen nur noch aus ver­kohl­ten Stäm­men, die kei­nen Regen mehr abschir­men kön­nen. Mit ande­ren Wor­ten: erst wenn die alten Bäu­me durch einen Brand abster­ben, kön­nen die neu­en Bäu­me wach­sen. Der Park braucht also das Feu­er. Und das ist auch der Grund, war­um man die Brän­de nur ein­zu­däm­men ver­sucht, statt sie zu löschen.

Wildfire

Der Wes­ten der USA ist ein Busch­brand­ge­län­de: Oft genügt ein Fun­ke, um Flä­chen von der Grö­ße eines deut­schen Bun­des­lan­des in Asche zu ver­wan­deln. Um die­ser stän­di­gen Gefahr zu begeg­nen, schla­gen die Ran­ger in den Natio­nal­parks kei­ne Schnei­sen in den Wald, son­dern bren­nen gezielt gegen die Feu­er­wal­ze, die der Wind­rich­tung folgt. Die Wet­ter­da­ten zu Wind­rich­tung und Wind­stär­ke sind daher das wich­tigs­te Werk­zeug bei der Ein­däm­mung der Brän­de. Die Brän­de, sofern sie nicht zu groß wer­den, ver­brei­ten sich haupt­säch­lich im tro­cke­nen Gras, das zwar schnell, aber auch nur kurz brennt. Die meis­ten Bäu­me besit­zen eine recht feu­er­fes­te Bor­ke, so dass ihnen ein kur­zer Gras­brand wenig anha­ben kann und nur die unte­ren Zwei­ge ver­sengt. Dies wird bei der Brand­be­kämp­fung genutzt, indem die Gras­brän­de auf nicht brenn­ba­re Flä­chen zuge­trie­ben wer­den. Flüs­se bei­spiels­wei­se, Seen – aber auch Stra­ßen.

Letz­te­res ist für Besu­cher recht unan­ge­nehm, denn die Rauch­ent­wick­lung ist enorm, auch wenn es „nur“ Gras ist, das brennt. In der Nähe der Brän­de wird die Stra­ße daher gesperrt, um die Unfall­ge­fahr durch schlech­te Sicht zu ver­rin­gern. Für uns Rad­fah­rer ist das aber noch weit­aus unan­ge­neh­mer, denn die Rauch­schwa­den trü­ben nicht nur die Sicht und rei­zen die Atem­we­ge, eine gesperr­te Stra­ße kann auch das Ende der Fahrt und einen rie­si­gen Umweg von meh­re­ren Tagen bedeu­ten.

Wir hat­ten jedoch mal wie­der Glück, denn die Stra­ße zum Yel­lowstone Lake wur­de durch den leich­ten West­wind zwar als Brand­sper­re aus­er­ko­ren, jedoch erst etwa zwei Stun­den nach unse­rer Durch­fahrt für unbe­stimm­te Zeit gesperrt. Eine Sper­rung nur weni­ge Stun­den vor­her hät­te das Ende der Tour bedeu­tet, denn dann hät­ten wir über Nor­ris wie­der zur Madi­son Junc­tion zurück­fah­ren müs­sen – min­des­tens zwei Tage zusätz­lich, die wir nicht mehr hat­ten. Von die­sem Glück erfuh­ren wir aller­dings erst, als wir Mit­tags­pau­se am Bridge Bay Camp­ground mach­ten.

Da brennt der Wald

Materialverschleiß

Aller­dings ereil­te uns dort der nächs­te Schre­cken: Mei­ne Ket­te hat­te bereits seit ein paar Stun­den ein merk­wür­di­ges Kna­cken von sich gege­ben und die Schal­tung funk­tio­nier­te nicht mehr rich­tig. Am Rast­platz stell­te ich dann fest, dass ein Ket­ten­glied geris­sen war und nur noch mit einer Hälf­te die Ket­te zusam­men­hielt. Dadurch konn­te die Ket­te nicht mehr der Schal­tung fol­gen und wur­de natür­lich an die­ser Stel­le extrem belas­tet. Es war nur eine Fra­ge der Zeit, bis sie riss. Ich hat­te zwar alle mög­li­chen Ersatz­tei­le dabei, aber eine Ket­te gehör­te nicht dazu. Nun war guter Rat teu­er, denn im Natio­nal­park gibt es natür­lich kei­ne Fahr­rad­händ­ler. Wir beschlos­sen daher, es dar­auf ankom­men zu las­sen und vor­sich­tig ohne zu schal­ten (das belas­tet die Ket­te am meis­ten) bis zum Camp­ground am West Thumb zu fah­ren – dort wo die Rund­fahrt durch den Yel­lowstone sich schließt und wir auch an die­sem Tag woll­ten.

Das ori­gi­nal Bikers‘ Sand­wich

Ein ech­tes Sand­wich für Rad­fah­rer, die wenig trans­por­tie­ren, aber viel ver­tra­gen kön­nen, lässt sich fol­gen­der­ma­ßen her­stel­len:

  • Ame­ri­ka­ni­sches Toast­brot (deut­sches ist zu tro­cken), am bes­ten who­le­wheat
  • Pea­nut­but­ter (smooth oder crun­chy, ich bevor­zu­ge Letz­te­res)
  • Jam (Geschmacks­rich­tung Erd­bee­re oder Apri­ko­se)
  • Käse (der Ched­dar oder Marbled Cheese aus dem Kühl­re­gal)
  • Apfel

Zube­rei­tung:

Eine Brot­schei­be (unge­toas­tet, wir sind in der Wild­nis) vor­sich­tig mit Pea­nut­but­ter bestrei­chen, dar­auf dünn Käse­schei­ben legen. Eine zwei­te Schei­be Toast mit Mar­me­la­de („Jam“) bestrei­chen und mit der bestri­che­nen Sei­te nach unten dar­auf legen. Dann gleich­mä­ßig zusam­men­drü­cken. Den Apfel gibt es dazu, damit auch die Zäh­ne beschäf­tigt sind.

Dazu emp­fiehlt der Chef Lei­tungs­was­ser, das gegen den durch­drin­gen­den Chlor­ge­schmack mit etwas Oran­gen­saft ver­dünnt wird. Als Nach­tisch gibt es außer­dem die unnach­ahm­li­chen Cho­co­la­te Chip Coo­kies.

Am fol­gen­den Tag woll­te ich dann nach Jack­son tram­pen, um dort eine neue Ket­te zu besor­gen. Als wir jedoch in den Cam­ping­platz hin­ein­fuh­ren, hat­ten wir Glück: Corin­na fand einen net­ten Ange­stell­ten einer Event­agen­tur, der gera­de unter­wegs war, eine Grup­pe von Frei­zeitrad­lern ein­zu­sam­meln und in sei­nem Trans­por­ter ein paar Werk­zeu­ge an Bord hat­te. Er schenk­te uns einen Niet­drü­cker zur Demon­ta­ge. Lei­der aber ließ sich die Ket­te mit die­sem Werk­zeug ohne eine Zan­ge als Hebel nicht öff­nen, der Niet steck­te zu fest. Zufäl­lig (manch­mal zweif­le ich an die­sem Wort) stan­den an der Kas­se auch „ech­te“ Rad­ler, erkenn­bar an den Fahr­rad­ta­schen und der voll­stän­di­gen Rei­se­aus­rüs­tung. Viel­leicht hat­ten sie eine Zan­ge? Wie­der hat­ten wir Glück: Ein freund­li­cher jun­ger Mann lieh uns erst sein Werk­zeug – mit dem ich aller­dings auch nicht wei­ter kam – und ver­mach­te uns dann eine nagel­neue Ket­te, die er als Ersatz mit sich führ­te.

Da war er wie­der, der Ame­ri­can spi­rit.

Mit die­ser Tat ret­te­te uns der gute Mann den Tag und die Fahrt. Möge er lan­ge und unfall­frei radeln! (Und ich neh­me in Zukunft eine ordent­li­che Ersatz­ket­te mit …)

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