Von außen betrach­tet, ähnelt die Hier­ar­chie eines Unter­neh­mens mehr oder weni­ger einem Schach­spiel – oder viel­mehr des­sen Auf­stel­lung: Es gibt den König (der Geschäfts­füh­rer) die Köni­gin (das obe­re Manage­ment), die Bau­ern (Ange­stell­te), Läu­fer (die Abtei­lungs­lei­ter), Tür­me (das unte­re Manage­ment) – und es gibt die Sprin­ger. Sprin­ger, das sind die, die urplötz­lich von links nach rechts gezo­gen wer­den kön­nen, sich über ande­re Figu­ren hin­weg­set­zen und immer da auf­tau­chen, wo es etwas abzu­schir­men oder zu tun gibt, das man nicht gleich sehen soll. Kurz, ein undank­ba­rer Job für Prot­ago­nis­ten, deren Ein­satz man in Unter­neh­men wie auf dem Schach­brett ein paar Züge vor­her über­le­gen muss.

In Unter­neh­men über­lässt man sol­che Auf­ga­ben vor­zugs­wei­se exter­nen Zuar­bei­tern, also im Doku­men­ta­ti­ons­um­feld den Dienst­leis­tern. Ob Über­set­zung oder Daten­mi­gra­ti­on, die Über­ar­bei­tung oder die kom­plet­te Neu­erstel­lung der Doku­men­te – es sind Tätig­kei­ten, die mit abseh­ba­rem Ende ger­ne als „Pro­jekt“ bezeich­net wer­den (obwohl zu einem Pro­jekt mehr gehört als der Lie­fer­zeit­punkt). Für die­se holt man sich ger­ne Kom­pe­tenz von außen hin­zu, meist in Form von so genann­ten Dienst­leis­tern, die mit einem gan­zen Stab von Exper­ten und Bera­tern auf­war­ten kön­nen. Was aber, wenn man die­sen Stab gar nicht benö­tigt? Wenn die Pro­jek­te und die eige­nen Bedarfs­lü­cken klar defi­niert sind? Dies ist die Stun­de der frei­be­ruf­li­chen Dienst­leis­ter, der „Ein­zel­kämp­fer“. (Nach­fol­gend wird immer die mas­ku­li­ne Form benutzt, was nicht ein­schrän­kend gemeint ist, son­dern selbst­ver­ständ­lich auch alle Kol­le­gen weib­li­chen Geschlechts einschließt.)

Der Einzelkämpfer und die Einsatztruppe

Wor­in besteht denn der Unter­schied zwi­schen einem so genann­ten „Ein­zel­kämp­fer“, dem frei­be­ruf­li­chen Tech­ni­schen Redak­teur, und einem Dienst­leis­ter, dem Unter­neh­men? Fan­gen wir mit Letz­te­rem an: Dienst­leis­ter hei­ßen nicht nur so, weil sie ein Spek­trum an Diens­ten anbie­ten, son­dern sich auch leis­ten kön­nen. Wie in jedem Unter­neh­men sind auch Dienst­leis­ter mit einer Viel­zahl unter­schied­li­cher Spe­zia­lis­ten ver­se­hen, die im Tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­ons­um­feld von der Ein­rich­tung eines Redak­ti­ons­sys­tems bis zur Aus­steue­rung in alle gän­gi­gen Welt­spra­chen so gut wie alles abde­cken. Außer­dem besit­zen sie eine eige­ne Auf­trags­ab­wick­lung und Rech­nungs­stel­le, eine Per­so­nal­ver­wal­tung und eine Unter­neh­mens­lei­tung. Selbst wenn der Kun­de am Ende in ers­ter Linie mit dem Redak­teur und höchs­tens einem Über­set­zer zu tun hat, steht hin­ter die­sen doch ein Stab an Mit­ar­bei­tern, die alle ande­ren Auf­ga­ben erle­di­gen, um die sich der Redak­teur nicht zu küm­mern braucht. Aller­dings steigt bei einem Dienst­leis­ter dadurch der admi­nis­tra­ti­ve Auf­wand, so dass sich für ihn Auf­trä­ge bzw. Pro­jek­te erst ab einer gewis­sen Grö­ße wirk­lich loh­nen, denn dort kann er die admi­nis­tra­ti­ven Kos­ten leich­ter ver­rech­nen. Durch sei­ne Viel­zahl an Spe­zia­li­sie­run­gen kann er dar­über hin­aus auch bei Bedarf auch Auf­trä­ge abde­cken, die zwar zunächst nicht Teil des Pro­jekts sind, aber im Ver­lauf wich­tig wer­den. Dazu zählt bei­spiels­wei­se die Ver­wal­tung der Ersatz­teil­ka­ta­lo­ge oder der Doku­men­te zuge­kauf­ter Bau­tei­le. Oder auch die Umstruk­tu­rie­rung einer Dokumentationsabteilung.

Die Lücke

Ein­zel­kämp­fer kön­nen das nicht alles abde­cken. Sie haben sich auf Aus­schnit­te des Leis­tungs­spek­trums spe­zia­li­siert, meist das Erstel­len der Doku­men­te. Da die­ser Teil des Doku­men­ta­ti­ons­pro­zes­ses am ein­fachs­ten aus­zu­la­gern erscheint (was aller­dings nicht unbe­dingt der Fall sein muss), gibt es hier für Exter­ne am meis­ten zu tun. Alle ande­ren Pro­zes­se grei­fen ent­we­der tief in die Unter­neh­mens­struk­tur des Auf­trag­ge­bers ein (Ersatz­teil­we­sen) oder erfor­dern einen hohen finan­zi­el­len und tech­ni­schen Auf­wand (Über­set­zungs­da­ten­ban­ken), auf den sich schon Dienst­leis­ter spe­zia­li­siert haben. Auch haben die Ein­zel­kämp­fer kei­nen admi­nis­tra­ti­ven Über­bau, sie machen alles selbst – oder eben gar nicht.

Cui bono?

Wem nutzt der Ein­zel­kämp­fer? Kom­men wir wie­der auf das anfangs beschrei­bene Bei­spiel zurück: der Ein­zel­kämp­fer ist der Sprin­ger in der Redak­ti­on. Sobald es in einem Pro­jekt wirk­lich „nur“ um redak­tio­nel­le Hil­fe­stel­lung geht, weil gera­de zu wenig inter­ne Res­sour­cen vor­han­den sind, sind die frei­be­ruf­li­chen Redak­teu­re die bes­se­re Wahl. Wenn es um Arbeits­pa­ke­te inner­halb des Doku­men­ta­ti­ons­pro­jekts geht, die in einen schon fest­ge­zurr­ten Pro­zess ein­ge­bun­den wer­den, sind sie im Vor­teil, denn sie müs­sen kei­nen admi­nis­tra­ti­ven Auf­wand betrei­ben, sind fle­xi­bel in der Zeit­pla­nung und ken­nen kei­nen Urlaub.

Solan­ge Sie als Auf­trag­ge­ber also die Auf­ga­ben klar beschrei­ben kön­nen, oder aber der Pro­jekt­um­fang so gering ist, dass sich höhe­re Admi­nis­tra­ti­ons­kos­ten sofort bemerk­bar machen wür­den, macht so ein frei­be­ruf­li­cher Redak­teur Sinn.

Schwie­ri­ger wird es, wenn – was lei­der oft der Fall ist – die Arbeits­pa­ke­te gar nicht klar defi­niert wer­den kön­nen, weil es an Exper­ti­se beim Auf­trag­ge­ber man­gelt. Dann soll­ten die Dienst­leis­ter ran. Und ein zuver­läs­si­ger Sprin­ger wird auch nicht davor zurück­schre­cken, die­se Opti­on zu emp­feh­len, denn für sei­ne Berufs­auf­fas­sung und sei­nen Ethos gibt es fast nichts Schlim­me­res, als einen Auf­trag in den Sand zu set­zen, bei dem er hät­te erken­nen kön­nen, dass er ihn nicht im Griff hat.

Frei­be­ruf­li­che Tech­ni­sche Redak­teu­re zeh­ren näm­lich von ihrem Ruf und ihrem Ethos. Das unter­schei­det sie dann doch von den Sprin­gern im Schach.