Die Zei­ten, in denen Her­ren in dunk­len Anzü­gen in abge­schot­te­ten Büros saßen und Papier­sta­pel stem­pel­ten oder unter­schrie­ben, Unter­ge­be­ne anbrüll­ten und Tele­fo­na­te führ­ten, sind gott­lob lan­ge vor­bei. Der moder­ne Berufs­tä­ti­ge führt zwar noch Tele­fo­na­te, sitzt aber nicht mehr in Büros getrennt von der Außen­welt. Der Ange­stell­te ist ein Mana­ger. Er ver­wal­tet sei­ne täg­li­chen Auf­ga­ben, sei­ne Kon­tak­te und sei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on, er ist ein­ge­bun­den in ein Infor­ma­ti­ons­netz­werk, das sich Unter­neh­men nennt und alles erfasst, was in ihm arbei­tet und mit ihm von außen zu tun hat. Dies zu ver­wal­ten ist kei­ne Klei­nig­keit – aber es gibt ja Apps dafür.

Xing im Allgemeinen

Xing (in grau­er Vor­zeit auch „Open­BC“ titu­liert) ist so ein Netz­werk, mit dem nicht nur Ange­stell­te, son­dern auch Selbst­stän­di­ge eine sozia­le Platt­form des Aus­tauschs fin­den kön­nen. Es ist eine Art „Face­book für Berufs­tä­ti­ge“ und funk­tio­niert ele­men­tar nach ähn­li­chen Regeln. Da die Teil­nah­me zwar auch kos­ten­los (dann aber nur in einer sehr ein­ge­schränk­ten Funk­ti­on) zu haben ist, aber prin­zi­pi­ell von den Bei­trä­gen der zah­len­den Mit­glie­der lebt, ist sie wer­be­frei – außer Mit­glie­der wer­ben selbst.

Dies macht im Inter­net ihren hohen Nutz­wert aus, denn neben der Kon­takt­pfle­ge kön­nen in Grup­pen Dis­kus­sio­nen ange­sto­ßen und geführt wer­den, die von Mit­glie­dern mode­riert wer­den. Oft fin­den dort Hil­fe­su­chen­de recht schnell und kom­pe­tent Rat und Hil­fe – ob es um ein Pro­blem mit dem Dru­cker geht oder Fra­gen zu Bewer­bungs­ge­sprä­chen. Im Gegen­satz zu anony­men Platt­for­men im Inter­net ist der Ton dabei meist sehr höf­lich und respekt­voll, schon allei­ne weil sich alle Mit­glie­der mit einer Visi­ten­kar­te vor­stel­len müs­sen. Außer­dem gibt es Job­bör­sen und Stel­len­ge­su­che – kurz­um so ziem­lich alles, was der Berufs­tä­ti­ge benö­tigt, um sich über die eige­nen Unter­neh­mens­gren­zen zu ver­net­zen.

Der Visi­ten­kar­ten­scan­ner: das Ergeb­nis hängt von der Kar­te ab.

Die App

Für Lai­en etwas ver­wir­rend ist die Tat­sa­che, dass Apps aus­se­hen und sich ver­hal­ten kön­nen wie Inter­net­sei­ten, die spe­zi­ell für Smart­pho­nes ent­wi­ckelt sind. Da die Inter­net­sei­te für Smart­pho­nes inner­halb des instal­lier­ten Brow­sers auf dem Smart­pho­ne funk­tio­niert, ist sie an die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen des Brow­sers ange­wie­sen, kann aber dafür unab­hän­gig vom Betriebs­sys­tem des Smart­pho­nes lau­fen. Sie hat damit bei­spiels­wei­se kei­nen Zugriff auf die Orts­da­ten des Benut­zers, sein Adress­buch oder ande­re Apps.

Die „nati­ve“ App dage­gen muss auf dem Smart­pho­ne instal­liert wer­den, benö­tigt also für ihre Funk­ti­on nicht unbe­dingt einen Inter­net­an­schluss, kann aber dafür die Funk­tio­nen des Smart­pho­nes bes­ser nut­zen. Die hier vor­ge­stell­te App von Xing nutzt bei­spiels­wei­se in der Ver­si­on 4.4 die ein­ge­bau­te Kame­ra des iPho­nes, um Visi­ten­kar­ten zu scan­nen und per Tex­ter­ken­nung in Adress­da­ten zu ver­wan­deln.

Da war es natür­lich fast schon zwin­gend, dass die Betrei­ber (Xing AG) auch dem liebs­ten Spiel­zeug des Berufs­tä­ti­gen hul­di­gen und die ent­spre­chen­den Apps für Smart­pho­nes publi­zie­ren wür­den. Eine sol­che App ist auch Xing für das iPho­ne, die gra­tis im AppSto­re ange­bo­ten wird. Sie soll­te aller­dings nicht mit der Inter­net­sei­te von Xing ver­wech­selt wer­den, die als „Mobil­ver­si­on“ der App sehr ähn­lich sieht, aber einen ande­ren Funk­ti­ons­um­fang bie­tet (sie­he auch Kas­ten rechts).

Wie es mitt­ler­wei­le fast schon Stan­dard ist, befin­det sich die Navi­ga­ti­on am lin­ken Bild­schirm­rand und wird mit einer Wisch­be­we­gung geöff­net. Nach der Wahl des Bereichs ver­schwin­det sie wie­der am Rand bis auf einen klei­nes Eti­kett, das zu leuch­ten beginnt, wenn ein neu­er Besu­cher die Visi­ten­kar­te im Inter­net besucht hat, eine neue Nach­richt für den Benut­zer vor­liegt oder ein direk­ter Kon­takt Geburts­tag hat (sofern die­ser sei­ne Geburts­da­ten über­haupt ange­ge­ben hat).

Die Stan­dard­an­sicht „Neu­es aus Ihrem Netz­werk“ ist wie die meis­ten ande­ren Berei­che eher pas­si­ver Natur: Man liest mit, bleibt auf dem Lau­fen­den, wer aus den direk­ten Kon­tak­ten einen neu­en Kon­takt geknüpft hat und ähn­lich eher unwich­ti­ge Din­ge. Inter­es­san­ter wird es bei den Nach­rich­ten, denn die­se tau­schen die Mit­glie­der unter­ein­an­der aus. Im Gegen­satz Inter­net­sei­te gibt es jedoch in der App kei­ne Mög­lich­keit, Nach­rich­ten nach „Threads“ (Gesprächs­ver­lauf) zu sor­tie­ren, also eine Kom­mu­ni­ka­ti­on über meh­re­re Mails auf einen Blick zusam­men­zu­fas­sen. Gesen­de­te Nach­rich­ten und emp­fan­ge­ne Nach­rich­ten wer­den in der App und der Inter­net­ver­si­on für Smart­pho­nes säu­ber­lich getrennt, was die Über­sicht natür­lich erschwert.

Prä­di­kat: (noch) unprak­tisch

Eine ganz neue Ent­wick­lung dage­gen ist die Mög­lich­keit, Visi­ten­kar­ten mit Hil­fe der ein­ge­bau­ten Kame­ra ein­zu­scan­nen und dann per Tex­ter­ken­nungs­soft­ware (ABBY) in Kon­takt­adres­sen umzu­wan­deln. Eine sehr prak­ti­sche Ein­rich­tung, für das es bis jetzt zwar eigen­stän­di­ge Apps gab, eine Inte­gra­ti­on in Xing erhöht jedoch den Nutz­wert der App.

Prä­di­kat: wert­voll

Schon älter dage­gen ist die Nut­zung des GPS im iPho­ne: Xing-Kon­tak­te in der Nähe, die eben­falls die Ortungs­diens­te für die App akti­viert haben, kön­nen sich damit gegen­sei­tig leich­ter fin­den. Im rea­len Leben macht das jedoch nicht unbe­dingt Sinn, denn als Benut­zer ent­schei­de ich nicht anhand der räum­li­chen Nähe, ob ich ande­re Nut­zer der App zu mei­nen Kon­tak­ten hin­zu­fü­ge.

Prä­di­kat: Spie­le­rei

Integration

In die­sem Zusam­men­hang darf auch das klei­ne Pro­grämm­chen „Xing Sync“ nicht uner­wähnt blei­ben. Mit die­sem Pro­gramm las­sen sich die Kon­tak­te aus dem Xing-Adress­buch mit dem des Com­pu­ters abglei­chen. Da die­ses Adress­buch mit Hil­fe eines iCloud-Accounts auch mit allen ande­ren Gerä­ten syn­chro­ni­siert wird, wer­den alle Kon­tak­te, die sich in Xing ändern oder neu hin­zu­ge­kom­men sind, ohne wei­te­ren Auf­wand auto­ma­tisch mit allen iCloud-Gerä­te mit dem sel­ben Account abge­gli­chen. Damit schließt sich der Kreis.

Fazit

Die App hat Poten­zi­al, ein ech­ter Ersatz für das meist sehr red­un­dan­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­rau­schen in sozia­len Net­zen zu wer­den. Gera­de für Selbst­stän­di­ge, die ihre beruf­li­chen Kon­tak­te pfle­gen müs­sen und damit mög­lichst wenig Zeit ver­brin­gen wol­len, ist die App als Erwei­te­rung der Inter­net­sei­te eine Berei­che­rung. Aller­dings nur, wenn die Pro­gram­mie­rer auch in Zukunft den Unter­schied zwi­schen einer Desk­top-Inter­net-Anwen­dung und der Mobil­nut­zung nicht aus den Augen ver­lie­ren.