© Omni Group

Über 5 Jah­re ist es her, dass die Omni Group ihrem Visua­li­sie­rungs­pro­gramm eine neue Ver­si­on spen­diert hat. Das sind Ewig­kei­ten. Einer­seits. Ande­rer­seits aber zeigt es auch, wie bahn­bre­chend das Pro­dukt damals war. Seit ges­tern aber ist eine neue Ver­si­on auf dem Markt, die es in sich hat.

© Omni Group In der Zwi­schen­zeit hat sich in der Welt viel geän­dert, zumal in der Welt der Com­pu­ter­tech­no­lo­gie. Touch­screens sind aus dem All­tag nicht mehr weg­zu­den­ken, die Pro­gramm­be­die­nung mit den Fin­gern auch auf den „gro­ßen“ Com­pu­tern ist all­täg­lich. Die Cloud ist über­all. Aber die meis­ten Men­schen den­ken immer noch bes­ser, wenn sie sich etwas vor Augen füh­ren kön­nen.

Mit einer schnel­len Skiz­ze las­sen sich näm­lich zahl­rei­che poten­zi­el­le Miss­ver­ständ­nis­se von vorn­her­ein aus­schlie­ßen. Omni­Graff­le ist dar­auf aus­ge­rich­tet, die Lücke zwi­schen Blei­stift und Papier auf der einen Sei­te und dem Com­pu­ter auf der ande­ren Sei­te zu schlie­ßen. Und mit der neu­en Ver­si­on ist die­se Lücke sehr viel klei­ner gewor­den.

Oberfläche

Das ers­te, was beim Öff­nen des Pro­gramm auf­fällt, ist die ver­ein­heit­lich­te Pro­gram­m­ober­flä­che: Es gibt kei­ne Palet­ten mehr, die irgend­wo am Rand schwe­ben und ein- oder aus­ge­blen­det wer­den kön­nen, son­dern alle für die Bear­bei­tung not­wen­di­gen Menüs wer­den ange­zeigt ähn­lich einer Inter­net­sei­te: links die Navi­ga­ti­on, rechts die Bedie­nung. Da das Pro­gramm auch wei­ter­hin exklu­siv auf OS X läuft, kommt dies vor allem der Funk­ti­on zugu­te, das Pro­gramm­fens­ter im Voll­bild­mo­dus zu bear­bei­ten. Denn damit wer­den auto­ma­tisch alle Palet­ten und Fens­ter „mit­ge­nom­men“.

Omni­Graff­le 6: Die Ober­flä­che

Bedienung

Omni­Graff­le gibt es als Voll­ver­si­on oder Upgrade als „nor­ma­le“ oder erwei­ter­te „Pro“-Version direkt bei der Omni Group (oder aus­schließ­lich als Voll­ver­si­on über den Mac App Store) zu erwer­ben – für den stol­zen Preis von 179$ bzw. ab 99$. Als Betriebs­sys­tem wird min­des­tens OS X 10.8 vor­aus­ge­setzt. Wer lang­fris­tig plant, soll­te daher direkt beim Her­stel­ler ein­kau­fen.

Die Unter­schie­de zwi­schen der „nor­ma­len“ und der „Pro“-Version aller­dings erfor­dern etwas Nach­den­ken: Wer kei­nen Aus­tausch mit Visio benö­tigt oder auf die sehr zeit­spa­ren­de Funk­ti­on der „sha­red lay­ers“ ver­zich­ten kann, kommt mit der „nor­ma­len“ Ver­si­on güns­tig an ein aus­ge­reif­tes und viel­sei­ti­ges Werk­zeug zur Visua­li­sie­rung aller erdenk­li­chen Sach­ver­hal­te.

Für Benut­zer, die für Dia­gram­me, Schalt­plä­ne und Schau­bil­der kein teu­res Gra­fik­pro­gramm instal­lie­ren oder ein­set­zen möch­ten, emp­fiehlt sich die Pro-Ver­si­on. Der höhe­re Preis ist ange­sichts des doch mode­ra­ten Aktua­li­sie­rungs­zy­klus mehr als ver­dau­lich – und schnell wie­der ein­ge­spielt.

Der Sup­port bei bei­den Ver­triebs­ka­nä­len ist iden­tisch: die Omni Group ver­fügt ver­mut­lich über eine der kom­pe­ten­tes­ten Sup­port­ab­tei­lun­gen der Com­pu­ter­in­dus­trie.

Die Pro­gram­mie­rer haben nicht nur die Ober­flä­che gestrafft und an die aktu­el­len Com­pu­ter ange­passt, son­dern sich auch über die Benut­zung Gedan­ken gemacht. Ein Bei­spiel ist das Zeich­nen von Objek­ten. Bis­lang muss­te man die Objekt­form wäh­len und sie dann in der gewünsch­ten Grö­ße auf die Lein­wand zeich­nen. Das ent­fällt jetzt. Es genügt, das Form­werk­zeug zu wäh­len und ein Recht­eck zu zeich­nen. Spä­ter, wenn es kein Recht­eck sein soll, mar­kiert man das Objekt und wählt in der Werk­zeugleis­te am rech­ten Rand die gewünsch­te Form. Fer­tig. Das geht auch mit meh­re­ren mar­kier­ten Objek­ten.

Gera­de für Redak­teu­re war bereits in der vori­gen Ver­si­on die Funk­ti­on der „sha­red lay­ers“, (gemein­sa­me Ebe­nen auf allen „Sei­ten“) sehr nütz­lich, konn­te man doch auf die­se Wei­se meh­re­re Ver­sio­nen einer Dar­stel­lung in einem ein­zi­gen Doku­ment ver­wal­ten. In einem Ablauf­dia­gramm bei­spiels­wei­se, des­sen Abläu­fe auf meh­re­re Abschnit­te oder Kapi­tel auf­ge­teilt wer­den, erhält jeder Abschnitt ein eige­nes Dia­gramm, in dem nur der rele­van­te Teil her­vor­ge­ho­ben wird, die ande­ren Schrit­te aber erkenn­bar blei­ben. Der Leser behält dadurch zwar den Gesamt­über­blick, erkennt aber gleich­zei­tig, wel­chen Abschnitt er vor sich hat. Die­ses Pro­blem lässt sich in Omni­Graff­le mit Hil­fe der gemein­sa­men Ebe­nen sehr schnell lösen: es lässt sich jede Ebe­ne mit einem Maus­klick als „sha­red lay­er“ defi­nie­ren und alle Objek­te dar­auf ste­hen auf allen Sei­ten zur Ver­fü­gung. Sobald sich ein Objekt auf die­ser Ebe­ne ver­än­dert, wird es über­all ange­passt (die­se Funk­ti­on gibt es nur in der Pro-Ver­si­on).

Zusätzlich

Eine Beson­der­heit des Pro­gramms waren immer schon die so genann­ten „Sten­cils“, Vor­la­gen, die kos­ten­los im Inter­net erhält­lich sind und in das Pro­gramm auf­ge­nom­men wer­den kön­nen. Sie erwei­tern die Sym­bol­bi­blio­thek um bestimm­te Berei­che wie Pik­to­gram­me für Schalt­plä­ne oder Land­kar­ten. Damit ent­fällt das eige­ne Zeich­nen, denn die ein­mal instal­lier­ten „Sten­cils“ wer­den ein­fach ins Doku­ment gezo­gen. Eine Fund­gru­be für Sten­cils ist die Web­site „Graff­le­to­pia“, die für alle nur erdenk­li­che Lebens­la­gen pas­sen­de Sym­bo­le bereit­hält: Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de, Inter­face-Objek­te für Smart­pho­nes, Archi­tek­tur oder Daten­bank-Kon­zep­ti­on. Die ein­ge­füg­ten Sten­cils las­sen sich nun belie­big anpas­sen. Der Krea­ti­vi­tät sind kaum Gren­zen gesetzt.

Fazit

Wer Sach­ver­hal­te ger­ne visua­li­siert und kla­rer „rüber­kom­men“ möch­te, wird um ein Pro­gramm wie Omni­Graff­le nicht her­um­kom­men, sofern er einen Mac oder ein iPad besitzt.

Inter­ak­ti­on

Die Ent­wick­lun­gen in der Com­pu­ter­tech­no­lo­gie der letz­ten Jah­re hat­ten erheb­li­che Aus­wir­kun­gen auf die Art und Wei­se, wie wir mit Com­pu­tern umge­hen, wo wir sie ein­set­zen und wie wir sie bedie­nen. Das bes­te Bei­spiel dafür sind berüh­rungs­emp­find­li­che Bild­schir­me, „Touch­screens“, die fast aus­schließ­lich mit den Fin­gern bedient wer­den (obwohl es Men­schen geben soll, die einen spe­zi­el­len Ein­ga­be­stift ver­wen­den …). Gegen­über einer Maus hat der Fin­ger näm­lich den gro­ßen Vor­teil, dass er nicht allei­ne ist. Mit einem Maus­zei­ger lässt sich immer nur eine Akti­on aus­füh­ren. Da kann man so vie­le Maus­tas­ten ver­wen­den wie man möch­te: der Pfeil auf dem Bild­schirm reagiert immer nur auf das nächs­te Kom­man­do, das man vor­her im Menü aus­su­chen muss. Unse­re Fin­ger dage­gen kön­nen wir viel­sei­ti­ger ein­set­zen: wir kön­nen sie dre­hen, sprei­zen, zusam­men­füh­ren, meh­re­re Fin­ger gleich­zei­tig bewe­gen und auf etwas tip­pen.

Der Maus­zei­ger dage­gen ist klein und kann zuver­läs­sig auch klei­ne­re Zie­le errei­chen, wo wir mit unse­ren dicke­ren Fin­gern die Hälf­te des Ziels ver­de­cken wür­den. Den­noch set­zen sich Fin­ger als Ein­ga­be­ge­rä­te durch (viel­leicht auch, weil man sie nicht so schnell ver­lie­ren kann …). Als Kon­se­quenz bedeu­tet dies auch, dass die alt­be­kann­ten Dia­log­fens­ter aus­ge­dient haben. Ein Dia­log­fens­ter bedeckt näm­lich immer einen Teil des gera­de geöff­ne­ten Doku­ments oder Pro­gramms und ver­hin­dert, dass wir damit wei­ter­ar­bei­ten, bis wir auf den Ein­ga­be­dia­log reagiert haben. Da dies für die meis­ten Pro­zes­se hin­der­lich ist, sind Pro­gram­mie­rer dazu über­ge­gan­gen, bei kom­ple­xe­ren Pro­gram­men zusätz­li­che Palet­ten ein­zu­bau­en, die irgend­wo am Rand schwe­ben oder am Doku­ment kle­ben. Das aber bedeu­tet, dass unse­re Augen vom Objekt zur Palet­te wan­dern und dort nach einem pas­sen­den Menü­ein­trag suchen, dann wie­der zurück­wan­dern, um zu kon­trol­lie­ren, ob das Ergeb­nis auch das gewünsch­te ist. Das funk­tio­niert nur so lan­ge zuver­läs­sig, bis es meh­re­re Palet­ten gibt, die sich gegen­sei­tig über­la­gern und wir als Benut­zer gezwun­gen sind, nach der kor­rek­ten Palet­te zu suchen – was auch klei­nen Bild­schir­men dazu füh­ren kann, dass wir unser eigent­li­ches Ziel aus den Augen ver­lie­ren und damit unpro­duk­ti­ver wer­den.