Ein Urlaub im All­ge­mei­nen soll meh­re­ren Ansprü­chen genü­gen: er soll zunächst ent­span­nen, ablen­ken vom All­tags­trott und dem meist recht eng durch­ge­tak­te­ten Tages­rhyth­mus. Urlaub soll aber auch den Geist anre­gen und wie ein gutes Buch den eige­nen Hori­zont erwei­tern: Rei­sen soll bil­den. Das ist zumin­dest unser Anspruch. Und da wir uns nur sehr ungern mit einem Buch an den Strand legen – womit ja bei­den genann­ten Ansprü­chen Genü­ge getan wür­de – soll Urlaub auch etwas mit Bewe­gung zu tun haben. Nicht, dass das bei uns im All­tag zu kurz käme, aber wer den Kopf bewe­gen will, muss mit dem Gesäß begin­nen.

Dies­mal hat­ten wir uns jah­res­zeit­be­dingt für die Pfingst­fe­ri­en wie­der ein medi­ter­ra­nes Rei­se­ziel aus­ge­sucht: Süd­frank­reich. Ein Land­strich reich an Geschich­te und Geschich­ten.

St. Béné­zet, die Res­te der alten Brü­cke von Avi­gnon
Sur le Pont d‘AvignonDas Lied ist eigent­lich eine Fehl­leis­tung, denn es soll­te nicht „sur“, also „auf“, son­dern „sous“, deutsch: „unter“ der Brü­cke hei­ßen, denn der gesam­te Text lau­te­te dann:

Sous le pont d‘Avignon /​ l‘on y dan­se […]

(Unter der Brü­cke von Avi­gnon tanzt man […]) und bezieht sich auf das vor der Stadt lie­gen­de Ver­gnü­gungs­vier­tel unter den Bögen der berühm­ten Stein­brü­cke St. Béné­zet über die Rhô­ne.

Avi­gnon war als Han­dels­stadt mit der jahr­hun­der­te­lang ein­zi­gen sta­bi­len Rhô­ne­über­que­rung ein Magnet für das Ver­gnü­gungs­ge­wer­be – Pro­sti­tu­ti­on ein­ge­schlos­sen. Einer der Päps­te spot­te­te sogar über die Stadt: „Als ich hier­her kam, hat­ten wir vier Bor­del­le: im Nor­den, Osten, Wes­ten und Süden. Jetzt ist Avi­gnon ein ein­zi­ges Bor­dell!“ Vor allem die zah­lungs­kräf­ti­ge Kund­schaft des Kle­rus trug dazu maß­geb­lich bei. Von wegen Zöli­bat …

Da wir auch die­ses Mal wie­der – wie schon in Sizi­li­en im ver­gan­ge­nen Jahr – mit unse­ren bei­den zer­leg­ba­ren Tan­dems unter­wegs waren – muss­te es eine Rund­rei­se wer­den, denn die Fahr­rad­kof­fer las­sen sich nicht mit­neh­men. Als Start- und Ziel­ort wähl­ten wir Avi­gnon, der per­fek­te Ein­stieg in einen Land­strich, der für die meis­ten Besu­chern untrenn­bar mit dem heu­ti­gen Kin­der­lied­chen „Sur le pont d‘Avignon“ ver­bun­den sein dürf­te. Aber auch die­ses Lied­chen hat es in sich – dazu aber mehr in der Info­box rechts.

Da es auch in deut­schen Zügen zuneh­mend schwie­ri­ger wird, lan­ge Fahr­rä­der mit­zu­füh­ren, hat­ten wir unse­re Tan­dems mal wie­der zer­legt und in die gro­ßen Kof­fer gepackt, die dann auch in einen ICE pas­sen. Das übri­ge Gepäck ein­schließ­lich Zel­ten, Kocher und Schlaf­sä­cken nebst Iso­mat­ten muss­te in Trans­port­sä­cke aus­wei­chen. Eine pack­tech­ni­sche Her­aus­for­de­rung. Durch einen Zufall kamen wir noch an ein Son­der­preisti­cket, so dass wir rela­tiv güns­tig von Mün­chen nach Avi­gnon per ICE und TGV rei­sen konn­ten. (Die Fahrt­kos­ten bewe­gen sich ansons­ten in schwin­del­erre­gen­den Höhen.)

Avignon

In Avi­gnon schaff­ten wir es, sehr zen­tral in einer klei­nen Her­ber­ge abzu­stei­gen, deren Besit­zer auch bereit waren, unse­re bei­den Kof­fer für die zehn Tage unse­rer Rund­fahrt im Hin­ter­hof auf­zu­be­wah­ren.

So genos­sen wir am ers­ten Tag zunächst die Stadt und besich­tig­ten selbst­ver­ständ­lich auch den Papst­pa­last aus der Renais­sance (14. Jahr­hun­dert) wäh­rend des völ­li­gen Zer­falls der kirch­li­chen Macht in Rom. Dort hat­te das fran­zö­si­sche Königs­haus sehr viel Ein­fluss gewon­nen und ließ sich kur­zer­hand einen eige­nen Papst backen, der dann auf fran­zö­si­schem Grund zu woh­nen hat­te und den Ver­fü­gun­gen der welt­li­chen Macht aus­ge­lie­fert war. War Avi­gnon vor­her eine ver­fal­le­ne römi­sche Sied­lung auf einem Hügel an der Rhô­ne, so wur­de es durch die Ansied­lung des Paps­tes und der Kurie zu einem wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Zen­trum. Dazu trug auch bei, dass man im 14. Jahr­hun­dert die bis­lang höl­zer­ne Brü­cke über den brei­ten Strom durch ein stei­ner­nes Meis­ter­werk ersetz­te, das sich über fast einen Kilo­me­ter vom Hoch­ufer in Avi­gnon bis nach Ville­neuve erstreck­te und so das gesam­te Schwemm­land über­spann­te. Unter den dazu not­wen­di­gen Bögen sie­del­ten sich auf der Île des la Bart­he­las­se in der Rhô­ne zahl­rei­che Gewer­be an. Die Brü­cke lag auf­grund des spä­te­ren Grenz­ver­laufs (der Rhô­ne) zwi­schen dem fran­zö­si­schen und dem deut­schen Reich und war so Schau­platz häu­fi­ger Kon­flik­te, was dazu führ­te, dass nicht nur Hoch­was­ser, son­dern auch Krie­ge zu einer stän­di­gen Beschä­di­gung führ­ten – bis der fran­zö­si­sche Teil nach einem Hoch­was­ser 1660 nicht mehr erneu­ert wur­de.

Der Fel­sen von Avi­gnon, rechts der Papst­pa­last, eine Fes­tung

Les Alpilles

Am Mor­gen des zwei­ten Tages stie­gen wir dann auf die rei­se­fer­ti­gen Räder und radel­ten aus Avi­gnon her­aus nach Süden Rich­tung Arles. Mit Absicht quer­ten wir dabei die „Mon­ta­gnet­tes“, die „klei­nen Ber­ge“, um die ech­te Pro­vence zu sehen, denn das fla­che Schwemm­land der Rhô­ne bie­tet dem land­schaft­lich und rad­fah­re­risch anspruchs­vol­len Auge wenig Abwechs­lung. So mach­ten wir halt im Klos­ter „Saint-Michel-de-Fri­go­let“ (Fri­go­let ist der pro­vença­li­sche Name für für Thy­mi­an), das seit dem Mit­tel­al­ter einen guten Ruf als Kur­ort besaß, da sich auch der dor­ti­ge Thy­mi­an als her­vor­ra­gen­des Mit­tel gegen Ent­zün­dun­gen her­aus­ge­stellt hat­te. Ein male­ri­sches Plätz­chen Frank­reichs, sucht die­ser abge­le­ge­ne Ort nach einer neu­en Bestim­mung als Ort der Besin­nung – durch­aus zu Recht, denn zu dem hek­ti­schen und bevöl­ker­ten Avi­gnon, das sich ganz dem Tou­ris­mus ver­schrie­ben hat, ist die­ses Klos­ter vor allem in der Mit­tags­zeit ein Ort der Stil­le und Beschau­lich­keit.

Saint-Michel-de-Fri­go­let

Und wie­der her­aus aus den klei­nen Ber­gen ging es an Mail­la­ne vor­bei in die „Alpil­les“, die „klei­nen Alpen“. Die Alpil­les sind mitt­ler­wei­le ein Natur­schutz­ge­biet, das man auch so wür­di­gen soll­te: Nach Les Baux-des-Pro­vence gelangt man nur über enge Kur­ven in male­ri­schen Schluch­ten hin­auf. Der Anblick jedoch der alten Berg­bau­stadt und der Fel­sen ent­schä­digt für den ver­gos­se­nen Schweiß, denn was in kli­ma­ti­sier­ten Rei­se­bus­sen als vor­bei­lau­fen­der Film wahr­ge­nom­men wird, ist der Rest gigan­ti­scher Kalk­ab­la­ge­run­gen aus der Urzeit der Erde. Noch bevor es Euro­pa als Kon­ti­nent gab, stan­den hier Rif­fe und Inseln vul­ka­ni­schen Ursprungs, die auch das begehr­te Bau­xit an die Ober­flä­che brach­ten. Bau­xit ist der Grund­stoff für Alu­mi­ni­um, und hat sei­nen Namen von eben­je­ner Stadt, die dort in die Hügel geklebt wur­de und bis Mit­te 1950 füh­rend im Abbau des Mine­rals war. Heut­zu­ta­ge lebt das Städt­chen aus­schließ­lich vom Tou­ris­mus – und ent­spre­chend sind die Prei­se.

Les Baux, zwi­schen die Fel­sen geklebt

Arles

Vom Hoch­pla­teau, auf dem Les Baux liegt, führt eine rasan­te Abfahrt wie­der hin­un­ter nach Süden in die Rhô­ne-Ebe­ne. Dabei quer­ten wir mehr­mals die Res­te der Aquä­duk­te, die in Rich­tung Arles, die nach dem Abzug der Römer dem Ver­fall preis­ge­ge­ben wur­den. Hin­ter Font­viel­le mach­ten wir halt an einer alten Abtei­kir­che, die wie so viel ihrer Lei­dens­ge­nos­sen nach der Säku­la­ri­sie­rung im 19. Jahr­hun­dert zuneh­mend ver­fällt. Danach erreich­ten wir end­gül­tig die sump­fi­ge Fluss­ebe­ne vor Arles, dem ers­ten Etap­pen­ziel.

Auch Arles liegt wie auch Avi­gnon auf einem Fel­sen ober­halb der sump­fi­gen Fluss­ebe­ne und muss bis in die Neu­zeit ein weit­hin sicht­ba­re Land­mar­kie­rung gewe­sen sein. Die Anhe­bung sicher­te den Bewoh­nern bis zur Kana­li­sie­rung der Rhô­ne das Über­le­ben und brach­te Arles schon unter den Römern eine her­aus­ra­gen­de Stel­lung in Süd­frank­reich ein. Mitt­ler­wei­le ist Arles jedoch tou­ris­tisch weit abge­hängt, wie wohl es einst das rie­si­ge römi­sche Amphi­thea­ter beher­berg­te und durch­aus eine anti­ke Groß­stadt war. Nach dem Abzug der Römer schrumpf­te Arles im frü­hen Mit­tel­al­ter auf einen Sied­lungs­rest von noch 200 Häu­sern zusam­men, deren Bewoh­ner schließ­lich die immer noch mas­si­ven Bau­ten des Thea­ters als Stadt­be­fes­ti­gung nutz­ten und sich in der Are­na und auf den Rän­gen ihre beschei­de­nen Hüt­ten bau­ten. Zur Sicher­heit erhielt das nun umfunk­tio­nier­te Thea­ter noch vier Wehr- und Wacht­tür­me, deren Rui­nen auch heu­te noch völ­lig deplat­ziert über den Rän­gen thront.

Das Amphi­thea­ter von Arles mit einem mit­tel­al­ter­li­chen Wacht­turm

Der Zelt­platz in Arles war zwar recht zen­trums­nah, aber wie die gan­ze Stadt mach­te er trotz des hohen Prei­ses einen ver­wahr­los­ten Ein­druck und wir waren froh, ihn schon früh am nächs­ten Mor­gen wie­der ver­las­sen zu kön­nen.

Camargue: Salz, Sumpf und Flamingos

Wer kennt sie nicht, die Camar­gue, die berühm­te Sump­fe­be­ne im Rhô­ne­del­ta mit den letz­ten wil­den Pfer­den Euro­pas? Dach­ten wir auch: Wil­de freie Pfer­de neben frei­en Rad­fah­rern. Irr­tum. Die Camar­gue wäre längst völ­lig land­wirt­schaft­lich zuge­stellt, wenn nicht das ein­drin­gen­de Salz­was­ser die Boden­qua­li­tät nach­hal­tig beein­träch­ti­gen wür­de und damit einen Anbau von Obst oder Gemü­se unmög­lich mach­te. Und Pfer­de? Na ja, die Zäu­ne sind so lang auf­grund der gro­ßen Flä­che, dass man den Ein­druck hat, hier hät­ten die Tie­re noch Aus­lauf …

Die Camar­gue ist ein Land­schafts­schutz­ge­biet, das sich selbst über­las­sen ist, seit man die Rhô­ne gezähmt und dadurch ähn­lich dem Nil­del­ta das Ein­drin­gen des Meer­was­sers begüns­tigt hat. Je weni­ger Was­ser die Rhô­ne führt, des­to mehr ver­sal­zen die sump­fi­gen Nie­de­run­gen – und des­to bes­se­re Lebens­be­din­gun­gen haben jene ande­ren Tie­re, für die die Camar­gue auch bekannt ist: Fla­min­gos.

Unse­re Tour führ­te uns am Stadt­rand von Arles über den öst­li­chen Arm der Rhô­ne, der Gran­de Rhô­ne, süd­west­lich nach Sain­tes-Maries-de-la-Mer an der Küs­te. Hier wird es im Juni schon sehr warm und drü­ckend, so dass wir ver­such­ten, an den Caba­nes, den Hüt­ten der Hir­ten, vor­bei mög­lichst schnell zur Küs­te zu kom­men. Unter­wegs bot sich aller­dings immer wie­der eine Gele­gen­heit, an einem der recht zahl­rei­chen Vogel­be­ob­ach­tungs­pos­ten im Schat­ten anzu­hal­ten, um die hei­mi­sche Vogel­welt zu beob­ach­ten. Und dann sahen wir sie auch, die rosa­far­be­nen Vögel auf ihren lan­gen Bei­nen durch den Sumpf sta­kend, immer die Schnä­bel unter der Was­ser­ober­flä­che. Als ech­te Wild­tie­re lie­ßen sie uns jedoch nicht sehr nehe her­an, so dass wir in Erman­ge­lung eines guten Tele­ob­jek­tivs die Erin­ne­rungs­bil­der nur mit den Augen machen konn­ten.

Kaum zu erken­nen: Fla­min­gos in den Salz­sümp­fen

Sain­tes-Maries-de-la-Mer ist nicht viel mehr als ein Geis­ter­dorf, das aus­schließ­lich von den Strö­men ein­hei­mi­scher Tou­ris­ten lebt, die sich in den Som­mer­fe­ri­en in die war­men Wel­len des Mit­tel­meers stür­zen. Ent­spre­chend ist der Zelt­platz mit allem erdenk­li­chen Kom­fort aus­ge­rüs­tet: Von Wasch­ma­schi­nen über WLAN bis hin zu Insek­ten­fal­len und Sicher­heits­tür­schlös­sern und Süß­was­ser-Schwimm­be­cken. Ange­sichts des herr­schen­den Lärms bereits in der Vor­sai­son zie­he ich es aller­dings vor, dort wäh­rend der Haupt­sai­son nicht sein zu müs­sen.

Nach Saint-Gilles

führ­te uns der Rad­weg über ruhi­ge Neben­rou­ten im stän­di­gen Zick­zack ein­schließ­lich einer Fäh­re nach Nor­den. Saint Gil­les liegt am west­li­chen Rand der Camar­gue, dort, wo sich die ers­ten Hügel aus dem Sumpf erhe­ben, und lebt eine beschau­li­che Rand­exis­tenz. Zwar warn­te uns ein sehr undeut­lich spre­chen­der Pro­vença­le mit nur noch weni­gen Zäh­nen im Mund vor Die­ben, aber in der Mit­tags­hit­ze, als wir Rast mach­ten und uns das Kir­chen­por­tal der gleich­na­mi­gen Abtei­kir­che Saint-Gil­les ansa­hen, war von kri­mi­nel­ler Ener­gie jeden­falls weit und breit nichts zu sehen.

Die Kir­chen­front von Saint Gil­les

Noch im Mit­tel­al­ter dien­te die Stadt als Kno­ten­punkt auf dem Jakobs­weg von Tours an der Loire nach San­tia­go de Com­pos­te­la in Spa­ni­en. Das Schwin­den der Pil­ger­zah­len hat auch in dem Ört­chen sei­ne Spu­ren hin­ter­las­sen, denn das präch­ti­ge mit­tel­al­ter­li­che Por­tal der Kir­che steht in einem gewis­sen Gegen­satz zu den teil­wei­se ver­fal­len­den Häu­ser­fas­sa­den direkt gegen­über. Aber man soll­te sich auch klar­ma­chen, dass im Mit­tel­al­ter die Häu­ser um das Klos­ter kei­nes­wegs präch­ti­ger aus­sa­hen, son­dern die Kir­che durch ihre mas­si­ge Bau­wei­se die umlie­gen­den meist aus Holz gebau­ten Hüt­ten über­strahl­te. Erst das Bür­ger­tum setz­te den Sakral­bau­ten eine eige­ne Prot­zig­keit ent­ge­gen – solan­ge es mög­lich war.

Nîmes

Nîmes war unser nächs­tes Ziel. Nîmes ist so etwas wie Arles mit Geld. So ver­such­ten wir am Nach­mit­tag, den Berufs­ver­kehr auf der Umge­hungs­stra­ße zu ver­mei­den, um direkt den Zelt­platz „Domai­ne de la Bas­t­i­de“ im Süden der Stadt anzu­steu­ern, was uns aller­dings nicht auf Anhieb gelang. Im Gegen­teil, wir „ver­franz­ten“ uns völ­lig in der Alt­stadt, da in Nîmes gera­de das Stra­ßen­netz im Stadt­zen­trum kom­plett neu ange­legt wur­de und die Stadt eigent­lich nur aus zahl­rei­chen Bau­stel­len bestand. Den Zelt­platz fan­den wir schließ­lich doch noch. Er liegt weit außer­halb und ist daher auch ange­nehm ruhig – eine will­kom­me­ne Abwechs­lung von den zuneh­mend ver­kehrs­rei­chen Stra­ßen rund um die Stadt.

Am nächs­ten Mor­gen bra­chen wir dann in die Innen­stadt auf, um uns das zwei­te gro­ße Amphi­thea­ter Süd­frank­reichs anzu­se­hen, das – wie sich her­aus­stell­te – vor allem dadurch geprägt ist, dass man gro­ße Tou­ris­ten­strö­me durch die alten Kata­kom­ben lenkt. Und das ist auch gut so, denn nur dadurch lässt sich der kost­spie­li­ge Bau erhal­ten, in dem auch heu­te noch Thea­ter­auf­füh­run­gen statt­fin­den. Da auch der wei­te Thea­ter­vor­platz zum Ver­wei­len und Fla­nie­ren ein­lädt, ver­mit­telt das tou­ris­ti­sche Zen­trum der Stadt einen medi­ter­ra­nen Charme, der so ganz im Gegen­satz zu dem Gewu­sel auf sei­nen Umge­hungs­stra­ßen steht. Da Nîmes auch nach der gal­lo-römi­schen Zeit sei­ne Bedeu­tung als wich­ti­ger Zwi­schen­halt Rich­tung Spa­ni­en behaup­ten konn­te, erlitt die Stadt nie den dra­ma­ti­schen Ein­bruch, den Arles im Osten erle­ben muss­te.

Die Bogen­gän­ge des Amphi­thea­ters in Nîmes

Pont-du-Gard

Aquä­duk­teAquä­duk­te, eigent­lich Aqua-Eduk­te, also Was­ser­lei­tun­gen, sind neben den Stra­ßen und der Ver­wal­tung eines der gro­ßen zivi­li­sa­to­ri­schen Ver­mächt­nis­se des römi­schen Reichs. Römi­sche Städ­te waren für ihre Zeit unge­heu­er groß und hat­ten auf­grund der Bade­kul­tur (wobei man sich nicht mit Was­ser säu­ber­te, son­dern mit Öl, und so die Bade­kul­tur eigent­lich mehr als Vor­läu­fer der „Well­ness-Kul­tur“ gel­ten kann) einen eben­so unge­heu­ren Was­ser­be­darf. Gera­de am Mit­tel­meer war Was­ser jedoch ein knap­pes Gut wäh­rend des Som­mers.

Daher ver­fie­len die römi­schen Bau­meis­ter auf die Idee, Was­ser in ober­ir­di­schen abge­deck­ten Rin­nen in die Stadt zu lei­ten, nach­dem man es in den umlie­gen­den Ber­gen in den eigens ange­leg­ten Reser­voirs gesam­melt hat­te. Durch die höher lie­gen­den Becken ent­stand ein Gefäl­le, das für den not­wen­di­gen Lei­tungs­druck und vor allem die Rein­heit des Was­sers wich­tig war: Was­ser, das steht, fault recht schnell – vor allem in der Hit­ze. So ist ein Min­dest­ge­fäl­le von etwa 0,5% (also ein hal­ber Meter Höhen­un­ter­schied auf 100 Meter Län­ge) erfor­der­lich. Der Weg zur Stadt jedoch war nicht eben, so dass man unter­wegs ent­we­der einen Berg duch­ste­chen muss­te (was ein gro­ßer und damit kost­spie­li­ger Auf­wand war) oder das Was­ser in einer Lei­tung um den Berg her­um lei­te­te, was die Lei­tun­gen ver­län­ger­te und damit das gefäl­le ver­rin­ger­te. Täler wur­den durch Brü­cken über­spannt, die aus bau­tech­ni­schen Grün­den aus über­ein­an­der gesetz­ten Bogen­kon­struk­tio­nen bestehen konn­ten.

Ver­gleich­bar ist die­se Bau­tech­nik erst mit dem Bau der Eisen­bahn­brü­cken über andert­halb Jahr­tau­sen­de spä­ter, die ein ähn­li­ches Pro­blem zu bewäl­ti­gen hat­ten, denn auf­grund der gerin­gen Mate­ri­al­rei­bung und Zug­kraft der Dampf­lo­ko­mo­ti­ven konn­ten Eisen­bah­nen nicht mehr als etwa 2% Stei­gung ohne Hilfs­mit­tel bewäl­ti­gen.

Der hüge­li­ge Rand des Rhô­ne­del­ta wird seit der römi­schen Zeit vor allem land­wirt­schaft­lich durch den Anbau von Wein und Getrei­de genutzt. Da eine so gro­ße Stadt wie Nîmes auch mit fri­schem Was­ser ver­sorgt wer­den woll­te, führ­ten auch auf die­ser Sei­te der Rhô­ne die römi­schen Besat­zer in ober­ir­di­schen Was­ser­lei­tun­gen das kost­ba­re Nass für die Bäder und die Häu­ser aus den umlie­gen­den Hügeln her­an. Der was­ser­reichs­te Fluss nörd­lich von Nîmes ist der Gar­don, der in die Rhô­ne mün­det. Der Gar­don ent­springt den Ceven­nen, wird aber unter­wegs von zahl­rei­chen Quel­len gespeist, die die Bau­her­ren anzu­zap­fen wuss­ten. Unbe­que­m­er­wei­se aber zwängt sich der Fluss bei Remou­lins durch ein recht enges Tal, das – wie der Orts­na­me schon sagt – für Müh­len genutzt wer­den kann, jedoch die Archi­tek­ten der Aquä­duk­te vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen stell­te ob des enor­men Höhen­un­ter­schieds (zur Tech­nik der Aquä­duk­te, sie­he unten). Sie meis­ter­ten dies mit einem auch heu­te noch impo­san­ten Bau­werk: der (Wasser-)brücke über das Tal des Gar­don, auch „Pont du Gard“. Schon von wei­tem spannt sich eine fast 300 Meter lan­ge und 50 Meter hohe Bogen­kon­struk­ti­on über das Tal des grün dahin­flie­ßen­den Flus­ses mit dem ein­zi­gen Zweck, die lebens­wich­ti­ge Was­ser­ver­sor­gung mit dem 20 km ent­fern­ten Nîmes und sei­nen etwa 20.000 Bewoh­nern her­zu­stel­len. Dazu lie­fen in römi­scher Zeit bis zu 30.000 Kubik­me­ter (also 30 Mil­lio­nen Liter) Was­ser täg­lich durch die 50 km lan­ge Was­ser­rin­ne, die sich in gewun­de­ner Stre­cken­füh­rung durch die Hügel zwäng­te und zudem stän­dig kon­trol­liert wer­den muss­te. Dass die­ses Bau­werk dann in nach­rö­mi­scher Zeit nicht mehr genutzt wur­de, wirft ein bezeich­nen­des Licht auf die Rein­lich­keit und Kör­per­hy­gie­ne unse­rer Vor­fah­ren …

Statt­des­sen benutz­te man die eigent­li­chen Kon­troll­stre­cken, die ent­lang der Lei­tung und auch auf der mitt­le­ren Ebe­ne des Aquä­dukts führ­ten, als Stra­ßen für Och­sen­kar­ren. Auf ihnen kann man auch heu­te noch tro­cke­nen Fußes das Tal über­que­ren, nur um sich in der angren­zen­den Mac­chie zu ver­lau­fen.

Pont du Gard

Die erste Runde

Direkt am Pont du Gard befin­det sich auch der Zelt­platz, von dem aus auch geführ­te Kanu­fahr­ten den Gar­don abwärts ange­bo­ten wer­den. Ein sehr vor­neh­mer und gut geführ­ter Zelt­platz übri­gens, was sich auch in der Preis­ge­stal­tung nie­der­schlägt.

Nach der kur­zen Tour zwi­schen Nîmes und dem Pont du Gard, der uns viel Zeit ließ, das Bau­werk zu besich­ti­gen, kam jetzt die Rück­fahrt nach Avi­gnon auf uns zu. Sie erwies sich als eine recht anspruchs­lo­se Stre­cke, da wir den Umweg über Mont­frin gewählt hat­ten, was zunächst eine leich­te Gefäll­stre­cke bedeu­te­te. Hin­ter Mont­frin stie­ßen wir dann wie­der auf die Rhô­ne, die uns von Ara­mon aus bis Avi­gnon zurück­lei­te­te. Die­se Anfahrt auf Avi­gnon hat­te eine beson­de­re Bedeu­tung: Wir konn­ten uns aus die­ser Rich­tung kom­mend nah am Fluss ent­lang ziem­lich gut vor­stel­len, wie die Stadt in gal­lo-römi­scher Zeit und noch in der Renais­sance auf die ankom­men­den Rei­sen­den gewirkt haben muss­te. Ein über­wäl­ti­gen­der Anblick des Fel­sens, auf dem der Papast­pa­last und vor ihm schon das Oppi­dum und das Römer­la­ger thron­ten. Wie ein Schiffs­bug über den Wel­len muss­te es aus­ge­se­hen haben, denn im Unter­schied zu heu­te waren die meis­ten Häu­ser der Stadt aus Holz und vor allem auf der Fluss­sei­te eher not­dürf­tig zusam­men­ge­zim­mert.

Aller­dings fuh­ren wir an Avi­gnon ein­fach vor­bei, um in die zwei­te Run­de der Tour ein­zu­stei­gen: wei­ter nach Osten, in die ers­ten Aus­läu­fer der „Hau­te Pro­vençe“.