Die Creative Cloud

Und jetzt kom­men wir end­lich zum eigent­li­chen Punkt: Statt Doku­men­te in die Wol­ke zu ver­schie­ben und sie direkt dort zu bear­bei­ten, oder auf die welt­wei­te Ver­brei­tung sei­ner hoch­prei­si­gen Pro­duk­te zu ver­trau­en, hat sich Ado­be für einen ande­ren Weg ent­schie­den. Die Pro­gram­me der Fir­ma aus San­ta Cla­ra sind der­art kom­plex und umfang­reich, dass sie nicht als Inter­net­an­wen­dun­gen umpro­gram­miert wer­den kön­nen. Sie sind auch zu teu­er und zu groß, als dass sich ein Nut­zer „mal eben“ eine Test­ver­si­on von 500 MB laden könn­te, um es für eine klei­ne Anzahl von Doku­men­ten ein­zu­set­zen. Das mag für eine ein­zi­ge Ver­wen­dung viel­leicht noch funk­tio­nie­ren, bei mehr­ma­li­ger und unre­gel­mä­ßi­ger Ver­wen­dung macht es jedoch kaum Sinn, da die Test­ver­si­on nach vier Wochen ihre Gül­tig­keit ver­liert und den Dienst ein­stellt.

Wie funk­tio­niert dann die Crea­ti­ve Cloud? Der Nut­zer „mie­tet“ das Pro­gramm­pa­ket statt es zu kau­fen, indem er ein Kon­to ein­rich­tet, das es ihm erlaubt, Pro­gram­me zu laden und monat­lich abzu­rech­nen. Für eine rela­tiv gerin­ge monat­li­che Gebühr kann der Benut­zer ein Pro­gramm oder das gan­ze Pro­gramm­pa­ket laden und mit ihm ohne Ein­schrän­kun­gen arbei­ten. Das Pro­gramm wird dabei auf dem eige­nen Rech­ner instal­liert und Ado­be kon­trol­liert ein­mal im Monat im Hin­ter­grund per Inter­net­ver­bin­dung, ob das Kon­to noch gül­tig ist. Sobald das Kon­to gekün­digt wird oder die Gebühr nach Ablauf der Monats­frist nicht über­wie­sen wird, schal­tet das Pro­gramm in den „Test­mo­dus“ und lässt sich nach wei­te­ren vier Wochen nicht mehr star­ten. Es wird also nur die Regis­trie­rung kon­trol­liert, nicht das gesam­te Pro­gramm­pa­ket zwi­schen Ser­ver und Cli­ent ver­scho­ben. Für den Nut­zer ändert sich eigent­lich nichts, denn statt das Pro­gramm ein­mal zu kau­fen und per Regis­trie­rung zu instal­lie­ren, erfolgt die Regis­trie­rung auto­ma­tisch per Account mit der Instal­la­ti­on. Aller­dings wird alle paar Wochen ein Zugriff auf den Ser­ver im Inter­net nötig, um die Regis­trie­rung zu bestä­ti­gen. Dafür hat der Benut­zer den Vor­teil, immer mit der aktu­el­len Ver­si­on arbei­ten zu kön­nen, denn mit dem Start eines Pro­gramms wie InDe­sign oder Illus­tra­tor kon­trol­liert der „Ado­be App­li­ca­ti­on Mana­ger“ (der für die Ver­wal­tung und Anbin­dung an die Crea­ti­ve Cloud ver­ant­wort­lich ist), nicht nur die Gül­tig­keit der Regis­trie­rung, son­dern auch, ob Aktua­li­sie­run­gen vor­lie­gen. Auch bei der Instal­la­ti­on neu­er Pro­gram­me muss nicht erst der Lizenz­schlüs­sel bean­tragt wer­den – es genügt der Account. „Instal­lie­ren“ wäh­len und schon rauscht der Down­load vom Ser­ver und instal­liert sich auto­ma­tisch. Dies ist eine Tech­nik, die sich bei Apps auf Mobil­ge­rä­ten bewährt hat und damit die Nut­zung und Ver­brei­tung der Pro­gram­me ver­bes­sern und ver­ein­fa­chen soll.

Zusätz­lich gibt es den Platz auf dem Ser­ver, der mit einem Ord­ner auf der loka­len Fest­plat­te syn­chro­ni­siert wird und ande­ren Benut­zern (oder ande­ren Com­pu­tern) zur Ver­fü­gung steht. Damit wer­den die Doku­men­te für ande­re Benut­zer oder ande­re Gerä­te zur Ver­fü­gung gestellt.

Doku­men­te, die direkt aus einer App oder Pro­gramm (oder direkt) in die Crea­ti­ve Cloud ver­scho­ben wer­den. Hier ist Platz für 20 GB.

Anwendungsszenarien

Da der Zugriff auf den Ser­ver auch per App erfol­gen kann, könn­te ein Arbeits­ab­lauf so aus­se­hen, dass man sich bei­spiels­wei­se für Bil­der zu einem Arti­kel in mit dem Smart­pho­ne auf den Weg macht und Foto­se­ri­en anlegt, die­se dann in die Crea­ti­ve Cloud kopiert und spä­ter am hei­mi­schen Rech­ner oder im Büro direkt dort öff­net und wei­ter­ver­ar­bei­tet. Oder der besag­te Arti­kel muss noch gegen­ge­le­sen wer­den und man stellt die PDF auf dem Ser­ver zur Ver­fü­gung, um sie unter­wegs mit der Ado­be Reader App zu lesen und mit Kom­men­ta­ren zu ver­se­hen. Die­se Ände­run­gen in der PDF ste­hen dann dem Bear­bei­ter nach der Syn­chro­ni­sie­rung wie­der zur Ver­fü­gung. Wenn man dabei fest­stellt, dass auf dem Lap­top das zur Bear­bei­tung nöti­ge Pro­gramm von Ado­be nicht zur Ver­fü­gung steht, mel­det man sich per Benut­zer­ac­count an und instal­liert die benö­tig­te Soft­ware – eine Ado­be ID, eine Lizenz, belie­big vie­le Gerä­te.

Ein wei­te­res Sze­ne­rio könn­te so aus­se­hen, dass ein Benut­zer sich wäh­rend der Erstel­lung des Doku­ments um den Text küm­mert, wäh­rend ein ande­rer Benut­zer die Gra­fi­ken oder Bil­der bear­bei­tet. Selbst wenn das erfor­der­li­che Pro­gramm nicht auf dem Rech­ner des Benut­zers instal­liert ist, kann er es nach­träg­lich direkt vom Ser­ver laden und instal­lie­ren. Bei einer unre­gel­mä­ßi­gen oder sel­te­nen Publi­ka­ti­on wie einem Jahr­buch genügt es daher, wenn der Benut­zer die für ihn not­wen­di­gen Pro­gram­me nur für einen Monat mie­tet und dem­entspre­chend güns­ti­ger nut­zen kann als beim Kauf einer Kom­plett­ver­si­on.

Geld und Mut

Der­zeit gibt es ein attrak­ti­ves Ein­stei­ger­an­ge­bot: für knapp 25 Euro im ers­ten Jahr erhält man als Benut­zer der CS6 Zugriff auf alle Pro­gram­me der Crea­ti­ve Cloud – die neu­en Pake­te der „Brot- und But­ter-Soft­ware“ Pho­to­shop und InDe­sign ein­ge­schlos­sen. Nach Ablauf des Jah­res kann man kün­di­gen, das Abo anpas­sen oder für die dann fäl­li­gen gut 60 Euro wei­ter­lau­fen las­sen. Die Rech­nung muss jeder selbst auf­ma­chen. Als Faust­re­gel kann man davon aus­ge­hen, dass sich die vol­le Packung ab zwei Pro­gram­men lohnt, die man mehr oder weni­ger regel­mä­ßig ein­setzt.

Für Tech­ni­sche Redak­teu­re ist es aller­dings bedau­er­lich, dass man zwar die Tech­ni­cal Com­mu­ni­ca­ti­on Sui­te auch auf die­sem Weg erwer­ben kann – sie kommt aller­dings etwas teu­rer: 85 Euro – mit weni­ger Pro­gram­men. Mög­li­cher­wei­se aber wer­den auch die Pro­gram­me der TCS in einer kom­men­den Ver­si­on in das Gesamt­pa­ket auf­ge­nom­men.

Fra­gen zur Crea­ti­veCloud beant­wor­tet auch Ado­be selbst.

Der Streit­punkt, an dem sich die Geis­ter schei­den, ist wie immer das Geld: Lohnt sich das und war­um kos­tet das soviel? Für einen Voll­zu­griff auf alle Pro­gramm der Crea­ti­ve Cloud muss man übli­cher­wei­se über 60 Euro im Monat zah­len. Das ist viel, vor allem wenn man sie nicht regel­mä­ßig nutzt. Ein ein­zel­nes Pro­gramm dage­gen erhält man schon für 25 Euro pro Monat (ein­schließ­lich der 20 GB Spei­cher­platz auf dem Ser­ver und aller Aktua­li­sie­run­gen). Das macht zwi­schen 300 Euro für die Ein­zel­li­zenz und 720 Euro für das Gesamt­pa­ket pro Jahr. Wenn man bis­her alle Ver­si­ons­zy­klen mit­ge­macht hat, die etwa alle 18 Mona­te statt­fin­den, hät­te man auf die kon­ven­tio­nel­le Art in drei Jah­ren (bei einem Preis von 720 Euro einer neu­en Ver­si­on und 320 Euro für das fol­gen­de Upgrade nach ein­ein­halb Jah­ren) gut 1000 Euro für ein ein­zel­nes Pro­gramm aus­ge­ge­ben. Mit der Crea­ti­ve Cloud kommt man dage­gen auf 900 Euro.

Bei der Voll­ver­si­on sieht es noch güns­ti­ger aus: eine neue kom­plet­te Crea­ti­ve Sui­te Mas­ter Edi­ti­on liegt bei 3300 Euro, das Upgrade bei 790 Euro. Macht in drei Jah­ren knapp 4100 Euro. Im Abo (knapp 62 Euro pro Monat) kommt man auf etwa 2250. Aller­dings setzt dies vor­aus, dass man auch die meis­ten Pro­gram­me nutzt (auch nur zum Üben und Aus­pro­bie­ren).

Mutig ist es jedoch von Ado­be, den nor­ma­len Ver­trieb der Soft­ware dafür kom­plett ein­zu­stel­len: es wird näm­lich kei­ne neu­en Kom­plett­ver­sio­nen mehr zu kau­fen geben. Man kann nur noch mie­ten. Mit ande­ren Wor­ten: die aktu­ell ver­füg­ba­re Ver­si­on CS 6 ist die letz­te Pro­gramm­pa­ket, das es noch ohne Abo direkt zu kau­fen gibt. Ab Mit­te Juni wird dann das gesam­te Paket suk­zes­si­ve auf die Crea­ti­ve Cloud umge­stellt und mit der Namens­en­dung „CC“ ver­se­hen. Für Ado­be hat dies den Grund den bis­he­ri­gen Aktua­li­sie­rungs­zy­klus durch­bre­chen zu kön­nen: sobald ein Pro­gramm bei­spiels­wei­se an ein neu­es Betriebs­sys­tem ange­passt wur­de, kann es zur Ver­fü­gung gestellt wer­den und muss nicht mehr auf die Aktua­li­sie­rung der ande­ren Pro­gram­me war­ten.

Um dem poten­zi­el­len Benut­zer den Umstieg schmack­haft zu machen, hat Ado­be schon vor einem Jahr damit begon­nen, Aktua­li­sie­run­gen immer zuerst den Benut­zern der Crea­ti­ve Cloud zur Ver­fü­gung zu stel­len, auch gab es einen Exklu­siv­zu­griff auf Fea­tures und Erwei­te­run­gen, die dem „Nor­mal­be­nut­zer“ vor­ent­hal­ten blie­ben (ob er sie benö­tigt, steht auf einem ande­ren Blatt Papier). Den­noch bleibt es ein gewag­ter Zug der Fir­ma, der dar­auf abzielt, die Ziel­grup­pe enger an sich zu bin­den.

Qui bono?

Wer aber ist die Ziel­grup­pe? Auf jeden Fall sind es nicht die Heim­an­wen­der, deren Com­pu­ter­nut­zung sich auf das Sur­fen im Inter­net und gele­gent­li­ches Schrei­ben von E-Mails beschränkt. Auch sind es nicht die Nut­zer, die bis­lang noch nie mit Pro­duk­ten der Fir­ma zu tun hat­ten (bis auf den ubi­qui­tä­ren Ado­be Reader). Es sind die zahl­lo­sen klei­nen Dienst­leis­ter, die einen grö­ße­ren Kun­den­stamm benö­ti­gen, für den hin und wie­der sol­che Jobs im Publi­ka­ti­ons­be­reich zu erle­di­gen sind, bei denen die Office-Pro­gram­me über­for­dert sind. Es sind die selbst­stän­di­gen Dienst­leis­ter, die einer­seits schnell reagie­ren kön­nen, aber ande­rer­seits nicht aus­rei­chend finan­zi­el­len Spiel­raum haben, sich umfang­rei­che Pro­gramm­pa­ke­te zu leis­ten. Die Sweat­shops der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bran­che sozu­sa­gen. Die­se leb­ten bis­lang damit, dass sie immer mal wie­der aus Kos­ten­grün­den eine oder zwei Pro­gramm­ver­sio­nen über­sprun­gen haben. Mit stän­dig stei­gen­den Anfor­de­run­gen ihrer Kun­den („Kön­nen Sie das auch auf mein Smart­pho­ne brin­gen?“) kön­nen sie aber auf die­se Wei­se kaum Schritt hal­ten.

Für die­se Dienst­leis­ter ist das Ange­bot von Ado­be, nur für das Pro­gramm zah­len zu müs­sen, wenn man es auch benö­tigt, und dann aber die aktu­el­le Ver­si­on ein­set­zen zu kön­nen, ein ech­ter Vor­teil. Und ange­sichts der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung in den Län­dern, in denen die Pro­duk­te der Fir­ma Ado­be ein­ge­setzt wer­den, ist der Umzug in die Daten­wol­ke für bei­den ver­mut­lich eine Ver­än­de­rung zu bei­der­sei­ti­gem Nut­zen.